Foto: Tom Kamlah

Flaschendrehen als App: Was Schülern beim Programmieren alles einfällt

Diana Knodel ist eine unserer „25 Frauen für die digitale Zukunft“ und findet, jeder sollte seine eigene App programmieren können.

 

Jeder soll Programmieren lernen

Diana ist Mitgründerin der Open Tech School Hamburg, holte die Geekettes gemeinsam mit Tina Egolf nach Hamburg und begeistert mit ihren App Camps Schülerinnen und Schüler für Produktentwicklung und Programmieren. Wir haben mit ihr über aufregende Zeiten, ihre liebste von Schülern programmierte App und die Begeisterungsfähigkeit von Teenagern gesprochen.

Bevor du dich mit den App Camps selbstständig gemacht hast, warst du Produktmangerin bei XING. Was hast du da genau gemacht?

„Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren in der IT-Branche. Zuletzt war ich bei XING Produktmanagerin für die API. Eine API ist eine Schnittstelle für den Datenaustausch. Man kann sich das so vorstellen: Wenn jemand Daten im Internet sucht, braucht er einen Browser – zum Beispiel Firefox oder Chrome. Mobile Apps brauchen eine API, um auf die Daten des Servers zugreifen zu können. Das war ein sehr technisches Produkt, was ich persönlich sehr spannend fand. Vor meinem Job bei XING war ich ein Jahr in Elternzeit, die wir teilweise in San Francisco verbracht haben. Dort hatte ich ungefähr zwei neue Ideen für neue Projekte pro Tag. Das war eine total inspirierende und schöne Zeit.“

Ist dort auch die Idee der App Camps entstanden?

„Ideen entstehen ja nicht einfach so, sie entwickeln sich, das ist ein langer Prozess. Zum ersten Mal habe ich mich mit der Idee 2012 beschäftigt, als ich an einem Startup Weekend teilgenommen habe. Dort hatte ich meine Idee präsentiert, Mädchen mit Workshops fürs Programmieren zu begeistern. Das Feedback war ,super Idee, bringt aber kein Geld´. Danach ist ein Manager von IBM zu mir gekommen, gab mir seine Karte und sagte, ich solle ihn anrufen, falls das Projekt umgesetzt wird. Im Sommer 2013 habe ich dann das erste viertägige ,App Summer Camp´ für Mädchen organisiert. Es kam bei den Mädchen super an, wir hatten ein großes Medienecho. Das ZDF hat zum Beispiel eine kleine Reportage für die Sendung Logo produziert. Das war natürlich toll und hat uns viel Aufmerksamkeit gebracht, danach kamen unglaublich viele Anfragen.“

So viele, dass du das jetzt hauptberuflich machst.

„Ja. Zuerst haben mein Mann und ich das Projekt neben unseren ,normalen‘ Jobs gemacht. Das war wirklich eine ganz schön aufregende Zeit für mich: Mein Kind kam in die Kita, ich hatte meinen Job bei XING gerade angefangen und ständig kamen neue, spannende Anfragen und Termine. Als wir dann den ,Act for Impact´-Award mit 40.000 Euro gewonnen haben, war ziemlich schnell klar, dass wir es probieren! Aber bis zu der Entscheidung, beide unsere festen Jobs zu kündigen, war es ein längerer Weg. So etwas passiert nicht von heute auf morgen. Bisher war es genau die richtige Entscheidung: Die Arbeit macht sehr viel Spaß, wir bekommen Aufträge, Schülerinnen und Schüler programmieren begeistert Apps, und Lehrkräfte setzen unsere Materialien ein.“

Wie verdient ihr Geld?

„Zum einen haben wir das Preisgeld des ,Act for Impact‘-Wettbewerbs. Dann gibt es Firmen, die unsere Workshops buchen, zum Beispiel „Programming Basics für Nicht-Entwickler“. Und ab nächstem Jahr sollen die Schulen, die unsere Materialien nutzen, eine Lizenzgebühr bezahlen. Für Schulen, die sich das nicht leisten können, suchen wir Sponsoren, also Unternehmen, die Patenschaften für Schulen übernehmen. Die ersten Firmen haben wir schon an Bord. Das ist super!“

Die Programmier-Workshops können die Lehrer selbst durchführen, es muss kein Profi dabei sein – wie funktioniert das?

„Genau, das ist unser Skalierungsansatz: Wir müssen nicht selbst im Unterricht dabei sein, sondern die Lehrer können den Workshop leiten. So können wir mit unserem Angebot in die Breite gehen. Unser Anspruch ist: Das Material muss so gut sein, dass es jeder einsetzen kann. Der erste Kurs, bei dem es um App-Programmierung geht, besteht aus fünf Doppelstunden. Auf unserer Onlineplattform finden sich alle benötigten Materialien. Mithilfe eines kurzen Videos startet die Sitzung. Erstmal wird die App vorgestellt, die programmiert wird. Danach arbeiten die Schüler in Paaren selbstständig mit Lernkarten. Auf jeder Lernkarte steht eine Challenge, auf der nächsten dann die Lösung. Wir haben gemerkt, dass die Schüler mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten arbeiten, die schnellen schaffen alle Lernkarten, die langsameren vielleicht zwei oder drei. Am Ende der Sitzung stellen sich die Schüler ihre Ergebnisse gegenseitig vor. Danach werden wichtige Konzepte, die vorkamen, wie if-then-else oder Variablen in kurzen Videos von Entwicklerinnen und Entwicklern erklärt. So lernen die Schüler neben der Praxis auch einige theoretische Grundbegriffe der Informatik.“

Sind die Lehrer denn grundsätzlich offen dafür, ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht gerade unter den älteren Lehrern Berührungsängste gibt?

„Grundsätzlich kann es natürlich schon sein, dass eher jüngere Lehrer oft IT-affiner sind, einfach weil sie im privaten Bereich viel mehr und selbstverständlicher mit dem Thema zu tun haben. Ich denke aber, das ist nicht grundsätzlich eine Frage des Alters, sondern des Mindsets, also ob eine gewisse Offenheit für das Thema da ist, und die gibt es auch bei den älteren Lehrern. In unseren Pilotschulen haben wir mit jungen und älteren Lehrkräften zusammengearbeitet – und alle kamen mit unseren Unterlagen gut zurecht.“

Kann denn so ein einmaliger Workshop längerfristiges Interesse wecken?

„Es geht im ersten Schritt darum, die Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, Begeisterung zu wecken und Berührungsängste abzubauen – und die Möglichkeit zu geben, mit dem Thema überhaupt in Berührung zu kommen: Wie wird eine App programmiert, wie eine Website gebaut? Wir planen für die Zukunft, eine Online-Plattform mit einer Community zu schaffen, auf der die Schüler weitermachen können, wenn sie wollen, und sich mit anderen austauschen können.“

Manchmal ist zu lesen, das ganze Tech-Thema müsste sexier und spielerischer angegangen werden, damit sich Mädchen dafür begeistern – sieht du das auch so?

„Das würde ich nicht so betonen. Unser Ansatz ist es, zu zeigen, dass Programmieren kreativ ist und Spaß bringt. Völlig unabhängig vom Geschlecht. Wir wollen zeigen, dass man eigene Ideen verwirklichen und eigene Produkte entwickeln kann. Junge Menschen sollen von Konsumenten zu Produzenten werden. Um auch Mädchen anzusprechen, ist es vor allem wichtig, auf die richtige Sprache und das Design zu achten. Das sind zwar Kleinigkeiten, solche Dinge können aber eine große Wirkung haben.“

Kommen die Workshops denn unterschiedlich an bei Jungen und Mädchen?

„Nein. Der größte Unterschied ist, dass Jungen eher Vorkenntnisse im Bereich Programmierung mitbringen. Toll finden viele, dass es nicht nur um den Code geht, sondern um den gesamten Prozess: Vom Design über die Programmierung hin zum Test. In jeder Sitzung entstehen richtige Apps. Das finden alle toll.“

Es heißt immer, jeder sollte Programmieren lernen, es wird sogar darüber diskutiert, das als Pflichtfach in den Schulen einzuführen – warum sollte jemand, der zum Beispiel Arzt oder Friseur oder Erzieher werden will, das lernen?

„Die Welt, in der wir leben, wird immer digitaler – es geht ganz einfach darum, Dinge besser verstehen zu können, die unseren Alltag bestimmen: Was bedeutet eigentlich Datenschutz, was passiert, wenn Daten gespeichert werden? Da ist es gut und sinnvoll, ein Grundverständnis zu haben. Es ist eine Art der modernen Allgemeinbildung.“

Gibt es eine App, die von Schülern in den Camps gemacht wurde, die dir besonders gut gefallen hat?

„Die Flaschendreh-App fand ich witzig, so was kann nur 13-jährigen Mädchen einfallen. Ein Schüler hat letztens eine App entwickelt für Schüler, die Probleme haben, das Alphabet zu lernen. Die Buchstaben werden groß angezeigt und man fährt sie dann mit dem Finger nach. Die Farbe kann dabei frei gewählt werden. Zudem wird der Buchstabe von der App vorgelesen. Das fand ich eine super Idee. Auch die Geschenke-App, die Schülerinnen entwickelt haben, finde ich super: Ausgangspunkt war die Problematik, bei einem Jungen zum 15. Geburtstag eingeladen zu sein und keine Ahnung zu haben, was man ihm schenken soll. Die Mädchen haben eine App entwickelt, mit der man je nach Alterstufe und Geschlecht passende Geschenkvorschläge bekommt. Was ich lustig fand: Die Abstufungen waren null bis sechs Jahre, sechs bis zwölf Jahre, und dann ganz genau aufgeschlüsselt 13, 14, 15 und 16 Jahre. Dass fürs Baby dann ein Schulranzen vorgeschlagen werden kann, hat die Schülerinnen nicht weiter gestört, aber beim Alter 13 bis 16 wurde dann ganz fein differenziert.“

 

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