Foto:

„Ich bin einfach nicht outgoing!“

Nicht die geilsten Stories auf Lager, nicht die Lauteste am Tisch: so what! Warum nicht jeder Mensch eine Rampensau sein muss, um seine Qualität zu beweisen.

 

Ja, ich arbeite in der Werbung. In Berlin. In Kreuzberg und ja, das hab ich mir wohl so ausgesucht. Wir brauchen auch gar nicht drüber diskutieren, dass das manchmal anstrengend sein kann. Auch nicht darüber, dass sich gerade in dieser Branche besonders viele Egos gegenseitig die Eier streicheln. Das liegt ja schon in der Natur der Sache: „Wir machen was Geiles, also sind wir geil!“. Ich gehöre leider auch manchmal zum Club „geile Story, großer Auftritt“. Upsi. Aber ich finde, dass das voll ok ist. Jeder ist, wie er ist und, je nach Härtegrad der egozentrischen Ausraster, kann man halt mal mit den Kollegen mitlachen und mal einfach nur den Kopfschütteln. Auch das: alles cool. Manchmal mehr als das. Zumindest so lange, bis diese nazistische Kackscheiße irgendwann die Anforderung an alle wird. Wie ein Filter, der über alle Persönlichkeiten gelegt wird. 

Outgoing zu sein, macht einen nicht geiler als der Rest.

Ich finde nicht, dass man besonders laut und dreckig lachen muss, damit der Wert als Teammitglied bestätigt wird. Ich finde auch nicht, das es jemanden kompetenter macht, der einem genau das rät. „Sei mal mehr outgoing!“ Wenn ich sowas höre, schwillt meine Halsschlagader so dermaßen an, dass ich meinen inneren Hulk sehr stark um Zurückhaltung bitten muss. Um des Frieden Willens halte ich also mein „Sei du doch mal …. kein selbstgerechtes Arschloch!“ erstmal zurück. Was der Werber-Kollege wohl eigentlich meinte, war sowas wie „sei mal mutiger“ oder „trau dich mehr, damit du auch mehr gesehen wirst“. Was aber mehr mitschwingt ist eher „sei doch mal cooler, lockerer“ – beides, wie ich finde, eine anmaßende Bewertung des Charakters. Es ging dem Kollegen nämlich anscheinend nicht darum, fachliche Kompetenz zu bewerten, sondern die Persönlichkeit. Really?! Was denkst du, wer du bist?!

„Keinen Bock auf outgoing“ #sorrynotsorry

Denn, mal ehrlich: Wie würde eine Agentur bzw. ein Team funktionieren, wenn es nur aus Egomanen bestehen würde? Im besten Fall steht der Agenturschrank natürlich voll mit Gold für den „geilen Scheiß“, der dann entsteht. Im schlechtesten Fall liegen die Über-Ichs am Ende alle im Krankenhaus, weil sie bis zum Ende verzweifelt versucht haben, nur die eigenen Ideen durchzuboxen. Herzinfakte, Besäufnisse, Kokseskapaden, Schlägerein und Randale inklusive. Es braucht im Team eine ausgeglichene Mischung unterschiedlicher Persönlichkeiten und Qualitäten, damit der Laden läuft – und dazu gehören im gleichen Maße natürlich auch die Kollegen, die man am Tisch erstmal nicht sofort hört. Deswegen sind sie aber nicht weniger Teil dessen, was eine Agentur leistet. Klar, jetzt kommen wieder Sätze wie „Gold kriegt man nicht für halbe Sachen hinter versteckten Türen!“ Jo, das ist wahr. Aber kurz mal hinterfragt: Vielleicht … ist das gar nicht jedermanns Anspruch?! Reicht doch, wenn sich die entsprechenden Leute darum kümmern, oder? 

Also, Schluss mit nettgemeinten, super nicen „veränder doch bitte einfach deine Persönlichkeit“-Floskeln. Denn: Wer nicht outgoing ist, muss es nicht werden. Und an den Kollegen: Nächstes Mal, wenn ich ähnliche Sätze über Kollegen höre, halte ich meinen Hulk nicht mehr zurück. Mal sehen, ob dir das dann outging genug ist.

In diesem Sinne: xoxo. 

Photo by Andrew Neel on Unsplash

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

About Zeen

Power your creative ideas with pixel-perfect design and cutting-edge technology. Create your beautiful website with Zeen now.

Weitere Beiträge
Podcasts von Frauen für Frauen: Unsere Top 8