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„Ich habe mir fast alles selbst beigebracht“

Aus einem kreativen Zeitvertreib wurde ein ungewöhnliches Modelabel: Maike Dietrich überzeugt seit zehn Jahren mit Maiami und handgestricktem Design.

 

Im Atelier von Maiami stapeln sich Garnrollen und Wollknäule im Regal bis an die Decke. An Kleiderstangen hängen grob gestrickte Pullover in wilden Farbkombinationen, die Papierkugellampen sind mit Strick überzogen, am Fensterbrett stehen kleine Vasen, natürlich sind auch sie bestrickt. Maiami, vor zehn Jahren von Maike Dietrich gegründet, steht wie kein anderes Berliner Label für zeitgemäß interpretierten Handstrick. Was zunächst nur so nebenbei entstand, ist heute ein kleines Unternehmen, das mit Manufakturen und Handarbeiterinnen in Deutschland und Europa zusammenarbeitet. Maiamis Pullover, Kleider, Mäntel, Accessoires und Dekoobjekte gibt es in Multilabelstores weltweit zu kaufen. Besonders beliebt sind ihre Designs in Japan. Momentan ist Maike Dietrich dabei, sich darüber hinaus ein zweites Standbein aufzubauen: ein Garnshop mit qualitativ hochwertigen und farblich außergewöhnlichem Material für moderne Handarbeitsliebhaber.

Maike, stimmt es eigentlich, dass der Name Maiami sich aus deinem Vornamen und Miami Vice zusammensetzt?

„Aus Maike und Miami, genau. Einerseits gibt es diese Verbindung mit der ersten Silbe meines Vornamens, aber dann wieder den Kontrast zwischen Miami, einer heißen sonnenverwöhnten Stadt, und dem dicken Strick. Die anfänglichen Kollektionen waren damals schon sehr ungewöhnlich für handgestrickte Sweater. Das fing an bei den Farben und ihrem coolen Style. Die meisten Pullis hatten übergroße Motive, das war das Markenzeichen. Sowohl die Auswahl der Motive als auch die Farbkombinationen waren besonders – starke Farben und Motive wie zum Beispiel ein pinker Flamingo auf einem knallroten Sweater, ein Martiniglas oder ein Sonnenuntergang – ein bisschen wie aus einem 80er-Jahre-Motivpool. Miami Vice fand ich natürlich auch sehr toll, ich mochte schon ein bisschen das Trashige der 80er, die Serien und ich liebe Vintage. 

Dein Label feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Wie kam es damals zu deiner Label-Gründung?

„Ich hatte damals schon in der Modebranche gearbeitet, unter anderem in einem mittelständischen Modeunternehmen und bei dem Designerduo Bless. Danach habe ich als Stylistin gearbeitet. Da gibt es ja immer wieder die Pausen zwischen den Jobs, und so habe ich wieder angefangen zu stricken, als eine schöne Beschäftigung für die Zeiten zwischen den Jobs. Dann habe ich irgendwann, mehr aus Langeweile, einen Pulli gemacht mit einem Motiv, einfach weil ich bei einem unifarbenen Pulli die Arbeit etwas langweilig fand, und nicht weil ich etwas wahnsinnig Buntes wollte. Als er fertig war, passte das Motiv gar nicht richtig von der Größe. Ich habe gemerkt, dass es grundsätzlich geht mit der pixeligen Auflösung von Karopapier auf die Masche, aber das Verhältnis noch nicht so ganz ausgegoren war. Trotzdem fanden alle den Pullover toll, wenn ich ihn anhatte, und ich wurde sehr oft darauf angesprochen. Mein damaliger Freund meinte dann, er hätte gern eine Kalaschnikow, eine Freundin wollte einen Pferdekopf. So habe ich dann weitere Motive entwickelt und einige Pullis auf Anfrage gemacht.“

Aber immer noch neben dem Job?

„Ja, genau. Da meinten aber viele aus meinem Umfeld – viele Fotografen, Modejournalisten, Leute aus Agenturen – dass ich damit auf die Premium gehen müsste, weil die Japaner das bestimmt ganz toll fänden. Dann habe ich das gemacht und so fing es an. Sehr langsam, immer nebenher. Wenn du keine Existenzgründung machst, ist das ganz schön hart.“

Hast du nie gezweifelt? Neben dem Arbeitsaufwand kamen damals ja auch Kosten auf dich zu, das Material, die Messegebühren …

„Es gab definitiv Momente, an denen ich dachte: Das hat alles keinen Sinn. Da war dann aber doch immer so viel Gutes, tolle Entwicklungen und natürlich auch meine Begeisterung für das, was ich mache, dass Aufgeben total schade gewesen wäre. Bis es irgendwann Klick gemacht hat und ich gemerkt habe, jetzt bewegt sich etwas.“

Was war das für ein Schlüsselmoment?

„Es gab im Grunde ein Vorzeichen: Ich war zum ersten Mal in New York auf der Messe. Das war im September 2010, also eigentlich zur Präsentation der Sommerkollektionen. Ich hatte aber zusätzlich Teile der Winterkollektion dabei und als Direktorder angeboten. Das hat bereits ganz gut funktioniert, und ich habe gemerkt, dass es tatsächlich auch Sinn macht, in New York die Kollektion zu präsentieren. Das hat noch mal bestätigt, dass Maiami, ein handgemachtes Produkt, in urbanen Metropolen sehr gut funktioniert. Am besten wird Maiami in Tokio verkauft. Die Wertschätzung von Handgemachtem und das Gefühl der Rückbesinnung ist natürlich in den urbanen Großstädten besonders stark, dort, wo Technik, Verkehr, Digitalisierung, Schnelligkeit und so weiter den Alltag bestimmen. Also, in New York hatte ich schon das Gefühl, es passiert irgendwas, und ab der Winterkollektion 2011/ 2012 war dann aber klar, es machte keinen Sinn mehr, nebenher noch andere Jobs zu machen, da dann auch bereits Leute für mich gearbeitet haben.“

Es hört sich fast so an, als wärst du in Maiami mehr hineingeschlittert und hättest dir gar keinen richtigen Plan gemacht, wo du eigentlich hinwillst …

„Ja, das stimmt ein bisschen, ich habe es nicht wirklich geplant. Noch dazu bin ich ja auch Autodidakt. Ich war nicht auf einer Modeschule oder habe Design studiert, ich habe meinen Hochschulabschluss in Kommunikation und Medienwissenschaften. Also, sowohl was das Produkt und die Produktentwicklung angeht als dann aber auch das Unternehmerische, habe ich mir fast alles selbst beigebracht. Die Substanz war natürlich da, ich hatte in dem Modeunternehmen in der Marketing- und PR-Abteilung gearbeitet, bei Bless war ich im Grunde die Assistentin und habe alles mitbekommen und kannte natürlich viele Leute. Ich wusste also, wie vieles geht, vom Order Sheet zur Confirmation, PR aber auch die Zollausfuhr. Aber ansonsten, zu lernen, unternehmerisch zu agieren – da zahlt man ganz schön viel Lehrgeld.“

 

Warum wächst Maiami seit zehn Jahren?

„Das Besondere ist natürlich das Handgestrickte, der grobe Handstrick. Das gibt dem Label eine Sonderstellung. Auf den Messen zum Beispiel, sind die Sachen totale Eyecatcher und sie ziehen die Einkäufer an, und Maiami hat natürlich auch eine starke haptische Seite. Darüber hinaus sind die Farbauswahl, die Farbkombinationen und Melangen eine Stärke der Maiami Kollektionen.“

Strickst du die Prototypen für deine Kollektionen noch selbst?

„Viel. Ich liebe das und ich würde dem Business auf diese Weise manchmal gerne ein bisschen entfliehen. Zu Hause sitzen, stricken und gute Filme oder Serien gucken. Das ist bei mir gekoppelt. Stricken ist eine meditative Arbeit, man ist ganz versunken dabei und in den Momenten passiert dann auch im Kopf ganz viel, Gedanken, neue Ideen. Hier im Atelier ist immer wahnsinnig viel los, trotz Mitarbeitern. Manchmal wird mir das zu viel. Diese Idee, nur diesen einen Teil der Arbeit zu machen, nur vor sich hin zu stricken, gefällt mir sehr. In solchen Momenten kriege ich immer wieder neue Ideen. Deswegen mache ich tatsächlich immer noch sehr viel  von der Produktentwicklung der neuen Kollektionen selbst. Ich arbeite nicht so, dass ich mal eben so eine Kollektion aufs Papier bringe und dann alles abgebe, bei mir entstehen beim Machen die neuen Ideen. Aber ich merke auch, dass ich anfange, da umzudenken. Denn die Muße beziehungsweise die Geduld und Langsamkeit, die man für das Stricken braucht, steht total konträr zum alltäglichen Businessleben mit seinem Zeitdruck  und der Schnelligkeit.“

Die Motive auf deinen Pullovern sind sehr speziell. Woher bekommst du deine Inspirationen?

„Tatsächlich ganz viel bei Filmen. Ich bin ein richtiger Cineast und schaue viele Klassiker oder alte Serien. Twin Peaks ist der Hammer, damals wie heute, einfach von der Bildsprache her. Aber auch Dallas, Boardwalk Empire und Mad Men, Filme wie Gorki Park oder Filme von Antonioni. Manchmal übernehme ich Dinge eins zu eins, manchmal ist es auch nur die Inspiration, die dann weitere Ideen bei mir hervorruft. Ansonsten ist es auch mal in eine alte Sibylle oder alltagskulturelle Gegenstände, Verpackungen, Souvenirs. Einmal habe ich zum Beispiel ein Schwarzwaldmädel gestrickt von einer Serviette vom Titisee.“

Was sind das für Materialien, mit denen du arbeitest?

„Qualitativ sehr hochwertige Garne, auch wenn das nicht unbedingt Cashmere sein muss. Wir arbeiten gerne mit reiner Schurwolle in unterschiedlichen Stärken, Merino- und Alpacagarnen, außerdem habe ich eine Vorliebe für Mohair. Ich achte darauf, dass, wenn überhaupt nötig, nur sehr wenig Polyamid in dem Garn ist. Ich kaufe bei deutschen Spinnereien, aber auch in Spanien und Italien. Ich fahre auch auf die Pitti Filati, die Garnmesse in Florenz, um dort das Spektrum durch industrielle Garne noch zu erweitern. Bisher arbeiten wir viel mit Garnen aus dem Handarbeitsbereich. Das macht Maiami noch ein bisschen besonderer.“

Wer kauft deine Sachen?

„Ich habe meine Zielgruppe nie genau definiert, aber natürlich habe ich mich schon allein durch mein kreatives Umfeld in einem bestimmten Segment positioniert. Deswegen waren meine Pullover auch weniger niedlich, sondern eher cool und Maiami hatte schon immer einen Design- und Fashion-Anspruch. Und wenn man sich entscheidet, auf Messen wie die Premium zu gehen, und in Paris und New York in bestimmte Showrooms oder Messen, sucht man sich ja auch ein bestimmtes Segment und Shops, die dann die Kollektionen verkaufen. Damit trifft man dann schon die Entscheidung für das Fashion- und Designsegment, die Kollektionen kommen in Multilabelstores und haben dann natürlich auch ihren Preis. Im Grunde hätte ich auch auf Kunsthandwerkmärkte gehen können, dort gibt es auch handgestrickte Sachen, aber das ist ein ganz anderer Schnack. Da Maiami aber natürlich etwas ausdrücken will, eine bestimmte Sprache spricht und einen bestimmten Look vermitteln möchte, macht man sich Gedanken zum Marketing und zur Positionierung und man achtet dann darauf, auf welche Messe man geht und auf welche Messe man möchte.“

Du gehst immer nur im Winter auf die Messen. Warum?

„Januar bis März ist der Haupt-Sales-Zeitraum, dann werden die Winterkollektionen gezeigt. Eigentlich haben wir in den vergangenen Jahren immer in Berlin, New York, Paris gezeigt, aber es gibt auch noch unsere Sales-Agentur in Tokio, die für den japanischen Markt zuständig ist. Dort wird die Kollektion hingeschickt und der Sales-Agent macht die Sales-Arbeit. Seit Neuestem arbeiten wir mit einer Agentur in London und auch ganz neu mit einer Agentin für Benelux zusammen, wo wir auch die Kollektionen hinsenden. Eine Sommerkollektion machen wir nicht mehr. Wir wollen versuchen, lieber sehr viel früher mit der Musterung der neuen Winterkollektion anzufangen und uns um weitere, die Wintersaison betreffende Projekte zu kümmern. Im Moment gibt es noch 1000 andere Sachen zu tun. Im Moment steht die Auslieferung an, das ist sehr zeitaufwendig, aber das Produkt ist einfach aufwendig.“

Du hast einen Laden in Berlin-Mitte. Welche Rolle spielt dieser für dein Label?

„Wir nennen ihn eigentlich eher Shop/Salon. Es ist der hintere Raum einer Galerie, die von einer Freundin geführt wird. Wir haben dort ganz lange zusammen gearbeitet, da ich in eben diesem Raum mein Atelier hatte. Wir verstehen uns gut und die Auguststraße ist eine tolle Adresse, also wollte ich sehr gerne bei dieser Adresse bleiben.“

Sind deine Pullover eigentlich auch businesstauglich?

„Die Kombination macht es aus. Wenn man einen geringelten Mohair-Sweater unter einem coolen Jackett trägt, passt das sehr gut. Es ist natürlich nie komplett elegant, aber ich mag es sowieso, Styles ein bisschen zu brechen. Es gibt ein paar Teile, die haben einen etwas sportlicheren Look, wenn man dazu eine lässige Jeans und Boots trägt, aber es sieht sofort eleganter oder auch businesslike aus, wenn man sie zum Beispiel zu einem kurzen Rock oder über Leggins trägt.“

Bild: Label-Gründerin Maike Dietrich

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