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Hangover: Warum ich aufhören muss zu trinken, wenn ich möchte, dass jemand bleibt. Ein Bericht aus Wien.

Ich bin Single. Ich bewege mich in einer Welt aus Alkohol, Drogen und One Night Stands. Ich weiß, der Rausch ist nicht selten eine Flucht vor mir selbst und der Sex ein Wunsch nach mehr als nur Körper. Aber ich weiß auch, damit bin ich nicht alleine, denn die Nacht ist voll von Menschen wie mir.

Hallo. Mein Name it Rita. Ich bin wieder mit mehreren Nummern, aber ansonsten alleine nach Hause gefahren, heute Morgen, auch wenn ich es wirklich nötig gehabt hätte, wie man so schön sagt, mal wieder so richtig durchgenommen zu werden. Bis zu dem Punkt, an dem man glaubt, man steht kurz vor dem Herzinfarkt. Bis zu dem Punkt, an dem man den Verstand, und sich selbst an den anderen verliert. Andererseits weiß ich, dass ich eigentlich auf der Suche nach etwas anderem bin. Es geht nicht um Sex.

 Es geht nicht um Sex.

Genaugenommen ist mein Leben gerade wie eine Wohnung am Morgen nacheiner Party, aber anstatt aufzuräumen, gehe ich los und besorge neues Konfetti. Weil ich will, dass die Party noch weitergeht. Weil ich den Gedanken nicht aushalten kann, dass sie vorbei sein soll. Weil ich es genieße durch die Menschen hindurch zu schwimmen, mit und in ihnen zu baden wie im Meer. Aber wenn ich durch sie hindurchschwimme, verpasse ich sie auch. Das ist mir klar. Ich verliere sie nicht mal. Weil ich sie nie zu den meinen werden lasse. Meine Pausenlosigkeit verhindert wahrhaftige Begegnungen. Während ich die einen und immer neuen begehre, beleidige ich die anderen. Und das ist fatal, denn wer, wenn die Party vorbei ist, und niemand bleibt um mir zu helfen, räumt mit mir auf?

Mehr als Körper will ich geliebt werden. Und lieben. Das ist die Wahrheit. 

In blauer Tinte in meiner linken Hand steht geschrieben: „Ansuman“. Ich habe die Schrift noch nicht abgewaschen. Ich bat ihn seinen Namen in meine Hand zu schreiben, weil ich ihn mir nicht merken konnte. Wir haben uns geküsst. Gestern. Heute Morgen. Ansuman und ich. Vor der Bar. In der Bar. Gegen 04:00 in der Früh. Ich war betrunken. Er nüchtern. Er trinkt keinen Alkohol. Er trank Red Bull. Er ist aus Gambia. Seine Nummer habe ich nicht. Stattdessen habe ich die Nummer von einem anderen aus einer anderen Bar, Nandway (ich weiß, ich habe gestern den Vogel abgeschossen, bei all diesen abgefahrenen Namen), und ich bin jetzt außerdem mit Cem auf Facebook befreundet. Cem. Mit ihm, einem hübschen Türken, habe ich geflirtet, während Ansuman seinen Arm um mich gelegt hatte. Heute Morgen. Irgendwann ging er, Cem, was ich schade fand. Ich habe dann Ansuman geküsst, bevor ich ins Taxi stieg. Wann wir uns wiedersehen, hat er mich gefragt. Irgendwann im Weberknecht, habe ich geantwortet. Das ist der Name der Kneipe, in der wir waren. Klingt nach einer durchschnittlich schrägen Nacht. 

 Ich möchte, dass jemand bleibt.

Ich muss nicht wissen, wie man Frauen wie mich nennt. Wie man Menschen wie mich nennt. Es geht nicht um das Außen. Aber ich weiß, dass der Mensch, der ich gestern war – und der ich vermutlich auch heute noch bin, nicht der ist, den ich ins Außen kehren, oder auch vor mir selbst sein möchte. Ich glaube, ich muss mich besser um sie kümmern, mich, diese Person, die ich bin, denn sie ist so hungrig nach Menschen und innigem Austausch, dass sie durch die Masse fährt, wie ein Mähdrescher über sein Feld, bis nurnoch Stoppeln übrigbleiben und weiter nichts. Eine heiß gefahrene Maschine auf leerem Grund. 

Um mich aber innerlich wohl und im Einklang mit mir selbst zu fühlen und zu spüren, muss ich ein paar Dinge ändern. Ich weiß, ich lade Menschen ein in meine Sphäre, die ich eigentlich sauber und rein halten sollte, für mich. Und wenn sie gehen, bleibt da eben nicht nur immer wieder diese vertraute Leere, die nur Menschen hinterlassen können, die gehen, sie hinterlassen auch, und hier kommt der Reim: Schwere. Das macht aber nichts. Nicht wirklich. Offenbar bringt es mich zum Schreiben. Und das ist gut. Außerdem: mein Herz klopft. Ich spüre es. Das heißt, ich lebe. Ich bin lebendig. Ich weiß, es wird jetzt noch ein wenig so weitergehen, auch wenn ich mir wünsche, dass er bald aufhört, dieser stetige Menschenwechsel. Ich möchte, dass jemand bleibt.

Mein Platz im Karussell

Mein Leben hier ist, und genaugenommen war es das schon immer, wie eine Fahrt in einem Karussell. Mir ist schon übel, aber ich will noch nicht gehen. Ich habe noch nicht genug. Ich will noch mehr und lasse die Musik und die Stimmen der anderen meine eigene übertönen. Die Ziehkraft macht mich high. Es ist dieser Trip, auf dem ich jetzt gerade bin, weil die Plätze auf den anderen Reisen schon vergeben waren, reserviert für die sich Liebenden und Pärchen. Die anderen haben ihre All-Inclusive-Pakete, oder ziehen mit ihren Rucksäcken Hand in Hand durch die Berge. Ich habe meine Single-Reise. Meinen Platz im Karussell. Aber irgendwann steige auch ich wieder von meinem blauen Elefanten ab, oder meinem lila Nilpferd, von meinem hohen Ross, überwinde den Schwindel und lasse mich darauf ein, auch vor anderen, und so gut es geht auch vor mir selbst ich selbst zu sein. Ohne Drogen. Und ohne Alkohol. Um den Menschen, indem ich ihnen mein Gesicht zeige, wahrhaftig zu begegnen. Weil ich möchte, dass jemand bleibt. Denn darum sollte es doch eigentlich gehen im Leben: um Begegnungen, die mehr sind als One Night Stands, Facebookfreundschaften, oder Tinte auf den Innenflächen unserer Hände.

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