Foto: Friederike Faber

Die Matrix der Demokratie

«Nationalism teaches you to take pride in shit you haven´t done and hate people you´ve never met.»
Doug Stanhope (Comedian)

 

Wir leben in Zeiten, in denen zunehmend populistische und radikale Positionen Gehör finden und das Vertrauen in die Grundwerte eines demokratischen Miteinanders schwindet.

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„Das Problem mit der Demokratie ist, dass es sie in gewisser Weise gar nicht gibt. Sie hat keinen Ort und keine Institution; die Gebäude, die sie repräsentieren, die Parlamente, Ämter, Ministerien können im Handumdrehen hohl werden. In Wahrheit beruht die Demokratie auf etwas Unsichtbarem: Auf dem Grundvertrauen der Bürger in die Politik. Auf der Bereitschaft einer Regierung, die doch über alle Gewaltmittel der Exekutive verfügt, sich dem Willen eines Parlamentes und dem Urteil eines Verfassungsgerichtes zu unterwerfen. Und darauf, dass die Mehrheit der Bürger stets und freiwillig darauf verzichtet, antidemokratische Parteien zu wählen. […]
All dieses Unsichtbare kam uns jahrzehntelang so selbstverständlich vor, dass der (falsche) Eindruck entstand, die Demokratie sei sowieso da, wie Luft und Wasser. […] Das hat sich jetzt geändert. In den kommenden Monaten wird in fünf zentralen Wahlen über nicht weniger abgestimmt als die Zukunft der westlichen Demokratien. Wer hätte das gedacht?“ (DIE ZEIT, 4. August 2016, Politik, Seite 3)


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Verschärft durch die Geflüchtetenproblematik und die offensichtliche Angst vor „Überfremdung“ verhärten sich derzeit überall die Positionen – und nationalistische und ideologische Positionen verbreiten sich in einem Maße, das wir noch bis vor kurzem für völlig unvorstellbar gehalten haben. Warum vertrauen so viele unseren westlichen Grundwerten so wenig? Wenn viele verschiedene Menschen zusammenkommen, wird jeder einzelne schlauer, wacher, kreativer – weil es anspruchsvoller wird, andere von den eigenen Standpunkten zu überzeugen. In sehr homogenen Gruppen befinden sich alle in einer Art schläfrigem Dämmerzustand, weil sich sowieso schon alle einig sind. So entsteht mit Sicherheit kein Fortschritt – und im Angesicht der komplexen Welt, in der wir leben, ist das gefährlich.


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Diversität ist der Schlüssel für jeglichen Fortschritt – Vielfalt ist bereichernd für alle. Aber Diversität wird in unserer derzeitigen Gesellschaft zunehmend als
Bedrohung wahrgenommen. Wachsende Abgrenzungstendenzen und Verbreitung von Hass sind die Folge. Aber: Wem nützt es, die Unterschiede und das Trennende zwischen uns zu betonen? Was passiert, wenn sich Xenophobie und Nationalismus weiter verstärken? Wollen wir alle wieder gegeneinander antreten? Wo führt das hin?

Das ist eine rhetorische Frage. Jeder weiß, wohin das führt. Wir brauchen uns nur die Geschichte anzuschauen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass – wenn jeder sich in Stellung gegen den vermeintlichen Gegner bringt – sich das Eigene daraufhin MEHR entfalten kann. Das Eigene hat dann in letzter Konsequenz GAR KEINE Relevanz mehr. Alle Konflikte und Kriege dieser Welt zeigen ganz deutlich, dass das Individuelle, Menschliche zuallererst geopfert wird. Gewalt, Hass und Krieg zerstören so grundsätzlich alles Lebenswerte, alles Individuelle, dass noch Generationen danach geschädigt sind.

Eine der dringlichsten Aufgaben derzeit ist es daher, demokratisches Denken und Handeln in Zeiten und Situationen von wachsender Diversität wieder als etwas Lohnenswertes und Positives spürbar zu machen.

Diversität nicht nur auszuhalten, sondern lustvoll selbstwirksam mitzugestalten, muss zentrales Ziel all unserer Bemühungen sein. Denn es gibt dazu keine wirkliche Alternative. 

Wie geht die komplexe, kleinteilige Matrix der Demokratie? Wo fangen wir an?

Es fängt überall dort an, wo verschiedene Menschen zusammenkommen – für uns heißt das konkret: in jedem Klassenzimmer, bei jedem Theaterprojekt. 


Foto: Friederike Faber

Die Ausgangssituation der Jugendlichen ist nicht mehr so, wie wir das vielleicht früher noch selbst in der Schule erlebt haben, und auch nicht mehr so, wie vielleicht noch vor 10 bis 15 Jahren: überwiegend „weiße deutsche“ Jugendliche, die mehr oder weniger ähnliche Alltagsabläufe leben, mit denselben Kinderbüchern aufwachsen, mit denselben Fernsehsendungen, mit ähnlichen Weihnachtsfesten, ähnlicher Musik, ähnlichem Essen und ähnlichen Gewohnheiten. Heute prallen in jeder Gruppe unterschiedlichste Lebensentwürfe, kulturelle u. a. Hintergründe, Traditionen, Erinnerungen, Meinungen, Erfahrungen und Glaubensrichtungen aufeinander. Im Gegensatz zur Situation vor ca. 15 Jahren ist heute zusätzlich die ständige Präsenz und der Informations- und Meinungsaustausch im Netz (Selbstverständlichkeit des Smartphones) völlig alltäglich. Diese Entwicklungen sind nicht umzukehren. „Früher war mehr Lametta“ hilft einfach nicht weiter. Unsere Welt, wie sie jetzt ist, macht – spätestens jetzt! – einen aufgeklärten und mündigen Umgang mit Diversität dringend erforderlich.

Wozu führt das, wenn ich eine Gruppe junger Menschen vor mir habe und sie in ihren Ängsten, Unterschieden und Abgrenzungswünschen bestärke – bzw. NICHTS dagegen tue? Klar – sie gehen alle aufeinander los: Ey du Hure! Du schwule Sau! Das ist „haram“!“ „Dreckige Muslimenschweine!“ „Nazi!“ usw. Oder sie schweigen. Das ist fast noch gefährlicher. Hass zu verbreiten, ist so unglaublich einfach und geht so wahnsinnig schnell. Hass verbreitet sich in Sekunden. Und richtet jahrelangen, wenn nicht längeren, Schaden an. Eine Gruppe verschiedenster Menschen aber dahin zu bringen, dass sie einander verstehen, wertschätzen und GEMEINSAM etwas KONSTRUKTIVES tun, ist dagegen so unfassbar schwer. Und scheinbar so unspektakulär. Denn wenn etwas gut läuft, bemerkt es keiner. Ein Beispiel: Nach gelungenen Projekten hören wir häufig: „Ihr habt ja tolle Jugendliche! Mit solch einer verschworenen Gruppe ist es sicher leicht!“ Das lässt uns schmunzeln, denn wir haben noch sehr gut vor Augen, wie wir gestartet sind.

Es sind im Großen und Ganzen IMMER dieselben Ausgangsbedingungen, wenn verschiedene Menschen aufeinandertreffen. Es gibt die Jugendlichen, so wie wir sie vorfinden – muslimisch, christlich, nicht gläubig, schwul, lesbisch, hetero, mit verschiedensten kulturellen, ethnischen und sozialen Hintergründen. Und am Anfang sitzen sie da und sind verunsichert, im Zweifel GEGENEINANDER
eingestellt, manchmal auch hilflos und wütend aufeinander – unsicher im
Angesicht der tagtäglichen Flut an beunruhigenden Meinungen und Nachrichten. Bestehende Feindbilder zu bestärken – oder zu ignorieren –, wäre das ALLEREINFACHSTE, leider aber auch das Allergefährlichste. Sie zu einer
liebevollen, verschworenen Gemeinschaft zu machen, die optimistisch ist, ihre
Welt GEMEINSAM zum Positiven hin verändern zu können, ist das ALLERSCHWERSTE. 
Weder „rechte“ Nationalismen und Ausgrenzungswünsche auf der einen Seite noch „linke“ ideologisch verhärtete Political Correctness auf der anderen Seite helfen hier weiter. Beides verschärft das Misstrauen und den Wunsch nach radikalen „Lösungen“.

Diskriminierung (in alle Richtungen) kann nur dann überwunden und Diversität nur dann von allen als bereichernd erlebt werden, wenn wir tagtäglich trainieren, die Menschen DIFFERENZIERT und INDIVIDUELL zu betrachten. Und wenn wir in die Zukunft gerichtet handeln – und Vergangenes hinter uns lassen. Es bedarf einer gewissen Demut und Größe, über Vergangenes (Unrecht) hinwegzusehen und nach vorne zu blicken. Das ist schwer, aber es fühlt sich BESSER an. Jegliche Form von Ideologisierung („-ismen“ und „Richtig-und-falsch“-Behauptungen) führt zu einer Radikalisierung des Diskurses und gefährdet unsere demokratischen Grundwerte, wie es derzeit durch das Aufkeimen von Populismus und Nationalismus bereits deutlich spürbar wird. Das Kennenlernen und Ausloten der Zwischenräume dagegen – jenseits von bestehenden Begrifflichkeiten und Beschriftungen – ist im ersten Schritt schwieriger, fühlt sich aber schon im zweiten Schritt wesentlich besser an. Zorn, Ablehnung und Angst machen nicht glücklich. (Und auch nicht schlauer). Eigene neue Erfahrungen und Begegnungen aber schon.

Autonomie und Mündigkeit:
Um Rassismus und jegliche Form von Diskriminierung wirksam und langfristig zu bekämpfen, müssen(alle) Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe zu Mündigkeit und Autonomie ermutigt werden. Dies ist ein hochkomplexer Prozess, der nicht einfach von allein passiert. Es muss darum gehen, zu begreifen, dass wir nur ein kleiner Teil einer langen Geschichte sind und dass jeder einzelne von uns die Möglichkeit haben muss, diese Geschichte zu verändern, individuell zu handeln und autonom zu werden. Bei jeglicher Arbeit mit Jugendlichen liegt die komplexe Herausforderung dieses Weges darin, sehr unterschiedlichen Menschen IHRE GEMEINSAMKEITEN aufzuzeigen und sie gleichzeitig in ihrer jeweiligen INDIVIDUELLEN AUTONOMIE zu bestärken.

Es muss darum gehen, die Fähigkeit zur Differenzierung auszubilden und Wege und Wahrnehmungen ZWISCHEN verschiedensten Realitäten zu ermöglichen, sichtbar zu machen und die Veränderbarkeit der jeweils eigenen Position zu bestärken.

Dies ist die einzige Möglichkeit, Diversität zu leben und für alle produktiv werden zu lassen. Die Grundvoraussetzung dafür ist: demokratisch gemeinschaftlich zu agieren – und NICHT gegeneinander.

Mut, Offenheit und Optimismus entstehen in Gruppen nie von allein.

Inklusive Prozesse initiieren sich nie von allein.

Der einzelne Mensch würde sich immer erst einmal lieber abgrenzen und glaubt an seine Vorurteile.

Um wirklich inklusive, demokratische Prozesse zu initiieren, braucht es eine konsequent und unermüdlich (vor-) gelebte Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und eine professionelle und krisenfeste Kommunikation. Das geht weit über „Pädagogik“ hinaus – es ist in Wahrheit eine sehr komplexe und gesellschaftlich relevante lebenslange Aufgabe, die eine starke und
gleichzeitig demütige innere Haltung erfordert:

Demut statt Demütigung.

Wie begegnen wir dieser komplexen Herausforderung? Wie ermöglichen und leben wir Diversität? Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der gesamte Bereich einer wertschätzenden, demokratischen und differenzierten Beziehungs- und Kommunikationsgestaltung absolut zentral, aber weder leicht noch selbstverständlich ist. Demokratie entsteht nicht von selbst. Wir müssen etwas dafür tun. Wir brauchen:

1. ein praxistaugliches Konzept, das allen Partizipation ermöglicht (Beispiel: Konzept des partizipativen Theaterunterrichts); 

2. professionell geschulte KOMMUNIKATION DER BEGEGNUNG statt der Abgrenzung (Beispiel: Kommunikation und Beziehungsgestaltung mit Hilfe der Statuslehre);

3. Bestärkung von Autonomie und Mündigkeit jedes einzelnen jungen Menschen (Beispiel: Trainings- und Reflexionskonzept für Anleitende);

4. beständiges Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und die Formulierung gemeinsamer Ziele, die nur erreicht werden können, wenn alle VERSCHIEDEN bleiben dürfen und sollen. (Beispiel: Durch die Arbeit an einer gemeinsamen Theaterpräsentation nach dem oben genannten Konzept).

Wir schaffen mit ACT Orte, an denen für junge Menschen ein Resonanzboden entsteht.

Was ist ein Resonanzboden?
Spielt jemand auf dem Klavier, werden – je nach Musikstück – verschiedenste Saiten in gemeinsame Schwingung versetzt. Durch das Zusammenschwingen der Saiten entstehen vielfältigste, verschiedenste (!) Musikstücke. Der Resonanzboden verstärkt dabei das gemeinsame Schwingen der verschiedenen Saiten und sorgt dafür, dass der Klang nach außen hörbar wird. Durch den Resonanzboden wird das Zusammenschwingen verschiedenster Saiten als Musik wahrnehmbar. (ACT e.V.)

Bei ACT ist diese „Musik“ Theater. Junge Menschen, die über ein Jahr
gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Die jede Woche die Erfahrung machen: „Ich bin einzigartig und das darf ich auch sein. Und genau durch das, was ich kann und bin, habe ich die Möglichkeit, die Welt mitzugestalten und anerkannter Teil
einer Gemeinschaft zu sein. Denn nur wer im Eigenen bestärkt worden ist, kann
das Andersartige, Fremde als Bereicherung erleben.

Wenn wir in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen, müssen wir Menschen ermöglichen, einander kennenzulernen und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das sie stolz sein können. Das ist oft mühsam und kostet Zeit und Geld. Aber wir finden: „Das ist es wert!“.

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