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Hauptsache geliebt

Hauptsache ich werde geliebt! Heute steht ein Mädchen vor mir. Sie ist traurig, denn sie kommt mit den Mädels in ihrer Klasse nicht klar. Sie ist kein typisches Mädchen, mit Barbie, rosa, Topmodels, Mädchenkram kann sie nichts anfangen.

 

Sie ist wild, Fussball, auf Bäume klettern, matschen, fluchen, das ist sie. Aber Jungs spielen in dem Alter nicht mit Mädchen und so ist sie allein. Ich möchte ihr sagen: „Ist doch egal, dann kauf dir halt ein rosa T-Shirt und spiel mit dem ganzen Kram, tu‘ so, als ob du es lustig findest. Hauptsache du bist nicht mehr einsam und die Mädchen mögen dich.“

Genau so mache ich es schließlich auch.

Ich stehe daneben, wenn diskriminierende Sprüche fallen, nicht richtig schlimme, aber die alltäglichen eben und lächle. Und verrate damit meine Werte. Ich lasse mich beleidigen, meinen Erziehungsstil entwerten, und sage nichts. Ich stehe daneben, während andere Eltern ihre Kinder demütigen, bestätige sie noch in ihrem Handeln, während mir gleichzeitig das Herz bricht. Alles, damit ich gemocht werde. Mit jedem dieser Gespräche entferne ich mich mehr von mir. Aber das ist nicht schlimm. Schließlich geht es als Mädchen in erster Linie darum, gemocht zu werden. Liebe ist nichts selbstverständliches, sie muss verdient werden. Der eigene Wert, er bemisst sich daran, wie viele Menschen einen mögen.

Vor allem, wenn man gelernt hat, als Mädchen weniger Wert zu haben. Man soll die Mutter unterstützen, im Haushalt helfen, für die Cousins den Tisch decken und abräumen. Wer man ist, wovon man träumt, wen interessiert das? Man soll sich einem Mann anschließen und diesem zum Glück verhelfen. Ihm den Rücken frei halten, in seinem beruflichen Weg unterstützen, sexuell befriedigen, sein Selbstwertgefühl steigern. Dann ist man liebenswert, dann ist man wertig! Ja, das alles gibt es noch. Sicherlich bin ich nicht das einzige Mädchen, das so erzogen wurde. 

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