Foto: Claudia Burger

Schöner Scheitern

Die „Fuck up Nights“ wurden in Mexiko erfunden – nun können auch in Berlin Unternehmer erzählen, wie sie ihren Laden richtig an die Wand gefahren haben.

 

Seelenstriptease aus Mexiko

In Zeiten, in denen wir uns auf LinkedIn und Xing die spannendsten Job-Bezeichnungen und Erfolge einfach selbst in den Lebenslauf schreiben können – Image ist schließlich alles – stellen sich in Berlin ein paar Unternehmer auf eine Bühne und sagen, was sonst keiner sagen mag: „Ich bin gescheitert“.

Die Idee für die „Fuck up Nights“ stammt aus Mexiko – ein Seelenstriptease, der zeigen soll: „Scheitern ist nicht schön, aber das Leben geht weiter“. Angetreten zum mentalen Ausziehen in Berlin-Mitte sind bei dieser „Fuck up Night“ Ende Februar drei Männer, die von ihren persönlichen kleineren und größeren unternehmerischen Katastrophen berichten wollen.

„Täglich bringen ihm Scherben Glück“

Einer davon ist der ehemalige Multimillionär Bernd Plickert, der es als Glaser zu Ruhm, Geld und auf die Frontseite des Telefonbuches gebracht hat. „Damals bedeutete das schließlich noch was“, sagt er und lacht. Plickert wirkt locker und souverän, während er die beeindruckende Geschichte vom Aufbau seines Glaserei-Imperiums erzählt. Mit 30 war er Millionär, mit dem Spruch „Täglich bringen ihnen Scherben Glück“ auf der Titelseite der Bild-Zeitung und lebte seinen Leitspruch „Neid muss man sich verdienen“.

Einige Jahre später war er insolvent, schämte sich vor seinen reichen Freunden und konnte dank Burn Out kaum fünf Stunden am Stück wach bleiben. Inzwischen geht es für ihn wieder bergauf, er hat sich aufgerappelt, arbeitet als Berater für verschiedene Unternehmen, und sagt heute: „Wir haben gelebt, wir haben gelacht – was war eigentlich so schlimm an dem Gedanken, wieder in einer kleinen Wohnung zu leben, das hat uns doch früher auch nicht unglücklicher gemacht.“

„Hier sind sehr viele Leute mit zu großen Egos“

Der zweite Sprecher, Martin B. Schultz, polarisiert. „Hier sind sehr viele Leute mit zu großen Egos“, raunt eine Zuschauerin, als er anfängt zu sprechen. Tatsächlich gibt sich der Dotcom-Gründer des BobTV-Formates sehr selbstsicher. Jede zweite Folie ziert ein Hashtag, gerne mit markigen Sprüchen wie „#Scheiternistscheisse“. Seinen Vortrag beginnt er mit den Worten: „Jeder sagt einem, dass man beim Scheitern fürs Leben lernt, tatsächlich lernt man mehr, wenn man es tatsächlich hinkriegt.“

Es ist ihm wichtig zu betonen, dass er sich nicht hat unterkriegen lassen, in seiner Präsentation geht es viel um Anwälte und Gerichtsprozesse. Ihm wurden seine Konten gesperrt, er fühlte sich von der Rechtsabteilung seiner Bank im Stich gelassen, fühlte sich von Rechts- und Steuerberatern schlecht beraten, wodurch seine Insolvenz zu spät eingeleitet wurde. Er hat um jede müde Mark gestritten und sich damit heute, wie er sagt, gleich mehrere erfolgreiche Unternehmen aufgebaut. Schultz hat das amerikanische Prinzip des Scheiterns wunderbar adaptiert. Er kokettiert damit, baut es in launige Anekdoten ein und zeigt eigentlich vor allem, wie er wie am Ende wie Phoenix aus der Asche gestiegen ist – heute arbeitet er wieder als Geschäftsführer.

„Besser Scheitern als Angst vorm Träumen zu haben“

Frank Künster ist als Türsteher der King Size Bar eigentlich eher eine bekannte Größe im Berliner Nachtleben. Davon will er aber nicht erzählen, sondern lieber von seinen Ambitionen als Filmemacher. Künster hat keine launige Präsentation dabei, keine markigen Hashtags oder Kopien von Millionenschecks, stattdessen sitzt der massige Typ mit der zerschlissenen Sportjacke einfach da. Sitzt entspannt auf der Treppe und erzählt, wie er 13 Jahre lang seinem Traum nachgejagt ist. Wie er ein vielversprechendes Drehbuch kaufte und tatsächlich im Gespräch mit dem „Trainspotting“-Regisseur Danny Boyle war, über Jahre Verhandlungen führte und sich Boyle dann am Ende doch für einen anderen Film entschieden hat. „Das war Slumdog Millionär, der Film hat zehn Oscars gewonnen und für Danny war es wohl die richtige Entscheidung“, erklärt Künster mit einem gequälten Lächeln. 13 Jahre und zahlreiche Versuche später war er immer noch kein erfolgreicher Filmemacher, sondern noch immer der König an der Tür des King Size.

„Ich habe als Türsteher gearbeitet, mich aber immer als Künstler wahrgenommen. Das war allerdings noch einfacher, als ich noch einen Traum hatte“, sagt er. Inzwischen träumt er wieder, arbeitet an eigenen Filmprojekten.

Das ist es auch, was alle drei Fuck-up-Sprecher eint und vielleicht fasst einer der markigen Hashtags von Martin B. Schultz die ganze Sache dann doch noch ganz gut zusammen: „Besser Scheitern als Angst vorm Träumen zu haben!“

Die nächste Fuck-up-Night findet am 19. März statt:

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Credit: Claudia Burger

 

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