Foto: Gordon Anthony McGowan – Flickr – CC BY-SA 2.0

Deutschland, du brauchst mehr Arschlochfrauen

Die Frauenquote ist seit 2016 offiziell, dem Sexismus in der Angestelltenwelt der Kampf angesagt. Aber wie steht’s um die faire Bezahlung von Freiberuflerinnen in der Kreativbranche?

 

Geldgeile Zicken

Ich kenne einen Witz. Der geht so: „Wie heißen
Freiberufler, die sich über schlechte Bezahlung aufregen?“ – „Geschäftsmänner.“
 „Und wie nennt man Freiberuflerinnen, die sich über schlechte Bezahlung
aufregen?“ – „Zicken.“ 25,5 Prozent der Gründer in Deutschland sind Frauen. Im Jahr
2015, so gibt es die Künstlersozialkasse auf ihrer Website an, verdienten
weibliche Mitglieder durchschnittlich 4000 Euro weniger als die männlichen
Kollegen. Überfordert die Chefrolle das zarte Geschlecht?

Deutschland, du brauchst mehr
Arschlochfrauen. Jene, die sich einen Dreck darum kümmern, was andere denken.
Die zu dem stehen, was sie draufhaben. Dein Kunde weigert sich, zu bezahlen?
Leg dir einen Rechtsschutz zu. Du bekommst eine Projektanfrage ohne Budget?
Mach klar, dass du nicht mietfrei wohnst. Dass du auch mal Urlaub brauchst;
dass du statt Fiat Panda im nächsten Sommer Mercedes mit Schiebedach fahren
willst. Glaubst du, das hast du nicht verdient?

Ich treffe eine freie Art Direktorin. Sie kommt gleich
zur Sache. „Sobald ich auf das branchenübliche Honorar bestehe, werde ich nicht
mehr gebucht.“ Das fände sie mittlerweile normal. Sagt sie ihre Meinung zu
einer Idee oder einem Entwurf, gilt sie in der Agentur als anstrengend. „Die
wollen einen Typen, der nur Pixel schubst und die Klappe hält.“

Auf Twitter schreibt mir eine freie Journalistin aus
Hamburg. Sie wurde offen auf ihre Verhandlungstaktiken angesprochen. „Zeigen
Sie doch mal Ihre weibliche Seite“, säuselte der Auftraggeber charmant in den
Hörer, „dann finden wir vielleicht zusammen.“

Eine freie Autorin aus Köln überlegt derweil, sich ein
männliches Pseudonym zuzulegen. Schlägt sie ihren Auftraggebern
Lifestyle-Themen vor, muss sie nicht verhandeln. Geht es um den Sport- oder
Wirtschaftsteil, kämpft sie um jeden Euro – im Gegensatz zum männlichen
Autorenstamm.

Deine Arbeit ist mehr wert

Wir
machen uns angreifbar, weil wir nicht an uns glauben. Weil wir Harmonie wollen,
um jeden Preis. Psychologen nennen dieses Phänomen Impostor-Syndrom. Es
ist die Angst vor dem Auffliegen der scheinbaren Inkompetenz. Bei welchem
Geschlecht dies am meisten verbreitet ist? Daniel Merk, Geschäftsführer von DER PUNKT, musste
sich in seiner Agentur oft von männlichen Freien trennen, die mit ihren
Honorarvorstellungen abgehoben waren. „Bei Frauen ist mir das noch nie
passiert.“ Müge Akin,
Head of Recruiting bei Zum Goldenen Hirschen, kann das bestätigen:
„Freiberufliche Frauen treten bescheidener auf – auch was die Honorare
betrifft. In allen Disziplinen, wie Kreation, Strategie, Projektleitung, liegen
die mir bekannten Spitzenhonorare bei Männern.“

Fordert euren Wert ein!

Und über was für Spitzenhonorare reden wir hier? Wie
unterscheiden sich diese von unseren Vorstellungen? Haken wir doch mal nach.
Unverblümt und frei heraus. Dass man über Geld nicht spricht, kann nur jemand
gesagt haben, der seine Bezahlmoral geheim halten will. Offizielle Zahlen
gibt’s bei Freien-Verbänden wie dem Deutschen Journalisten-Verband oder dem
Fachverband Freier Werbetexter. Durchsetzen müssen wir diese aber selbst. Dass
das nicht immer einfach ist, weiß ein erfahrener Lektor bei freien Autorinnen
auszunutzen: „Frauen sind eher bereit, Kompromisse einzugehen, wenn ich denen
was von Geldproblemen erzähle. Männern ist das scheißegal.“

Mädels, wir müssen rigoroser
werden. Unsere
Eier von innen nach außen kehren. Klare Ansagen, weniger
Schnick Schnack. Werden wir dafür als Zicken oder frigide Feministinnen
beschimpft, sollten wir das aushalten. Sehen wir als das, was es ist: ein
patriarchisches Werkzeug, um Preise zu drücken. Warum müssen wir uns dreifach
beweisen, um ernst genommen zu werden? Warum kämpfen wir für einen Stundensatz,
den unsere männliche Kollegen in Verhandlungen nicht mal erwähnen? Das, was wir
einnehmen, steht uns zu. Das, was wir machen, machen wir gut. Pardon, wir
machen es sogar ganz hervorragend. Es ist an der Zeit, dass wir das auf unserem
Konto sehen. Befreien wir uns vom Dogma, der uns seit Kindertagen
eingetrichtert wurde: „Sei genügsam und zurückhaltend. Sonst hat dich keiner
mehr lieb.“

Sagen wir doch einfach mal: Scheiß drauf.


Titelbild: Gordon Anthony McGowan – Flickr – CC BY-SA 2.0

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