Foto: Einhorn

„Der durchschnittliche Kondomkauf dauert weniger als eine Sekunde“

Philip Siefer und Waldemar Zeiler machen Nachhaltigkeit sexy. Und das mit fairen Kondomen, die auch noch hübsch aussehen.

 

Das Kondom als Lifestyle-Produkt?

Kondome versauern im Drogeriemarkt bisher zwischen Damenbinden und Windeln – das wollen Philip Siefer und Waldemar Zeiler ändern. Sie wollen ein nachhaltig produziertes Kondom auf den Markt bringen, das außerdem noch schön verpackt in einer kleinen Chipstüte daherkommt. Wir haben mit Waldemar Zeiler über faire Kautschukproduktion, Eintauchmaschinen und die Hast beim Kondomkauf gesprochen.

Ihr hattet schon im vergangenen Jahr im Zuge von Entrepreneur´s Pledge beschlossen, ein Social Business zu gründen – wie seid ihr dann ausgerechnet auf Kondome gekommen?

„Philip stand im Drogeriemakt vor dem Kondomregal und war total frustriert, weil die Kondome, die ja nunmal eindeutig ein Sexprodukt sind, dort ganz verklemmt zwischen Damenbinden und Hundefutter versteckt wurden. Dem Kondomkauf haftet etwas Peinliches an, es gibt Studien von Kondomherstellern, die besagen, dass der durchschnittliche Kondomkauf weniger als eine Sekunde dauert, weil niemand mehrere Produkte aus dem Regal nimmt und vergleicht, sondern verstohlen und hastig im Vorbeigehen eine Packung aus dem Regal reißt. Das kann man im Selbstversuch testen: Stell dich vors Kondomregal und beobachte die Leute: Wer darauf zusteuert, dreht kurz vorher wieder verschämt ab, wenn er sieht, dass da schon jemand steht. Dieses schlechte Image des Kondoms wollen wird verbessern, und dann haben wir uns gefragt: Wie sieht es bei der Kondomproduktion eigentlich mit Nachhaltigkeit aus?“

Wie seid ihr weiter vorgegangen?

„Als Philip mir eine SMS schrieb mit seiner Idee, war ich gerade als Backpacker in Südamerika unterwegs und hatte mir den Anbau vieler Naturprodukte wie Kakao, Kaffee, Bananen angeschaut. Auch Kondome sind ja fast ein reines Naturprodukt, wir begannen also erstmal, zum Kautschukanbau und Kondomproduktion zu recherchieren. Uns war klar, dass wir für die Realisierung unserer Idee einen starken Partner brauchen würden, der in der Kondomproduktion bereits etabliert ist, schließlich braucht man beispielsweise jede Menge Zertifikate, weil es sich um ein Medizinprodukt handelt. Bei unseren Recherchen stießen wir bald auf Klaus Richter. Jeder kennt Klaus in der Kondombranche. Sein Großvater Emil Richter hat die Kondomtauchanlagen, die man für die Produktion braucht, erfunden: Mundgeblasene Glaskolben werden zweimal in Kautschuk getaucht, das Ganze trocknet dann und ergibt das fertige Kondom. Auch Klaus ist eigentlich Maschinenbauer und baut weltweit Kondomtauchanlagen, zuletzt in Iran und Brasilien. Und er produziert zusätzlich eine halbe Milliarde Kondome für den Weltmarkt in seiner Fabrik in Malaysia.“

Wie seid ihr dann mit ihm ins Geschäft gekommen?

„Der erste Kontakt entstand durch eine lustige Verwirrung: Im Internet hatte ich die Telefonnummer seiner Firma ‚Richter Rubber‘ gefunden und rief da einfach mal an. In der Zentrale dachte man, der Konsul der deutschen Botschaft sei am Telefon, der einen ähnlichen Nachnamen hat wie ich, also wurde ich direkt durchgestellt. Klaus war sofort begeistert von unserer Idee, ich glaube, er ist froh, dass da jetzt zwei junge Typen in der Branche mitmischen. Die Kondombranche besteht ansonsten aus alten Säcken, die wahrscheinlich selbst keinen Sex mehr haben und völlig fern der Zielgruppe sind. Wir sind da wie eine Frischzellenkur, das gefällt Klaus. Wir sind dann nach Malaysia gereist und haben uns vor Ort ein Bild von den Produktionsbedingungen in den Plantagen und in der Fabrik gemacht.“ 

Wie ist euer Plan? Wie stellt ihr die nachhaltige Produktion eurer Kondome sicher?

„Klaus achtet in fast allen Bereichen ohnehin schon auf Nachhaltigkeit: Er bezahlt seine Mitarbeiter fair, er hat für Wasseraufbereitungsanlagen gesorgt. Woran auch er noch nie gedacht hatte, war, beim Anbau des Kautschuks auf Nachhaltigkeit zu achten. Das ist nun unser Plan: Mit dem Geld aus unserer Crowdfunding-Kampagne wollen wir eine Kooperative mit deutschen Wissenschaftlern ins Leben rufen, um mit einem ‚Fairstainable Siegel` weltweite Standards für den nachhaltigen Anbau von Kautschuk und für die Überprüfung der Arbeitsbedingungen auf den Plantagen festzulegen.“

Nachhaltigkeit ist das eine, euer zweites Alleinstellungsmerkmal soll die Verpackung sein. Wieso verpackt ihr eure Kondome in Chipstüten?

„Die ursprüngliche Assoziation war, dass viele Leute im Drogeriemarkt noch irgendein anderes Produkt, sei es eine Tüte Chips, kaufen, um die Kondompackung auf dem Kassenförderband drunter zu verstecken. Deshalb dachten wir uns, wir könnten die Kondome doch einfach in eine Mini-Chipstüte stecken, die Tüten werden von Berliner Künstlern und Designern gestaltet. Wir denken zum Beispiel auch über eine ‚Papst-Edition‘ nach, bezugnehmend auf dessen Äußerung, das Verbot von Kondomen bedeute ja nicht, sich wie die Karnickel vermehren zu müssen, was wiederum die Kaninchenzüchter auf den Plan gerufen hatte.“

Sollen eure Kondome auch im Drogeriemarkt erhältlich sein?

„Nein, das wäre für unser Produkt die falsche Umgebung – die Drogeriemärkte kriegen 60 Prozent vom Verkaufspreis. Wir aber reinvestieren 50 Prozent unseres Gewinns in gemeinnützige Projekte, das wäre unter solchen Bedingungen gar nicht möglich. Kondome sind ein perfektes E-Commerce-Produkt. Von Kollegen aus den USA wissen wir, dass die Rücksendequoten von online bestellten Kondomen extrem niedrig ist.“

Die mittlerweile abgeschlossene Crowdfunding-Kampagne von Einhorn findet ihr als Dokumentation nach dem Link.

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