Foto: Jennifer Fey

INTRO: Wie wir mit Sexismus und dem Machtgefälle in Agenturen umgehen sollten

Juniorin und Chef – eine schwierige Feedback-Situation. Unsere Gründerin Susann Hoffmann hat viel gelernt seit dem Beginn ihrer Karriere in Werbeagenturen. Eine Kolumne zum Thema Feedback.

Es ist 10 Uhr. Ich treffe mich in einem Café am Rosenthaler Platz in Berlin. Ein zentraler Ort. Zahlreiche Laptops, an denen Kreative sitzen. Ein Ort, unweit meines alten Arbeitgebers. Einer Werbeagentur. Meine Verabredung ist eine ehemalige Kollegin. Beide sind wir weitergezogen, haben eigene Projekte umgesetzt. Wir haben immer Kontakt gehalten, eher lose, aber nah genug, um heute zusammenzukommen.

Schlampe. Dieses Wort fand sich wenige Tage vor unserem Treffen unter einem Foto von ihr auf Facebook wieder. Geschrieben von einem ehemaligen gemeinsamen Kollegen. Ein schlechter Witz? Ein Ausrutscher? So die Entschuldigung des Verfassers. Und doch bricht aus unterschiedlichen Richtungen – von Frauen, die in ganz unterschiedlichen Agenturen arbeiten und gearbeitet haben – eine Debatte los: Es geht um Sexismus und Frauenfeindlichkeit in Agenturen.

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Gemeinsam sitzen wir da. Ernüchtert. Denn was wir von anderen hören und im Netz lesen, finden wir unglaublich. Und doch erinnern uns etliche der geschilderten Situationen an unsere eigenen Erfahrungen. Oder Erfahrungen unserer Kolleginnen und Freundinnen.

Keine individuellen Situationen

Mit Mitte 20 dachten wir, dass es individuelle Situationen waren, die uns passierten. Situationen, die wir selbst klären mussten, zu oft ließen wir sie unkommentiert. Schließlich war es unser erster richtiger Job. Und vielleicht war das normal? Ein Normal, in dem Männer ein System dominieren und es ihnen am Korrektiv fehlt. Am Feedback.

Wir sprechen eben nicht von unzähligen Einzelfällen, sondern von einem System. Einer Struktur, die Sexismus deckt. Die nicht einmal den Fehler erkennt, sondern die stärkt, die mit männlichen Machismen und einer Buddy-Buddy-Kultur dafür sorgen, dass Frauen keinen Raum finden, um verbale Geschmacklosigkeiten, das bewusste Degradieren oder die fehlende Zuschreibung von Arbeitsleistung auf Projekten überhaupt reporten können.

Zu oft bleiben Frauen bei Pitches im Büro. Zu oft gehen sie nur deshalb mit, weil die Männer auf Kundenseite „was Schönes zum Ansehen“ haben sollen. Zu oft sollen sie das Alibi für Gleichberechtigung sein. Zu oft müssen Frauen mit anzüglichen Sprüchen leben. Zu oft mussten sie ertragen, dass ihre männlichen Kollegen vor ihnen den Aufstieg schaffen.

Zu oft bleiben Frauen bei Pitches im Büro.

Vieles davon habe ich selbst gesehen. Etliches davon selbst erlebt. Auch, dass ich alleine für ein Projekt gearbeitet habe und am Ende von meinem Chef vor dem Kunden zurechtgewiesen, kleingemacht und ignoriert wurde. Zu unrecht. Aus Willkür und schlechter Laune.

„Nie wieder möchte ich das erleben müssen.“ Meine SMS an meinen Teamleiter nach dem Termin. Diese Worte mussten raus. Es war klar: Das muss besprochen werden. Ich muss klar machen, wo meine Grenzen sind, sonst werden sie permanent eingetrampelt.

Juniorin gegen Chef

Ich hatte Glück: Mein Teamleiter stärkte mir den Rücken. Gemeinsam suchten wir das Gespräch. Ich hatte Raum, der anderen Seite klar zu machen, was eigentlich passiert war und ihm verständlich zu machen, dass ich so ein Verhalten mir gegenüber nie wieder erfahren möchte. Juniorin gegen Chef. Keine einfache Situation.

Aber: Das war ein Feedback. Das erste Feedback in meiner beruflichen Welt, das zählte. Als Berufseinsteigerin hatte ich oft das Gefühl: Feedback ist etwas, das ich bekomme. Etwas, dass ich ersehnt und gleichzeitig gefürchtet habe. Aber Feedback ist letztlich die Rückmeldung und das Spiegeln von Situationen und Erfahrungen an Beteiligte und kann das Instrument sein, mit dem wir unser gegenseitiges Verständnis schärfen. Feedback braucht Mut. Es braucht Raum. Manchmal sogar die Hilfe dritter. Feedback ist aber eine der besten Möglichkeiten, persönlich zu wachsen. Als Feedbackgeber*in und als Feedbacknehmer*in.

Wenn ich heute daran denke, fühlt sich das Erlebte weit weg an. Viel Zeit ist verstrichen. Viele Feedbacks folgten. Und natürlich hat sich auch meine Rolle als Gründerin und Führungsperson in den vergangenen Jahren verändert. Wahrscheinlich habe auch ich nicht immer den richtigen Moment, den richtigen Rahmen oder den richtigen Ton gefunden. Auch, wenn die Absicht, Feedback zu geben oder einzufordern, erst einmal positiv war.

Was mir dabei bewusst geworden ist, ist vor allem, dass wir die Gelegenheit für Feedback viel häufiger geben müssen. Dass wir in das Vertrauen, dass es braucht, stetig und nachhaltig investieren müssen. Und dass wir unsere Sprache immer wieder überprüfen müssen.

Feedback als Tool

Mit EDITION F haben wir Gewaltfreie Kommunikation geübt und Feedbackrunden eingeführt. Nicht immer waren diese einfach und erfolgreich. Dennoch ist klar, dass wir, wenn wir gut zusammenarbeiten wollen, immer wieder an unseren Beziehungen arbeiten müssen. Dabei hilft es, wenn wir Feedback als ein Tool verstehen lernen, das uns die Möglichkeit gibt, Rückmeldung zu geben. Und als ein Geschenk, bei dem das Gegenüber mit Zeit, Vorbereitung und Wertschätzung für die Person als Unterstützung beim persönlichen Lernen, Wachsen und Weiterkommen zur Seite stehen möchte.

Für die Agenturwelt wünsche ich mir eines: Die intensive Auseinandersetzung mit sich und den Menschen, die in diesen Umfeldern arbeiten. Traut euch, Feedback einzuholen. Schafft die Räume, um kritische Gespräche – ohne Wertung – führen zu können. Und nehmt dies als Auftakt, um neue Wege zu gehen. Denn bei euch starten immer wieder talentierte Köpfe – und die brauchen einen Ort, an dem sie wachsen können. Wir alle müssen immer wieder lernen. Uns hinterfragen und uns korrigieren. Von dieser spannenden Reise profitieren wir alle.

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