Foto: NDR/Thorsten Jander

Anja Reschkes Tipp für mehr Selbstvertrauen: „Denk an den Chef, der die größte Pfeife ist. So gut kriegst du das auch hin“

Anja Reschke ist eine Journalistin, die klar und deutlich Position in gesellschaftlichen Debatten bezieht. Wir haben mit ihr im Interview über Haltung und die Zukunft des Journalismus gesprochen.

Journalismus im Wandel

Seit 2015 ist Anja Reschke Leiterin der Abteilung für Innenpolitik beim NDR und damit immer noch eine der wenigen Frauen, die es in der Branche in die Führungsetage geschafft haben. Mit dem Investigativ-Magazin „Panorama“, das sie seit inzwischen knapp 18 Jahren moderiert, und erfolgreichen Ablegern wie „Zapp“ prägt sie seit Jahren die deutsche Fernsehlandschaft. Ihre pointierten Kommentare, wie zuletzt zu Horst Seehofers Bemerkung zu 69 abgeschobenen Geflüchteten, oder zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, den sie eine „lieblose Durchnudelei“ nannte, gehen regelmäßig viral.

Anja Reschke gehört zu den wichtigsten Stimmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, doch die geballte Aufmerksamkeit, mit der sie oft konfrontiert wird, kann auch Nachteile haben. 2015 geriet sie in einen Shitstorm, als sie sich in einem Kommentar für die Tagesthemen positiv über Geflüchtete äußerte. Im Gespräch nach ihrem Panel auf dem FEMALE FUTURE FORCE Day erzählt sie, was ihr geholfen hat, diese Zeit durchzustehen, und welchen Rat sie für andere hat, die sich mit dem Hass im Netz abplagen müssen. Außerdem verrät sie, was geschehen muss, damit mehr Frauen es in Führungspositionen im Journalismus schaffen und wie es um die Zukunft des investigativen Journalismus steht.

Frau Reschke, in den Zeiten von Donald Trump, Fake News, der AfD und den Vorwürfen zur „Lügenpresse” geraten Journalist*innenen immer mehr unter Beschuss. Ist es für Sie in den letzten drei Jahren schwieriger geworden, den Beruf auszuüben?

„Den Beruf auszuüben grundsätzlich nicht. Dass man bedroht oder nicht gern gesehen wurde, das gab es schon immer. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Pressefreiheit heute mehr eingeschränkt ist als noch vor drei Jahren. Aber sie wird mehr infrage gestellt. Was sich verändert hat – und ich glaube, dass das ein längerer Prozess war, wir haben es nur erst in den letzten drei Jahren gemerkt – ist, dass die Selbstverständlichkeit, mit der Journalist*innen dachten, sie senden oder schreiben etwas, und die Zuschauer*innen oder Leser*innen nehmen es einfach so hin, verloren gegangen ist, und das ist auch gut so.“

Und das ist eine gute Entwicklung?

„Ja, ich glaube, dass das ein wichtiger Prozess für den Journalismus ist. Es tut ihm nicht gut, wenn Journalist*innen glauben, sie haben die Weisheit, die Wahrheit, den ultimativen Blick auf das große Ganze alleine und könnten das einfach unhinterfragt an die Rezipient*innen weitergeben. Es macht Journalist*innen eitel, selbstverliebt und bequem. Sie machen ihre Arbeit dann nicht mehr richtig, sondern werden zu Co-Politikern, Co-Entscheidern, die denken, man kann irgendjemanden runter- oder raufschreiben. Das, was eigentlich der Job des Journalisten ist, nämlich die Welt da draußen zu begreifen, zu filtern, zu hinterfragen, zu umfassen und das einem sehr diversen Publikum zu übermitteln, nicht nur einer Elite, die vielleicht studiert hat, gerät dabei in Vergessenheit.

Grundsätzlich ist für die Gesellschaft natürlich der permanente Einfluss von gezielten Falschmeldungen sehr schwierig, weil jede*r inzwischen das glaubt, was er*sie möchte. Es ist vollkommen in Ordnung, dass man zu einem Thema verschiedene Meinungen hat, das ist ja der Kern von Demokratie. Nur wenn man sich auf den Grundkonsens nicht einigen kann, wird es kompliziert.“

Wie soll es in der Zukunft weitergehen, wenn die Stimmen, die Fake News schreien, immer lauter werden und sich keine*r mehr sicher sein kann, dass das, was sie*er liest, wahr ist?

„Es gibt einen Teil der Bevölkerung, den wirst du nicht überzeugen können. Die werden weiter glauben, dass sie belogen werden und dass die Regierung nur das Schlechte für das Volk möchte. Die wird man schwer wieder zurückholen. Für den Rest, also die größere Menge von Menschen, die sich nicht mehr sicher sind, dass das, was sie lesen, wahr ist, wird der Punkt der Medienkompetenz immer wichtiger werden. Die müssen wir in den Bildungskatalog aufnehmen. Das ist entscheidend.“

Wir sollten also schon in der Schulzeit Kindern beibringen, Falschmeldungen zu erkennen?

„Ja. Junge Menschen kommen, im Gegensatz zu meiner Generation, durch Smartphones und soziale Netzwerke sehr viel früher mit Medien in Berührung. Wir müssen ihnen erklären, was eine Nachricht ist, wie das Medienrecht funktioniert, wie viel Objektivität sie von Journalist*innen erwarten können, ihnen Trainings dazu geben, wie Videos bewertet werden. Jede*r muss für sich überprüfen können, warum ein Medium als glaubwürdig oder nicht eingeschätzt werden kann. Es muss aber auch klar werden, dass es nicht die eine objektive, allgemeingültige Wahrheit gibt. Wie man ein Thema bewertet, liegt auch im Auge des Betrachters. Deshalb müssen Journalist*innen transparenter werden und auch erzählen, wie sie an Informationen oder zu welchem Ergebnis sie kommen.“

Sie arbeiten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dieser wird vor allem von der jüngeren Generation stark kritisiert. Viele sehen nicht ein, dass sie monatlich einen Beitrag dafür zahlen, dass Till Schweiger im Megablockbuster sonntags im Tatort über den Bildschirm flimmert. Mit STRG_F haben Sie jetzt ein neues investigatives YouTube-Format gegründet, das sich vor allem an junge Zuschauer*innen richtet. Ist das der Versuch, die Jugend wieder ins Boot zu holen?

„Erst einmal muss ich sagen, die Öffentlich-Rechtlichen haben die Jugend über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt. Wenn Kinder aus dem KiKa-Alter hinausgewachsen sind, gab es eine lange Zeit keine Programme für sie, bevor sie sich dann die Tagesschau ansehen konnten. Deswegen finde ich es toll, dass wir sie mit STRG_F jetzt da abholen können. Ich glaube aber auch, dass vielen jungen Menschen gar nicht bewusst ist, wie viel Öffentlich-Rechtliches sie konsumieren, ohne es zu merken. Alle Radiowellen, alle Sportereignisse, sogar Filmförderung von Kinofilmen werden damit bezahlt. Man muss sich überlegen, was passieren würde, wenn es das nicht mehr gäbe.

Wir leben in einer Welt, in der zu großen Teilen alles immer dem Markt untergeordnet wird. In der Gesellschaft brauchen wir aber einen Ort, an dem wir uns einfach treffen und über Dinge reden, ohne dass dahinter ein Unternehmen oder eine Regierung steht, die in ihrem eigenen Interesse handeln. Das ist das, was die Öffentlich-Rechtlichen versprechen.“

Versprechen und auch einhalten?

„Ja.Ich will nicht lügen und sagen, es gäbe keine Einflussversuche von Politiker*innen zum Beispiel. Es mag auch sein, dass das im ein oder anderen Fall mal Erfolg hat. Ich persönlich habe das aber beim NDR und meinen Sendungen nicht erlebt. Grundsätzlich ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk aber frei, und sendet keine Propaganda, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Das ist Schwachsinn.“

Sie sind 2015 in einen Shitstorm geraten, nachdem Sie sich in einem Kommentar bei den Tagesthemen positiv zu Geflüchteten geäußert hatten. Stimmt es, dass Sie damals überlegten aufzuhören?

„Soweit, dass ich aufhören wollte, ging es nicht. Aber es gab Leute in meinem beruflichen Umfeld, die mir gesagt haben, ich solle versuchen, mich ein bisschen aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Es war mein Mann, der mich bestärkt und gesagt hat: ,Das bist du doch gar nicht. Du bist doch keine, die sich zurückhält und zurückzieht. Du musst doch was sagen. Das bist einfach du und da müssen wir jetzt auch durch.’”

Was raten Sie anderen Kolleg*innen, die mit solchen Anfeindungen umgehen müssen?

„Ich kann nur einen Tipp geben. Das ist nicht leicht, und ich habe selbst eine Weile gebraucht, bis ich das für mich akzeptieren konnte. Das, was man im Netz an Kommentaren liest, muss man auch ignorieren können. Es ist wie ein Scheinriese. Es fühlt sich unglaublich groß und bedrohlich an und man hat das Gefühl, die ganze Welt hasst einen. Im Endeffekt ist das aber Nichts. Heute weiß man, wie viele Kommentare von Bots kommen, wie das Ganze von Wenigen organisiert wird. Fünfzig Prozent der Hasskommentare kommen von fünf Prozent der User*innen. Wenn man das weiß, schrumpft die Menge der Leute, die einen total kacke finden, ziemlich zusammen.

Für mich war es auch immer heilsam, rauszugehen und unterschiedliche Veranstaltungen zu besuchen. Dort trifft man dann wieder auf ganz normale Menschen und wird daran erinnert, dass das auch Deutschland ist. Wenn man sich die Kommentare anschaut, denkt man manchmal, Deutschland bestünde nur aus wütenden Rassist*innen, dem ist aber einfach nicht so. Diese klassischen Hater*innen, die einen nur niedermachen wollen, muss man ignorieren, auch wenn es schwerfällt.“

Auffällig ist, dass viele Frauen in den sozialen Medien vor allem von männlichen Internet-Trollen angegangen werden und sich mit Hasskommentaren herumschlagen müssen. Wie erklären Sie sich, dass es meist Männer sind, die mit solchen Kommentaren hausieren gehen?

„Ich bin sicher, es gibt auch auch Frauen, die mich blöd finden; die Männer äußern es nur lauter. Es ist insgesamt bei negativen sowie positiven Kommentaren zu erkennen, dass sich mehr Männer zu Wort melden. Männer haben eine größere Selbstverständlichkeit, ihre Meinung öffentlich kundzutun als Frauen. Frauen denken dann vielleicht ähnlich, besprechen das aber öfter im Privaten. Das Thema, zu dem ich mich 2015 geäußert hatte, hat besonders viele Männer auf den Plan gerufen, das stimmt. Da spielen aber verschiedene Punkte mit rein: In der AfD sind mehr Männer, die AfD wählen mehr Männer, und wenn man sich die Umfragen anschaut, haben Männer auch mehr Angst vor der Zuwanderung. Man muss sich dann nur mal bewusst machen, wer die Verlierer*innen sein werden, wenn man in die Zukunft schaut. Wer sind diejenigen, die ihre Privilegien, die ihnen immer gewiss waren, abgeben müssen? Es sind weiße, westliche Männer, deswegen sind das auch überall in Europa oder auch in den USA, die, die sich zu Wort melden. Die wissen genau, jetzt kommen die Frauen dazu und fordern mehr Rechte ein und jetzt kommt auch noch „der Fremde“ und versucht ihnen etwas wegzunehmen. Alle kratzen an ihre Privilegien, das ist für die eine schwere Zeit.“

Sie leiten seit 2015 die Abteilung Innenpolitik beim Norddeutschen Rundfunk (NDR). Frauen in Führungspositionen sind auch im journalistischen Bereich immer noch eher selten. Was können wir tun, um den Frauenanteil in deutschen Medienhäusern zu erhöhen? Und haben Sie das Gefühl, dass sich da etwas ändert?

„Ich war dabei, als vor sechs Jahren ,Pro Quote‘ gegründet wurde. Das hat einiges ausgelöst. Damals haben wir an alle Chefredakteur*innen die Forderung gestellt, innerhalb von fünf Jahren in ihren Redaktionen einen Frauenanteil von 30 Prozent zu etablieren. Man kann als Chef heute nicht mehr Posten einfach nur mit Männer besetzen, das ist peinlich, dann muss man sich rechtfertigen. Was man heute aber immer noch bei Frauen, auch bei Journalistinnen beobachten kann, ist, dass sie zu Beginn ihrer Karriere Feuer und Flamme sind. Mit dem ersten Kind kommen die Fragen auf: Was passiert jetzt? Wer bleibt zu Hause? Wer geht auf die Teilzeitstelle? Es gibt dann meist tausend Gründe, warum es die Frau sein muss. Diesen Automatismus müssen wir hinterfragen. In den Karrierekurven kommt zu diesem Zeitpunkt immer der Knick.

Das, was ich mache, kann ich nur, weil ich einen starken Partner an der Seite habe, der immer gut fand, was ich tue. Wenn ich jetzt im Privaten, mit Kindern auch noch gegen meinen eigenen Mann kämpfen müsste, würde es schwer werden. An sich ist aber auch absolut nichts Schlimmes an der Teilzeit. Nur wenn man eine Führungsposition einnehmen möchte, wird es schwieriger, auch wenn es Modelle geben kann, nach denen sich zum Beispiel zwei Frauen die Führung teilen. Ganz viele Frauen wagen den Schritt nicht. Sie trauen sich das selber nicht zu.“

„Frauen trauen sich das nicht zu.” Sie sprechen ein altbekanntes Problem an, haben Sie einen Tipp für mehr Selbstvertrauen?

„Es ist ganz einfach. Mein Tipp wäre: Denk bitte an alle Chefs, die du schon hattest oder kennst. Überlege dir, wie die vor zehn Jahren waren, wie haben die sich benommen, als sie ihren Job angefangen haben, was waren sie wohl in der Schulklasse? Klassenclown oder Klassenbester? Denk an den, der vielleicht die größte Pfeife ist. So gut wie der, kriegst du das doch allemal hin. Schlimmer kann es nicht werden. Das habe ich mir immer gesagt.“

Sie sind inzwischen seit knapp 18 Jahren bei Panorama, machen auch erfolgreiche andere Formate wie ZAPP. Überlegen sie sich manchmal etwas anderes als Journalismus zu machen?

„Ich muss sagen, ich bin wirklich sehr gerne Journalistin. Es ist ein toller Beruf, weil es dich sehr offen hält für die Welt. Weil du im besten Fall in alle Leben reinschauen kannst. Du sprichst an einem Tag mit dem*der Harz-IV-Empfänger*in und am nächsten mit dem*r Vorstandsvorsitzenden. Du sprichst mit dem*der Syrer*in, der*die gekommen ist, und du sprichst genauso mit dem Pegida-Mann, der vor ihm*ihr Angst hat. Das ermöglicht dir eine unglaubliche Bandbreite im Kopf und im besten Fall eine große Offenheit für die Welt.“

Am 25. September erscheint Anja Reschkes Buch „Haltung zeigen!“.

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