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Ehrenamtliche Sterbebegleitung: Der Tod ist ihr Hobby

Was bewegt junge Menschen dazu, sich neben Ausbildung, Studium oder Job um Sterbende zu kümmern? Zwei von ihnen erzählen, was sie antreibt und was der Tod für ihr Leben bedeutet.

Wer jung ist, hat – so sagt man – das ganze Leben vor sich und ewig Zeit, um alles zu werden, alles zu machen, alles zu erleben. Gedanken an den Tod? Weit weg. Und doch gibt es junge Menschen, die sich freiwillig damit auseinandersetzen und Sterbende auf dem Weg aus dem Leben begleiten. 

Viele sind es nicht, sagt Angela Hörschelmann vom Deutschen Hospiz- und PalliativVerband: „Wir haben kaum genaue Zahlen zu den Ehrenamtlichen insgesamt. Die jungen Menschen sind in jedem Fall in der Unterzahl.“ In der Mehrzahl hingegen seien Frauen, doch das ändere sich langsam: „Es gibt mittlerweile viele Angebote, um jüngere Menschen, Menschen mit Migrationserfahrung und eben auch Männer für die Hospizarbeit zu begeistern. Das ist gut, denn die Hospizarbeit soll diverser werden.”

Vorbereitung auf den Tod

Wie eine typische Sterbebegleitung aussieht? Die meisten Ehrenamtlichen kümmern sich laut Angela Hörschelmann vor allem um psychosoziale Unterstützung von Schwerstkranken, Sterbenden und ihren Angehörigen: „Das bedeutet emotionale Unterstützung beim Erleben und Verarbeiten der Gefühle, die in Zusammenhang mit der Erkrankung und dem bevorstehenden Tod auftauchen können.“ Doch auch praktische Aspekte spielen eine Rolle – zum Beispiel ob eine Reise möglich ist oder wie sich Trauerfeier und Bestattung vorbereiten lassen. Vor allem Angehörige sind dankbar für die Entlastung: „Für sie bedeutet diese Unterstützung, dass sie Termine wahrnehmen können – wie einen wohltuenden Friseurtermin oder ein Treffen mit Freund*innen – und dabei Kraft schöpfen.“

Eine anspruchsvolle Tätigkeit, für die eine gründliche Vorbereitung wichtig ist. „Die Qualifizierungskurse nehmen in der Regel etwa 120 Stunden in Anspruch“, erklärt Angela Hörschelmann. „Neben grundlegenden medizinischen und pflegerischen Aspekten geht es vor allem darum, das sich die Teilnehmenden mit existenziellen Lebensereignissen wie Krankheit, Sterben, Tod, Abschied, Trauer auf ihrem eigenen Lebensweg auseinandersetzen.“

Doch Sterbebegleitung verlangt nicht nur viel – man bekomme auch etwas zurück, sagt Angela Hörschelmann, viele empfänden die Aufgabe als Geschenk: Sie ziehen aus den Begleitungen Kraft. „Die Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterben und Tod hilft, das eigene Leben zu hinterfragen und sich auf das Wesentliche zu besinnen.“ 

Hier berichten zwei junge ehrenamtliche Sterbebegleiterinnen, warum sie sich in ihrer Freizeit freiwillig mit dem Tod beschäftigen, was ihr Umfeld dazu sagt und inwieweit die Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem Sterben ihren Blick auf das Leben verändert haben.

„Dankbarkeit für das Leben”

Kathleen Stichling
Foto: privat
Kathleen Stichling, Foto: privat

Kathleen Stichling, 30, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin aus Gotha
„Meine ersten Erfahrungen mit dem Thema Sterben, Tod und Trauer habe ich sehr früh machen müssen: Mein erster, langjähriger Lebenspartner hat sich das Leben genommen, als ich 18 Jahre alt war; ich habe ihn in dieser Situation gefunden. Der Tod, mit dem ich mich vorher nie beschäftigt hatte und beschäftigen musste, hatte auf einmal für mich etwas sehr Gewaltsames, Schreckliches und Erschütterndes. Viele Jahre blieb ich in dieser Ohnmacht verharrt; die kommende Zeit, in der ich dann mein Medizinstudium anfing, war ich nur mit der Bewältigung des Schmerzes und Verlustes beschäftigt.

Doch irgendwann kehrten meine Kräfte zurück und damit mein Interesse an anderen Dingen, meine Lebendigkeit und der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun. Als ich dann im Studium im Rahmen einer Palliativmedizin-Vorlesung von der Möglichkeit erfuhr, einen ehrenamtlichen Sterbebegleitungskurs zu machen, war für mich klar: Das ist es! Ich konnte mich aktiv mit dem Thema Tod auseinandersetzen – vor allem auch in Kontakt mit Menschen, die die eigene Endlichkeit in ihr Lebenskonzept einbauen und nicht negieren. Mein Freund*innenkreis war überrascht, hat insgesamt eher verhalten und distanziert reagiert. Oft habe ich den Satz gehört ,Ich könnte das ja nicht …‘

Den Qualifizierungskurs habe ich 2012 begonnen; seit dem Abschluss bin ich ehrenamtliches Mitglied im ambulanten Hospizdienst in meiner kleinen Heimatstadt in Thüringen. Die aktive Teilnahme an Sterbebegleitungen unterliegt wegen persönlicher und beruflicher Verpflichtungen immer einer Fluktuation. In Zeiten einer Begleitung sind es etwa zwei bis drei Stunden pro Woche; aktuell ist es eher weniger. 

Dankbarkeit für das Leben 

Im Laufe der Zeit überkam mich so etwas wie Dankbarkeit für das Leben – der Hospizgedanke und die Hospizarbeit haben einen festen Platz in meinem Leben gefunden. Gerade im Krankenhaus ist man oft mit dem Thema Sterben und Tod konfrontiert. Einerseits geht es da natürlich um medizinische Handlungen und Entscheidungen – die einem gerade im Angesicht des Todes viel abverlangen können – aber oftmals auch um Kommunikation mit Angehörigen. Ich kann nicht behaupten, dass mir das immer leichtfällt. Aber meine hospizliche Haltung ermöglicht mir einen besseren, souveräneren Umgang.

Naturgemäß bewertet man die Welt nur aus sich heraus und eine Vorstellung, in der man selbst nicht mehr existiert, ist für die allermeisten abstrakt und schmerzhaft. Die eigene Endlichkeit zu akzeptieren – das heißt auch loslassen, die Dinge annehmen, vertrauen. Und das steht in einem kompletten Widerspruch zu unserem überwiegenden Wunsch nach Planbarkeit und Kontrolle. Niemand weiß, was danach sein wird. Und Unwissenheit schürt Angst, die man eine Zeit lang wegschieben kann, indem man sich nicht damit beschäftigt. Vielleicht ist es zum Teil auch eine gesellschaftliche Entwicklung. Sterben ist nicht ,en vogue‘, weil es dem angestrebten Ideal –schön, stark und erfolgreich – nicht entspricht.

Der Tod kommt an zweiter Stelle

Mir sind im Rahmen meiner Hospizarbeit viele kleinere Momente im Gedächtnis geblieben, die mich heute noch anrühren. Manchmal nur ein kurzer Satz, eine Bewegung, eine Erkenntnis. Und die Erfahrung, dass es eben auch um das Leben geht und nur an zweiter Stelle um den Tod.“

„Mit kleinen Gesten Trost schenken”

Ilham Shechani 
Foto: privat
Foto: privat

Ilham Shechani, 23, Auszubildende zur Pflegefachfrau aus Berlin
„Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Nebenjob und bin nur zufällig auf die Anzeige der Sterbebegleitung gestoßen. Zuerst habe ich mich nicht getraut, aber zwei Jahre später habe ich meinen Mut zusammengenommen und mich beworben.

Die Zeit sinnvoll nutzen

Meine Entscheidung hatte viele Gründe. Ich habe mich immer schon für ein Ehrenamt interessiert, weil ich das Bedürfnis hatte, meinen Horizont zu erweitern und Lebenserfahrungen zu sammeln, die mich stärken und meine Persönlichkeit festigen. Andererseits wollte ich auch etwas Gutes tun, Menschen in schwierigen Lebensphasen zur Seite stehen und mit kleinen Gesten Trost schenken. Denn das Gefühl allein zu sein kann, vor allem am Lebensende, schmerzhafter sein als der Gedanke an den Tod selbst. Und ich hatte das Bedürfnis, meine Zeit sinnvoller zu gestalten. Alle Hobbys oder Unternehmungen mit Freund*innen haben mich nicht erfüllt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich würde meine Zeit nicht sinnvoll nutzen. 

Einige meiner Freund*innen begegneten meinem Vorhaben beziehungsweise der Sterbebegleitung mit Skepsis, weil sie befürchteten, dass meine Psyche in Mitleidenschaft gezogen würde. Manche haben sich interessiert, aber auch offen gesagt, dass sie das selbst niemals könnten. 

Der Vorbereitungskurs hat meine persönlichen Entwicklung enorm geprägt. Auch, weil ich tolle Kolleg*innen hatte und ich jeden Tag etwas Neues über mich und über das Thema Tod erfuhr. Meine ehrenamtliche Tätigkeit hat mir den Umgang mit dem Tod nicht erleichtert oder mir die Angst genommen, sie hat aber meine Sichtweise verändert. An manchen Tagen ist der Tod präsenter als an anderen, das kann manchmal belastend sein und ich verstehe, warum Menschen eine gewisse Ignoranz bezüglich dieses Themas haben – aber es ist wichtig, sich ab und zu die eigene Sterblichkeit ins Gedächtnis zu rufen. Das kann zum Beispiel den Stress im Alltag zeitweise relativieren. Mir hilft es dabei, das Leben gelassener zu betrachten und mir nicht ständig wegen unnützer Dinge den Kopf zu zerbrechen. Immer einen Mittelweg finden, das ist wichtig.

Die ehrenamtliche Sterbebegleitung hat mir auch bei meiner Entscheidung für eine Ausbildung geholfen. Ich fand den Beruf der Pflegefachfrau sehr interessant, hatte aber die Befürchtung, ich würde mit dem Tod der Patient*innen nicht zurechtkommen. Doch durch meinem Ehrenamt habe ich erkannt, dass ich mich gut distanzieren kann. Das gab mir die Gewissheit, den Beruf ohne Bedenken wählen zu können. 

Keine Kontrolle zu haben, macht Angst

Menschen lieben Kontrolle. Was sie nicht kontrollieren können, das macht ihnen Angst. Der Tod entzieht sich unserer Vorstellungskraft und löst Panik aus. Auch bei mir. Ich denke, das Hauptproblem ist die fehlende Akzeptanz für die Endlichkeit des Lebens; wir wollen nicht wahrhaben, dass unser Leben irgendwann endet und wir nicht mehr existieren. Wir verschließen unsere Augen, weil wir Angst haben. Aber ich denke, dass Gespräche und das gegenseitige Austauschen von Gedanken und Emotionen uns das Gefühl geben können, nicht allein zu sein.“

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