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Als Mama wirst du automatisch zur Feministin

Du bist keine Feministin, weil Frausein heutzutage nun wirklich kein Nachteil mehr ist? Haha, guter Witz.

Warum muss ich Feministin sein?

Ich habe meine Freiheit aufgegeben. Zack bum, aus, vorbei. Von einem Tag auf den anderen, als wäre ich über Nacht durch ein geheimnisvolles, mächtiges Tor spaziert, von einem Lebensraum in den nächsten, in dem nichts mehr so ist wie es war. Ich war so frei.
Hier drüben sieht alles anders aus und schön ist es durchaus. Aber manches geht mir ganz gewaltig gegen den Strich. Auf der anderen Seite des Tores war ich Individualistin, auf dieser Seite bin ich Feministin.

Manchmal besuchen mich Menschen, die auf der anderen Seite des Tores leben und ich lausche gebannt ihren Geschichten, als erzählten sie aus einer lange verhallten, magischen Welt.
Es gibt im Leben mehrere solche Tore, schon klar. Aber dieses hier ist das Radikalste. Das Tor, das du als normaler junger Mensch betrittst, und als Frau mit Kind auf der anderen Seite verlässt. Radikaler Perspektivenwechsel.
Auf der anderen Seite des Tores hätte ich mich für Ronja von Rönnes Anti-Feminismus begeistern können, auf dieser Seite seufze ich und denke: Komm mal auf meine Seite, meine Liebe. Guck dir die Welt von hier aus an, hier ist echt alles anders.

Schritt 1: Bekomme ein Kind

Einer der ersten Sätze des vielzitierten Ronja-von-Rönne-Textes lautet: „Ich habe einfach selbst noch nie erlebt, dass Frausein ein Nachteil ist.“ Bingo. Hast du nicht. Hatte ich auch nicht, bevor ich durch das große, gruselige Tor ging.
Auf der anderen Seite habe ich mich im Berufsleben niemals als Frau diskriminiert gefühlt. Diskussionen um eine Frauenquote kamen mir verstaubt vor. Als Frau mit Kind dagegen habe ich ständig das Gefühl, ich habe meine Gleichberechtigung an der Tür in den Kreißsaal abgegeben.

Schritt 2: Lasse dich dafür verurteilen, dass du als Frau mit Kind normale Dinge tust, während der Vater deiner Kinder unbehelligt bleibt

Um als Frau mit Kind anerkannt zu werden, muss man sich vierteilen. Und selbst dann macht man es immer noch nicht allen recht.
Auf jeden Fall ist schon mal klar, dass man auf dieser Seite des Tores nur noch kalten Kaffee trinkt und sich erst zum Essen hinsetzt, wenn jeder andere Schreihals abgefüttert ist. Falls dann noch was übrig ist. Und nicht irgendwem der Windelinhalt bis zum Hals steht.

Gesellschaftlich haben wir unsere Mutter-zentrierte Sichtweise auf die Kindererziehung noch kein Stück überwunden. Für die Frau mit Kind bedeutet das: Du hast keine Bedürfnisse außer dem einen, nämlich 24 Stunden am Tag für dein Kind da zu sein. Wenn du nicht bei deinem Kind bist, hast du schon was falsch gemacht. Frauen mit Kindern trifft man und fragt: Wo sind deine Kinder? Männer dagegen bleiben, wie so oft, unbehelligt von solchen Fragen.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Wenn Frauen sich auch um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, dann erziehen sie Kinder, die es normal finden, dass Mütter sich auch um sich selbst kümmern. Und dann, meine Lieben, wird endlich alles besser.

Schritt 3: Erlebe, wie deine Identität verblasst

Aus irgendeinem Grund nennen Frauen mit Kindern sich selbst und andere Frauen unheimlich gerne „Mama“ oder „Mutti“. Ich bin tatsächlich schon so angesprochen worden: „Martha-Mama”. Und obwohl ich stolz bin, Marthas Mutter zu sein, fühle ich mich dabei als Person falsch definiert. Ich verstehe einfach nicht, warum sich viele Frauen mit Begeisterung selbst aufgeben, sobald sie Kinder haben.

Ich glaube fest daran, dass Kinder Eltern brauchen, die ganze Personen sind. Nun kann man sich grundsätzlich darüber streiten, was es braucht, um eine ganze Person zu sein. Aber dass ein eigenständiger Name dazugehört – ich glaube, darauf können wir uns einigen.

Ich wünschte wirklich, wir Frauen mit Kindern würden unsere Namen nicht aufgeben. Denn so niedlich dieses „Martha-Mama”-Ding dem ein oder anderen vorkommen mag, für mich ist es Ausdruck eines höchst ungesunden Umgangs mit der Mutterrolle. Welches Kind profitiert schon von einer Mutter, die irgendwo zwischen Melonen-Raupen und Einhorn-Kostümen verloren gegangen ist? Einer Mutter, die namenlos geworden ist?

Schritt 4: Strenge dich vergeblich an, das ständige Moralisieren und Beurteilt-Werden zu ignorieren

Permanent werden an Frauen mit Kindern andere Erwartungen gestellt als an Männer mit Kindern, siehe Schritt 2. Klar, da kann man immer sagen: Ist doch egal, was Eltern, Schwiegereltern, Nachbarn, Verwandte und Erzieher von dir wollen. Wichtig ist, was du willst. Aber wir sind alle soziale Wesen, die geliebt und anerkannt werden wollen. Und es ist unsäglich anstrengend, wenn einem die Meinung von allen anderen ständig irre egal sein muss.

Was man als Frau mit Kind (abgesehen von alltagspraktischer Hilfe) wirklich bräuchte, wäre moralischer Zuspruch.
Leider ist die Gruppe derjenigen, die einen darin bestärken, ein ganzer Mensch zu sein und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, sehr klein.
Man kann dann nur versuchen, den Rest auszublenden. Aber wenn man erst mal so weit ist, dass man genervt fragt: „Warum müssen mir als Frau mit Kind eigentlich 90 Prozent der Leute ständig betont egal sein?“, dann tanzt man gefährlich nah am Abgrund. Dann ist man bereit für Schritt 5.

Schritt 5: Zelebriere das Reißen des Geduldsfadens

Herzlichen Glückwunsch. Willkommen im Club derer, denen es reicht.
Viele Paare, die ich kenne, haben nicht das Glück, beide in reduzierter Stundenzahl zu arbeiten und sich sowohl Haushalt als auch Erziehung teilen zu können. Die meisten von uns machen Kompromisse für unser Glück. Und das ist in Ordnung.

ABER: Nicht jeder Kompromiss muss sein. Es ist kein gottgegebenes Gesetz, dass das deutsche Steuerrecht Frauen benachteiligt (via Minijobs und Ehegattensplitting); dass die Kita um 16:30 Uhr schließt; dass Frauen mit Kindern nur kalte, übrig gebliebene Waffeln essen dürfen; dass Frauen die allgemein anerkannten Manager des Großprojekts Familie sind, während die Partner zuarbeiten …

Mütter haben die gleichen Rechte

Das ist nur eine kleine Auswahl an Gründen, warum ich in diesem neuen Lebensraum, hier, in dem ich Frau mit Kind bin, ebenfalls Feministin bin. Feministin sein, das bedeutet für mich nicht nur der Überzeugung zu sein, dass Männern und Frauen die gleichen Rechte und Möglichkeiten zustehen. Für mich gehört auch der kritische Blick dazu, der die Realität danach untersucht, ob Individuen und Institutionen Gleichberechtigung nur als abstraktes Ideal vor sich hertragen, oder sie auch tatsächlich praktizieren. Es bedeutet, dass es einem so gar nicht passt, wenn die Kita zum Aktionstag „alle interessierten Mütter“ einlädt.

Oft ist es dieser kritische Blick, der Feministinnen ihren schlechten Ruf einbringt. Das liegt zum einen daran, dass Dummheit sich mitunter als Feminismus tarnt. Zum anderen liegt es daran, dass es einfach noch so irre viel zu meckern gibt. Und weil das so ist, wird man als Feministin zuweilen als schlecht gelaunte Dauernörglerin wahrgenommen. Da kann der Feminismus aber nichts dafür. Der ist trotz allem nötig – schon allein, weil unsere Kinder sinnvolle Vorbilder brauchen. Unsere Töchter und unsere Söhne.

Dieser Beitrag ist zuerst auf Johannas Blog To Maternity and Beyond erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht.

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