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Ein Leben ohne Ziel – Befreiung oder Sinnkrise?

Was mich in letzter Zeit umtreibt fühlt sich schon a bissel merkwürdig an. Und viele von euch kennen solche Momente vielleicht auch, wo es kein Ziel gibt, auf das man sicher zusteuern kann. Irgendetwas im Leben hat sich gerade verändert. Entweder ist das letzte Ziel erreicht und noch kein Neues da? Oder die aktuelle Situation hat sich so umgestaltet, dass es keine Existenzberechtigung mehr hat: Der Partner ist weg, die Kinder aus dem Haus oder die Kündigung liegt auf dem Tisch. Was auch immer, es gibt viele Gründe, warum ein Ziel plötzlich nicht mehr funktioniert, keinen Sinn mehr macht. Und was passiert dann? Verwirrung macht sich breit.

Hört mein Leben deshalb auf? Ich gebe zu, für mich hat es sich eine Zeit lang so angefühlt, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe, dieses schlechte Gefühl, diese depressive Grundstimmung, dieses sinnbefreite rumgeeiere, nicht wissend, was ich mit mir und meinem Leben jetzt anstellen soll. Unzufriedenheit kroch aus jeder Ecke meines Lebens an mir hoch. Mir war klar, wenn ich noch länger in diesem Vakuum hängen bleibe, rutsch ich in eine saftige Sinnkrise mit depressiven Zügen. Erste Anzeichen waren schon zu erkennen. Und dann ist es mir doch gelungen dieser subtilen Abwärtsspirale ein Ende zu bereiten.

Jetzt willst du sicher wissen wie! Die Entdeckung, die ich dabei über mich selbst gemacht habe, hat mich echt schockiert.

 

Wie alles beginnt:

Ich befinde mich das erste Mal in meinem Leben überhaupt in
einem gefühlten VAKUUM ohne Ziel, OHNE VISION!!!! ICH???? OHNE ZIEL??? Keine
Ahnung, wo mein Leben gerade so hingehen will??? Das geht GAR NICHT! Ich kann
es nicht kontrollieren. Und das gab’s auch noch nie! Das Gefühl, das mich dabei
begleitet ist eine subtile Mischung aus schlechtem Gewissen und Versagen,
Traurigkeit, Selbstzweifel und Hoffnungslosigkeit. Anfangs habe ich mich
dagegen gewehrt. Heftigst! Krampfhaft ein Ziel gesucht, in jeder Ecke und
überall dort, wo etwas sein könnte, für das mein Herz schlägt…aber selbst da
habe ich nichts gefunden, an das ich mich halten konnte. Ich merke, je mehr ich
mich gegen diese Ziellosigkeit wehre, umso bedrohlicher wird sie für mich. Und
umso aussichtsloser die Chance den Wahnsinn zu stoppen.


Wie komme ich aus diesem Abwärtsstrudel nur wieder raus?

Irgendwann kann ich nicht mehr. Auf einem Waldspaziergang setze
ich mich auf eine Bank und fange in meiner größten Verzweiflung leise an zu
weinen. Und plötzlich kommt mir ein Gedanke und mein „Freund“ Eckart Tolle in
den Sinn. Vielleicht ist jetzt die Zeit diese Situation einfach mal so
anzunehmen?! Den Widerstand, diesen mühseligen Kampf, aufzugeben. Dieses alte
Lösungsmuster funktioniert offensichtlich nicht mehr, also was soll ich es noch
länger festhalten? Mach ich mal was Neues?! Mach ich mal NIX!!!!!

Die letzten 40 Jahre bin ich immer einem Ziel entgegengestrebt,
hab viel erreicht und auch so manche Tiefen gemeistert. Vielleicht ist jetzt
einfach mal eine Zeit des Stillstands angesagt? Genießen, was ich mir in meiner
kleinen Welt so alles erschaffen habe?! Ernten. Ruhe. Und genau das mal
aushalten. Ist nicht gerade eine leichte Übung für mich. Das kann ich euch
verraten. Und so habe ich weiter geforscht: Was ist denn mein innerer Antrieb? Woher
kommt dieses schlechte Gefühl? Was lässt mich nicht zur Ruhe kommen, dieses
Erreichte nicht genießen?


Die Wurzel des Übels – oder – das ist des Pudels Kern.

Es fühlt sich fast wie ein schlechtes Gewissen an. Ich kann doch
nicht NIX tun?! Ich muss doch Geld verdienen und meine Rechnungen bezahlen? Nur
mal einen ganzen Tag unproduktiv sein, ohne Urlaubsschein (den sich eine
Selbständige sowieso NIE ausstellt), das geht doch gar nicht. Da ist doch
gleich meine Existenz bedroht?! Und dann ging er los, dieser Film in meinem
Kopf, bis ich schließlich unter „der Brücke“ lag und meine Existenz sich in
Luft aufgelöst hat! EXISTENZ – das war das Zauberwort und gleichzeitig der
ganze Wahnsinn – wenn ich nicht arbeite, nur auf der faulen Haut liege, nicht
produktiv bin und kein Geld verdiene, dann ist meine Existenz bedroht.

Umkehrschluss: Ohne Geld existiere ich nicht – das muss ich mir
erst mal auf der Zunge zergehen lassen… Kein Geld, keine Martina…das fühlt
sich a bissel krank an und ich bin ehrlich geschockt über den Gedankengang und
– vor allem – über die Energie, die dahinter wirkt!!! Kein Wunder kann ich
„illegale“ Freizeit nicht genießen, sie kostet mich das Leben.

Zumindest lief das bisher unbewusst und energetisch betrachtet
in meinem kleinen Universum so ab. Und wenn das Leben bedroht ist, also die
eigene Existenz, dann ist es sicher nachvollziehbar, dass es für mich nahezu
UNMÖGLICH ist, NIX zu tun.

Ein Teufelskreis tut sich vor mir auf. Ich muss arbeiten, um
Geld zu verdienen, mit dem Geld sichere ich meine Existenz, und um meine
Existenz, mein Leben, zu sichern, muss ich arbeiten. Also Geld = Sicherheit =
Existenz = Arbeit = Geld = Sicherheit usw.


Mit der Erkenntnis wird der Weg frei.

Jetzt versuche ich mir bewusst zu werden, wo in meinem Leben
diese Energie, dieses Verhaltensmuster noch wirkt. Wo es mich einschränkt und
mich – ehrlich gesagt – vom Leben abhält. Ich versuche mir bewusst zu werden
und nur zu beobachten, wie oft ich in diese „Antriebsfalle“ so reintappe. Und
ich erschrecke erneut darüber, was ich alles tue, nur um mich sicher zu fühlen,
bzw. was ich alles NICHT tue, nur weil ich es nicht kontrollieren kann und
damit meine Sicherheit, unbewusst gefühlt mein Leben, in Gefahr ist. Ich
staune. Ich bewerte nicht. Ich versuche die Situationen einfach mal nur so
anzunehmen.


Und wie geht’s JETZT weiter?

Ja genau, JETZT und nicht morgen oder gestern. Ich versuche
dieses `ohne Ziel sein` anzunehmen und auszuhalten. Und zu erspüren, dass ich
JETZT sehr wohl existiere und lebe, auch ohne ein Ziel zu haben. Ich nutze
stattdessen die Gelegenheiten, die das JETZT, also die Gegenwart, mir schenkt
und erlebe dabei ungewöhnliche Dinge: Ein unerwartetes Kompliment, die ungeahnt
positive Wendung eines Vorhabens, ein Löwenzahn im Asphalt zieht meine
Aufmerksamkeit auf sich und kommt mir 1.000mal schöner vor als die
wundervollste Rose aller Rosen. Und, ganz merkwürdig, je langsamer ich werde,
umso schneller komme ich da an, wo ich hin will, bin ruhiger, gelassener, fange
an zu genießen, was ist. Bin aber auch offen, für ein neues Ziel, wenn sich mir
denn eines in den Weg stellen will.


Wie lange muss ich das aushalten – dieses Leben ohne Ziel?

Nun, ich muss gar nix. Das halte ich mal als erstes fest. Ich
kann, wenn ich will. Nicht mehr und vor allem, nicht weniger. Ich selbst habe
die Macht zu entscheiden, wann ich was wie lange tue – oder eben nicht. Wenn du
aber still bist, in dir bist, wird sich dir auf deinem Weg ganz von selbst ein
Ziel zeigen. Und es wird eine ganz andere Qualität haben, denn es ist DEIN Ziel
und nicht eines, das andere für dich ausgesucht haben, ohne es dir zu sagen,
ohne dass du dir darüber bewusst bist. Beispiel: Ich lernte Klarinette und Tenorsaxophon
zu spielen, wollte richtig gut sein – für meinen Vater, weiß ich heute. Ich habe
studiert, Betriebswirtschaft, wollte immer erfolgreich sein – für meine Eltern
und meinen Bruder, weiß ich heute. Ich habe mich selbständig gemacht, eine
Werbeagentur gegründet – um meinem Exfreund zu beweisen, dass ich es auch ohne
ihn schaffe, weiß ich heute. Und diese Liste könnte ich noch eine ganze Weile
fortführen.

Heute singt mein Herz, wenn ich Frau in ihre Kraft bringen darf,
in ein leichteres, selbstbestimmteres Leben – und das tu ich für MICH, weil es MICH
mit Zufriedenheit und Dankbarkeit erfüllt, ein Teil in diesem Prozess sein zu
dürfen.

Was ich gerade nicht weiß, auf welche Art und Weise ich das in
meiner Zukunft tun werde – genau diese Ungewissheit nehme ich jetzt an und
nutze stattdessen aufmerksam die Gelegenheiten, die sich mir in den Weg stellen,
bis sich daraus für mich MEIN neues Ziel für MEINE Zukunft komponiert. Denn wahre
Ziele entstehen aus der Leidenschaft für das, was ich mit ganzem Herzen tue.
Also gebt euch die Zeit und hört genau hin.



Ein Leben ohne Ziel – so gelingt‘s:

  1. Annehmen
    was ist.

    Wenn es gelingt? Wunderbar. Alles
    ist gut und du brauchst nicht weiterzulesen.

  2. Ursachenforschung
    für schlechte Gefühle:

    Wenn sich schlechte Gefühle in
    dir breit machen, dann frage dich, woher sie kommen. Vielleicht kennst du das
    Gefühl aus einer anderen Situation?  An
    was erinnert es dich? Werde dir bewusst, welcher Film gerade in deinem Kopf
    abläuft und was genau seine Botschaft ist. Versuche die URSACHE für das Gefühl
    herauszufinden. Gebe dich nicht mit dem Symptom zufrieden.

  3. Realitätscheck

    Prüfe genau, ob der Film und
    das, was darin passiert, wirklich der Realität entspricht und dich zu Recht für
    die Zukunft trägt? Wenn nicht, und das ist in 99,9% der Fälle so, dann gestatte
    dir es auf die Seite zu schieben. Werde dir klar darüber, dass es sich nur um
    eine Illusion handelt, um eine fiktive Annahme einer möglichen Zukunft, von der
    du nicht weißt, ob sie genauso eintreffen wird.

  4. Werde
    dir deines sich dahinter liegenden Verhaltensmusters bewusst und beginne es zu
    beobachten. Was ist dein Motiv? Dein Antrieb? Wo taucht es noch auf, in welchen
    Situationen. Bewerte nicht. Nur Beobachten.

  5. JETZT
    beginne bewusst damit, anzunehmen, was ist. Halte es aus. Kommen unangenehme
    Gefühle auf, steige bei 2 wieder ein. Es kann gut sein, dass du diese Schleife
    öfters drehen musst, bis du das Gefühl auflösen kannst und du dir der Illusion,
    der du gerade wieder aufsitzt, in vollem Umfang bewusst bist. Der Lohn ist im
    JETZT anzukommen und eine subtile Freude zu erfahren, die einfach so da ist.
    Leichtigkeit wird sich breit machen in deinem Leben – wie wunderbar!

  6. Beginne
    zu genießen was ist. Sei dankbar für den Augenblick und genieße jeden Moment im
    JETZT. Er ist das kostbarste was du besitzt. Und das einzige, was du
    beeinflussen kannst.

  7. Lausche
    aufmerksam deiner inneren Stimme, achte auf die Impulse, die Gelegenheiten und
    komponiere daraus DEIN Ziel, wenn die Zeit reif dafür ist.

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