Foto: Josh Byers

Ein sinnvoller Job wird für viele von uns immer wichtiger – aber was heißt eigentlich „sinnvoll“?

Immer mehr von uns wünschen sich einen Job mit Sinn. Die Arbeitssoziologin Friedericke Hardering erklärt im Interview, wie sie erforscht, was sich unsere Gesellschaft unter sinnvoller Arbeit überhaupt vorstellt – und warum es krank machen kann, wenn man in seinem Job Dinge tut, die man eigentlich ablehnt.

 

Sinn und Sinnsuche

Über den Wunsch nach einem Job mit Sinn wird momentan viel diskutiert. Die Arbeitssoziologin Friedericke Hardering kennt sich mit den Zusammenhängen aus. Sie forscht im Projekt „Gesellschaftliche Vorstellungen sinnvoller Arbeit und individuelles Sinnerleben in der Arbeitswelt“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Beate Scheder hat mit ihr gesprochen.

Wie wichtig ist es für einen Erwerbstätigen, das Gefühl zu haben, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen?

„Da ist sich die Forschung relativ einig: Es ist überaus wichtig für die Lebenszufriedenheit, aber auch für die Arbeitszufriedenheit, für das Commitment. Jeder  Mensch, der arbeitet, hat den Wunsch, in seiner Teilidentität Arbeit Zufriedenheit zu erlangen. Dazu gehört alles, was man insgesamt in seinem Leben will. Da will man ja auch selbstwirksam sein und Anerkennung bekommen.

Sie untersuchen in einem Forschungsprojekt das Sinnerleben in der Berufstätigkeit. Was interessiert Sie daran?

„Vor dem Hintergrund der Diskussionen über Burnout, Depressionen und eine Arbeitswelt, die krank macht, entwickeln immer mehr Leute den Wunsch, eine sinnvolle Arbeit zu tun und sich in der Arbeit zu verwirklichen. Wenn das Sinnerleben in der Arbeit thematisiert wird, findet man jedoch ganz unterschiedliche Definitionen davon, was das überhaupt ist. Geht es darum, dass die Arbeit gut mit dem Leben harmoniert, dass man den Nutzen der Arbeit erkennt, oder geht es darum, gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen, die sehr viele Menschen für wichtig erachten, wie die Arbeit von Ärzten, NGOs oder soziales Unternehmertum? Uns hat interessiert, was gesellschaftliche Vorstellungen sinnvoller Arbeit überhaupt sind. In der arbeitssoziologischen Forschung wurde das lange Zeit nur in Bezug auf einfache Arbeit mit schlechten Arbeitsbedingungen untersucht. Unser Fokus liegt auf Berufsgruppen mit hohem Prestige, deren Tätigkeit gesellschaftlich als sinnvoll anerkannt wird, Ärzte und Beschäftigte aus dem Feld der sozialen Arbeit.

Haben Sie da schon eine Tendenz herausarbeiten können, was unter einer sinnvollen Arbeit zu verstehen ist?

„Wir stellen im Interview auch die Frage: ,Wann erleben Sie Ihre Arbeit als sinnvolle Arbeit?’ Darauf bekommen wir im Grunde zwei Antworten. Für die einen geht es darum, sich in ihrer Arbeit als wirksam zu erleben. Ganz praktisch wären das bei den Ärzten eine gelungene OP oder bei den Sozialarbeitern konkrete Fälle oder bestimmte Ziele, die erreicht wurden. Das andere ist die Anerkennung für diese Selbstwirksamkeit, für die Erfolgserlebnisse, die generiert wurden, wenn sich zum Beispiel die Patienten zurückmelden und bedanken. Das sind eigentlich die beiden Kernmomente. Mit sinnvoller Arbeit werden zwar sehr große ethische Regionen angesprochen, wie etwa einen Beitrag für die Gesellschaft, das konkrete Sinnerleben bezieht sich dann jedoch auf relativ kleinteilige Momente.

Geht es da nicht aber auch um Werte?

„Ja, das ist ein großes Thema. Wir nutzen auch eine Definition von sinnvoller Arbeit, die besagt, Beschäftigte definieren ihre Arbeit dann als sinnvoll, wenn es ihnen gelingt, diese in ihren eigenen Wertekontext zu setzen. Wenn man wirklich in ethisch moralische Probleme gelangt, wenn man etwas tut, was man für rundweg falsch hält, dann entsteht ein fundamentaler Wertekonflikt. Das ist etwas, was für viele langfristig nicht gut auszuhalten ist. Da ist teilweise eine monotone Arbeit, an die man sich gewöhnen könnte, fast noch die angenehmere Alternative. Diese Wertekonflikte sind richtig belastend für Leute und eine Motivation, zu gehen.

Wie wichtig ist dabei die Außenwirkung?

„Man will natürlich auch da wieder als Mensch in seinen Werten erkannt werden. Das gilt eben auch gerade in unseren Arbeitsgesellschaften, in denen die Arbeit ein wichtiger Identitätsmarker ist. Wir identifizieren uns maßgeblich über Arbeit. Deshalb ist es sehr schwierig, wenn man Berufe hat oder Tätigkeiten nachgeht, die so einen sozialen Makel haben.

Ist die Frage nach dem Sinn im Beruf ein Luxusproblem? Wer Schwierigkeiten hat, überhaupt einen Job zu finden, stellt sich diese Frage ja wahrscheinlich gar nicht…

„Die Arbeitswelt ist sehr gespalten. Für viele Menschen sind solche Fragen gar nicht relevant. Das ist eine Diskussion, die in einem bestimmten Milieu stattfindet, das solche Ansprüche an die Arbeit hat. Beschäftigte, die eher mit der Existenz kämpfen, hätten diese Fragen vielleicht irgendwann auch, aber momentan einfach gar keine Möglichkeit, sich damit zu beschäftigen. Auf der anderen Seite aber ist gerade im Moment ein interessanter Zeitpunkt in unserer Gesellschaft, weil über dieses Milieu hinausgehend im Kontext der Post-Wachstumsdiskussion über ein Bedürfnis nach mehr Einfachheit, einem anderen Verständnis von Arbeit und Leben überhaupt, nachgedacht wird. In dem Zuge dessen geht es viel grundlegender um ein gutes Konsumverhalten und der Bezug zur Arbeit selbst wird hinterfragt.


Dieses Interview erschien zuerst im Magazin Noveaux. Wir freuen uns, dass wir es auch bei uns veröffentlichen können.


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