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Den Horizont erweitern – Ein nicht immer einfaches Verhältnis von Feminismus & Mode

 

Bei großen Preisverleihungen ist eines der vorherrschenden Themen immer: Was tragen die Frauen auf dem roten Teppich? Die Verleihung der Golden Globes 2018 war in dieser Hinsicht im Prinzip keine Ausnahme. Trotzdem war an diesem 8. Januar alles anders beim Thema Mode. Statt der Namen der renommierten Schöpfer*innen der Kleider stand deren Farbe im Vordergrund und die war tiefschwarz.

Nicht, weil die Golden Globes eine so traurige Veranstaltung wären, sondern weil sie im vergangenen Jahr schwer unter dem noch frischen Eindruck der #MeToo-Debatte stand, die erst im Oktober zuvor durch die öffentlichen Berichte im Zuge des Weinstein-Skandals losgebrochen war. Die schwarzen Kleider der Schauspielerinnen waren als gemeinschaftliches Statement gegen alle Formen von Sexismus und zwar nicht nur in der Filmbranche. 

Die Idee, über die Mode ein politisches Statement zu transportieren, ist selbstverständlich nicht neu. So wie es überhaupt keine richtig neue Erkenntnis ist, dass Mode eine wichtige Rolle im sozialen und politischen Kontext spielen kann, auf vielfältigste Art und Weise wie etwa der Belgier Raf Simons bei Calvin Klein bewies – wenn auch einigermaßen erfolglos am Ende. 

Dabei geht es nicht allein um Jugendkultur, in der Mode (oder der Verzicht auf das, was nach allgemeinem Dafürhalten darunter verstanden wird) als Mechanismus der Abgrenzung einerseits dient und auf der anderen Seite Identität und Zugehörigkeit bei denen stiftet, die sich vom Rest abgrenzen wollen. Genauso wenig geht es in erster Linie darum, durch Aneignung einer bestimmten Symbolik – d.h. einer bestimmten Marke – seine politische Gesinnung mehr oder weniger deutlich nach außen zu tragen.

In dem Kontext, wie ihn die Schauspielerinnen bei der Golden Globe-Verleihung abgesteckt haben, folgt auf das erste Statement zu einer konkreten Situation eine viel grundsätzlichere Debatte: Kann Mode denn überhaupt feministisch sein? Und wenn ja, bis zu welchem Punkt, in welcher Form?

Mode als Statement

Die Antwort ist allem Anschein nach schnell gefunden, die Frage offenbar rein rhetorischer Natur, wenn etwa deutsche Vertreter aus der Modebranche darauf verweisen, dass weibliches Selbstbewusstsein natürlich zur Mode gehört und über die Mode ausgedrückt werden kann , ja geradezu muss. Statements waren und sind deshalb das große Thema der Kollektionen für die derzeitige Wintersaison. 

Wie selbstbewusst aber aktuelle Trendfarben wie Senf, Ocker, Orange oder Terrakotta sind oder wie genau sie als Ausdruck von Selbstbewusstsein funktionieren, bleibt dann erstmal dahingestellt. Kaum anders verhält es sich mit der Kleidung selbst. Auf der einen Seite dürfen/sollen/können Frauen ihre Silhouette betonen, auf der anderen wird die aber doch wieder versteckt. Winterjacken, gerne in Übergröße, sind bei diesem Spiel zwischen Zeigen und Verhüllen ein wichtiges Puzzleteil des großen Ganzen. Nicht, dass sie es ohnehin sind, die noch am ehesten die modischen Grenzen zwischen den Geschlechtern aufbrechen und aufweichen. 

Bewusst oder unbewusst, das ist erst einmal unerheblich, angesagter Style und praktische Funktionalität , durch die sich Jacken und andere Winterbekleidung in erster Linie auszeichnen, sind im Statement-Zusammenhang aber nur die direkt sichtbare Oberfläche. Darunter deuten sie an, was dann mit Hosenanzügen und Blazern mit breiten Schultern offensichtlich wird: das Selbstverständnis der Frau als selbstbewusster Girlboss, der feminine Stärken zeigt, aber genauso solche Stärken, die nach breitem gesellschaftlichen Verständnis als maskulin verstanden werden. Ebenfalls keine neue Idee und noch dazu keine sonderlich originelle, gehören doch „männliche“ Schnitte und Kleidungsstücke inzwischen seit Jahrzehnten zum Repertoire von weiblicher Mode.

Mode als Feminismus-Botschafterin

An den Empfehlungen für den Modewinter 2018/19 lässt sich allerdings ein nicht unerhebliches Dilemma der Emanzipation in der heutigen Zeit ablesen. Wenn #Metoo eines überaus deutlich gemacht, dann ist es die Erkenntnis, dass Emanzipation und Gleichberechtigung vielfach nicht so weit fortgeschritten sind, wie es wünschenswert oder zu erwarten wäre. Im Gegenteil. 

Vor diesem Hintergrund ist der Versuch nachvollziehbar, den Frauen auch über die Mode ein Stück ihrer Stärke zurückzugewinnen, das ihnen in so vielen Lebenssituationen nach wie vor nicht zugestanden wird. Ähnliche Bemühungen hatte es schon im vorletzten Jahr gegeben, als Reaktion auf die immer größere Verbreitung des Konservatismus, nicht nur in der Politik, sondern in der Gesellschaft. 

Zugegeben, richtig kreativ waren die modischen Antworten auf die politischen Entwicklungen nicht direkt. Die New York Fashion Week 2017 war zum Beispiel voll von feministischen Messages und Schlagworten , die die Designer auf die vorgestellten neuen Klamotten brachten. „The Future is Female“ war etwa bei Prabal Gurung zu lesen, genauso wie „Our Minds, Our Bodies, Our Power“. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Donatella Versace in Mailand, sie erinnerte durch „Courage“-, „United“- und „Equality“-Schriftzügen an Werte und Ziele des Feminismus. Ashish griff mit „Nasty Woman“ und „Pussy Grabs Back“ verschiedene Äußerungen auf, mit denen Donald Trump bei mehreren Gelegenheiten seine sexistische Weltsicht kundgetan hatte.

Weniger plakativ nahmen sich dagegen die modischen Anspielungen auf wichtige politische Strömungen, auf die britische Suffragetten-Bewegung, auf den amerikanischen Women’s March, an den mit rosa Pussy-Hats erinnert wurde. Dior verwies mit schwarzen Gürteln und Berets auf die Widerstandsbewegungen der Black Panther und von Che Guevara. Und für alle, die trotz aller noch so deutlichen Hinweise nicht verstanden hatten, worum es bei den Veranstaltungen über die Mode hinaus ging, hatte Maria Grazia Chiuri ihre Models mit Shirts ausgestattet, die verkündeten „We should all be Feminists“.

Das-Feminismus-Mode-Dilemma

Das alles sind wichtige Botschaften von wichtigen Vertreter*innen des Feminismus, transportiert über ein „Medium“, das ständig und für alle präsent ist. Damit muss Mode doch als ideale Projektionsfläche gelten, auf der in allen Lebensbereichen, bei allen Anlässen und in jedem sozialen Kontext darauf aufmerksam gemacht werden kann, dass die Bestrebungen des Feminismus noch lange nicht an ihrem Ziel angelangt sind, dass die Bedeutung des Feminismus immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss.

Warum also sollten feministische Botschaften auf Mode problematisch oder kritikwürdig sein? War denn nicht Mode schon immer ein Vehikel, um die Rechte der Frauen durchzusetzen (oder grundsätzliche Rechte im Allgemeinen)? Frauen, die Männerkleidung trugen, als etwa Hosen allein den Männern vorbehalten waren, das gab es schon Mitte des 19. Jahrhunderts und auch danach war Kleidung immer eine gute Möglichkeit, mit überkommenen Werten und Strukturen zu brechen.

Wenn daher Blazer mit Schulterpolstern als adäquates Kleidungsstück für die selbstbewusste, erfolgreiche Frau empfohlen werden, dann nicht zuletzt deshalb, weil sie eine so offenkundige Referenz an den 80ies-Power-Suit sind, mit dem Frauen in den 80er-Jahren die Rechtmäßigkeit ihrer Plätze in beruflichen Männerdomänen beanspruchten und zementierten. Fast 40 Jahre später scheinen sich die Vorzeichen jedenfalls nicht so weit verändert zu haben, dass Schulterpolster nicht nach wie vor eine Berechtigung hätten und Power-Dressing jetzt sieht irgendwie noch genauso aus wie Power-Dressing anno 2017

Die Kritik entspinnt sich allerdings auch nicht so sehr an maskulinen Schnitten und Formen für Frauenmode, genauso wenig wie an der Tatsache, Mode weiterhin als Übermittlerin der feministischen Botschaft zu nutzen. Immerhin handelt es sich dabei um ein bewährtes Konzept. Anders als früher droht genau diese Botschaft heute selbst zum Modetrend zu werden – sofern das nicht längst passiert ist.

Aus dem feministischen Aktivismus ist ein vermarktbares Phänomen geworden, wie die Beispiele von den Modewochen zeigen. Feminismus ist wenigstens ein Stück weit Pop-Kultur und die Frage, die sich unweigerlich stellt, lautet doch: Sind Shirts, die mit ihrem Schriftzug davon künden, dass wir alle Feminist*innen sein sollten, denn wirklich noch politisch bedeutsam? Stehen sie nicht in derselben Tradition wie all die Che Guevara-Shirts, mit denen in erster Linie eine romantisch verklärte Idee des Aufbegehrens zum Ausdruck gebracht werden soll? Weil es eben schick ist, ein*e Rebell*in zu sein. Oder ein*e Feminist*in.

Mehr als ein modisches Accessoire

Sich im Zeichen des Feminismus zu kleiden – und damit ist an dieser Stelle jene Mode gemeint, die so explizit feministisch sein will – reicht heute, in einer derart ausdifferenzierten Gesellschaft, womöglich nicht mehr aus, um etwas zu verändern. Tatsächlich wäre gerade der Verzicht auf Motto-Shirts ein erstes Zeichen, dass Feminismus eben nicht nur gerade im Trend liegt, sondern noch eine gesellschaftspolitische Rolle spielt: Beim Konsumverhalten zum Beispiel, wo ein offenes Auge für fair produzierte Mode wichtiger ist als die feministischen Statements , die damit in die Öffentlichkeit getragen werden sollen. Denn anders als die bloße, wenn auch öffentlich sichtbare Identifikation mit einer Bewegung kann damit ein echter Unterschied gemacht werden. 

Nicht sofort, aber der Feminismus hat ja schon immer einen langen Atem gebraucht. Jeanne Zizi Margot de Kroon zeigt jedenfalls mit ihrem Modelabel, wie sich nachhaltige Mode und gesellschaftliche Verantwortung sehr wohl miteinander verbinden lassen . Ganz ohne markante Sprüche auf der Kleidung.

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