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Der weiße ältere Mann kann nichts dafür!

Belästigung und Sexismus stehen Gleichberechtigung im Weg. Die Strukturen, die diese Dinge am Leben erhalten, lösen sich jedoch erst auf, wenn Männer beginnen, ihr Handeln zu hinterfragen und endlich etwas dazu beitragen, sie zu verändern.

 

Man wird ja wohl noch …

Liebe Männer,

ich weiß, es ist hart. Ihr seid die „Stahlträger des Systems“, die sich jetzt nicht einmal mehr an die weiche Brust ihrer Mitarbeiterin kuscheln dürfen, die in der Zeit, bevor wir offen über Sexismus und sexuelle Belästigung sprachen, noch als Dank für das galante Kompliment direkt in euer Gesicht sprang. Damals waren Brüste frei, jetzt haben die Feministinnen sie weggesperrt. Ja, wofür soll man denn verdammt noch mal dann ein Kompliment machen, wenn nicht für einen besonders schönen Körper? Jede Frau mag es doch, wenn ihr Aussehen gelobt wird. Das wissen doch ALLE. 

„Die älteren weißen Männer sind die Träger der Republik, sie sind die Stahlträger des Systems. (…) Dank bekommen sie dafür nicht, sie ernten Wut.“

Joachim Huber, Der Tagesspiegel

Muss man sich jetzt etwa schon dafür interessieren, was Frauen eigentlich gut können, außer hübsch und nett und eine Granate im Bett zu sein?  Wer soll denn da den Überblick behalten, die interessieren sich doch eh morgen schon für etwas anderes, aber ihre Schönheit, die gibt Orientierung in der „sich immer schneller drehenden Welt.“ Und ihr strahlendes Lächeln hat ihnen doch bislang allen bei ihren Karrieren geholfen, und jetzt verdrängen sie auch noch mit ihrem hübschen Arsch und der hübschen Quote, durchgesetzt von einer blonden, hübschen Ministerin, eure stahlharten Körper, „die den Laden zusammenhalten“, die all diese Unternehmen gründeten, aus den Führungsetagen. Doch obwohl die Frauen jetzt dafür bevorzugt werden, dass sie eine Frau sind und nicht mal den Finger dafür krumm machen müssen, ein Vorstandsgehalt zu beziehen, sitzen den Vorstands- und Führungsetagen deutscher Top-Unternehmen nahezu ausschließlich andere stahlharte Männer in stahlgrauen Anzügen. Komisch. Und gemein dabei: Den anderen Männern in euren Chefetagen könnt ihr keine Komplimente machen, weil … weil das so unmännlich ist, die Krawatte des Kollegen schön zu finden. Da denkt der ja gleich …

Männer würden ja anders, wenn man sie ließe …

Und verdammt, es ist zu anstrengend mal darüber nachzudenken, was eigentlich noch männlich sein könnte, außer den intellektuell-flachsten Spruch aus dem Ärmel zu schütteln und einer Frau mal mehr, mal weniger blumig zu signalisieren, dass viel schöner als ein Gespräch, eine Verhandlung oder ein Geschäftsabschluss mit ihr eine Stunde bei Kerzenschein und danach im Hotelbett wäre oder – noch viel einfacher – gleich hier auf diesem Schreibtisch. Man wird doch auch noch Sexfantasien mal aussprechen und umsetzen dürfen, ohne dafür gleich abgestraft zu werden? Haben Frauen denn gar keinen Humor mehr? In diesen neuen, jungen Frauenmedien geht es doch nur noch um Sex, Frauen sind doch selbst schuld, wenn Männer jetzt denken, dass sie ständig Bock hätten zu ficken. Is doch wahr!

Und dann sprechen diese humorlosen Biester nur noch von „alten weißen Männern“, das ist verbale Belästigung, Altersdiskriminierung, Beleidigung der vornehmen Blässe, das ist Hate-Speech!! Da müssen Männer auch nicht drüber lachen können, schließlich versperrt diese Diskriminierung ihnen den Zutritt zu all den Dingen, die sie eigentlich lieber machen würden, statt Vorstandsgehälter zu beziehen und bis 22 Uhr im Büro zu sitzen und wichtig für die Wirtschaft zu sein oder im Bundestag über Gesetze zu beraten. Männer würden viel lieber Kaffee einschenken, bockige Grundschüler zum Rechnen animieren, vergessliche, gebrechliche Omis pflegen, selbstgenähte Kissen im eigenen Onlineshop verkaufen oder mit ihren Babys beim Pekip sein.

Männerdiskriminierung überall!

Aber nicht einmal Elternzeit lassen die fiesen Frauen die Väter nehmen. Dieses Gesetz, was es dafür gibt, hilft ja euch armen Männern nicht. Erstens lassen die Frauen euch nicht an die Wickeltische, das ist Hoheitsgebiet (Jan Hofer wurde sogar in den Westflügel abgeschoben!), und man kennt es ja: Mit einer Frau, die in ihrer hormongetränkten Babyblase lebt, legt man sich lieber nicht an. Pah. Sexuelle Belästigung ist nichts dagegen, was passiert, wenn man seiner Partnerin vorschlägt, wenigstens vier Monate Elternzeit nehmen zu dürfen. Die macht dich kalt, die Alte. 

Und dann gibt es eben die richtig fiesen alten Männer (und böse Chefinnen), die die jüngeren Männer keine Elternzeit nehmen lassen. Es gibt zwar diese Handvoll lebensmüder junger Väter, die tatsächlich ihren Elternzeitanspruch beim Arbeitgeber vorgetragen haben – die müssen heute jedoch alle putzen  gehen oder sind finanziell abhängig von ihrer Gattin. Ihre Karrieren: zerstört. Und wer bitte soll dann die Familie ernähren? Frauen verdienen ja einfach nicht genug, weil sie so schlecht verhandeln. Keine Ahnung, wie die ihre Arbeitgeber becircen, damit sie in Elternzeit gehen dürfen, vermutlich mit ihren riesigen Schwangerschaftsbrüsten, nur beim Thema Gehalt scheinen diese Brüste und der nette Augenaufschlag dann nicht zu helfen. Würden Frauen endlich wissen, wie man den Vorteil, belästigt werden zu können, mal richtig einsetzt, dann wäre der Gender-Pay-Gap ja auch Geschichte. Ihr armen Männer wäret freilich bereit, euren schönen Arsch beim Thema Gehalt einzusetzen, damit die Frau noch mehr shoppen gehen kann, aber für eure körperlichen Vorzüge interessiert sich ja keiner, sondern es zählt nur, wie opferbereit ihr seid. Nein, die Welt ist nicht fair zu Männern. 

Es ist zum Heulen

Und wir, liebe Frauen, sollten endlich anerkennen, dass die Männer bei all diesen Themen doch die wahren Verlierer sind. Wir haben ihnen die Wickeltische, das Recht auf sexy Körper, den Flirt im Büro und den Spaß an Komplimenten genommen. Wir sperren sie in Führungsrollen, wo sie nie hinwollten, während wir in den von ihnen bezahlten Küchen die Zimtschnecken rollen dürfen, die sie viel lieber selbst gebacken hätten. Wir beschimpfen sie als heterosexuell und schlimmer noch: als Mann! Das ist wie Krieg. Haben die sich etwa ausgesucht, ein Mann zu sein?

Und weil er das schwächste Glied in der Kette ist: der verpönte, weiße, heterosexuelle Mann, wird er sich niemals wehren und emanzipieren können, der Druck, ein Leben als Stahlträger zu fristen, ist zu groß. Sei ein Stahlträger, oder stirb. Kein anderes Leben in Sicht. Weil die Frauen nun einmal Stahlträger wollen, an denen sie sich festhalten können, wenn so ein Arschloch im Büro sie belästigt hat oder die Stelle nach der Babypause weg ist. Stahlträger und Sexappeal. Das strukturiert die Welt, auf diese Dinge kann man sich verlassen. Wir können doch einfach alles so lassen, wie es war, oder?

Titelbild: depositphotos.com

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