Foto: Les Anderson | unsplash

Jede Beziehung ein Dreier: das Screenshot-Syndrom

Zwei Leute und ein Beratungsteam: Wir laufen Gefahr, die Liebe zum kollektiven Happening verkommen zu lassen. Wieso wir in Beziehungsdingen vielleicht wieder mehr schweigen sollten.

 

Wir teilen alles mit allen

Im Grunde ist jede Beziehung mindestens ein Dreier: Er, Sie und ihre beste Freundin. Meistens steckt hinter dem zarten Annähern von zwei Personen jedoch sogar eine ganze Orgie aus unzähligen verschiedenen Menschen und Fingern, die über Screenshots von Chatverläufen streicheln und den Verlauf einer Beziehung orchestrieren wie ein verfallenes Marionettentheater.

Wir teilen immer mehr. Gedanken über Facebook, geschönte Erlebnisse bei Instagram, Missgeschicke via Snapchat. Analog endlose Gespräche, uferlos und ohne Strom. Wir wollen jedem an unserem Leben teilhaben lassen, und vergessen dabei irgendwie, selbst Autor und nicht nur Erzähler zu sein. Hinter jeder unserer Entscheidungen steht inzwischen eine Entourage aus fremden Meinungen, die unser Verhalten diktieren und uns glauben lassen, sie könnten über etwas, das nur uns widerfährt, besser urteilen als wir selbst. Alles, weil wir nicht nur verlernt haben, allein zu sein, sondern auch allein zu denken.

In der Liebe aber ist das fatal. Wir werden abhängig vom Urteil anderer, wiegen unsere Wertschätzung an der fremder Menschen auf und vergleichen uns ständig mit dem, was sich bei anderen in Botschaften und Betten abspielt. Aus der intimen Erfahrung wird ein kollektives Happening, das sich irgendwann mehr durch seinen Performance-Charakter erhält als durch ehrliche Absichten.

Jedes Date wird zum Gruppenprojekt

Nehmen wir meine fiktive Freundin K., die sich zusammensetzt aus allen Menschen, mit denen ich in letzter Zeit zwischenmenschliche Bergbesteigungen durchgekaut habe. K. fühlte sich zu einem Menschen aus der Arbeit hingezogen. Freitags folgte er ihr in den Kopierraum, Samstagabend auf Instagram. Von der ersten Kontaktaufnahme an teilte sie jeden Blick, jeden Schritt und jeden Satz des Anderen mit uns, einer ganzen Staffage an Menschen, die besagten Anderen nicht einmal kennen. Und trotzdem wurden Nachrichten im Kollektiv komponiert und deren Antworten dann gemeinsam analysiert. 

Sie schrieb ihm, wenn sie den Segen dafür erhielt, und ließ ihn warten, wenn die Mehrheit ein Veto einlegte. Das Plenum diktierte, welche Antwort sie befriedigen und welche sie enttäuschen sollte. Jedes Date wurde zum Gruppenprojekt. Als die beiden zusammenkamen, wusste man irgendwie nicht so richtig, ob das jetzt wirklich Anziehungskraft war oder einfach nur erfolgreiches Kalkül. Natürlich ist K. ein überspitztes Fallbeispiel, aber die Grundzüge des Phänomens, das ich das Screenshot-Syndrom getauft habe, bemerke ich in meinem Umfeld immer wieder: Wir zerreden die Liebe.

Traut euch zu fühlen!

Aus dem Bedürfnis zu teilen wird heutzutage eine Art Obsession, jegliche Entscheidungsgewalt abzugeben – Absicherung durch Massenmeinung. Der Neuropsychologe Ernst Pöppel, einer der führendsten Hirnforscher Deutschlands, kritisiert in seinem Buch „Traut euch zu denken!“ unser heutiges Vertrauen in Expertenwissen oder von Medien vorgekaute Meinungshäppchen und attestiert uns ein Leben in „selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Ganz im kantischen Sinne bräuchten wir aber auch im zwischenmenschlichen Bereich eine Aufklärung: Was zwischen zwei Menschen passiert, geht doch erstmal nur genau zwei Leute etwas an.

Die israelische Soziologin Eva Illouz, die mit Büchern wie „Warum Liebe weh tut“ inzwischen so etwas wie eine Popikone zwischenmenschlicher Forschung ist, sieht die Liebe jedoch fest verankert im kapitalistischen System unserer heutigen Gesellschaft. Das hat komplexe Gründe, einer von ihnen jedoch ist auch der, dass wir sie selbst genau dort festgeredet haben: Beziehungen sind nicht mehr Privatangelegenheit, sondern Teil eines gesamtgesellschaftlichen Gefüges aus Konkurrenz, Marktwert und Tinderkapital. Und weil wir ständig reden und vergleichen, laufen wir Gefahr, unsere Gefühle von Anfang in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzubetten – ohne uns vorher erstmal selbst klar darüber zu werden. Stattdessen wird genormt: Ist es normal, wenn er sich drei Tage nicht meldet? Ist es normal, wenn sie nicht eifersüchtig ist? Sollte Liebe nicht etwas sein, das gerade außerhalb der Norm stattfindet, unerklärlich, bestehenden Prinzipien entrückt?

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen“, so lauten die berühmten ersten Sätze von Kants Essay Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Fragen, gerade in Beziehungsdingen, zu bereden, ist menschlich und hilfreich. Sie, unvermögend und nur unter der Leitung anderer, zu zerreden, zerreißen und zerscreenshotten allerdings nicht unbedingt. Habe
Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, schreibt Kant. Es scheint
paradox, wie eine Art Anti-Aufklärung, Gefühl statt Verstand und Geheimhaltung statt Verkündung. Und es braucht Mut. Aber: Traut euch zu fühlen! Und traut euch zu schweigen.


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