Foto: Brianna Santellan | Unsplash

Ertrinkende Menschen im Mittelmeer – ohne unser Engagement wird sich nichts ändern!

Unsere Autorin Mareike Geiling hat 2015 die Organisation „Flüchtlinge Willkommen” mitgegründet. In Anbetracht der Situation auf dem Mittelmeer appelliert sie nun: Wir müssen für die Seenotrettung auch hier auf die Straße gehen!

 

Ein Plädoyer für Engagement

Es ist Zeit, aktiv zu werden. Es gibt keine Ausrede und keine Entschuldigung. Unsere Welt, wie wir sie kennen, zerfällt gerade vor unseren eigenen Füßen.

Jetzt gerade in diesem Moment, in diesen Sekunden und Minuten sterben Menschen im Mittelmeer. Es sterben Mütter, Väter und ihre Kinder, es sterben Brüder und Schwestern, es sterben Menschen, die keine Familie mehr haben oder jemals eine hatten. Selbst wenn die Menschen schwimmen können – es gibt keinen Ort, an dem sie ankommen können. 

Die Situation ist verheerend 

Derzeit sind zwei Schiffe auf dem Mittelmeer – eines von ihnen hat vor ein paar Tagen eine Frau geborgen, die als Überlebende auf einem Bootswrack mit zwei Toten von der libyschen Küstenwache zurückgelassen wurde. Die Frage, was ihr Schicksal sein sollte, stellt sich nicht: Sie sollte sterben. Und diese Küstenwache, die die Entscheidung über ihr Leben traf, wird von der EU mitfinanziert. 

Alle anderen Rettungsschiffe, die aktiv waren, sind momentan festgesetzt, aus dem Verkehr gezogen, angeklagt. Und seit auch die Rettungsflugzeuge festgehalten werden, kann das Sterben nicht einmal mehr dokumentiert werden. Niemand wird über den Tod der Menschen im Mittelmeer berichten können. Niemand, der sie in den letzten Minuten leben sieht, niemand, der sie sterben sieht. Aber sie sterben: die Mütter, Väter, Kinder, Brüder, Schwestern und Menschen ohne Familie. 

Die einzelne Person kann nichts tun?

Das ist die aktuelle Situation und niemand hier kann behaupten, dass er*sie nicht davon weiß. Es ist die Realität. Eine Realität, die so grauenhaft ist, dass es schwer ist, sie zu verkraften. Selbst der Gedanke daran ist kaum auszuhalten. Man schiebt ihn beiseite und fragt sich: Was kann ich persönlich schon tun?! 

Auch ich hatte diesen Gedanken in den letzten Monaten und Jahren ständig. Und ich kann die Frage bis heute nicht beantworten. Ich weiß auch nicht, wie man das Sterben beenden kann. Auch für mich war Seenotrettung immer etwas, das weit weg von mir war. Irgendwo da draußen im Mittelmeer. 

Mittlerweile hat sich die Situation auf dem Mittelmeer allerdings entscheidend geändert: Wo es vorher noch Schiffe gab, die Menschen retteten (vielleicht nicht alle, aber doch viele), gibt es jetzt kaum noch Hilfe für die ertrinkenden Menschen. Ich bin aber immer noch da. Und wenn ich nichts tue, und alle anderen auch nichts tun, machen wir uns alle schuldig. Wir machen uns des Nichtstuns schuldig. Wir müssen also etwas tun. 

Es gibt viele Möglichkeiten, aktiv zu werden  

Und deshalb ist dieser Text ein Plädoyer für Engagement. Tatsache ist nämlich, dass wir etwas tun können. Wir können etwas anderes tun als rumzuhängen, im Biergarten zu sitzen, zu netflixen, im Instagram-Feed zu scrollen. Das alles können wir ja auch trotzdem weiterhin tun, aber wir können und müssen darüber hinaus etwas tun. Was genau, muss jede*r selbst entscheiden. Hier ein paar Vorschläge:

Du kannst dich informieren. 

Du kannst Petitionen unterzeichnen.

Du kannst mit Freund*innen, Familie und Partner*in darüber sprechen.

Du kannst Beiträge auf Social Media teilen und kommentieren.

Du kannst spenden. Auch kleinste Beträge helfen. 

Du kannst zu Demos gehen. Du musst gar nichts schreien. Sei einfach da und lauf mit.

Du kannst deine*n Abgeordnete*n ansprechen. 

Du kannst dich langfristig engagieren. 

Diese Vorschläge gelten übrigens auch für andere Themen, egal ob das Kita-Mangel ist, Bodyshaming oder menschenverachtende Asylpolitik. Alle Themen brauchen unser Engagement, sonst wird sich nichts ändern.

Es ist Zeit, Stellung zu beziehen 

Ich selbst habe mich in der Konsequenz der SEEBRÜCKE-Bewegung angeschlossen, die sich für sichere Fluchtwege, eine Entkriminalisierung der Seenotrettung und eine menschenwürdige Aufnahme von Geflüchteten einsetzt. Die Bewegung gibt nicht nur der Empörung über die derzeitigen politischen Entscheidungen eine Stimme. Sie schafft auch Konstruktives: Seit Beginn der SEEBRÜCKE vor knapp drei Wochen sind deutschlandweit mehr als 35.000 Menschen auf die Straßen gegangen. Fast alle Demonstrationen wurden spontan und von (unerfahrenen) Einzelpersonen angestoßen. Es gibt keinen großen Plan, bisher sind wir einfach eine Gemeinschaft von Empörten, die ihrer Wut Luft machen.

Was auch immer dich bewegt: Setz dich dafür ein. Das wird dir nämlich niemand abnehmen. Und die, die es bereits tun, brauchen dringend Unterstützung. Wir brauchen einander. Wir brauchen eine starke Zivilgesellschaft, die sich von ihrem Sofa erhebt und Partei ergreift. Unsere Parteien lassen uns dabei nämlich gerade im Stich. Wir sind stark und wir sind viele und wir verdienen es, gehört zu werden! Wir können etwas bewegen. 

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