Foto: Ali Kepenek

Anja Delastik: „Es darf nicht sein, dass fast ausschließlich Männer über unsere Zukunft entscheiden“

Die Chefredakteurin der deutschen Cosmopolitan appelliert an Frauen, sich gegenseitig Mut zu machen und mitzumischen. Sie hat uns erzählt, wer sie inspiriert und welche Erkenntnisse sie im Leben weitergebracht haben.

 

„Man muss kein Arsch sein, um Erfolg zu haben“

Anja Delastik kennt Frauen in all ihrer Vielfalt, denn sie ist in der weiblichen Medienlandschaft schon lange Zuhause. Sie hat als Journalistin früh in ihrer Karriere die ganz jungen Formate „Mädchen“ und „Bravo Girl“ in Führungspositionen mit geleitet und war von 2010 bis 2015 Chefredakteurin der „Jolie“, bevor sie Chefin der deutschen Cosmopolitan wurde.

Wir haben mit ihr im Interview über ihre Erfahrungen – auch mit Karrierebrüchen, denn Anja Delastik brach ihr Jura-Studium ab – gesprochen, was „Female Empowerment“ für sie bedeutet, wer sie inspiriert und was sie jüngeren Menschen rät, um etwas zu bewegen.

Wann hast du zuletzt einen anderen Menschen dazu bewegt, mutig zu sein?

„Heute, denn das ist einer der wichtigsten Bestandteile meiner Arbeit bei Cosmopolitan. Wir ermutigen unsere Leserinnen, furchtlos ihren Weg zu gehen. Ganz gleich, in welchen Lebensbereichen. Eine Frau soll tragen können, was sie will, aussehen dürfen, wie sie will, schlafen können, mit wem sie will und tun können, was sie will.“ 

Welche Erkenntnis hat dich im Leben entscheidend weitergebracht?

„Man muss kein Arsch sein, um Erfolg zu haben. Ich habe früher selbst oft darüber nachgedacht und höre auch heute noch Frauen in Führungspositionen jammern: ,Ich bin viel zu lieb. Wer zu nett ist, wird nicht erstgenommen/ausgenutzt/untergebuttert.‘ Inzwischen halte ich das für kompletten Schwachsinn. Es ist viel wichtiger, authentisch zu bleiben, damit einem am Ende des Tages keinen Würgreiz bekommt, wenn man in den Spiegel schaut. Besonders zuwider sind mir Leute, die nach oben buckeln und nach unten treten. Führungsstärke, Entschiedenheit und Kreativität haben nichts mit Unhöflichkeit zu tun. Und ein guter Mensch sein zu wollen, ist kein Makel.“

Hast du dich schon einmal komplett neu erfunden?

„Nicht wirklich. Im Gegenteil: Ich habe mit den Jahren immer mehr zu mir selbst gefunden und versuche heute weniger als früher, meine … schrägen Seiten zu verstecken: zum Beispiel meine Tattoos und meine Musikvorlieben, Zuhause liegen Konzerttickets für Guns’n’Roses, Mayhem, Nick Cave. Und meine Facetten, denn ich bin ein ,Social Introvert‘.“

Was ist deine Super-Power?

„Ich kann Kohlen aus dem Feuer, Kinder aus dem Brunnen und Kühe vom Eis holen.“

Warum gehen die Themen Weiblichkeit und Zukunft für dich Hand in Hand?

„Weil Frauen knapp 50 Prozent der Weltbevölkerung darstellen, doch nur neun Prozent aller Staaten dieser Erde eine weibliche Regierungschefin oder Staatsoberhaupt haben. Es kann und darf nicht sein, dass beinahe ausschließlich Männer über unsere Zukunft entscheiden. Und solange der besser ausgebildete, kompetentere Kandidat den Job NICHT bekommt, weil er eine Frau ist, haben wir noch viel zu tun.“


23.Januar 2017: US-Präsident Trump im Kreise seines Teams beim Unterschreiben der „Executive Order“, die „International Planned Parenthood“ die staatlichen Mittel streicht

Was ist entscheidend dafür, dass Netzwerke gut funktionieren und etwas bewegen können?

„Eine offene und rege Kommunikation, Kritik inklusive. Ansonsten bringt’s wenig. Und natürlich, dass alle Mitglieder sich gegenseitig unterstützen – und nicht nur sich selbst im Blick haben.“

„Wir müssen unsere eigenen Vorurteile hinterfragen.“

Was müssen wir jetzt bewegen, damit die Zukunft sich für alle in eine positive Richtung wendet?

„Zunächst einmal müssen wir bei uns selbst anfangen und unsere eigenen Vorurteile hinterfragen. Warum zum Bespiel möchten so viele Frauen lieber einen männlichen statt einen weiblichen Chef?

Und dann natürlich: Uns gegenseitig protegieren, einander Mut zusprechen, aber auch Forderungen stellen. Das können kleine Aktionen sein, wie etwa unsere #FrauenVor-Kampagne, durch die sich Frauen in öffentlichen Verkehrsmitteln sicherer fühlen sollen. Flagge zeigen, zum Beispiel bei großen Aktionen wie dem Women’s March. Letztlich geht es darum, sichtbarer und lauter zu werden und Frauenthemen verstärkt ins gesellschaftliche Bewusstsein zu hieven. Erst wenn der öffentliche Druck groß genug ist, wird sich auch auf höherer Ebene etwas ändern.“

Welcher Mann und welche Frau haben dich in deinem Leben besonders inspiriert und wieso?

„David Bowie war schon immer ein Künstler, der mich inspiriert hat. Sein Tod ist mir sehr nahe gegangen. Bowie hatte Ecken und Kanten, war immer auf der Suche nach neuen Arten, sich auszudrücken, hat viel experimentiert, Talente protegiert und war – das bestätigen alle, die ihn in späteren Jahren getroffen haben – ein wahnsinnig höflicher Mensch.

Eine Frau, die mich seit den Neunzigern inspiriert, ist die Schriftstellerin Siri Hustvedt. Ich war damals Literaturstudentin und anfangs nur neugierig darauf, was ,die Frau von Paul Auster‘ denn so zu Papier bringt. Ich erinnere mich, wie verzaubert und beeindruckt ich von ihren ersten Romanen war. Und auch irgendwie stolz darauf, wie Hustvedt sich mit Intelligenz, Talent und Weiblichkeit aus dem Schatten ihres berühmten Mannes befreite und plötzlich so viel mehr als nur ,die Frau von‘ war.“

„Mach dir nicht so viele Gedanken darüber, ob andere dich mögen. Die meisten von denen mögen sich noch nicht mal selbst.“

Welchen Rat würdest du heute deinem jüngeren Ich geben?

„Es gibt ja diesen Spruch: ,If you do what you love, you’ll never work a day in your life.‘ Leider kannte ich den früher noch nicht und hab mich zunächst ganz entgegen meiner eigentlichen Interessen für ein solides Jura-Studium entschieden. Ich wollte auf Nummer Sicher gehen – das hat sich gerächt, ich fand’s superlangweilig und hab dadurch anderthalb Jahre verschwendet.

Einen weiteren Rat, den ich meinem jüngeren Ich geben würde: ,Mach dir nicht so viele Gedanken darüber, ob andere dich mögen. Die meisten von denen mögen sich noch nicht mal selbst.‘“


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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

  1. Wo denken Sie ist die Geschlechter-Gerechtigkeit am besten heutzutage realisiert? Richtig, in Skandinavien: Schweden, Finnland, Norwegen.

    Wie sieht es aus mit Geschlechter-Gerechtigkeit in Algerien? Ziemlich schlecht.

    Was denken Sie, in welchem Land entscheiden mehr Frauen für MINT Berufe wie Mathematik oder Physik: In Schweden oder in Algerien? In Algerien. In welchem Land entscheiden mehr Frauen für Beruf Grundschullehrerin und Ärztin: In Schweden oder in Algerien? In Schweden.

    Überraschung?

    Was sagt das? Wenn Frauen wirklich freie Wahl haben, wählen sie sehr oft nicht das, was Feministen erwarten.

    Das nennt sich „gender paradox“. Sie können sich informieren.

    Das gleiche mit Politik. Ja, es gibt Männer die Vorurteile gegenüber Frauen haben. Der Hauptgrund ist aber ein anderer: Die meisten Frauen wollen das einfach nicht.

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