Foto: Anna Katherina Ibeling

Eine Illusion von Wellness

„Wer schön sein will, muss leiden“ – ein sehr altes, oft zitiertes Sprichwort. Auch wenn die Werbung jedes Mode- und Beautyprodukt als Hilfsmittel zur Freiheit und zum Wohlfühlen anpreist: Viel geändert hat sich am Wahrheitsgehalt dieser Worte nicht, oder? Ein
Blick hinter den glitzernden Vorhang einer vielschichtigen Industrie, die von Illusionen lebt und ein Erklärungsversuch, warum wir dennoch an Märchen glauben wollen.

 

„Spieglein, Spieglein an der Wand“ … Mal ehrlich, das mit dem Wunsch nach Schönheit ist doch seit jeher so ein Frauending. Das wusste schon Cleopatra im alten Ägypten – und das wussten auch die Gebrüder Grimm und Hans-Christian Andersen. Was tun die Frauen in Märchen nicht alles, um „die Schönste“ zu sein und einem Mann gerecht zu werden? Sich einen Zeh abschneiden, um in einen gläsernen Schuh zu passen (aua!), sich von einer Meerjungfrau in eine Landbewohnerin verwandeln lassen (um hinterher unglücklich zu sterben) oder gar Mordintrigen spinnen, weil „hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen“ noch irgendjemand ist, der sie überstrahlt. Puh, ganz schön happig – und auch wir Frauen des 21. Jahrhunderts wissen, dass Schönheit (wenn man sie in einem normierten Schema betrachtet) kein Geschenk ist, das man umsonst bekommt, sondern eine Belohnung für viele Mühen. Nicht umsonst heißt es ja: „Wer schön sein will, muss leiden.“

Scheinbar schwerelos

Freilich würde das in unserer „Wellness-Gesellschaft“ kaum jemand zugeben. Erst recht nicht die Industrien, die hinter den unzählbaren Schönheitsprodukten auf einem ziemlich gesättigten Markt stehen,. Denn wer kauft schon ein Produkt, dessen Benutzung viel Aufwand bei wenig Effekt verspricht? Man wäre ja „schön blöd“, als Verbraucher dafür Geld auszugeben, dass man noch Arbeit oder gar Schmerzen hat. So gleiten Epilierer geschmeidig über perfekt geformte, bereits glatte Frauenbeine, damit vermittelt wird: „Schau her, kaum Aufwand und perfekt zarte Haut!“. Die neuen Schuhe sitzen vom ersten Moment an perfekt und die Trägerin kann gleich auf ihren Zwölf-Zentimeter-Absätzen zum nächsten Meeting schweben und die Farbe des Lippenstifts bleibt auch auf der wildesten Party unberührt frisch – ohne, dass ein Nachschminken auf einer überfüllten Damentoilette mit alkoholbedingten Patzern je notwendig wäre. Nicht zu vergessen die Tagescreme, die den Teint selbst an einem noch so stressigen Arbeitstag strahlend und frei von roten Stellen oder Hautunreinheiten hält. Selbstbräuner wird natürlich auch niemals fleckig, wenn man ihn aufträgt – zumindest nicht in der Illusion, die uns ein Werbespot vorspiegelt. Willkommen in der glitzernden Welt des Marketings, wo noch rosafarbene Einhörner durch die Gegend fliegen und das Leben ein Ponyhof ist. Ohne lästige Aufgaben wie Ställe ausmisten, versteht sich.

Hereinwachsen in die „Schönheitskultur“

Wer die Produkte wirklich kauft und nutzt, merkt schnell, dass die glitzernde Fassade und der schnöde Alltag auch hier deutlich auseinanderklaffen. Um hier kurz aus dem Nähkästchen zu plaudern: Ja, das erste Mal epilieren tut weh. Es ziept wie Hölle. Wie sollte es auch anders sein, wenn diverse Pinzetten gleichzeitig einem die Haare an der Kniekehle herauszerren? Wer von Natur aus blass ist und es mit Bräunungscreme versucht, kann durchaus eine böse Überraschung erleben. Und auch die angepriesenen Gelkissen, in denen man in jedem Schuh „wie auf Wolken“ laufen sollte, halten oft nicht, was sie versprechen. De facto fallen viele Produkte, die zugleich Attraktivität und Wellness versprechen, im Reality-Check gnadenlos durch. Da stellt sich die berechtigte Frage: Warum versuchen gerade wir als Frauen trotzdem ständig, den vollkommen überzogenen Botschaften der Industrie Glauben zu schenken und darauf zu hoffen, dass es funktioniert? Es ist nur eine These – aber womöglich können die meisten von uns nicht anders. Um zu verstehen, warum, müssen wir uns einfach aufmerksam umschauen und einen kritischen Blick auf unsere eigene Lebensgeschichte werfen. Schon als kleine Mädchen haben wir wahrscheinlich schon mit Frisörpuppen gespielt und Disney-Prinzessinnen bewundert. Wir haben Mamas Pumps ausprobiert, uns als feine Damen verkleidet und mit Schminkkoffern voller Pastellfarben experimentiert. Während die Jungs als Piraten auf dem Spielplatz imaginäre Schiffe gekapert haben, hatte man uns ermahnt, „vorsichtig zu sein“, „nicht so hoch zu klettern“ und „uns nicht schmutzig zu machen“. Gemäß dem Motto: „Ein Mädchen macht so etwas nicht!“ und „Das ist typisch Junge!“. Das mag sicherlich längst nicht alle von uns treffen (ich bediene hier nur zur besseren Verdeutlichung das Klischee), aber sicher nicht wenige, die gelernt haben, welche Vorteile ihnen Attraktivität im Leben bringen kann.

Schönheit als Strategie

Wir Menschen lernen vieles in unserem Leben bewusst, auf einer logischen Basis. Daneben gibt es aber viele Aspekte, die unterbewusst und im täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen auf uns einwirken. Ich möchte dies hier als „erlebtes Alltagswissen“ bezeichnen – der Einfachheit halber – und es meint schlicht all die offensichtlichen und unterbewussten Gewohnheiten in unserer Gesellschaft, die „man eben so macht“ oder die dafür sorgen, dass der Einzelne nicht unabsichtlich in eine Außenseiterrolle gerät. Sprich: Wir passen uns an unseren Alltag an, mit vielem, was ihn ausmacht. Meistens sogar ganz unbewusst, weil es uns so vorgelebt wird. Das gilt auch für äußere Attraktivität. Selbst die Attraktivitätsforschung (ein Zweig der Evolutionsforschung) bestätigt, dass Frauen mit einem Taille-Hüft-Quotienten von 0,7 die „ideale“ Proportion besitzen, um als Fortpflanzungspartnerin Aufsehen zu erregen. Umgekehrt gilt dies natürlich auch für Männer, deren Körper in der sogenannten „V-Form“ mit breiten Schultern und schmalem Becken aufgebaut ist. Es existiert weiterhin der sogenannte „Halo-Effekt“, der beinhaltet, dass der gängigen Attraktivitätsnorm entsprechende Menschen automatisch positivere Eigenschaften in allen Lebensbereichen zugesprochen werden, egal, ob sie diese besitzen oder nicht. Jede Frau, die schon einmal einen Schönling gedatet hat, der sich als Kotzbrocken herausgestellt hat, kann davon sicher ein Lied singen. Sich so vorteilhaft wie möglich zu präsentieren, ist also eine Strategie, um Ziele auf einfachen Wegen zu erreichen und zu vielen Widerständen aus dem Weg zu gehen. Dies kann ein ziemlich geschickter Schachzug sein – wer will es einer Frau, die ihren „weiblichen Charme“ im Job einsetzt, also verdenken? „Wer kann, der kann“, denke ich immer, ohne mich selbst zwingend zu denen zu zählen, die es können.

Gewinner und Verlierer

Wie man sich am optimalsten seiner Umwelt präsentiert (ob in der Clique, dem heimlichen Schwarm aus der Klasse darüber oder dem späteren Chef) lernen gerade Mädchen relativ früh. Die Cheerleaderteams und „It-Girls“ aus Teeniefilmen „made in Hollywood“ mögen zwar ein Klischee bedienen, doch ein Funken Wahrheit ist dran an der weiblichen „Hackordnung“ im Teenie-Dschungel. Was einem vor allem bewusst auffällt, wenn man eben nicht in allen Bereichen einer ungeschriebenen Norm entspricht. Dazu sei gesagt, und auch das gerade nur eine These aus dem Bereich „erlernten Alltagswissens“: Für viele Mädchen ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nach wie vor einer der wichtigsten Faktoren, um eine angenehme Kindheit und Jugend zu erleben. Doch der Mitgliedschaftsvertrag kommt dabei oftmals nicht ohne „Kleingedrucktes“, nämlich einen gewissen Gruppen- und Anpassungszwang. Vermutlich haben sehr viele der heute Erwachsenen die „Bravo Girl“ oder „Mädchen“ gelesen, mit Make-up-Tipps, Modeseiten und Foto-Lovestorys. Die ersten Artikel zum Thema Farbberatung („Welche Farben passen zu mir?“), Schönheitstipps („Pickel einfach loswerden“) und vorteihafter Kleidung bei Problemzonen („Euer Figurtyp“) habe ich im zarten Alter von 14 Jahren verschlungen. Wie viele andere Mädchen meines Alters auch. Eine meiner damals besten Freundinnen riet mir, mir wie sie alle paar Tage die Achseln und Beine zu rasieren und meine Haare (kurzzeitig) wasserstoffblond zu färben, „weil das besser bei den Jungs ankommt“. Unser damaliges optisches Vorbild: Lara Croft – sie war einfach so faszinierend stark und wunderschön zugleich. Der Haken an der Sache: Meine Freundin hatte von Natur aus gewisse Ähnlichkeiten mit der Videospielheldin – ich eher nicht. Gut, nach einem halben Jahr musste ich es dann auch mal einsehen. Den Wunsch nach den vollen Lippen einer Angelina Jolie habe ich allerdings bis zum 19. Lebensjahr immer mal wieder gehabt. Genug aus dem privaten Nähkästchen, das hier nur als Beispielgeber dienen soll. Aus der „Mädchen“ wurde irgendwann die „Brigitte Young Miss“, die „Glamour“ oder die „Cosmopolitan“, „Sex and the City“ mit seinen „modernen Prinzessinnen“ ersetzte mit der typischen romantischen Komödie mit der Zeit die Disney-Glitzerwelt. Aber seien wir ehrlich: Vom Grundsatz her gesehen änderte sich an den Inhalten mancher Zeitschriftenlektüre und vieler Filme nicht viel. Same game, different players. Oder gibt es am Kiosk irgendeine Frauenzeitschrift (außer der „Emma“), die nicht im Frühjahr Tipps für den perfekten Beachbody bereit hält? Natürlich alles „ohne Stress“ und „ganz einfach“ – ist ja klar.

Schönheitshandeln – alles Teufelszeug?

Wer nicht von alleine schon in das gängige Attraktivitätsschema passt, muss also viel mehr Arbeit in seine Erscheinung investieren. Oder es bleibt eben eine „Mission Impossible“. Aber eines ist das alltägliche Bemühen um die Schönheit keinesfalls: So schwerelos, wie es uns die Werbung suggerieren will. Eine Grundsatzfrage, die hinter alledem steht, finde ich aber weit interessanter als die (offensichtliche) Tatsache, dass auch dieser „Kampf um soziale Akzeptanz“ Opfer und Einsatz fordert. Ist es eigentlich lohnenswert, sich auf diese ewige Aufgabe „Schönheit“ einzulassen? Oder ist all dieser Aufwand um körperliche Fitness, vorteilhaft geschnittene Kleidung und die richtige Lidschattenfarbe unnötiges Teufelszeug, das den Charakter verdirbt? An dieser Stelle möchte ich – trotz aller vorherigen kritischen Worte – an die Toleranz jedes Lesers und jeder Leserin appellieren. Es ist okay, sich jeden zweiten Tag die Achseln zu rasieren, mit Minikleidern und hohen Schuhen seine Beine zu betonen, Bauch-Beine-Po-Workouts in seinen Alltag einzuplanen oder sich die Haare zu färben. Es ist auch als Mann okay, die Hanteln zu drücken, mit gegelten Haaren herumzulaufen und Muskelshirts zu tragen. Andersherum ist es aber ebenso in Ordnung, eben diese und so viele andere Dinge nicht zu tun. Denn jeder steckt letztendlich nur in seiner eigenen Haut und muss sich in dieser zurechtfinden. Einen Plan B gibt es dafür nicht.

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