Foto: deathtothestockphoto.com

Das Ende der „Generation Praktikum“?

Der Mindestlohn für Praktikanten ist gut gemeint. Doch der Gesetzentwurf schafft neue Probleme statt neuer Perspektiven.

 

Praktika als Investition in den CV

Für manche ist es Luxus: das Praktikum in den Semesterferien, das spannend ist und gefüllt mit den Praxiserfahrungen, die Einstellungsvoraussetzung für den ersten Job sind. Denn: Nach wie vor zahlen viele Arbeitgeber nur ein Taschengeld für den Vollzeiteinsatz im Unternehmen, in einigen Branchen gibt es gar kein Geld. Dennoch sind Praktika begehrt. Sie sind schließlich eine Investition in den Lebenslauf, die sich später auszahlen soll.

Doch der Wunsch nach einem weiteren Praktikum und die finanzielle Situation von Studierenden können hart aufeinander prallen. Wenn das Praktikumsgehalt den Lohn aus dem Studentenjob nicht ersetzt, rutscht das eigene Konto in die roten Zahlen. Studenten beginnen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen an der Uni. 28 Prozent der Studierenden bekamen 2012 eine Förderung über das BAföG, etwa 60 Prozent geben an, Geld von ihren Eltern zu bekommen, zwei von drei Studierenden verdienen eigenes Geld, hingegen profitieren nur etwa fünf Prozent von einem Stipendium oder nehmen ein Darlehen auf.

Was brauchen Studenten zum Leben?

Ein Student hat im Schnitt 864 Euro monatlich zur Verfügung, das geht aus der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hervor. Für widerkehrende Ausgaben wie Miete, Fahrtkosten, Essen, Kleidung, Lernmittel und Kommunikation fallen im Monat durchschnittlich 794 Euro an. Viel Spielraum bleibt da ohnehin nicht. Ein geklautes Fahrrad oder ein kaputtes Laptop verlangen ein großzügiges Dispo – und Familienzuwachs will gut geplant sein. Doch wie finanziert man sich, wenn die 400 Euro aus dem Nebenjob in den drei Monaten eines Praktikums mit null Euro ersetzt werden? Für das erste Pflichtpraktikum im Studium springen vielleicht die Eltern ein, oder man opfert Nächte und Wochenende für einen Job hinter der Bar. Doch daran zeigt sich: Die Möglichkeit, eine Vielzahl von Praktika freiwillig zu absolvieren, um viel Erfahrung zu sammeln und in Bewerbungsverfahren zu punkten, ist auch eine Frage des Geldes. Wer keine familiäre Unterstützung hat, kein zusätzliches Einkommen oder kein bezahltes Praktikum findet, bleibt von praktischer Erfahrung und Netzwerken ausgeschlossen. Die Vergütung von Praktika sicherzustellen und anzugleichen, ist also vor allem eine Frage der Chancengerechtigkeit.

In ihrem Gesetzesentwurf zum Mindestlohn plant die Bundesregierung nun die Bezahlung von Praktikanten zu regulieren. Auch sie sollen mit 8,50 Euro die Stunde vergütet werden, wenn das Praktikum freiwillig absolviert wird. Freiwillig bedeutet in diesem Fall, dass es sich nicht um einen verpflichtenden Ausflug in die Praxis im Rahmen von Studium oder Ausbildung handelt. Die Regelung betrifft daher alle Arbeitsverträge, die ein Student zusätzlich zu den vorgeschriebenen Praktika machen möchte, sowie Praktika nach Studienende. Dauert ein solches Praktikum länger als sechs Wochen, soll in Zukunft nach Mindestlohn bezahlt werden. Für ein Vollzeitpraktikum gibt es dann zwischen 1.300 und 1.400 Euro brutto. Doch wer mitten im Studium ist und eines der Pflichtpraktika macht, die seine Studienordnung vorsieht, kann weiterhin leer ausgehen. Eine gesetzliche Vergütung für alle Praktika sucht man im Gesetzentwurf vergeblich. So werden auch weiterhin viele Praktikanten für ihre Arbeit in Unternehmen keinen Cent sehen. Ist das fair?

Praktika als Ausbeutung

Befürworter des Gesetzentwurfes betrachten ihn als Ende der „Generation Praktikum“. Sie sehen in schlecht bezahlten Berufspraktika nach erfolgreich abgeschlossenem Studium ein ausbeuterisches Arbeitsverhältnis, das echte Jobs ersetzt. Kritiker hingegen befürchten, dass sich die Zahl von 600.000 Praktikumsstellen, die laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jedes Jahr in Deutschland angeboten werden, deutlich reduziert. Insbesondere für kleine Unternehmen wie Startups, Kultureinrichtungen und NGOs könnte es schwierig werden, Absolventen Berufseinblicke zu gewähren. In der Kreativwirtschaft ersetzen Praktika zudem bisweilen die Ausbildung. „Ein Praktikum ist meist der einzige Weg für junge Menschen zum Job in Film und Fernsehen und für Unternehmen zu Nachwuchs,“ äußerte sich Christoph Palmer, Geschäftsführer der Produzentenallianz in einer Presseinformation zum Thema.

Das Schlupfloch, nur sechs Wochen in eine Organisation hineinzuschnuppern, dürfte für alle Beteiligten keine befriedigende Lösung sein, da nach der Einarbeitungszeit kaum noch Raum bleibt um viel zu lernen oder ein Projekt komplett zu begleiten.

Der Mindestlohn für Praktikanten ist nicht zu Ende gedacht

So wie der Mindestlohn für Praktikanten jetzt geplant ist, profitiert nur eine kleine Gruppe von Berufsanfängern von ihm. Junge Menschen mit abgeschlossenem Studium oder Berufsausbildung, die in zahlungskräftigen Branchen und Unternehmen Fuß fassen wollen, können in Zukunft mit fair bezahlten Praktika rechnen, von denen sich die Studentenwohnung weiterhin gut bezahlen lässt – ohne Unterstützung der Eltern oder BAföG. Doch die finanziellen Probleme von Studierenden im Praktikum löst der Gesetzesentwurf nicht. Wenn zudem das Angebot von Stellen an die Profitabilität einer Branche gekoppelt ist, dürften Studenten aus den Kultur- und Sozialwissenschaften bald nur noch aus einer knappe Auswahl von Stellen wählen oder sie müssen sich mit sechswöchigen Schnupperpraktika begnügen.

Der Mindestlohn für Praktikanten ist nicht durchdacht. In Bildung zu investieren bedeutet in diesem Fall, Analyse und Zeit in politische Lösungen für Praktikanten zu investieren, die sie vor Ausbeutung schützen und ihnen sinnvolle und gute Praktikumsbedingungen sichern. Wenn eine 23-jährige Studentin in ihrem Pflichtpraktkum nichts bekommt und ihr Kommilitone, der freiwillig Erfahrungen im gleichen Unternehmen sammelt, künftig 8,50 Euro in der Stunde verdient, ist das nur noch absurd. 400 Euro sind für jede Branche angemessen, damit Studierende und Auszubildende ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Nach Ausbildungsende muss es mehr sein, da zu diesem Zeitpunkt Studentenvergünstigungen und das BAföG wegfallen und Eltern nicht ewig das Leben ihrer Kinder mitfinanzieren können. Zudem muss Politik und Unternehmen klar sein, dass auch bezahlte Praktika eine zeitliche Begrenzung brauchen. Sechs Wochen sind für ein Praktikum zu wenig, mehr als sechs Monate sind zu viel. Die Startchancen in den Beruf verbessert das nicht.

+ posts

Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.