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Niedlich, freizügig und klug? Ein Paradoxon.

Manchmal frage ich mich wirklich, in welchem weiblich eingeschränkten Schubladen-Jahrhundert wir eigentlich leben. In Saudi-Arabien dürfen Frauen endlich Auto fahren und da fahren wir in Deutschland ja längst auf der Überholspur, aber nicht nur die vielen nationalen Hasskommentare im Netz, die sich gegen eine Frau richten, die es wagt ein WM-Spiel zu kommentieren, lassen mich darüber nachdenken, wie weit wir hier eigentlich mit unserem Feminismus sind.

 

Persönlich angeregt (als Frau, die ständig für irgendein männliches Verhalten mitsamt weiblicher Note kritisiert wird) wurde meine Schubalden-Feminismus-Frage durch folgendes Statement von Karla Paul von der „Buchkolumne“ auf Twitter: „Diese Unart von selbst erwachsenen Frauen, sich auf Bildern niedlich darstellen zu müssen – Kopf schief, Schnute raus, Augenzwinkern – gibt es dazu Studien bzw. wissenschaftliche Auseinandersetzung?“

Zunächst die Definition laut Duden des Wortes Unart: „Schlechte Angewohnheit, die sich besonders im Umgang mit anderen unangenehm bemerkbar macht.“ 

Unart meint somit gleichsam ein Verhalten, dass andere negativ tangiert – wie weiblicher Stimmklang beim fußballerischen Männersport. Mithin sogleich hinein ins tolerante 21. Jahrhundert, in dem Frauen angesichts ihrer Handlungen und Darstellungsweise gern öffentlich kritisiert werden. Zum Glück waltet in meinem persönlichen Fall die rettende Selfie-Polizei auf Twitter, bekleidet von Karla, die ein freizügiges Selfie meinerseits glücklicherweise nicht mit einem Bußgeld verwarnte, dafür aber bauernschlau kommentierte: „Zumindest wir beide werden in diesem (für mich wichtigen) Themenbereich nicht zusammenfinden. Den klugen Kopf kann ja glücklicherweise jeder auf den eigenen Kanälen & in der Literatur darstellen, wie Frau will.“

Diese ganze Diskussion hatte mich wahrlich ein klein bisschen geärgert und beschäftigt, denn es stellte sich mir die Frage, weshalb man heutzutage immer noch bestimmte Frauenbilder erschaffen möchte, um das große Ziel zu verfolgen, sprich männerdominierte Machtstrukturen zu ändern und gleichberechtigt zu gestalten. Weshalb kommt einem überhaupt der Gedanke, Studien zu ergründen, die wiederum ergründen, weshalb selbst erwachsene Frauen sich niedlich darstellen? Oder bei einem freizügigen Post den klugen Kopf in Frage zu stellen. Eigne ich mich dann auch nicht mehr, um Fussball zu kommentieren, wenn ich meine weibliche Seite in all ihren Facetten zu sehr auslebe? 

Müssen Frauen einem bestimmten Bild und bestimmten Vorgaben entsprechen, um als gleichberechtigter Mensch ernst genommen zu werden? Wieso werde ich als Frau ständig negativ bewertet, wenn ich mich präsentiere, wie ich es will und wie ich es für angemessen erachte? Führen wir als Nächstes die Diskussion, ob wir indes roten Lippenstift tragen und niedlich gucken dürfen, nachdem alle endlich akzeptiert haben, dass wir ein WM-Spiel kommentieren dürfen?  

Was bedeutet Feminismus in unserem Land? Ein Frauenbild zu erschaffen, das genauso cool, stark und vermeintlich souverän ist wie das eines Mannes? Persönlich finde ich nichts daran verwerflich, mich nackt und freizügig zu präsentieren oder auch süß und niedlich. Ich präsentiere mich so facettenreich wie es meiner Persönlichkeit entspricht und das inkludiert meinen klugen Geist, einen charmanten Sinn für Humor als auch meine weibliche, romantische und sexuelle Seite. In sozialen Netzwerken und in der realen Welt ist man dann allerdings schneller das kleine naive Mädchen, das um Liebe bettelt, als Peter Pan ins Nimmerland fliegen kann. Karla meint Folgendes: „Frauen dürfen, was sie wollen. Aber viele reduzieren sich dadurch absichtlich auf ein Klischee der süßen, ungefährlichen Bittstellerin. Das kleine Mädchen, das unbedingt geliebt werden will“

Möchte nicht jeder Mensch geliebt werden? Für mich ist Liebe das schönste Gefühl der Welt und dafür muss man sich weder als Mann noch Frau rechtfertigen, geschweige denn schämen. Sich Liebe zu wünschen, bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass man ohne Return on Investment ein wertloses Wrack darstellt bzw. das kleine, arme ungeliebte Mädchen. Es existieren zum Glück viele Formen der Liebe, darunter die Selbstliebe, Liebe zu Familie, Freunden und Tieren. 

Frauen reduzieren sich nicht absichtlich auf ein Klischee der süßen ungefährlichen Bittstellerin, den Part erledigen unreflektierte Bewertungen, ob denn nun im echten Leben oder auf Twitter. Mir fällt jedenfalls kein einziger plausibler Grund ein, weshalb die süße Selfie-Queen zwingend ungefährlich sein sollte? Diese These entspricht einer schubladenorientierten Annahme ohne Fundament – orange is the new black.

Mich ärgert diese Form der Wertung über Frauen einfach, zumal sie beim männlichen Geschlecht nicht im selben Maß erfolgt. Männer dürfen unter gesellschaftlichen Aspekten betrachtet scheinbar alles sein, was sie sein wollen, abgesehen von verletzlich und schwach und diese Form der Bewertung ist genauso bauernschlau – man würdige bitte die eloquente Schubladen-Begrifflichkeit der Bauernschläue. Frauen werden jedenfalls im Vergleich zu Männern in ein und denselben Handlungen überdimensional kritisch bewertet, und das erfahre ich am eigenen knapp bekleidetem Leib nicht zu knapp. Eine Lektorin von @neobooks / Droemer Knaur bewertete einst meine weibliche Protagonistin in meinem ersten Roman „Otto hat Flick Flacks gekauft“ als überheblich, arrogant und weltfremd, und ich ärgerte mich, dass sich eine weibliche Protagonistin nicht lobend und feierlich der Selbstironie bedienen kann. Dabei ist meine liebe Heidi weitaus subtiler emphatisch unterwegs als der gute Herr Stromberg.

Ein weiteres Beispiel für überdimensional kritische Wertung Frauen gegenüber lässt sich in einem meiner Blogbeiträge feststellen: „Warum sich Männer einfach nicht melden – und wie verletzend das ist„. Der Artikel beinhaltet mitunter eine kleine Anekdote, in der ein Außendienstmitarbeiter und ich miteinander ins Bett steigen, und in sämtlichen Facebook-Kommentaren wird nicht ein einziges Mal angeprangert, wieso dieser Mann während seiner Arbeitszeit Sex praktiziert. Ich finde das wirklich unfassbar belustigend, denn ich kenne zwar den Arbeitsvertrag von Vincent nicht, aber ich glaube kaum, dass sexuelle Befriedigung seiner Kunden zu seinen Aufgaben zählt. Worüber sich hingegen aber natürlich viele aufregen, ist, dass ich so leicht für Vincent zu haben war. 

Nun, ja, da wir alle ja aber mal glücklicherweise und mal unglücklicherweise in einem meinungsfreien (Schubladen-Thesen-Klischee-Literatur-)Land leben, darf ein Jede(r) kritisieren und ein Jede(r) darf wiederum Kritik kritisieren, mich folglich eingeschlossen.

Also nehmen wir mal an, meine nackig-niedliche Wenigkeit hätte eine Buchkolumne und würde sich für Literatur interessieren und hätte in ihrer Instagram-Profibeschreibung den tollen #feminismus hervorgehoben und nehmen wir dazu an, sie würde gerne und oft ein T-Shirt tragen mit der positionierenden Aufschrift „Make Feminismus great again“, stünde ja auf ihrer Prioritätenliste ganz weit oben, sich kritisch mit geschlechtlichen Rollenbildern in der Literatur auseinanderzusetzen und ich glaube, sie würde analysieren, ob diese im Einklang mit ihrem Verständnis von Feminismus stehen. Ich meine, mal abgesehen von einem exorbitanten Lob für Pippi Langstrumpf, würde ich dann wohl als erstes die Unart ergründen, die nur Jungs im Nimmerland vorsieht. Wieso wird denn den Mädchen kein Zutritt gewährt? Und sogar nicht einmal den süßen und niedlichen? Gibt es dazu Studien bzw. wissenschaftliche Auseinandersetzung?

Ich persönlich finde das nämlich eine Frechheit, wenn nicht sogar eine Unverschämtheit oder eben, wie bereits gesagt, eine Unart – in dem Fall gar künstlerischen Ursprungs. Wieso werden Männer dafür gefeiert, wenn sie infantil agieren und dann ist das wieder cool, witzig und absolut erstrebenswert? Frauen hingegen werden angesichts infantilen Verhaltens direkt in die böse Niedlich-Schublade jenseits des Nimmerlands gepackt. Wo waltet denn da bitte schön der Feminismus und die Gleichberechtigung? 

Liebe Grüße,

Pippi Pan

PS: Diese Unart von selbst erwachsenen Frauen, sich feministisch darstellen zu müssen – dabei sind wir ja einfach nur viel zu schlau, um aus dem Kinderwagen zu fallen;)

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