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Der Prinz auf dem schneeweißen Ross. Oder: Warum es sich für Frauen (und übrigens auch für Männer) lohnt, ihre Freundschaften während einer Partnerschaft zu pflegen

Frisch verliebt und nur noch der/die Eine zählt? Auch während Partnerschaften sollten wir unsere Freundschaften pflegen. Ein Kommentar.

 

Vermutlich sind wir Frauen im Herzen alle ein wenig „Schneewittchen“. Oder „Dornröschen“. Oder „Rapunzel“. 

Wir versorgen unsere Kinder, stehen unsere Frau im Beruf, treffen unsere Freundinnen zum Cocktail oder Ingwertee und verdienen unser eigenes Geld. Wir haben schon mindestens einen Frosch geküsst und vielleicht auch schon den ein oder anderen Prinzen erlebt, der sich wieder zum Frosch verwandelt hat. 

Eigentlich müssten wir es besser wissen.

Wir haben monatelang unseren Freundinnen vor, während und nach unserer Trennung unser Leid geklagt, von unserer inneren Zerrissenheit, unserer Hoffnung, Enttäuschung, unserem Schmerz und unserer Sehnsucht berichtet. Wir waren froh, dass sie an unserer Seite waren, diese tollen Frauen, die wir stolz unsere Freundinnen nennen. Denn „Liebe vergeht, Freundschaft besteht“, prosteten wir uns nach langen Gesprächen beschwipst zu und einen Moment lang spürten wir sie dankbar: die Solidarität unter Frauen. Ein Glück, dass wir unsere Freundinnen hatten, da unser sonstiges Leben gerade auseinander zu fallen drohte. 

Der Prinz tritt auf.

Und doch: da meldet sich dieser wunderbare Kerl über das Datingportal. Da hat uns der Single-Papa des Kindergartenfreunds zu einem Kaffee eingeladen. Da haben wir über den Freizeittreff, das Alleinerziehendennetzwerk, den Sprach-Stammtisch diesen einen, wunderbaren Mann kennen gelernt. Auf einmal ist alles anders. Eben noch im Glassarg eingesperrt? Er öffnet den Deckel und beugt sich zu uns herab. Eben noch oben auf der Burg mit unserem Haar beschäftigt? Für ihn lassen wir es sofort und bereitwillig herunter. Eben noch schlafend hinter Dornenhecken? Für diesen Mann greifen wir selbst zur Heckenschere. 

Wir sind verliebt. Das Leben ist wunderbar. 

Ok. Der Beruf läuft weiter. Unsere Kinder können wegen Magen-Darm wieder mal nicht in denn Kindergarten. Wir müssen auch noch die Frist für das nächste Projekt einhalten. Aber dazwischen jeden Abend wenigstens am Telefon Gespräche. Der Sex ist neu und aufregend. Er ist es! Oder? Sagte ich es schon? Wir sind verliebt. Bald bis über beide Ohren. Wir schweben zur Kita, zur Arbeit, zurück in seine Arme. Das Leben ist wieder großartig. Lebenswert. 

Nun ja, es ist auch ganz schön anstrengend. Bevor er zu Besuch kommt, räumen wir noch schnell die Wohnung auf und wischen uns die Breiflecken vom Hemd. Er soll uns schließlich erkennen als das, was wir sind: seine Königin! Nö, Prinzessinnen sind wir nicht, wir haben ja nicht auf den Prinz gewartet. Wir sind ja wunderbar auch ohne einen Mann an unserer Seite zurechtgekommen. 

Aber wenn er jetzt schon mal da ist…

Ok, er ist ziemlich eigenwillig, was seine Freizeitgestaltung angeht und zeigt sich nicht gerade engagiert, an unsere Seite zu eilen, wenn unser Kind zum dritten Mal innerhalb von zwei Monaten nachts die Kissen vollkotzt. Wir haben Verständnis. Er hat ja sein eigenes Kind, seinen Beruf, eben sein Leben. Wir sind schließlich seine Königin. Wir können unser Leben gut selbst regeln. Haben wir, bevor wir ihn kannten, ja auch getan. 

Anstrengend ist es allerdings schon. Der erste Streit. Wir sind erschöpft. Unsere Freundinnen fragen, ob es uns gut gehe. Natürlich, alles prima. Wir haben diesen wunderbaren Mann an unserer Seite. Wir sind doch glücklich. Und außerdem fahren wir jetzt in Urlaub zusammen. Unser Kind und seine Kinder verstehen sich gut. Das hat so was Heimeliges, Vertrautes, fühlt sich einfach gut an, hach… fast wie Familie. 

Unsere Freundinnen?

Wir haben leider so wenig Zeit jetzt. Sie haben natürlich Verständnis. Jede von uns kennt das: in einer Partnerschaft steht eben der Partner an erster Stelle. Wir wollen uns mal wieder treffen. Aber unsere Freundin scheint unseren Partner sowieso nicht so richtig zu mögen. Schon dass sie fragt, ob wir glücklich sind! Und dann ist sie mit anderen Dingen beschäftigt, für die wir gerade einfach keinen Kopf haben: Frauennetzwerke, gesellschaftliche Themen – sie wird es sehen, wenn sie selbst wieder in einer Partnerschaft lebt: Beziehungspflege ist auch Arbeit. Wir haben schließlich unser Glück am Laufen zu halten.

Tja… und so läuft es dann: zwei Jahre, fünf Jahre, vielleicht zwanzig Jahre. Vielleicht erinnern wir uns irgendwann wieder an unsere Freundinnen und bereuen, dass wir sie über Monate und Jahre kaum wahrgenommen haben. Vielleicht merken wir aber auch erst, dass wir sie brauchen, wenn der Prinz doch wieder zum Frosch wird. Oder war er das nicht schon immer? Wir schimpfen und hadern, wir teilen mit unseren Freundinnen unsere Zerissenheit, unsere Hoffnung, Enttäuschung, unsere Sehnsucht und unseren Schmerz. Und sind heilfroh, dass wir sie haben. 

Denn unter Freundinnen ist man ja immer für einander da. Oder?

PS. Wem das etwas sarkastisch vorkommt – ist es eigentlich gar nicht. Nur relativ nüchtern: laut einer Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung lag die durchschnittliche Ehedauer bei einer Scheidung im Jahr 2011 bei etwa 14 Jahren; die meisten Ehen, die geschieden wurden, scheiterten jedoch nach 5-7 Jahren. Insgesamt scheiterte mehr als jede dritte Ehe. Im Vergleich: beste Freundinnen begleiten uns, wenn wir Mitte 30 sind, teilweise bereits seit 20-25 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass „die Liebe vergeht, die Freundschaft besteht“, ist also relativ groß. Vielleicht sollten wir dies durch unsere Wertschätzung Freund*innen gegenüber auch während unserer Partnerschaften noch deutlicher zum Ausdruck bringen?

Dieser Artikel erschien zuerst auf meinem Blog mutter-und-sohn-blog

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