Foto: patrizia isabella widritzki

halt. stop. ich möchte das nicht!

was ich von daten und fakten halte? nicht so sehr viel. vorallem nicht in heutigen zeiten. vorallem nicht in der absolutheit, in der sie vergöttert werden. vorallem nicht in der ihr nachgesagten universellen potenz die wahrheit abbilden zu können. statistiken als abbild der realität? schon seltsam. allein schon die vorstellung.

 

väter sind am zufriedensten, wenn sie 50 stunden pro woche arbeiten. also richtig lange. die lebenszufriedenheit von müttern hängt dahingegen kaum von ihren arbeitsstunden ab.

(martin schröder, soziologe)

wenn der soziologe martin schröder seinen artikel, den ich an mehr als einer stelle empörend und auf fatale weise eindimensional finde, (zeit, nr. 26, 21. juni 2018, seite 60 „was ist bloß mit den vätern los?“) mit folgendem satz schliesst: „und empirische forschung zeigt uns die welt, wie sie ist, nicht wie wir sie gerne hätten.“, kann ich nur antworten: empirische forschung taugt dazu, daten zu ermitteln, aus denen wissenschaftliche theorien und hypothesen entwickelt werden können. mit diesen daten können dieselben überprüft und auch modifiziert werden. aber ganz sicher, sind diese daten, fakten, statistiken keinesfalls ein abbild der wirklichkeit. dazu sind sie nicht in der lage. und beim lesen des oben genannten artikels wird auch spürbar, wie gefährlich und negativ einflussreich der reine glaube an die eindimensionale aussage von statistiken sein kann.

bedeutsam ist also die analyse all der daten, die erhoben werden. denn darin liegt viel potenzial, auch das potenzial miss-verständnisse, bewußt oder unbewußt, zu nutzen, um politische entscheidungen zu lenken.

ist ihre untersuchung repräsentativ?

ja. ich nutze die daten des sozioökonomischen panels aus den jahren 1984 bis 2015…

(zeit, nr. 26, 21. juni 2018, seite 60 „was ist bloß mit den vätern los?“)

ich finde nicht, dass die tatsache dass 57 627 personen befragt wurden ausreicht, um irgendwelche daten als repräsentativ zu bezeichnen. wenn mich einer befragt und bittet auf einer skala von 1 bis 10 anzugeben wie zufrieden ich bin, und dann im zweiten schritt fragt, wieviele wochenstunden ich arbeite, möchte ich gefälligst auch gefragt werden ob ich geschieden bin, wieviel ich verdiene, ob meine arbeit gewertschätzt wird, wie alt meine kinder grade sind, wie mein sexualleben aussieht und ob es mir psychisch gut geht, und und und.

im grunde ist es fast egal, wie viel mütter arbeiten. ihre lebenszufriedenheit schwankt im schnitt nur zwischen 7,2 und 7,3 punkten – ist also unabhängig von der arbeitszeit recht hoch. bei vätern ist es das krasse gegenteil…

auf die gefahr hin, dass ich mich wie ein trotziges kleinkind anhöre: das glaube ich nicht. es ist nicht fast egal, wie viel mütter arbeiten. genauso wenig egal ist es, warum mütter arbeiten, wie sie arbeiten und was sie dafür bekommen. egal ist auch nicht, dass im artikel nichts darüber zu lesen ist, wie sehr die erwartungshaltung an menschen, egal welchen geschlechts, und die daraus resultierende rollenzuschreibung, das eigene vermögen einzuschätzen ob man „zufrieden mit dem eigenen leben“ ist, maßgeblich beeinflusst und unter umständen stört.

…statistisch gesehen sollte demnach der vater 80 prozent der gesamten arbeitszeit beisteuern und die mutter ungefähr 20 prozent…

…es gibt tatsächlich die theorie, dass es eltern besser geht, wenn sich beide um kinder und beruf kümmern. aber die daten bestätigen dies nicht…

interessant. die theorie und die daten finden also keine übereinstimmung. aber weil daten aus vermeintlichen fakten bestehen, stechen sie die theorie aus?

theorie ist eine durch denken gewonnene erkenntnis, im gegensatz zum aus erfahrung gewonnenen wissen. aber wer sagt, dass das denken, die vorstellung von etwas, die vision, der realität weniger nah kommt, als die erfahrung. bloss, weil zweiteres aus bereits vollzogenen taten resultiert? welch traurige vorstellung, wenn die mehrheit unserer gesellschaft das glaubt. wie wenig spielraum für unsere zukunft. was für eine einschränkung unserer phantasie- und glaubenskraft!

die empfehlung von schröder an die politik, die männer nicht aus dem arbeitsmarkt zu drängen, er spielt hier auf die frauenquote im höheren management an, ist mir aber dann echt zu viel. männer sind also angeblich schrecklich unzufrieden, wenn man sie nicht arbeiten lässt. frauen nicht so sehr, klar, die sind ja auch für die arbeit zuhause gemacht, und die ist ja keine richtige arbeit, aber das macht denen nichts aus. entschuldigung, ich verkürze. das sollte ich vielleicht nicht tun. oder doch? oder hat herr schröder etwa nicht verkürzt gedacht, als er die aussage traf? denn ich denke, manchmal braucht man in einem so starren und starken system wie dem unseren hilfestellung, um sich daraus zu befreien, um wirklich frei entscheiden zu können, um in seinem leben zufrieden sein zu können.

immerhin zieht der soziologe schröder im artikel in betracht, dass die wahlmöglichkeit von menschen die chance in sich birgt, traditionelle rollenbilder aufzubrechen – und damit auch das empfinden dessen, was uns glücklich macht. also doch. und warum bitte, wird nicht genau das im artikel vornehmlich thematisiert, anstatt auf all den zahlen rumzureiten? vielleicht hat rudi novotny bewusst fragen gestellt, die gewisse antworten provoziert haben? schade, ich glaube man hätte hier viel mehr diskussionspotenzial rausholen können. gesellschaftskritische ansichten aufzeigen können, und zum sich wandelnden bild von elternschaft und familie beitragen können, wenn man denn gewollt hätte…

unterm strich, gibt es nur eins was ich zu dieser art der befragung und der daraus resultierenden bewertung von daten sagen möchte: halt. stop. ich möchte das nicht!

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