Foto: Heidi Stopper

Bewerbungsgespräche: „Wer sich nicht traut, kriegt den Job erst recht nicht“

Heidi Stopper war Personalvorstand bei ProSiebenSat.1 – sie will Frauen ermutigen, sich selbstbewusster zu bewerben.

 

Keine falsche Zurückhaltung!

Von Oktober 2012 bis September 2014 war Heidi Stopper Personalvorstand bei der ProSiebenSat.1 Media AG. Sie wuchs aus ihrer Funktion als Executive Vice President Human Resources in diese Rolle. Bevor sie in München anfing, arbeitete sie als Vice President Human Resources für EADS Astrium Satellites. Schon während ihrer Zeit bei ProSiebenSat.1 coachte sie Unternehmer, Führungskräfte und Personaler, nun widmet sie sich seit vergangenem Herbst komplett ihrer Selbstständigkeit als Coach und Unternehmensberaterin. Bei ProSiebenSat.1 erhielt sie mehr als 28.000 Bewerbungen pro Jahr, erzählte sie uns in einem Interview im vergangenen Jahr. Was ihr ihr immer wieder auffällt, ist die übergroße Vorsicht, mit der Frauen an Bewerbungen herangehen. Grund genug, im Gespräch mit uns Mut zu machen.

Sie sagen, Frauen seien bei Bewerbungen zu zurückhaltend und verbauten sich damit Chancen in ihrer Karriere. Was genau ist Ihnen aufgefallen?

„Ich habe das in den 20 Jahren als Personalleiterin gesehen und sehe das jetzt ständig in meiner Arbeit als Coach, dass es da immer noch Stereotype gibt: Männer bewerben sich in der Regel auf einen interessanten Job, wenn sie 50 bis 60 Prozent der in der Ausschreibung genannten Voraussetzungen erfüllen. Frauen zögern, wenn sie 90 Prozent mitbringen und machen sich wegen der fehlenden 10 Prozent Sorgen: Das habe ich auch als Feedback von Headhuntern ständig gehört. Frauen sind extrem zögerlich, wenn sich neue Chancen auftun. Bei internen Stellenvergaben war das auch ständig so: Die Männer heben selbst die Hand, die weiblichen Talente musste man selbst ansprechen, damit sie sich überhaupt auf die Stelle bewarben.“

Das heißt: Einfach machen, auch wenn man manche Anforderungen tatsächlich überhaupt nicht erfüllt?

„Definitv: Ja. Unbedingt. Ich möchte da unbedingt Mut machen: Niemand, der richtig Karriere gemacht hat, hätte diese Karriere je gemacht, wenn er sich nur auf Jobs beworben hätte, deren Anforderungen er komplett erfüllt hätte. Man lernt nur, indem man in eine Aufgabe hineinwachsen kann. Ich habe genau so meine Karriere gemacht: Ich habe ständig neue Jobs angetreten, die Aufgaben beinhalteten, von denen ich damals noch keine Ahnung hatte. Aber meine Chefs haben mir die Aufgabe zugetraut, und dass ich mit der Aufgabe wachse. Ich will hier wirklich Ängste abbauen. Ich habe nach 13 Jahren in der Hochtechnologie in die Medienbranche gewechselt, ich kannte die Branche überhaupt nicht, aber ich hatte andere Qualitäten. Ich lerne sehr schnell und kann komplexe Sachverhalte gut durchdringen, ich denke strategisch, bin innovativ und kommuniziere zielgruppengerecht. Genau das ist wichtig: Man muss nicht alle Aufgaben des neuen Jobs beherrschen können, sondern man muss wissen, welche Kompetenzen man mitbringt und welche Umgebung man braucht, um seine Stärken zum Fliegen zu bringen. Ich arbeite öfters mit Leuten um die 45, die immer noch nicht wissen, welche eigentlich ihre Kernkompetenzen sind. Das ist traurig, da es sie gehemmt hat, mutig Neues auszuprobieren.“

Wie schaffe ich es also, nicht gleich zu verzagen angesichts einer Stellenanzeige mit zehn oder mehr Voraussetzungen, von denen man mehrere natürlich in der Regel nicht erfüllt?

„Zum einen ist dieses Bewusstsein wichtig: Welches sind die Dinge, die ich richtig gut kann? Und das Bewusstsein, dass kein Kandidat perfekt ist. Sie glauben nicht, was man bei Bewerbungen alles zu sehen bekommt. Stehen Sie zu Ihren Lücken, sofern man sich das Wissen aneignen kann. Als ich von der Hochtechnologie in die Medienindustrie gewechselt habe, war jedem der Beteiligten klar, dass ich das Mediengeschäft lernen muss.Ich konnte mir aber zutrauen, den Sprung zu machen. Ich weiss, wie man Unternehmen transformiert, wie man schlagfertige Teams baut, wie Prozesse gestaltet werden müssen, damit sie die gewünschte Wirkung entfalten. Und ich habe mich gefragt: Was brauche ich, passt diese Firma zu mir? Ich brauchte: eine hohe Autonomie, ein kreatives Umfeld, nette und intelligente Menschen um mich herum, und Freiheit. Ich will gestalten können, unter diesen Aspekte habe ich mir die neue Stelle angesehen.“

Wie kam es zum Wechsel?

„Als mich damals ein Headhunter ansprach, ob ich Lust hätte, bei ProSiebenSat.1 die Personalleitung zu übernehmen, war ich erstmal erstaunt und fragte mich: Warum ich, nach 13 Jahren in der Hochtechnologie war das ja nicht gerade eine offensichtliche Wahl. Aber dann habe ich begriffen: Man suchte jemanden, der Transformation beherrscht, der weiß, wie man neue Prozesse aufbaut, der kommunikationsstark ist, der leicht an Menschen andocken kann – mit Blick darauf war klar, warum sie mich angesprochen hatten. Die Funktion hat mich gereizt, ich habe im Vorfeld die Position auf all das abgeklopft, was ich brauche, um erfolgreich arbeiten zu können. Und es wurde eine Erfolgsgeschichte. Ich habe fünf Jahre lang erfolgreich das Personalressort geführt, wurde in den Vorstand berufen. Die meisten Karrieren verlaufen heute nicht mehr absolut geradlinig. Wichtig ist: Man muss sich die Herausforderung selbst zutrauen und man braucht Chefs, die einem etwas zutrauen und einen fördern, dann kann man sich reinhängen in die neue Aufgabe.“

Heiner Thorborg ist der Ansicht, dass die Frauen in den Vorständen von DAX 30-Unternehmen gescheitert sind, eben weil sie nicht genug Kenntnisse mitbrachten, die man für so einen Posten braucht – das wäre ja die Gegenthese dazu, dass man in seine Aufgabe hineinwachsen kann?

„Mich regt schon der Begriff ,Scheitern´ auf. Diese Frauen sind nicht gescheitert, jede hatte ihre eigenen Beweggründe, ihren Posten aufzugeben, meines Wissens haben viele von ihnen einen hervorragenden Job gemacht. Es ist eher so: Wenn Frauen in Vorstandspositionen aufrücken, dann müssen sie sich darüber klar werden: Es geht hier nicht nur um inhaltliche Arbeit, es geht um strategisches Denken, um Machtgefüge, darum, sich Gestaltungsfreiräume freizuschaufeln, es geht um sehr strategische Denkweisen und immer noch sehr archaische Strukturen, und da muss man sich fragen: Bringe ich das mit und mag das oder nicht?“

Von der Vorstandsebene zurück zum „normalen“ Joballtag: Wie schaffen wir es, diese Zweifel, das Zögern zu überwinden, wenn es um Bewerbungen geht?

„Im ersten Moment suchen ja alle Firmen erstmal nach der eierlegenden Wollmilchsau. Aber die gibt’s nun mal nicht. Und man muss sich doch mal bewusst machen: Wie soll denn ein Mitarbeiter wachsen, wenn er schon zu Beginn alle Voraussetzungen mitbringt und schon alles kann? Wie soll der drei oder fünf Jahre seinen Job machen, ohne sich zu langweilen? Es geht also darum, die Jobausschreibung daraufhin zu prüfen: Kann ich mir die fehlenden Kenntnisse aneignen? Wenn es um einen Job auf Führungsebene geht: Kann ich das Team so zusammenstellen, dass jemand aus dem Team die Aufgaben übernimmt oder mir zuarbeitet? Und man braucht eine Antwort auf die Frage: Warum bin ich trotzdem die Richtige? Vielleicht, weil ich Veränderungen liebe, weil ich in komplexen Zusammenhängen denken kann? Jede muss für sich herausfinden: Was ist mein Alleinstellungsmerkmal, mein USP? Die meisten wissen das nicht. Wir sind alle von unserer Erziehung geprägt, das fängt schon in der Schule an, wir sind defizitär orientiert: Was, du hast eine Vier geschrieben, das muss besser werden. Auch Männern fällt es schwer, ihren USP zu nennen, aber Männer sind mutiger und forscher beim Bewerben, beim Handheben, wenn jemand gesucht wird.“

Und wie kann ich meinen USP, also was ich besonders gut kann, herausfinden?

„Zum Beispiel könnte man darüber nachdenken: Was ist denn in meiner Karriere bisher richtig hervorragend gelaufen? Also nicht etwas, das mir schwer gefallen ist und was ich dann doch noch hingekriegt habe, sondern die Momente, wo man so wunderbar im flow war, in denen eine Leichtigkeit herrschte, in denen sich auf einmal alles ganz wunderbar zusammengefügt hat, solche Erfolgsgeschichten. Die schreibt man detailliert auf und gibt sie einigen Freunden zu lesen. Die sollen dann sagen, welche Kompetenzen sich hinter dieser Geschichte verbergen. Wichtig ist: Keine Adjektive. Adjektive sind keine Kompetenzen, es geht um Verben, Dinge die man tun kann: also beispielsweise kommunizieren. Wenn man das um die fünf Leute machen lässt, dann hat man in der Regel ein Set an Kompetenzen, die ein starker Indikator für das sind, was einen herausstechen lässt. Vielleicht bietet ja auch die eigene Firma eine Weiterbildung in dem Bereich an. Firmen haben mittlerweile erkannt, dass es ganz wichtig ist, dass die Mitarbeiter schon früh herausfinden, welche ihre Stärken sind. Grundsätzlich sage ich: Wer seine ganze Karriere lang immer nur an den Schwächen herumdoktert, wird eine mittelmäßige Laufbahn hinlegen: Nur wer seine Stärken kennt und die ausspielt, wird durch die Decke gehen und vor allem Spaß haben.“

Wie soll ich mich denn dann im Bewerbungsgespräch verhalten?

„Man braucht nicht um den heißen Brei herumreden, sondern man kann ganz klar sagen, das und das kann ich noch nicht, dafür aber dies und jenes; durch diese oder jene Kompetenz oder Stärke bin ich überzeugt, dass ich das schnell lernen werde. Auch diese Angst, andere könnten es besser, ist typisch weiblich, also davon auszugehen, dass bestimmt alle anderen Bewerber sich nur beworben haben, weil sie alle Voraussetzungen erfüllen. Was ist denn das Schlimmste, das passieren kann? Dass man die Stelle nicht kriegt. Wenn man sich nicht bewirbt, kriegt man sie erst recht nicht. Die Briten haben den schönen Ausdruck ,testing the water´, gerade ganz am Anfang einer Karriere ist das total wichtig: Einfach mal ausprobieren, oft erfährt man erst im Interview, wie der Job wirklich aussieht, die Vorstellungen vorher sind ja viel theoretischer.“

Wie war das am Anfang Ihrer eigenen Laufbahn?

„Ich zum Beispiel wollte Richterin werden, habe mich durch zwei Staatsexamen gequält, machte mein Referendariat am Arbeitsgericht und fühle mich wie in Monopoly: ,Gehen Sie ins Gefängnis, gehen Sie nicht über Los….´ . Ich landete dann per Zufall in der Hochtechnologiebranche. Dort hatte ich Chefs, die mich alle zwei Jahre in einen neuen Job geworfen haben. Oder ich selber merkte, die Lernkurve ist flach geworden, ich brauche etwas Neues. Ich habe dadurch die verschiedensten Aufgaben betreut: Ich war komplett für das Controlling verantwortlich, lernte, wie man mit den einzelnen Finanzkennziffern arbeitet, habe all die Stellschrauben entdeckt, an denen man drehen kann . Das hat mir keinen Spaß gemacht, aber hat mir hervorragende Kenntnisse mitgegeben für später. Ich habe gemerkt: Zu starke Detailarbeit, das ist nichts für mich. Man lernt so viel über sich selbst. Allein schon in den Interviews lernt man so viel. Ich habe mich am Anfang in der Hochtechnologie, als ich dachte, das ist nichts für mich, kreuz und quer durch Deutschland beworben und hatte unzählige Interviews. Dadurch lernt man: Bestimmte Umfelder sind nicht gut für mich, es gibt Firmenkulturen, die einem nicht liegen, das merkt man teilweise ja schon, wenn man in ein Gebäude reinläuft, spätestens dann im Gespräch.“

Wie sollte man also an das Gespräch herangehen?

„Selbst bei erfahrenen Leute ist es so: Im Interview wollen sie dem potenziellen Arbeitgeber gefallen, sie versuchen zu 100 Prozent, sich in einem guten Licht zu präsentieren. Das ist falsch! Mitarbeiter scheitern in der Regel nicht in einem Unternehmen, weil sie nicht genug Fachwissen mitbringen, sondern weil sie nicht zur Unternehmenskultur passen. Im Interview sollte es zu 50 Prozent darum gehen, sich zu präsentieren; und die anderen 50 Prozent sind dazu da, herauszufinden, ob man bei dieser Firma überhaupt arbeiten möchte. Es gibt übrigens Untersuchungen, die zeigen, dass Arbeitgeber ein Gespräch positiver bewerteten, wenn der Gesprächsanteil jeweils etwa 50:50 betrug und nicht eine der beiden Seiten deutlich mehr Redeanteil hatte. Das ist ein psychologisches Phänomen: Arbeitgeber finden die Bewerber interessanter, die selbstbewusst auftreten und herausfinden wollen, ob sie die Firma wirklich gut finden, die also auf Augenhöhe und selbstbewusst auftreten, das wird honoriert. Also unbedingt schauen, ob die Firma und der Job gut für einen sind. Sobald das die Grundhaltung ist, ich authentisch und positiv auftrete, performe ich automatisch besser im Gespräch.“

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