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Ergreifend, lustig und brutal: „Big Pig, Little Pig“ – ein ehrliches Buch über Fleischkonsum

„Darf man Tiere, die man liebt trotzdem essen?“, fragt sich die Autorin Jacqueline Yallop in ihrem Roman „Big Pig, Little Pig“. Eindrücklich beschreibt sie ihre Erfahrungen nach einem Jahr des Schweinezüchtens in Frankreich.

 

„Big Pig, Little Pig“

Es ist eine Frage der Moral, ob man Tiere nutzt und isst. Jacqueline
Yallop hat sich mit ihrem Mann dazu entschieden, ihrem idealen Leben auf dem
Land im Südwesten Frankreichs so nahe wie möglich zu kommen. Sie kaufen zwei Ferkel, die sie ein Jahr lang aufziehen und danach schlachten wollen. Doch je mehr Zeit sie mit den Tieren verbringen, desto stärker zweifeln sie an ihrem
Vorhaben. Kann sie sich tatsächlich von ihren Schweinen trennen – und sie sogar selbst töten? Yallops Roman ist für jeden, der an Natur- und Umweltfragen interessiert ist, an Ernährung, Landwirtschaft, Landleben und Frankreich. Wir stellen euch einen Auszug aus „Big Pig, Little Pig“ vor:


Die Autorin Jacqueline Yallop. Quelle: Privat

Als ich zum ersten Mal mit Mühe die Tür aufdrücken und einen ersten Blick auf das Stück Land dahinter werfen konnte, schlug mir das Herz bis zum Hals. Ein Augenblick des Entdeckens: Ein „secret garden“ lag vor mir, Meisen und Finken flogen umher, und bestimmt gab es auch Schlangen, Kaninchen, Mäuse und andere verborgene Dinge. Wie in dem Kinderbuch The Secret Garden gehört
mir dieses Fleckchen Erde nicht, ich habe kein Anrecht darauf. Aber es fühlt
sich sofort so vertraut an, als wäre es mein Land, mein Reich, ein geheimnisvoller Ort. Ich bin sofort neugierig auf seine Geschichte. Wer hat die
Obstbäume gepflanzt? Warum hat ein so kleines Stück Land so eine sorgfältige
Mauer? Wer hat es vor mir gepflegt, wer hat die kleine Tür weiß getüncht, wer
hat sie vor mir geöffnet?

In diesem verlassenen Teil von Frankreich gibt es viele solcher zusammengestürzter und zu Ruinen verkommener Gebäude, Einblicke in vergessene Leben, Fragen ohne Antworten. Zwischen sorgsam gepflegten Feldern mit ihren Zäunen finden sich häufig verwilderte Parzellen mit alten oder
umgestürzten Bäumen, hohem Unkraut und halb verfallenen Mauern, durch deren Lücken Rehe, Wildschweine und Dachse ein und aus gehen. Dieses Land wurde früh besiedelt und ist dennoch ein leeres Land. Ein Ort alter Hünengräber und verfallener, nur noch zum Teil bewohnter mittelalterlicher Dörfer. Mit alten Steinhütten, den caselles, die einst den Feldarbeitern und Viehhirten Schutz boten vor der heißen Sonne oder dem Regen und einen sicheren Schlafplatz für die Nacht, und die jetzt mit den Resten von rostigen, landwirtschaftlichen Geräten vollgestopft oder einfach vergessen sind. Die Viehweiden und kleinen Orte sind durch ein Netz aus Wegen miteinander verbunden, von Steinmauern gesäumt. Es gibt keine Markierungen oder Wegweiser, und an manchen Stellen wurden die Pfade zugeschüttet und die Steinmauern abgerissen. Viele Wege wurden mit leuchtend blauem Seil abgesperrt, andere sind so zugewuchert, dass es kein Durchkommen gibt. Das ist das Department Aveyron, das ländliche Zentrum Südwestfrankreichs, eine arme Gegend am Rand des massiven, gnadenlosen Kalksteinplateaus Causse, auf den Landkarten nur schwer zu finden, weit weg von Autobahnen, TGV-Strecken und Großstädten: Hier verrotten die Hinterlassenschaften vieler vergangener Leben.

Das für unsere Schweine vorgesehene Stückchen Land ist so ein verlassener Überrest und so unbedeutend, dass sich die Bauern nicht darum kümmern. Das Land ist weder die Zeit noch das Geld wert, die nötig wären, um es zu kultivieren. Der Garten unseres Hauses, überwiegend mit Gras bedeckt, ist
fast einen Morgen groß, in ein paar Beeten direkt am Haus wachsen Lavendel,
Rosen, Malven und Bartnelken, außerdem gibt es ein großes Gemüsebeet, ein paar Obst- und Nussbäume und einen sumpfigen Weiher, in dem es von Fröschen wimmelt. Doch der Garten eignet sich nicht für Schweine: Er ist zu offen, zu kleinteilig, seine Form zu unregelmäßig. Man kann ihn nur schwer umzäunen, und das macht es unmöglich, Nutztiere vom Haus, den Blumenbeeten und der Wäscheleine fernzuhalten. Deshalb haben wir uns das verlassene Land von einem Freund geliehen, der viele solcher kleiner Flecken besitzt. Er leiht uns dieses Gelände solange, bis unsere Schweine ausgewachsen sind.

aus: „Big Pig, Little Pig – Darf man Tiere, die man liebt,
trotzdem essen?“
, Verlagsgruppe Random House GmbH, 12. März 2018, 351 Seiten, 16 Euro

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