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Geizige Könige

Das Glück vergeht schneller als die Traurigkeit

 

Begonnen hat alles auf dem Polterabend eines Bekannten. Ich ging mit meinem besten Freund Bernd hin. Wie immer waren wir recht spät dran und die besten Plätze in dem kleinen Festzelt waren schon besetzt.

Wir stellten uns in die Mitte des Raums, um uns einen Überblick zu verschaffen. Hoffendlich haben uns die anderen von unserer Clique Plätze reserviert.

So schaute ich, der Reihe nach, die Plätze durch. Die meisten der Gäste kannte ich, in unserem Dorf kennt fast Jeder Jeden, zumindest vom sehen.

Als ich so durch die Tischreihen schaute, wurde mein Blick von zwei mir unbekannten Augen eingefangen, die mich kess anfunkelten.

Wie magnetisiert stand ich da und hielt den Blickkontakt für ein paar Sekunden, bis mich mein Kumpel mit einem Stups in die Seite und den Worten:  “ Da hinten sitzen die Anderen!“ aufweckte.

Ich drehte mich um und ging mit Ihm zu unserer Clique. Natürlich hatten Sie sich einen Tisch im letzten Eck ausgesucht. Na, wenigstens haben Sie Plätze für uns aufgehoben.  Toll !!! –  Zwei Plätze mit einem super Ausblick auf die graue Zeltplane !  Danke ! Schön, dass man Kumpels hat !

Während Bernd Bier für uns holte, rückte ich meinen Stuhl etwas schräg zum Tisch, dass ich wenigstens ab und zu seitlichen Blickkontakt mit der Unbekannten haben konnte.

Als Bernd endlich mit zwei Bier zurück kam, stießen wir erst mal, an unserem Tisch, auf einen schönen Abend an.

Danach flüsterte ich Ihm ins Ohr: „Sag mal, kennst du die Blonde da vorne am ersten Tisch?“ Bernd drehte sich um und lachte: „Sag bloß. die kennst Du nicht? Das ist doch die Schwester der Braut!“

„Wie? Die Schwester der Braut? Ich kenne die Eltern der Braut, die zwei Brüder der Braut, aber dass Sie noch eine Schwester hat ist mir neu. Ich habe die noch nie gesehen.“

Im laufe des Abends verrenkte ich meinen Kopf noch gefühlte tausend mal, um einen Blick von Ihr zu erhaschen. Oft gelang es mir mit Ihr Blickkontakt zu bekommen und meist wurde ich mit einem netten Lächeln belohnt.

Gegen 23 Uhr gingen die ersten Gäste. Klar, morgen war Freitag und viele mussten früh zur Arbeit.

Auch bei Ihr am Tisch verabschiedete sich das Ehepaar, dass Ihr gegenüber saß.

Jetzt war meine Chance gekommen. Ich setzte mich zu Ihr an den Tisch und fing mit Ihren Bruder, der neben Ihr saß, ein Gespräch an. Dann wande ich mich Ihr zu und fragte: „Und ? Warum kennen wir uns noch nicht?“

Sie antwortete: “ Ich weiss es nicht, vielleicht liegt es daran, dass ich in einem Hotel arbeite. Da muss man oft abends und auch Sonntags arbeiten.“

Und so unterhielten wir uns und flirteten miteinander. Ich war wie verzaubert von Ihrer Art, Ihrem Aussehen, Ihrem Wesen und von Ihren Augen.

Zwischendurch mussten wir uns immer wieder mal trennen, da Sie Ihrer Schwester zur Hand gehen musste und auch ich ging, ab und zu, zu meinen Kumpels an den Tisch.

Zwischendurch ging ich immer wieder zu Ihr rüber, für den einen oder anderen kleinen Flirt.

Als ich am frühen Morgen mit meinen Freunden das Fest verließ, hatte ich ein Date!!! Gleich am kommenden Sonntag! Ich war happy!

Pünktlich um 18 Uhr holte ich Sie an Ihrem Elternhaus ab. Sie wartete schon strahlend vor der Haustür auf mich.

Oh, Sie sah bei Tageslicht genauso hübsch und zauberhaft aus wie im Festzelt.

Wir fuhren zusammen in die Stadt in ein kleines Restaurant. Ich hatte gleich am Freitag einen Tisch für uns zwei reserviert. Das Lokal hatte ich nicht nur gewählt, weil es dort leckeres Essen gab, sondern weil es dort Ruhig  und ein bisschen Romantisch war.

Der Abend verging wie im Flug, wir hatten uns viel zu erzählen und Sie erzählte mir, dass Sie gleich am nächsten Morgen ins Allgäu müsse, um dort eine neue Arbeitsstelle in einem Nobelhotel anzutreten.

Als wir dann Nachts heim fuhren, fragte ich Sie, ob Sie noch auf einen Drink mit zu mir nach Hause kommt. Sie kam mit, aber wir sind gar nicht zum trinken gekommen. Wir küssten uns und machten uns auf meinem Sofa bequem. Hmm, Ihre Küsse schmeckten nach mehr, wir streichlten uns und knutschten wild drauf los. „Was für eine tolle Frau, das wäre was für mich“, dachte ich. Doch dann kamen mir Ihre Worte in denn Sinn, sie würde morgen ins Allgäu ziehen. Fast vierhundert Kilometer weg. Okay, es gibt viele Paare die sich nur am Wochenende sehen. Aber wir? Sie im Gastgewerbe, ich im Einzelhandel. Ich musste auch Samstags arbeiten, Sie auch Sonntags. Ein gemeinsames Wochenende hätten wir vielleicht alle fünf oder sechs Wochen und wenn wir zufällig mal am gleichen Wochentag frei hätten, wäre einer von uns 6 Stunden für die Hin- und Rückfahrt unterwegs.

Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte eine Frau, die für mich da ist, und für die ich da bin. Eine mit der ich weg kann, ins Kino, zum Essen, auf Feste, zum bummeln und natürlich zum Liebhaben, eine die Greifbar ist.

Mit diesen Gedanken löste ich mich von Ihr und sagte: “ Du, sei mir bitte nicht böse, aber es ist schon spät. Wir müssen beide morgen früh raus. Ich glaube es ist besser wenn Du jetzt gehst.“ Sie sagte: „Du hast recht,“ gab mir noch einen dicken Gute-Nacht-Kuss, und ging.

Wir schrieben uns in den Wochen danach nur noch ein paar allgemein gehaltene Briefe und Ansichtskarten, dann liess ich den Kontakt abbrechen und wir hörten Jahre nichts von einander.

Von Ihrer Mutter erfuhr ich einige Jahre später, dass Sie geheiratet und eine Tochter hat.

Viele Jahre später habe ich erfahren, dass Sie mittlerweile geschieden ist und mit Ihrer Tochter ganz in der Nähe wohnt.

Auch bei mir hat sich einiges getan. Ich fand meine große Liebe, die ich auch heiratete und mit der ich glücklich war. Alles passte, bis eines Tages Krebs bei Ihr gefunden wurde. Wir kämpften eineinhalb Jahre einen aussichtslosen Kampf, den wir leider verloren. Sie wurde nur 43 Jahre alt.

Zum Glück hatte ich viele Freunde und Verwande, die mir halt gaben, mit denen ich reden konnte und die für mich da waren.

Die Wochenenden verbrachte ich meistens mit meinen Freunden, unter der Woche ging ich zur Arbeit und abends schaute ich fern, las Zeitschriften, spielte und chattete am Computer.

Eines Abends saß ich wieder am Rechner und ging auf meine „Wer-kennt-wen“ Seite. Unter „Zuletzt auf Deiner Seite“ war mein „Date“ von damals. Ich schrieb Sie sofort an mit: „Du brauchst Dich gar nicht zu verstecken, ich habe gesehen, dass Du auf meiner Seite warst“.

Noch am selben Abend kam die Antwort: „Ich wusste nicht, ob Du Dich überhaupt noch an mich erinnerst, deshalb habe ich keine Nachricht hinterlassen.“

Wir schrieben uns die halbe Nacht und beschlossen, dass wir uns in den nächsten Tagen auf einen Kaffee bei ihr treffen.

Zwei Tage später war ich abends bei Ihr. Sie hatte leckeren Kuchen für uns besorgt und wir hatten uns viel zu erzählen. Sie war immer noch so schön und Begehrenswert wie damals und es funkte bei uns. Nach kurzer Zeit lagen wir uns in den Armen und küssten uns wie zwei Ertrinkende. Wir drückten uns und hielten uns und streichelten uns. Mein Herz schlug immer schneller und ich stand in Flammen.

Uns war klar, wir waren für einander bestimmt, wir gehören zusammen.

Wir trafen uns so oft es ging. Wir küssten uns, drückten uns, hielten uns, liebten uns und hatten uns immer viel zu erzählen. Wir konnten zusammen lachten, weinten, reden und schweigen.

Niemand konnte mir erzählen, dass jeder im Leben nur eine große Liebe findet. Ich hatte mit Ihr meine zweite große Liebe gefunden.

Wir hatten viele gemeinsame Interessen, mochten ähnliche Musik, Filme, Serien, Bücher, Schokoeis und Kinderserien von Astrid Lindgren. Wir gingen zusammen auf Feste, ins Kino, zum Essen, zu Freunden, auf Konzerte, ins Theater, zum Shoppen oder einfach nur spazieren. Wir kochten und backten zusammen. Bauten zusammen Möbel auf und ab. Sonntags machten wir Ausflüge oder besuchten Freunde. Wir hielten uns immer an der Hand, sogar beim fernsehen auf dem Sofa. Allerdings konnten wir fast nie einen Film zu Ende sehen, da wir meist in der zweiten Hälfte des Films knutschten und nicht von Einander lassen konnten. Wir waren für einander geschaffen. Wir konnten uns riechen, ich liebte den Duft Ihrer Haare, Ihrer Haut, Ihres Körpers und wenn ich in Ihre Augen blickte hatte ich immer Angst darin zu ertrinken.

Die Nächte hatten immer etwas Magisches. Wir hatten immer den Rollo einen Spalt offen und die Straßenlaterne warf ein weiches, romantisches Licht ins Schlafzimmer. Die Konturen Ihres Körpers wurden durch dieses sanfte Licht noch weicher, noch zarter, noch begehreswerter. Ich war wie süchtig danach diesen Körper anzuschauen und zu streicheln, bis entweder Sie oder ich eng aneinander gekuschelt einschlief. Unsere Herzen schlugen für einander und unsere Seelen berührten sich. Es war einfach schön.

Wir dachten uns immer wieder kleine Überraschungen für den Anderen aus, um Ihm eine Freude zu bereiten. Mal dekorierte ich Ihren Balkon zu einem kleinen Kräutergarten um, mal überraschte Sie mich mit einem Picknick bei völliger Dunkelheit.

Auch Ihre Tochter mochte mich. Ich war für Sie Freund, Kumpel und oft Helfer in der Not wenn es darum ging, Ihre Mutter davon zu überzeugen, dass Partys auch mal etwas länger als 22 Uhr dauern konnten.

Alles war perfekt, bis auf Ihre grundlose Eifersucht. Egal ob ich eine frühere Kollegin oder ein Mädchen aus meinem Verein auf der Straße sah und ein paar Worte mit Ihnen wechselte. Immer wurde vermutet, dass da einmal etwas war. Obwohl ich nie ein Fremdgänger oder Aufreisser war.

Und gerade das wurde mir zum Verhängnis. Als ich wegen einer kleinen Operation für ein paar Wochen krank geschrieben war und mir trotz 100 Fernsehprogrammen und zig Büchern langweilig war, wagte ich mich auf gefährliches Eis. Einer meiner Arbeitskollegen hat mir mal von einer Dating-App vorgeschwärmt: “ Da musst du mal reinschauen, das ist echt geil, du glaubst gar nicht wie viele Bekannte du da findest.“

Also schaute ich da mal rein…., Mist, da musste man ein Bild von sich reinstellen. Okay, machte ich. Man kann sich ja gleich wieder abmelden. Beziehungsstatus ? Blöd, wenn man vergeben ankreuzt, wirst man weder angeklickt noch angeschrieben. Also Single ankreuzen! Man kann sich ja jederzeit wieder abmelden.

Tatsächlich fand ich auf dem Portal einige aus meinem Bekanntenkreis mit denen ich chattete. Ich wurde auch von ein paar fremden Frauen angeschrieben, mit denen ich nette Unterhaltungen führte. Aber ich hatte nie vor, mich mit einer zu treffen, deshalb waren meine Chats auch immer recht sachlich und ich chattete über Gott und die Welt und blockte Flirtversuche ab.

Es war ein netter Zeitvertreib und ich nahm mir immer vor, morgen melde ich mich ab. Aber das Abmelden verschob ich immer wieder auf den nächsten Tag.

Und so kam es, wie es kommen musste. Ich wurde von einer Bekannten meiner Freundin entdeckt. Diese beendete darauf sofort unsere Beziehung.

Ich war ein Lügner, ein Betrüger, ein Verbrecher dem man nicht trauen konnte. Vergessen waren 1000 Stunden Zärtlichkeit, Millionen Herzschläge für den Anderen, tausende Küsse, unzählige Glücksmomente, hunderte Nächte, tausend Kuschelstunden, tausend Stunden Hand in Hand.

Vergessen waren unsere Pläne von Champagner auf dem Eifelturm, Schokoeis in Venedig und die Fahrt im London-Eye.

Alle Endschuldigungen stießen auf Granit. Mit so einem konnte man nicht zusammen sein. Wenn mich irgend jemand im Internet gesehen hat. Was sollen die Leute denken…..

Das Ganze ist jetzt viele Wochen her. Und trotzdem sehne ich mich nach Ihr. Ich wache früh auf und denke an Sie, ich fahre zur Arbeit und denke an Sie, genauso zwischendurch und abends vor dem Einschlafen. Ich habe Ihren Duft noch in der Nase, der Geruch Ihrer Haare, Ihrer Haut, Ihres Körpers. Ich spüre noch Ihre Haut an meiner, Ihre Lippen auf meinen Lippen, Ihre Hände an meinem Körper. Ich höre noch Ihre Stimme, Ihr flüstern und Ihr lachen.

Nachts sitze ich oft im Garten und schaue zu den Sternen. Und ich hoffe, dass endlich die Sternschnuppe kommt, die mir meinen Wunsch erfüllt. Die vielen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, waren wahrscheinlich nicht für mich zuständig.

Ich weis nicht warum, aber immer wieder kommt mir das schaurig schöne und zugleich grausame Märchen von den zwei Königskindern in den Sinn, die nicht zusammen kommen konnten, weil das Wasser viel zu tief war.

Die Väter der Kinder waren Könige, also sicherlich keine armen Leute. Warum nur kaufte keiner der Väter ein Schiff, eine Jacht oder wenigstens ein Boot, damit sich die Kinder sehen konnten? Oder noch Besser, warum wurde nicht eine Brücke gebaut von einem Königreich zum Anderen? Die Königskinder hätten sich zu jeder Tages- und Nachtzeit gefahrlos treffen können. Das Märchen hätte so schön und romantisch enden können….. und wenn Sie nicht gestorben sind, dann lieben Sie Sich noch heute.

Ich habe viele Brücken gebaut. Alle waren dumm, krumm, wacklich, gefährich  und Windschief. Gut ich bin kein Baumeister und kein Ingenieur, aber ich habe es immer wieder aufs Neue probiert. Immer wieder habe ich meine Brücken mit zittrigen Knien betreten, aber leider ist mir dabei nie jemand entgegen gekommen. Schade.

Und die Moral von der Geschichte: „Die meisten Märchen enden leider traurig.“

 

 

 

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