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Einen ganzen Tag lang nicht werten oder urteilen – ein Experiment

Ich will ein Experiment wagen: Ich will einen Tag lang nichts Wertendes sagen, nichts, worin ein Urteil steckt. Sozusagen als Vorstufe, Vorbereitung darauf, mehr auf mein Denken zu achten. Denn Denken, Sprache und Macht hängen zusammen, das ist nicht so neu. Aber dieses Wissen ist Verantwortung, wie also damit umgehen?

 

Und um nicht falsch verstanden zu werden: Was mir vorschwebt, ist nicht eine Art pseudo-idealistische Zensur – Sprache darf und soll individuell gefärbt und bildhaft sein, spielerisch. Soll Spaß machen. Eine vollkommen neutrale Sprache (die ohnehin nur als reines Gedankenspiel möglich wäre) wäre mit großer Wahrscheinlichkeit statisch und langweilig und mit noch größerer Sicherheit verarmt, jeglicher Kreativität, jeglicher Poesie beraubt. Auch Meinungen haben natürlich ihren Platz, dazu ist Sprache schließlich auch da, wo kämen wir sonst hin. Wahrscheinlich in George Orwells 1984 oder ähnlich unbehagliche Szenarien.

Aber wie unterscheidet sich eine Meinung von einer Wertung? Meine sehr subjektive, sehr vorläufige Definition: Eine Wertung ist eine Meinung, die nicht als individuell und beweglich markiert, nicht in Relation gesetzt ist. Die absolut dasteht, die sich eine Richtig-Falsch-/ Schwarz-Weiß-Dichotomie zugrunde legt, und sich selbst als „richtig“, als „weiß“ setzt.

Mir ist klar, dass eine hundertprozentig wertfreie Sprache wahrscheinlich illusorisch und wahrscheinlich auch nicht in jedem denkbaren Kontext angebracht oder zielführend ist, und dass es eine Grenze gibt, ab der Sensibilität im Umgang mit Sprache zu absurder Spitzfindigkeit wird, die mehr blockiert als dass sie öffnet, hilft, nutzt. Wenn ich ein Gedicht schreibe, bemühe ich mich sicher nicht um eine neutrale Ausdrucksweise, ganz im Gegenteil. Beim literarischen Schreiben ist, wenn man so will, der Subjektivitäts-Regler maximal aufgedreht.

Aber vielleicht wäre es einen Versuch wert, in bestimmten Kommunikations- und Interaktionssituationen auf eine Ausdrucksweise zu achten, die möglichst wenig Schaden anrichtet, möglichst wenig verletzt, möglichst respektvoll und sozusagen neutral ist – bzw. die es möglich macht, sie als relativ neutral zu empfinden. Die möglichst keine negativen Spuren in anderen Menschen und letztlich der Gesellschaft hinterlässt. Puh!

Ich möchte bei meinem „Experiment“ auf Folgendes achten: Formulierungen und einzelne Wörter, in denen relativ offen gewertet wird, beispielsweise: „Deine Reaktion ist über-/ untertrieben“, „Das hast du falsch verstanden“ – stattdessen neutraler formuliert: „Deine Reaktion kann ich nicht nachvollziehen“, „Das hast du anders verstanden als ich es gemeint habe“ usw. Vermeiden möchte ich Formulierungen, durch die dem Gegenüber die Echtheit, die Validität seiner ganz subjektiv erfahrenen Realität abgesprochen und gleichzeitig die eigene Ansicht zum absolut gültigen Maßstab erhoben wird. Der Andere wird kleingemacht, seine Erfahrung als eingebildet, unrichtig abgetan, nur, weil sie sich von der eigenen unterscheidet.

Außerdem, und da wird es etwas schwieriger fassbar, Wörter, die eine wertende Färbung enthalten, meiden, stattdessen den neutraleren Ausdruck verwenden. Zwei offensichtliche Beispiele: Pferd – Gaul – Ross, Frau – Weib – Dame. Oder „Fräulein“ – warum mögen so viele Frauen (!) dieses Wort nicht? Weil es implizit wertet, klein macht, eine Verniedlichung, Verharmlosung enthält. Und weil es dazu kein männliches Pendant gibt, ein Mann ist ein Mann und wird auch als einer bezeichnet, und sei er noch so klein, jung, schmächtig, naiv usw. (Wertende Adjektive, ich weiß!) Ich bin mir sicher, es gibt immer eine alternative, weniger urteilende Bezeichnung.

Eine sehr populäre Grundregel der sensibilisierten, transparenten Kommunikation, die ich anwenden möchte, ist, von sich selbst auszugehen und das auch explizit zu äußern. Diese Regel ist alles andere als neu und steht in leicht abgewandelten Ausführungen in unzähligen Ratgebern, die sich im engen und weiten Sinn mit Kommunikation befassen, vor allem greift sie als Strategie zur Konfliktvermeidung: Ich-Botschaften statt Vorwürfe. Abgegriffen, vielleicht, aber fruchtbar, wenn man die eigenen Kommunikations- und Denkmuster re-evaluieren möchte, denn diese Herangehensweise stellt Perspektiven klar, setzt sie in Relation, öffnet Blickwinkel, ermöglicht Empathie. Das Gegenüber wird als auf Augenhöhe befindlich begriffen, dem Erfahrungshorizont des Anderen mit Respekt begegnet.

Wie also läuft mein „möglichst wertfreier Tag“? Schwierig, holprig, ehrlich gesagt. Ich stelle fest: Ich verhalte mich alles andere als vorbildlich, ich urteile ständig, und auch wenn es mir gelingt, mich annähernd wertfrei auszudrücken, urteile ich in Gedanken, und zwar sehr viel häufiger, als ich das eigentlich möchte. Oder als ich gedacht hätte, dass ich es tue. Die schnieken Mittdreißiger, die im teuren Café an der Ecke sitzen – Spießer, und offensichtlich mit zu viel Zeit! Leute, die am Sonntag Mittag über die Einkaufsmeile flanieren und „window-shoppen“? Langweiler, Yuppies, wie furchtbar! Ich neige dazu, viel zu sehr, Menschen, die anders sind als ich, zu bewerten, herabzuwerten, mich selbst cooler zu finden oder zu versuchen, mir das einzureden. Naja. Warum ist das so? Bei mir persönlich hat das damit zu tun, das habe ich mir ergrübelt, dass ich selbst viel mit Herabwertung und Unverständnis zu kämpfen hatte, eigentlich, so lange ich denken kann. Ich schieße also sozusagen zurück, weil ich verletzt wurde, schieße auf die, die ich nicht kenne und die mir nie etwas getan haben. Das ist nicht fair und außerdem anstrengend, irgendwie. Sicher muss – darf – jede/r das für sich selbst erforschen, die ganz eigenen, individuellen Motive entlarven. Auch anstrengend, aber darum geht es mir: Nachzufragen, herauszufinden, was Sprache mit Denken macht und umgekehrt, und dann bei mir selbst anzusetzen. Und sehen, was ich tun kann. (Das Café an der Ecke finde ich aber trotzdem weiterhin überteuert und blöd, mit der Klientel kann und will ich mich nicht identifizieren – aber das ist nur meine ganz subjektive Meinung! Und natürlich dürfen die da sitzen, solange sie Zeit haben! ;))

 

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