Foto: Unsplash | Kinga Cichewicz

Wer wird denn auf die Frühstücksfreundin des Mannes eifersüchtig sein?

Eifersucht kann sowohl unser Urteilskraft als auch unsere Wahrnehmung verschlechtern, aber wann ist dieses Gefühl angebracht? Darüber schreibt unsere Kolumnistin Nathalie Weidenfeld.

 

„Du solltest sie auch mal kennen lernen“

Mein Mann hat eine Frühstücksfreundin. Das heißt, wenn er in die Stadt ins Café geht, ist sie manchmal da und dann nehmen sie einen Espresso zusammen.

„Wie nett“, habe ich gesagt, als mein Mann mir das erzählt hat.

„Ja“, hat Heinrich gesagt. „Erika ist wirklich nett. Du solltest sie auch mal kennenlernen.“

„Ach“, sage ich.

„Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?“

„Ich? Lächerlich! Ich bin nie eifersüchtig“, sage ich. „Wusstest du, dass Psychologen festgestellt haben, dass Eifersucht sowohl unsere Urteilskraft wie auch unsere Wahrnehmung nachweislich schlechter macht?“

„Ach …“, sagt Heinrich, „Wirklich?“

„Aber ja. Im Extremfall kann Eifersucht sogar zu Wahnvorstellungen führen.“

„Na so was.“

„Außerdem ist Eifersucht ein sehr destruktives Gefühl. Man denke an die böse Königin aus Schneewittchen oder Tinkerbell aus Peter Pan – nicht gerade Figuren mit Vorbildcharakter, oder?“

„Keineswegs“, sagt mein Mann.

„Übrigens existiert Eifersucht nur in unserer westlichen Kultur.“

„Ah ja?“, sagt Heinrich.

„Nomadenvölker wie die Himba kennen das Gefühl gar nicht. Sie werden von klein an dazu erzogen, alles zu teilen. Sowohl Frauen wie auch Männer haben neben ihren Ehepartnern zahlreiche Geliebte.“

„Wie gebildet du bist, mein Schatz“, sagt Heinrich. „Ich muss jetzt los“

Nachdem Heinrich sich verabschiedet und das Haus verlassen hat, drehe ich mich um, um den Tisch abzudecken. Dort sitzen jetzt die böse Königin aus Schneewittchen und Tinkerbell aus Peter Pan.

„Was machen Sie denn hier?“, sage ich.

„Schätzchen, ich bin immer zur Stelle, wenn es darum geht, dass eine Frau in ihrer weiblichen Ehre gekränkt wird.“

„Aber ich bin doch gar nicht gekränkt.“

„Unsinn, natürlich bist du das. Wenn ein Mann regelmäßig  mit einer anderen Frau Espresso trinkt, ist jede Frau gekränkt.“

„Aber es ist doch nur ein Espresso!“

„Ein Mann sollte nur mit seiner eigenen Frau Espresso trinken“, sagt Tinkerbell mit ihrer piepsigen Stimme.

„Sag ich doch!“, sagt die böse Königin genervt, die Kindfrauen wie Tinkerbell nicht ausstehen kann.

„Wenn ich mich recht entsinne hättest du aus Eifersucht Wendy fast umgebracht!“

„Ja“, sagt Tinkerbell gleichgültig. „Dabei hatte er nicht nur mit ihr geflirtet. Es gab ja noch die Sirenen, Tigerlilly, die Häuptlingstochter und …“

„Peter Pan ist ein egozentrischer Idiot“, sagt die böse Königin. „Ich an deiner Stelle würde jedenfalls dieser Frühstücksfreundin ein Ende setzen“

„Wie meinst du das?“, frage ich ängstlich.

„Ich habe sehr gute Erfahrungen mit vergifteten Früchten gemacht.“

„Um Himmels willen!“, sage ich.

Plötzlich sitzt eine ockerfarben bemalte Frau am Tisch, eine Himba.

„Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt. Ihr seid doch alle verrückt geworden. Warum soll er keine Frühstücksfreundin haben?“

Tinkerbell läuft rot an und flattert hysterisch mit ihren Flügeln.

„Weil er ihr gehört und nur ihr!“ fiept sie.

„Ich weiß nicht, was ihr habt. Seht uns an! Wir Himba kennen keine Eifersucht und gehören zu den glücklichsten Menschen auf der Welt.“

„Dafür seid ihr demnächst ausgestorben!“, sagt die böse Königin.

„Jetzt hört bitte auf“, sage ich, „das ist ja ein reines Irrenhaus.“

„Nur monogame Ehen und Familie garantieren den Fortbestand einer Gesellschaft“, sagt die böse Königin.  „Ich bin übrigens auch strikt gegen Patchworkfamilien. Hast du dich mal erkundigt, ob diese Erika Kinder hat?“

„Er geht doch nur mit ihr frühstücken!“, protestiere ich leise.

„Ich sag euch was euer Problem ist“, sagt die Himbafrau stolz. „Ihr Frauen habt einfach zu wenig Sex! Wenn unsere Männer zu oft Espresso trinken gehen, suchen wir uns einfach ein paar Liebhaber. Jede Frau, die etwas auf sich hält hat welche. Ich selbst habe übrigens drei.“

Tinkerbell und die böse Königin schnappen nach Luft. Die böse Königin schreit etwas vom Tod der intakten Kleinfamilie und bewirft dann die Himbafrau mit Butterfett. Die Himbafrau wirft zurück. Tinkerbell kreischt. Das Butterfett ist im ganzen Wohnzimmer verteilt.

Irgendwann reicht es mir und ich gehe ins Wohnzimmer. Erschöpft lasse ich mich aufs Sofa fallen.

Wie gut, dass ich nie eifersüchtig bin.

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