Bild: Marlen Stahlhuth

Gizem von Hoe_mies: „Manche Männer trauen uns nicht zu, dass wir unser eigenes Equipment aufbauen können”

Seit drei Jahren organisieren Lucia Luciano und Gizem Adiyaman als Hoe_mies inklusive Hip-Hop-Partys in Berlin. Jetzt ist ihr neuer Podcast erschienen: Realitäter*innen. Wir haben uns mit ihnen unterhalten.

„Wir verbinden politischen Aktivismus mit Partygeschehen”

Lucia Luciano und Gizem Adiyaman gründeten 2017 das Hip-Hop-Kollektiv Hoe_mies. Die beiden waren es leid, ständig auf denselben Partys mit derselben Musik und demselben Publikum zu feiern. In Räumen zu tanzen, in denen vor allem den marginalisierten Menschen in unserer Gesellschaft kein Platz zugestanden wird. Als Frauen nicht einfach mal in Ruhe den Abend genießen zu können, ohne ungewollten Annäherungsversuche von Männern ausgesetzt zu sein. Und überhaupt störte sie, dass die Hip-Hop-Szene immer noch stark männlich dominiert ist und weibliche und nicht cis-männliche Künstler*innen und DJs vielerorts keine Chance bekommen, sich und ihre Kunst einem größeren Publikum zu präsentieren. Um das zu ändern, beschlossen sie ihre eigene Partyreihe zu organisieren. Das Konzept fand Anklang. Seitdem veranstalten die zwei Frauen regelmäßig inklusive Hip-Hop-Partys. Ihre Veranstaltungen sollen Safe Space sein für Frauen, non-binäre, queere und Trans*personen. Marginalisierte Identitäten, die sich in vielen Clubs oft nicht sicher fühlen können. Hoe_mies möchten genau diesen Personen einen Raum geben sich zu entfalten. Beim Feiern und durch ihren neuen Podcast: Realitäter*innen.

Als DJs reisen die zwei außerdem durch Deutschland und legen auf Festivals und in Clubs auf. Dabei haben sie stets den Anspruch, Musik zu promoten, die im Mainstream normalerweise kein Gehör findet. Im Gespräch erzählen Hoe_mies von Veränderungen in der Berliner Partyszene, ihrem eigenen Aktivismus und stellen ihren Podcast: Realitäter*innen vor.

Ihr organisiert seit drei Jahren inklusive Hip-Hop-Partys in Deutschland. Habt ihr das Gefühl, dass sich die Szene seit eurem Beginn verändert hat?

Gizem: „In Berlin gibt es viele neue Kollektive, die sich queer oder feministisch positionieren. Bei bestehenden Veranstaltungsreihen sehen wir mehr weibliche DJs im Lineup. Veranstalter*innen schauen, wen wir auf unseren Partys spielen lassen und fragen diese Menschen entsprechend an. Wir haben eine Mix-Reihe auf Soundcloud, in der wir Gast-Mixe von weiblichen DJs vorstellen. Dort holen sich die Leute Inspiration. Es gibt auf jeden Fall eine Veränderung. Das schließt aber die Line-ups von Festivals und und Clubs nicht unbedingt mit ein.”

Lucia: „Wir haben ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen, weil wir politischen Aktivismus mit Partygeschehen verbinden. Auch, wenn es solche Veranstaltungen schon vorher gab, die Nachfrage wird jetzt endlich besser abgeholt. Außerdem haben wir relativ früh angefangen, mit einem Awareness- Konzept zu arbeiten, um sicherzustellen, dass es allen Partygäst*innen gut geht. Das schätzen die Leute.”

Ist Hoe_mies ein aktivistisches Kollektiv?

Lucia: „In dem Moment, in dem wir die bestehenden Verhältnisse kritisieren, sind wir automatisch aktivistisch. Wenn wir beispielsweise darauf aufmerksam machen, dass die Hip-Hop-Szene immer noch sehr männlich dominiert ist.”

Gizem: „Trotzdem beanspruchen wir den Begriff in unserer Arbeit nicht für uns, weil das alles organisch miteinander einhergeht. Wir versuchen unsere eigene Richtung zu finden. Im letzten Jahr haben wir mit der #RKELLYSTUMMSCHALTEN-Kampagne aber einen ganz klaren Schritt in Richtung Aktivismus gemacht. Dadurch standen wir vor ganz neuen Herausforderungen.”

Was für Herausforderungen waren das?

Gizem: „Damals hieß es, Deutschland sei das einzige Land, in dem er noch Konzerte geben würde. Wir wollten darauf aufmerksam machen, dass sexualisierte Gewalt auch in der Musikindustrie ein Thema ist. Und wir wollten im Kontext von #Metoo und Surviving R.Kelly das Thema im deutschsprachigen Raum aufarbeiten. Die öffentlichen Meinungen, die dann auf uns eingeprasselt sind, der Druck, der da ausgeübt wird – das war einfach eine extreme Ausnahmesituation für uns. Wir haben weiterhin Gigs gespielt und Partys organisiert und mussten nebenbei Aktionen planen, Interviews geben und die Kampagne vertreten. Auch mit dem Framing der Presse umzugehen war nicht einfach. Der Fall wurde sensationalisiert und R.Kelly weiter dämonisiert. Das war aber nicht die Idee hinter der Aktion. Wir wollten, dass Sexualverbrecher*innen keine Bühne mehr geboten wird und Menschen, die von Gewalt betroffen sind, zeigen, dass Musik nicht wichtiger ist als ihr Leid. Dort sollte der Fokus liegen. Es war schade, dass weiter auf dieses Feindbild eingedroschen wurde …“

Lucia: „… und strukturelle Probleme gar nicht besprochen wurden. Wir hätten uns gewünscht, dass die Betroffenen ernst genommen werden, sich mit ihnen solidarisiert und ihnen ein Raum zum Heilen gegeben wird.”

Habt ihr bei eurer Arbeit auf den Festivals und in Clubs Rassismus- oder Sexismuserfahrungen gemacht?

Lucia: „Als DJ bin ich nicht körperlich angegangen worden, aber es gibt beispielsweise Clubbesitzer, die in unsere Arbeit eingreifen, weil sie meinen, wir wüssten nicht, wie wir unseren Job erledigen. Die ständig kontrollieren und gucken müssen. Das ist eine Form von Sexismus. Bei männlichen Kollegen wird nicht kommentiert.”

Gizem: „Das Thema Technik ist ein Riesending. Manche Männer trauen uns nicht zu, dass wir unser eigenes Equipment aufbauen können. Oder glauben, dass wir nicht wüssten, wie wir mit den Reglern umzugehen hätten, damit der Sound nicht übersteuert. Das hatte ich erst letztens wieder bei einem Gig. Manche denken, dass wir nur gebucht werden, weil wir gut aussehen oder weil wir Frauen anziehen und sind dann überrascht, dass wir tatsächlich gut auflegen können.”

Glaubt ihr, es geht anderen weiblichen DJs auch so?

Gizem: „Die Leute geben sich ein bisschen mehr Mühe bei uns, weil sie genau wissen, wofür wir stehen. Sie wissen, dass wir Probleme ansprechen, wenn sie uns widerfahren. Deshalb achten sie darauf, anständig mit uns umzugehen. Trotzdem gab es schon unangenehme Situationen: zum Beispiel bei einem Gig letzten Herbst in einem Leipziger Club, wo der Veranstalter in höchsten Tönen unsere Werte lobte, aber es nicht für nötig hielt, einen Gast zu entfernen, der vor unseren Augen eine Frau begrapschte. Oder auf einem Festival letztes Jahr wurde ich auf dem Weg zur Bühne mit meinem Equipment in der Hand von einem Typen bedrängt. Solche Dinge passieren. Ich bin aber dankbar dafür, dass die meisten Leute, die uns buchen, wissen, worauf zu achten ist und versuchen, die richtige Infrastruktur bereitzustellen. Ich weiß nicht, ob sie das machen, wenn sie andere weibliche DJs buchen.”

Hättet ihr euch vor Hoe_mies vorstellen können, dass ihr als DJs so erfolgreich werdet?

Lucia: „Ich hatte schon immer Bock aufs Auflegen, aber dass das Ganze durch unsere Partyreihe durch die Decke geht, war für mich überraschend. Am Anfang war die Party vordergründig. Dass wir dadurch zu Vollzeit-DJs werden, hätte ich nicht gedacht. Es ist nicht so, dass es in diesem Bereich viele sichtbare Vorbilder gibt, bei denen man sich inspirieren lassen könnte.”

Gizem: „Im Gegensatz zu Lucia hatte ich gar nicht so die Ambition, im Musikbereich tätig zu werden. Ich komme aus der politischen Bildungsarbeit und habe während meines Studiums mit Lucia zusammen Hoe_mies gestartet. Nach dem Abschluss wollte ich Projekte im Bereich Bildungsarbeit leiten. Dann kam alles ganz anders und ich habe beschlossen, mich voll und ganz auf Hoe_mies zu konzentrieren.”

Wird euch vorgeworfen, dass ihr Menschen von euren Partys ausschließt?

Gizem: „Wir hören öfter, wir seien ausschließend gegenüber weißen Menschen und würden sie auf unseren Partys nicht spielen lassen. Das stimmt aber nicht. Oder es heißt, wir würden keine männlichen DJs spielen lassen. Tun wir, aber die sind dann queer. Es gibt schon extrem viele Spaces, in denen vor allem weiße und/oder straighte cis- männliche DJs spielen. Der Space, den wir kreiert haben, soll andere Menschen in den Vordergrund stellen.”

Lucia: „Außerdem finden unsere Partys nicht jede Woche statt, sondern alle paar Monate. Keine Person sollte das Gefühl haben, wir würden ihr etwas wegnehmen. Es muss Abende geben können, wo der Fokus auf Menschen gelegt wird, die es im Mainstream nicht so leicht haben. Abende, an denen wir Musik von Menschen spielen, die weiblich sind, die queer sind. Auch wenn sich im Mainstream in der Hinsicht einiges getan hat, es ist noch lange nicht genug.”

Inwiefern?

Lucia: „Wer sich Playlists im Hip-Hop-Bereich anschaut, findet dort meistens dieselben zwei Frauen: Cardi B und Nicki Minaj. Die anderen werden kaum gesehen. Deshalb haben wir früh eine eigene Playlist gestartet. Wir möchten, dass die Leute die Musik kennen, die wir auf unseren Partys spielen. Dafür müssen wir das Publikum an Musik außerhalb des Mainstreams gewöhnen. Andere urbane Richtungen verdienen genau so viel Aufmerksamkeit wie US-amerikanischer Hip-Hop. Denen geben wir auf unserer Plattform eine Bühne.”

Wie kam die Erkenntnis, dass ihr euch weniger an den USA orientieren möchtet?

Gizem: „Das hat sich organisch entwickelt. Irgendwann sind wir müde geworden, immer nur eine Form von Hip-Hop zu hören. US-amerikanische Musik wird kulturimperialistisch ausgehend von den USA überall in die Welt gestreut und gilt als Messlatte für gute Qualität. Gute Musik gibt es aber auch in anderen Teilen der Welt. Als DJ möchtest du nicht immer nur das Gedächtnis feiern und alte Sachen spielen. Deshalb haben wir unsere Inspiration woanders gesucht und den Fokus verstärkt auf weibliche Dancehall Artists, Reggaeton Artist und Afrobeats gelegt.”

Zu eurem Podcast: Realitäter*innen. In der ersten Folge habt ihr euch mit Dating im Jahr 2020 beschäftigt, in der zweiten mit Männlichkeit. Wie trefft ihr die Themenauswahl?

Lucia: „Bei uns zieht sich ein roter Faden durch die Arbeit, von Partys zum Podcast. Wir wollen auch dort Themen eine Plattform geben, die im Mainstream nicht vorkommen, obwohl sie für viele Communitys relevant sind.”

Gizem: „Wir schauen auch immer, was uns gerade bewegt, in dem wir uns beispielsweise nach Gigs im Hotelzimmer austauschen. Durch das Brainstorming und Gespräche mit anderen Leuten kommen die Themen zustande.”

Hattet ihr für Realitäter*innen eine Zielgruppe im Kopf?

Lucia: „Menschen, die ein Interesse an Inhalten haben, die eigentlich nicht tabuisiert werden sollten. Es ist erschreckend, wie wenig über manche Themen gesprochen wird, etwa das Thema Mental Health unter cis-Männern. Da herrscht fast schon Angst. Dabei sind das Sachen, die ganz normal sein sollten. Wir wollen diese Tabus aufbrechen.”

Das macht ihr beispielsweise in der Folge ,Ist Männlichkeit in der Krise?‘ Im öffentlichen Diskurs wird oft nur eine Form von Männlichkeit besprochen. War es euch deshalb wichtig, das Thema von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten?

Gizem: „Ja, wir wollten schauen, welche Perspektiven im Mainstream zu kurz kommen. Worüber wird nicht gesprochen? Wie dealen Nicht-Mainstream-Identitäten mit ihrer Männlichkeit.? Dafür haben wir Zuher eingeladen. Er ist queer, syrisch-stämmig, Aktivist, Feminist und in Saudi-Arabien aufgewachsen. Auf der anderen Seite hatten wir Eazy, der straight, cis, Schwarz und in Ghana aufgewachsen ist. Gemeinsam haben wir uns darüber unterhalten mit welchen Realitäten und Stereotypen sie in Deutschland konfrontiert sind. Für mich war es sehr spannend zu sehen, wie die beiden mit problematischen Ansichten in ihrem Umfeld umgehen. Sprechen sie mit ihren Kumpels darüber? Wir können noch so oft darüber reden, wie toxisch die Erwartungen an Männlichkeit sind. Wenn die Männer das unter sich nicht machen, bringt’s nichts.”

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