Foto: Gerd Altmann (https://pixabay.com/de/illustrations/klimastreik-schulstreik-schule-4113371/)

Greta Thunberg – Schwedens ‚Frau des Jahres‘

Schweden hat bereits seit März eine „Frau des Jahres“. Allerdings ist diese ‚Frau‘ erst 16 Jahre alt. Nichtsdestotrotz hat Greta Thunberg die größte politische Jugendbewegung seit Jahrzehnten ins Leben gerufen. Im Rahmen ihrer Aktion ‚Fridays for Future‘ schwänzen seit Monaten in mehreren Ländern Schüler freitags die Schule, um stattdessen für den Umweltschutz zu demonstrieren. „I don’t care about being popular.“ Es geht ihr nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen, sondern um den Klimaschutz und die Rettung der Welt. Wie hat Greta Thunberg es geschafft, so viele Menschen zu bewegen? Was treibt sie im Innern an und welche Rolle spielt das Asperger-Syndrom dabei?

 

Marius Hühne:

Greta Thunberg – diesen Namen kennt auf der Welt mittlerweile wirklich fast jeder. Sie hat die größte politische Jugendbewegung seit Jahrzehnten ins Leben gerufen. Seit Monaten bleiben freitags auch bei uns in Deutschland die Sitze in den Schulen leer – für den Klimaschutz. 

Doch wie hat sie das geschafft? Das ist nicht mal eben im Vorbeigehen möglich, deshalb sprechen wir heute mit Mira Mühlenhof über die junge Schwedin und ihre Persönlichkeit. 

Mira, wie muss man als sechzehnjähriges Mädchen sein, um zu sagen: „Mama, Papa, ich gehe mal eben die Welt retten!“?

Mira Mühlenhof:

Man muss vorher sehr lange und sehr viel nachgedacht haben. Das hat Greta Thunberg getan. Sie selber sagt, dass sie sich das erste Mal im Alter von acht Jahren mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Außerdem muss man diesen Drang haben, wirklich etwas verändern zu wollen. Das geht nur, wenn ich meine eigenen Interessen nicht in den Vordergrund stelle. Natürlich kämpft sie auch für sich und für die anderen Jugendlichen, aber sie selber sieht sich nicht im Mittelpunkt dieser Geschichte. Sie wird von anderen dahin gehoben. Diese Motivation, etwas verändern zu wollen, kommt nur, wenn man wirklich ein Ziel hat und das hat Greta in dem Alter schon ganz klar formuliert.

Marius Hühne:

Absolut! Ein sechzehnjähriges Mädchen interessiert sich im Normalfall eher für andere Sachen. Viele Menschen haben deshalb die Befürchtung, sie wird dazu von ihren Eltern gedrängt und gelenkt. Was glaubst du?

Mira Mühlenhof:

Ich glaube nicht, dass der Impuls von den Eltern kommt. Die Lösung oder der Ursprung liegt meiner Meinung nach in der Persönlichkeitsstruktur. Sie ist ein Mensch, der sich sehr viele Gedanken über die Welt macht. Sie macht sich aber nicht nur Gedanken über die Welt, sondern auch über all das was dahinter ist, über das Universum. Das ist die sogenannte intrinsische Motivation, in diesem Fall ist es Wissen. Dieser innere Antrieb führt dazu, dass Kinder sich schon in sehr frühem Alter Gedanken machen, z.B. wie Stephen Hawkins oder Bob Dylan. Es sind Kinder, die die Welt erfassen und begreifen wollen. Das ist ein ganz starker Antrieb. Bei der intrinsischen Motivation Wissen geht es nicht darum, dass ICH jetzt unbedingt die Welt verändern will, es geht um die Sache.

Bei Greta wurde zudem das Asperger-Syndrom diagnostiziert, eine Form des Autismus. Bei manchen wird sie als Störung oder als Krankheit bezeichnet – das sehe ich nicht so. Es sind einfach Menschen, die sich nicht so sehr für weltliche Dinge, für Konsum oder Ähnliches interessieren, sondern die denken. Die wirklich denken und sich neue Dinge erdenken und damit natürlich auch etwas erreichen wollen.

Marius Hühne:

Wie gelingt es Greta Thunberg, Menschen für ihre Sache derart zu begeistern? Was hat sie, was andere Menschen nicht haben, zum Beispiel Politiker?

Mira Mühlenhof: 

Sie selber stellt sich nicht in den Mittelpunkt. Sie tritt nicht als Person in Erscheinung. Damit meine ich: Sie achtet nicht auf ihr Aussehen, auf ihre Kleidung oder Ähnliches. Sie achtet auf ihre Worte. Es geht um die Sache und nicht um die Person. Ich glaube, das merken die Menschen.

Außerdem spricht sie sehr emotionslos. Es geht zwar um ein sehr emotionsgeladenes Thema, aber sie selbst spricht ganz nüchtern darüber. Man merkt, da ist nicht viele Firlefanz oder viel Show. Es geht wirklich um die Sache und das schafft Vertrauen. Das schaffen viele Politiker im Moment nicht. Sie schaffen kein Vertrauen bei den Menschen. Darüberhinaus hat man meist das Gefühl, da stecken mindestens 50 Prozent Ego mit drin. 

Marius Hühne:

Bei Greta Thunberg ist es wirklich extrem. Auf der einen Seite hat sie viele Follower, die ihr buchstäblich an den Lippen hängen und auf der anderen Seite schlägt ihr unglaublich viel Hass entgegen, vor allem im Netz. Warum begegnen viele Menschen der jungen Frau mit so viel Hass? Hast du eine Erklärung dafür?

Mira Mühlenhof: 

Meiner Meinung nach ist es eine Mischung, sprich fifty-fifty. Auf der einen Seite schürt so etwas immer Neid. Da kommt eine Sechzehnjährige und ist auf einmal der Mittelpunkt Europas. Das muss man erst einmal schaffen und das kann natürlich bei Menschen die Reaktion auslösen – ‚Die ist blöd!‘ – Salopp gesagt. Es ist quasi eine Projektion: ‚All das was ich nicht geschafft habe, hat DIE geschafft. Ich kriege es nicht auf die Reihe, deswegen mag ich sie nicht.‘ Das sind meiner Meinung nach die einen 50 Prozent. Die anderen 50 Prozent finde ich viel spannender. Ein Mensch, der so emotionslos wirkt wie Greta, obwohl sie so ein emotionsgeladenes Thema hat, löst bei Menschen viel stärkere Emotionen aus. Das kennen wir, wenn wir uns zum Beispiel mit jemandem streiten wollen und der will nicht. Der zeigt einfach keine Emotionen. Da geht uns die sprichwörtlich die Hutschnur hoch. Ich will streiten! Ich will Reibung und da kommt keine Reibung und keine Reaktion zurück. Ich glaube, dass ist auch ein Grund für diesen Shitstorm. Von ihr selber werden keine Emotionen gespiegelt und das macht etwas mit Menschen. Abgesehen davon, dass sie sich natürlich auch etwas traut, was sich nicht alle trauen würden.

Marius Hühne:

Und alle, die sowieso nicht an die Klima-Katastrophe glauben, die haben es natürlich einfach, sich einem sechzehnjährigen Mädchen abzuarbeiten. Vielen Dank für das Gespräch, Mira.

 

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