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Von Schönen und Biestern – Eine Nacht im Club

Julia nimmt euch mit ins Nachtleben, das so in ganz Deutschland jedes Wochenende stattfindet – Eine bissige Analyse.

 

Was hat modernes „Clubbing“ mit der ZDF-Serie „Kudamm 56“ zu tun? 

Zunächst einmal tatsächlich gar nichts. Bis auf den herrlich passenden Ausspruch der gestrengen Tanzschulmeisterin auf den Vorschlag, doch Rock n´Roll ins Repertoire aufzunehmen: „Das führt geradewegs in den Urwald!“

Clubbing bedeutet in vielen Städten „Hiphop/RNB“ Party

Genau da komme ich gefühlt jedes Mal her, wenn ich mal wieder einer Freundin zuliebe (Geburtstag) in einen so genannten „Club“ gegangen bin, was in den meisten Städten leider nach wie vor „Hip Hop/RNB“ bedeutet. In diesem Club sollte dieses Motto nur Freitags gelten und natürlich war es ein solcher. 
Um dem üblichen Elend etwas abzugewinnen, beschloss ich diesmal, zwischen Wodkamaracuja und Gintonic, eine kleine Feldstudie anzustellen, vulgo, die Leute um mich herum schlicht zu beobachten. Hier passt erfreulicherweise gleich ein Zitat von den Ärzten: „Männer und Frauen sind das nackte Grauen!“

Unterschreibe ich doch, waren doch tatsächlich erstaunlich viele Frauen hier sehr nah dran an der Textillosigkeit. 

Statt des „Basic Instinct“ angesichts der Vielfalt an leidlich bekleideten Mitmenschen packte mich vor allem das große Erstaunen, wie sehr sich doch das Balzverhalten des klassischen Publikums solcher Parties mit den Abläufen innerhalb der meiner Kindheit heißgeliebten Tierdokus glich. Um es noch deutlicher zu machen: Ich fühlt mich wie im Zoo. 

Die Gewinnerin der letzten Bachelorstaffel 

Schon im Eingangsbereich wiesen mich meine ebenfalls irritierten Begleiterinnen darauf hin, das leicht bekleidete Geschöpf vor uns in der Schlange sei die Gewinnerin der letzten Bachelor Staffel – kein Wunder, hatte die Gute doch quasi nichts über ihre beneidenswert zierlichen Schultern gezogen, ein Rückenausschnitt zum verlieben, – hätte ihr Kunstlederminirock nicht haarscharf über dem Hintern geendet, man hätte sie gerade noch als Dame durchgehen lassen können. Fehlanzeige, ein Blick in ihr Gesicht ließ keinen Schluss mehr auf ihre Persönlichkeit zu, ich bin beeindruckt von solch fortschrittlicher Spachteltechnik am lebenden Objekt, so kannte ich das bisher bestenfalls aus dem Louvre. 

Böse Buben wie aus dem Bilderbuch

In der Annahme, hier einem Einzelfall begegnet zu sein, schafften wir es nun an den finsteren Türstehern vorbei, die samt und sonders einem schlechten Film entsprungen zu sein schienen – Wenn ich wissen müsste wie echte Mafiosi, Zuhälter, Gangster und sonstige Finsterlinge aussehen – Die Jungs würde ich vom Fleck weg casten!

Nicht unter 12 cm Absatzhöhe!

Doch geschafft! Bangte ich schon am Eingang, möglicherweise zu „leger“ gekleidet zu sein, da die überwiegende Mehrheit der Damen in Schuhen nicht unter 12 cm Absatzhöhe anstand und Kleider trug, die ich das letzte Mal unter 18 in der Überzeugung getragen hatte, damit angemessen bekleidet zu sein, ließen uns die Finsterlinge durch. 

Flaschen mit Fantasiepreisen für Flaschen

Drinnen erwartete mich das übliche Bild, das ich so auch 1 zu 1 von der Kölner Hauptfeiermeile „Die Ringe“ nur zu gewohnt war (siehe Geburtstage von Freundinnen): Zentral eine Bar, wo die fleißigen Bienchen die Eiskübel mir Flaschen bestückten, die für mehrere Hundert Euro an die amüsierwütige Meute ausgegeben wurden, selbstredend an die Privattische im VIP Bereich. Drum herum die „Partypeople“ die es ihres Zeichens ordentlich zu Hits krachen ließen, die ich zuletzt Anfang der Nullerjahre ironiefrei gehört hatte. Damals hab ich Gott sei Dank die Texte noch nicht verstanden.  

Männerauswahl erfolgt nach Umfang von Portemonnaie oder Bizeps

Da waren sie also die Gäste, die offensichtlich überall dem gleichen Prinzip folgen: Frauen tragen so wenig wie möglich, die goldene Regel „Beine ODER Titten“ scheint außer Kraft zu sein, es gilt nicht nur beim Make Up „viel hilft viel“ wobei dies in Textilien übersetzt eher einem Hauch von Nichts entspricht. Da laufen ganze Rudel zum Teil bildschöne junge Frauen rum, die sich verstohlen nach (männlicher) Aufmerksamkeit umdrehen und bei jedem halbwegs tanzbaren Lied eine Show abliefern, für die anderorts vermutlich professionelle Tänzerinnen engagiert werden müssten. Ekstatisch wiegen sich Hüften, wippen kunstvoll drapierte Frisuren und maskenhafte Gesichter zur Musik, während die Objekte der Begierde nach dem Anschein ihrer Solvenz abgescannt zu werden scheinen, oder dem Umfang ihres Bizeps. 

Irgendwie tanzen die hier anders als in der Tanzschule

Für die Attraktivität der Herren scheint es zwei feste Regeln zu geben: „Haste Geld haste Freunde“ oder „Der krasseste Assi gewinnt“ – Reihenweise staksen junge Mädchen in mörderisch hohen Highheels durch die Szenerie (Okay ich habe Hochachtung vor der Leistung, mehr als drei Stunden auf diesen Schuhen zu ertragen), manche zupfen sich die zu kurzen Kleider notdürftig über den Hintern und wenn ein vielversprechendes Objekt gesichtet ist wird die beste Freundin geschnappt und so aufreizend wie möglich „getanzt“ – Ich hab in der Tanzschule ja irgendwie andere Dinge gelernt, aber spätestens als zwei Damen aus Versehen mitten auf der Tanzfläche die Balance beim „Tanzen“ verlieren, ist es um mich geschehen – ich wusste, ich muss nach Hause um diesen Text zu schreiben.

Dreckiges Geld für eine Nacht 

Was sich hier abgespielt hat, spielt sich so tausendfach jedes verdammte Wochenende in den „Tanz“ Clubs dieser Welt ab. Junge Frauen ziehen sich so wenig wie möglich an, erscheinen auf Schuhen, die ein Taxi nach Hause (auf kosten der aktuellen Eroberung) geradezu lebensnotwendig machen und biedern sich an oben genannte Gestalten an. Dem gegenüber gehen Typen wahlweise in Klamotten, die in etwa „ich bin der krasseste Macker bei mir im Ghetto“ oder „Ich kauf dich einfach“ ausdrücken, die unverhohlen zeigen, dass sie mit ihrem aus den dreckigsten Sümpfen der Illegalität stammenden Geld irgendeins dieser Hühner dazu bringen können, für eine Nacht das Gefühl von Macht zu verschaffen. 

Madonna, Christina und Rihanna wissen wie man stilvoll nackt ist

Hier möchte ich noch einmal sicherheitshalber betonen, dass ich mich keinesfalls zur lustfeindlichen Seite von Feminismus und Emanzipation zählen würde und mir der Natürlichkeit menschlichen Balzverhaltens durchaus gewahr bin – aber das ging doch auch alles schon mal anders. Hat es nicht Christina Aguilera damals (2002… Oh man ich werd alt) in „Dirty“ vorgemacht? JA genau, in ihrer Skandalzeit, wo alle Welt empört war über diese Anti-Britney, die offenbar mit Absicht ihre körperlichen Reize betont als hätte jemand die zweite sexuelle Revolution ausgerufen. Bei allem „Dirty“, aller Nacktheit, all den „obzönen“ Posen – In meiner Erinnerung war sie nie das Opfer. In meiner Erinnerung ging sie damit in einer Linie mit Madonna, in dem sie auch „dunklere“ Facetten weiblicher Sexualität hemmungslos betonte und von blumigen Klischees befreite. Rihanna könnte heute als Nachfolgerin dieser Attitude gesehen werden, auch sie würde Kerzen wahrscheinlich nicht nur für eine schummrige Schlafzimmerbeleuchtung verwenden. Diesen Frauen ist eines gemein: Selbst wenn sie splitterfasernackt und in High Heels auf der Tanzfläche stünden, sie vermitteln im selben Moment konsequente Selbstachtung. 

Das Bild der hübschen jungen Mädchen („Alter trägt die da echt nur Unterwäsche als Oberteil?!“) zeigte trotz ähnlicher Ästhetik vielfach nur eins: Gnadenlose Unterwerfung. 

Ich beobachte hier vor Allem die regelmäßige Festigung von Stereotypen, die so beklagenswert sind, dass es in der Seele wehtut. Frauen, die vermitteln, einzig und allein aufgrund ihres Aussehens begehrenswert zu sein, Männer die sich entweder in potenzieller körperlicher oder finanzieller Überlegenheit präsentieren. SIE bietet jugendliche Schönheit, ER bietet „Street Credibility“ oder schlicht „einen Hauch von Luxus.“ Auf die Gefahr hin, jetzt Unmut auf mich zu ziehen zitiere ich hier den legendären Assi Toni, weil dies meinen Gedanken dazu am meisten entspricht: „Die Nutten die sin raffiniert – die nehmen die Kohle an!“

Die einzige Frau mit Brille im Laden

Für diese These spricht, dass ich im ganzen Laden die einzige Frau war, die sich erdreistete nicht nur eine der wenigen Damen mit flachen Schuhen zu sein sondern auch noch *SKANDAL* mit Brille wagte „feiern“ zu gehen – Ich stelle mir mit einem leisen Lachen vor, wie böse das Erwachen für einige dieser Leute sein muss, wenn sie nicht mitbekommen haben mit wem sie sich da so eingelassen haben. 

Wenn das dieses Reallife ist, verstehe ich jede(n) der Tindert

Ich will mit dieser Beobachtung niemanden angreifen, der diese Art Musik als ideale Partymukke empfindet und sich damit ungezwungen amüsieren möchte. Was ich jedoch bedenklich finde ist die Oberflächlichkeit und die unverhohlene Eindeutigkeit des Gesamtgeschehen, das sich auf solchen Partys nun einmal abspielt. Das Leben ist schön und es ist völlig normal, die freien Tage zu nutzen um mal zu gucken was so geht – aber selbst Tinder ist konsumentenfreundlicher als diese Art von Fleischmarkt, immerhin kommt via Textnachrichten eine Unterhaltung zu Stande bevor es zur Sache geht. 

Zum Seitensprung aufs Discoklo? Ja ne is klar

Eine Freundin, die zu der Sorte Frau gehört, die in solchen Läden in der Unterzahl ist (Sprich: bekleidet und ein Tanzstil, der Affinität zur Musik vermuten lässt) erzählte mir folgendes: Nachdem sie sich etwas „eingehender“ mit einem Typen beschäftigt hatte, schlug dieser vor, man könne doch zu ihr gehen – sie verneinte, da sie Besuch zu Hause hatte. Nach seinem Vorschlag, man könne ja auch auf Toilette gehen, war der Ofen aus. Es stellte sich darauf hin heraus, dass der Hallodri seit vier Jahren in einer festen Beziehung steckte, aber gerne seinen Spaß gehabt hätte. Alter wie ekelhaft ist das denn?! Wenn das der Standard ist, wundere ich mich über gar nichts mehr – weder über den Aufzug der „Damen“ noch übere das vulgär-machohafte Auftreten der Herren, die in ihrem Gebaren an Menschenaffen mit der Betonung auf Affe erinnern. 

Es bleibt die Frage was es da noch zu feiern gibt

Fazit: Ja, auch in meinem Leben gab es eine Phase, in der ich darauf gebrannt habe, auf diese Art zu „feiern“, doch lässt sich dies in Zeiten verorten, wo ich legal nicht mal einen Gin Tonic hätte bestellen können, da ich dann doch recht schnell gemerkt habe, dass ich unter „feiern“ etwas anderes verstehe. Erschrecken tut mich trotzdem, wie stark auf solchen Veranstaltungen deutlich wird, wie weit sich unsere Gesellschaft noch von einem respektvollen Umgang zwischen den Geschlechtern befindet. Wenn ein nicht geringer Teil des Partyvolks das Wort „Feiern“ mit dem Austausch von Schönheit gegen Geld mit überteuertem Alkohol als Vorspiel verbindet, wundere ich mich, was es da noch zu feiern gibt. 

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