Foto: Carlos Martinez

Ich wurde vergewaltigt – doch was danach kam, war fast genauso schlimm

Die Zeit nach einer Vergewaltigung ist für viele eine Zeit weiterer Verletzungen, wenn Freunde und Familie sich falsch verhalten. Eine Autorin, die anonym bleiben möchte, erklärt, was ihr weh getan hat – und was gut.

 

Es hört nicht auf

Das Schlimmste an der Vergewaltigung war für mich die Zeit
danach. Viele glauben, dass das Schlimme an einer Vergewaltigung vor allem
die körperlichen Schmerzen sind, weil es in Filmen oft so dargestellt wird. Die
meisten Vergewaltigungen passieren aber ohne Gewalteinwirkung, die noch Tage
danach zu spüren ist. In den meisten Fällen geschehen sie durch Menschen, denen
das Opfer vertraute. Das Schmerzhafte ist der Verrat am eigenen
Sicherheitsgefühl und dass man nicht mehr bestimmen konnte, was passiert. Als
ob die natürliche Schutzschicht zwischen dir und der Welt plötzlich
durchbrochen wurde und dein Weltbild nun in Scherben vor dir liegt.

Was danach kommt, ist für das Opfer oft mindestens genauso
schmerzlich. Damit meine ich nicht nur die körperlichen und vor allem
psychischen Einschränkungen, gegen die man danach ankämpfen muss: Über 50
Prozent aller Opfer von sexualisierter Gewalt leiden danach unter posttraumatischen
Belastungsstörungen
. Sondern ich meine vor allem die Reaktionen der
nächsten Umgebung – also nicht von Fremden, sondern von Freunden und Familie,
die es von dir selbst erfahren. Wie sie damit umgehen, kann das Gefühl des
Verratenseins noch verschlimmern und den Heilungsprozess verlangsamen.

Nach meiner Vergewaltigung bin ich nicht immer auf
verständnisvolle Menschen getroffen. Für mich gab es fünf verschiedene Arten
von Reaktionen. Da jeder Mensch komplex ist, können sich diese Kategorien aber
auch überschneiden und sich mit der Zeit wandeln.

1. Sie unterstellen dir, zu lügen

Das ist für mich die schlimmste Reaktion: Menschen, die
dir nicht glauben, die dir unterstellen, zu lügen. Meistens, weil es dadurch
für sie einfacher ist. Einfach die Augen verschließen. Häufig kennen sie den
Täter gut und wollen keine Konsequenzen ziehen müssen – oder sich eingestehen
müssen, sich in dem Täter getäuscht zu haben. Sie vergrößern den Schmerz und
verstärken das Trauma durch den erneuten Verrat. Sie zerstören dein Vertrauen
in die Welt noch weiter.

2. Sie gehen dir aus dem Weg

Ich nenne diese Menschen „die Abwehrer“. Sie empfinden das
ganze Thema als beschämend und wollen sich davon so weit wie möglich
distanzieren (oft auch in Kombination mit loyalen Gefühlen gegenüber dem
Täter). Sie können dir nicht mehr in die Augen schauen und weichen bei
Umarmungen zurück oder erwidern die Umarmung nicht. Sie wollen das Geschehene
ausblenden. Sie geben dem Opfer das Gefühl, so schmutzig zu sein, dass es sie
auch beschmutzen könnte.

3. Sie nehmen dein Trauma nicht ernst

Das sind die Menschen, die dich kleinmachen. Sie sagen
dir, dass du dich nicht so anstellen sollst. Es hätte schließlich viel
schlimmer kommen können. Andere werden zu „Täterverstehern“ und versuchen, dass
Verhalten des Täters zu rechtfertigen. Sie werfen dem Opfer vor, zu übertreiben
und die Sache „schlimmer zu machen, als sie ist“. Und überhaupt, man sollte
sich das Leben damit nicht so schwer machen und jetzt bitte wieder „normal“
werden. Das sind häufig auch Menschen, die den Täter gut kennen und sich von
der „Normalisierung“ erhoffen, dass sie dann auch wieder unbeschwert mit dem
Täter umgehen könnten. Damit einher geht oft der Wunsch, sich nicht
„positionieren“ zu wollen. Dabei heißt Neutralität in diesem Falle, das
Verhalten des Täters mindestens zu billigen. Sie wünschen sich, dass es nicht
passiert wäre und erwarten vom Opfer, dass es diesen Zustand für sie wieder
herstellen möge.

4. Sie überrennen dich mit ihrem Mitleid

Das überrascht vielleicht, aber Mitleid ist nichts, was
jemandem, der Gewalt erfahren hat, wirklich hilft. „Die Bemitleider“ sind oft
Personen mit Helferkomplex, die sich dadurch auch von eigenen Problemen
ablenken wollen. Wer jemanden bemitleidet, kann sich dem Opfer überlegen
fühlen. Solche Personen reagieren dann sehr gekränkt oder mit sofortigem
Hilfe-Entzug, wenn man ihnen gesteht, dass sich ihr Verhalten entmündigend
anfühlt.

5. Sie sind empathisch und respektieren
deine Grenzen

Die Menschen, die durch ihre Anwesenheit tatsächlich
helfen, sind diejenigen, die solidarisch sind. Die empathisch mitfühlen – statt
mitzuleiden – und ihre Unterstützung anbieten. Sie geben dir nie das Gefühl,
eine Belastung zu sein. Denn sie respektieren auch ihre eigenen Grenzen und
geben nur so viel, wie sie können. Denn Self-Care ist auch für Betroffene
zweiten Grades wichtig. Sie behandeln das Opfer als ganzen Menschen, dessen
„Opfer“-Sein nur einen ungewollten Teil der Identität ausmacht. Sie
unterstützen dich auf konstruktive Weise dabei, wieder zu alter Stärke
zurückzufinden. Sie geben dir Zeit. Sie respektieren Grenzen. Sie geben dir
Vertrauen in die Welt zurück.

Die Autorin dieses Textes will anonym bleiben. 

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