Auf dem Bild ist die Yotuberin Pocket Hazel zu sehen. Sie steht vor einer kleinen Mauer und blickt in die Kamera.
Foto: Dirk Maiina

Pocket Hazel: „Ich empfinde leider selbst oft Neid durch Social Media“

Im Interview spricht Hazel Nguyen mit uns über ihren früheren Job im Steuerbüro, über Hass im Netz, Rassismus, Mutterschaft – und Neid auf Social Media.

Auf YouTube ist sie unter anderem als Steuerexpertin und als Ramenqueen Deutschlands bekannt: Hazel Nguyen gehört mit ihrem Kanal „Pocket Hazel“ zu den erfolgreichsten Youtuber*innen im Bereich Unterhaltung in Deutschland. Ihren Durchbruch hatte sie 2016 mit einem Video, in welchem sie die Steuererklärung des damals noch erfolgreicheren YouTubers Julien Bam korrigierte.

Neben Entertainment, Steuern und Finanzen spricht Hazel Nguyen auf YouTube auch über gesellschaftskritische Themen wie beispielsweise Armutserfahrungen oder Anti-Asiatischen Rassismus.

EDITION F: Wie und warum hast du mit YouTube angefangen? Und hast du damals schon erwartet, dass deine Karriere so erfolgreich sein wird?

Hazel Nguyen: „Nein, auf gar keinen Fall! Bevor ich angefangen habe, Videos auf YouTube hochzuladen, habe ich bereits einen Blog geführt. Auf dem ging es viel um Lifestyle, Mode und Trends. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich aber noch nie vor der Kamera präsentiert, obwohl ich das eigentlich schon immer sehr spannend und reizvoll fand. 2012 habe ich es dann gewagt. Mein damaliger Freund und jetziger Partner hat damals schon ganz viele Videos auf YouTube geschaut und dabei ist ihm aufgefallen, dass er sehr wenige weibliche Content-Creatorinnen dort sieht. Zu dieser Zeit waren vor allem Game-Plays (man filmt sich, während man Computer spielt, Anm. d. Red.) sehr angesagt. Mein Freund hat sich dann um alles Organisatorische gekümmert und ich habe mich für die Aufnahme vor die Kamera getraut. Am Anfang musste er mich immer sehr ermutigen, weil ich doch etwas kamerascheu war. Damals lief YouTube noch komplett nebenbei zu meinem Vollzeitjob in einem Steuerbüro.“

Und wie ging es dann weiter?

„Nach einem Jahr hatte ich keine Lust mehr auf Gameplays. Deswegen haben wir all die Ideen umgesetzt, auf die wir Lust hatten, unabhängig von Trends. Wir haben zum Beispiel Essen getestet oder Comedy-Sketche aufgenommen. 2016 gab es den YouTube-Trend: Friseur*innen reagieren auf Frisurenunfälle. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit drei Kolleg*innen haben wir uns darüber unterhalten und uns spaßhaft darüber geärgert, warum wir denn nicht so spannende Berufe haben, mit denen wir lustige Reaction-Videos für YouTube aufnehmen könnten. Ganz zufällig hat mein Partner mir danach ein Video des berühmten YouTubers Julien Bam gezeigt, in welchem er aufschlüsselt, wie viele Steuern er zahlen muss. Schon beim Schauen habe ich mir gedacht: Moment, hier kann was nicht stimmen. Wenn er richtig rechnen würde, müsste er nicht so viele Steuern zahlen. Diesen Moment haben wir genutzt, um meine Expertise aus dem Steuerbereich auf humoristische Weise in unsere Videos auf YouTube einzubringen. Nachdem wir das Video hochgeladen haben, bin ich direkt am nächsten Morgen nach Südkorea geflogen. Deswegen habe ich im ersten Moment auch gar nichts von meinem viralen Video mitbekommen.“

Seit neun Jahren produzierst du jetzt schon Videos für YouTube. Dein Content hat sich verändert und auch die Plattform hat sich gewandelt. Was hast du für dich während deiner Zeit auf YouTube lernen können?

„YouTube hat mir in jedem Fall die Möglichkeit gegeben, mein Arbeitsleben an meine persönlichen Bedürfnisse anzupassen. Mein Partner und ich waren davon überzeugt, dass ich mein ganzes Leben in einem Steuerbüro angestellt sein werde und er weiterhin freiberuflich Videos für YouTube kreieren kann. Ich habe allerdings schon früh bemerkt, dass ich für ein klassisches Angestellt*innenverhältnis nicht so recht gemacht bin. Es fiel mir schon immer schwer, auf der Arbeit auch einfach mal Nein zu sagen. Das bedeutet, wenn mein Chef mich damals gebeten hat, kurzfristig noch drei Jahresabschlüsse bis zum nächsten Tag fertigzustellen, habe ich das auf jeden Fall noch erledigt. Das hat mir auf lange Sicht gesehen gar nicht gutgetan. Durch YouTube und die damit zusammenhängende Selbstständigkeit habe ich demnach gelernt, meine eigenen Grenzen zu achten.“

Wie hast du den Wechsel vom Angestellt*innenverhältnis zur Selbstständigkeit damals empfunden?

„Bei mir verlief der Wechsel eher schleichend. Meinen festen Job habe ich erst gekündigt, als ich von funk das Angebot bekommen habe, beim Kanal ,Pocket Money‘ redaktionell mitzuarbeiten. Bei Pocket Money drehen sich die Inhalte rund um die Themen Geld und Finanzen. Durch das Angebot hatte ich die perfekte Möglichkeit, meine Expertise aus Job und Studium sowie von YouTube zu kombinieren. Außerdem konnte ich mich so auch langsam an die Selbstständigkeit herantasten, bis ich es mir komplett zugetraut habe. Das war für die risikoaverse Seite in mir genau das richtige.“

Bis Ende 2020 hast du für Pocket Money gearbeitet. Wie hat sich die Arbeit dort von deiner Arbeit für deinen eigenen Kanal unterschieden?

„Grundsätzlich war die Arbeit für Pocket Money gar nicht so viel anders. Man entwickelt eine Themenidee, danach ein Konzept zur konkreten Umsetzung des Themas. Darauf folgen das Skript, die Recherche und der Videodreh. Anders als auf meinem Kanal, gibt es zwischen den einzelnen Arbeitsschritten natürlich viele Freigaben durch andere Personen. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen (lacht). Trotzdem war das für mich der perfekte Mix. Von jetzt auf gleich komplett meine eigene Chefin zu sein, das hätte ich nicht geschafft.“

Im Laufe der letzten Jahre hast du auf deinem eigenen Kanal neben Entertaining-Videos auch vermehrt Videos hochgeladen, in denen du gesellschaftskritische Themen ansprichst. Beispielsweise erzählst du von deinen Armutserfahrungen in der Kindheit oder davon, wie du selbst antiasiatischen Rassismus erlebt hast. Wie verlief der Entscheidungsprozess bei dir, auch solche Themen anzusprechen, und dich so noch mehr zu öffnen und angreifbarer zu machen?

„Diese Themen bieten in jedem Fall mehr Angriffsfläche. Für mich ist jedoch der Mehrwert, anderen Personen zu zeigen, dass sie nicht allein mit ihren Erfahrungen sind, einfach größer.“

Wie schützt du dich vor Hass im Netz?

„Rassistische Beleidigungen, die Klischees über Asiat*innen reproduzieren, filtern wir direkt im Vorhinein automatisch über YouTube, sodass solche Kommentare gar nicht erst veröffentlicht werden können. Ansonsten haben ich und mein Partner die Regel, dass ich mir alle Kommentare in der ersten halben Stunde nach Veröffentlichung eines Videos durchlese und beantworte. Da weiß ich nämlich, dass nur meine Community so schnell kommentiert, also keine Hassnachrichten dabei sind. Alle Kommentare, die danach kommen, bearbeitet mein Partner, da ihn Beleidigungen oder andere verletzende Beiträge einfach weniger treffen als mich. So haben wir da die perfekte Balance gefunden, um auf unsere mentale Gesundheit zu achten. Ich wurde einmal zu einer Veranstaltung mit Jugendlichen über das Thema Hass im Netz eingeladen und wollte einige Beispiele für Hassnachrichten aus meinen eigenen Kommentaren mitbringen. Als ich jedoch die Kommentare, die YouTube automatisch rausfiltert, aufrief, um dort nach Beispielen zu suchen, waren die ersten schon so grausam und verletzend, dass ich gar nicht weiterlesen konnte. Ich konnte dann leider keine Beispiele mit zur Veranstaltung bringen.“

Du thematisierst auch antiasiatischen Rassismus in deinen Videos. Wann war für dich der Moment, dass du negative Erfahrungen, die du gemacht hast, ganz konkret als antiasiatischen Rassismus benennen konntest?

„Seitdem der generelle gesellschaftliche Diskurs über Rassismussensibilität stärker geworden ist, also erst seit ein paar Jahren, rekapituliere ich frühere Erlebnisse nochmal, die ich nun mit meinem Wissen und mein Bewusstsein für antiasiatischen Rassismus viel besser einordnen und verstehen kann. Als ich jünger war, habe ich natürlich wahrgenommen, wenn Leute Vorurteile gegenüber mir hatten, ich konnte das aber gar nicht so benennen, und habe es meist einfach als normal abgetan. Anti-asiatischer Rassismus unterscheidet sich in seiner Wirkungsform ja auch nochmal von anderen Rassismusformen. Er wird stark als sogenannter positiver Rassismus verpackt, basiert also vor allem auf vermeintlich positiv konnotierten Stereotypen. In meiner Schulzeit hatten viele Lehrer*innen beispielsweise automatisch das Bild der Schülerin im Kopf, die schlechte Noten im Sportunterricht hat, dafür aber gute Leistungen im Matheunterricht erreicht. Durch die Unterstützung und den Rückhalt meiner Community auf YouTube habe ich den Mut gefasst, auch dort öffentlich über meine Erfahrungen zu sprechen, um auch anderen Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein damit sind.“

In Familien mit Migrationsgeschichte gibt es häufig einen unterschiedlichen Umgang mit und auch andere Bewertung von Rassismuserfahrungen zwischen der ersten Generation der Einwander*innen und der darauffolgenden Generation. Wie sieht das bei dir aus? Sprichst du mit deinen Eltern über diese Themen?

„Über aktuelle Geschehnisse und Debatten, wie beispielsweise der verstärkte Rassismus gegenüber Asiat*innen zu Beginn der Corona-Pandemie, rede ich mit meinen Eltern auf jeden Fall. Meine Eltern wie auch viele ihrer Freund*innen, sind allerdings oft der Meinung, dass wir einfach froh sein sollten, dass wir hier in Deutschland sein dürfen und wir deswegen nicht den Mund bei solchen Vorkommnissen aufmachen sollten. Das sehe ich nicht so.“

Es gibt ein Video, in welchem du über deinen eigenen Neid auf andere Leute auf Social Media thematisierst. In dem Video ging es konkret über deinen Neid auf schwangere Personen zu einem Zeitpunkt, wo du selbst dir noch ein Kind gewünscht hast. Wie schützt du dich davor, dich nicht mit anderen Leuten auf Social Media zu vergleichen und so unzufriedener zu werden?

„Mir passiert das leider selbst auch sehr häufig, dass ich Neid durch Social Media empfinde. Ich selbst bin neben YouTube auch sehr aktiv auf Instagram. Auch ich zeige dort überwiegend nur einen Ausschnitt meiner positiven Erlebnisse. Auch ich lasse bewusst negative Aspekte meines Alltags raus. Das tut mir für meine Follower*innen auch oft sehr leid, weil mir bewusst ist, dass so ein falscher Eindruck bei ihnen entstehen muss. Genau das versuche ich jedoch auch immer zu reflektieren, wenn ich selbst neidisch auf andere Leute bin. Ich mache mir klar, dass ich von ihnen eben auch nur einen Ausschnitt aus ihrem Leben zu sehen bekomme. Um diese ständige Positivität auf Social Media aufzubrechen, probiere ich beispielsweise von schlechten Tagen öffentlich zu berichten, nachdem ich sie hinter mich gebracht habe. So möchte ich meinen Beitrag leisten, Social Media etwas realer zu machen.“

Seit Ende letzten Jahres bist du Mutter. Wie hast du dir die Vereinbarkeit von Job und Familie vorgestellt? Und wie ist es wirklich?

„Ich habe es mir auf jeden viel einfacher vorgestellt. Mein Partner und ich haben uns dazu entschieden, unser Kind so wenig wie möglich auf YouTube oder Social Media zu zeigen und auch nicht zu drehen, wenn das Kind mit im Raum dabei ist. Das macht es natürlich sehr schwer die richtige Zeit für den Videodreh zu finden. Im Moment sieht es deswegen aktuell so aus, dass wir meist erst ab 21 Uhr richtig arbeiten können, wenn das Kind eben schläft. Überhaupt Themen zu finden, die nichts mit dem Kind zu tun haben, fiel mir direkt nach der Geburt sehr schwer und erschien mir nahezu unmöglich. Meine Videos auf YouTube thematisieren eben häufig meine Person und mein Leben. Über was sollte ich also reden, wenn es aktuell nichts anderes außer meinem Kind in meinem Leben gibt, ich aber nicht darüber öffentlich sprechen möchte? Wir haben für uns allerdings den Kompromiss gefunden, dass wir Elternsein und Elternschaft schon öffentlich thematisieren. Mein Partner und ich streben in jedem Fall an, uns die Care-Arbeit 50/50 aufzuteilen. Im Moment übernehme ich noch 70 Prozent, was allerdings beispielsweise dadurch, dass ich stille, auch nur schwer anders zu organisieren wäre.“

Wie gehst du damit um, wenn dich Leute in der Öffentlichkeit erkennen und ansprechen, während du mit deinem Kind unterwegs bist?

„Mir ist interessanterweise aufgefallen, dass die Leute vergessen, dass ich Mutter bin, weil ich das Kind öffentlich nicht groß thematisiere. Wenn ich beispielsweise auf Instagram doch mal erzähle, dass ich eine schlechte Nacht wegen des Kindes hatte, kommen tatsächlich manchmal Nachfragen nach dem Motto: Wie? Welches Kind? Deswegen wenn mich Leute draußen erkennen, wollen die meisten ein Selfie mit mir machen, ein bisschen quatschen, aber bisher hat niemand in den Kinderwagen geschaut oder hat gefragt, wie das Kind aussieht. Ich habe anscheinend zum Glück eine sehr respektvolle Community.“

Was brauchst du von deinem Umfeld, das dir das Leben als Mutter erleichtert?

„Ich brauche regelmäßig einen Tag ganz für mich allein. An dem ich einfach ausgehen kann und machen kann, was mir guttut, ohne dass ich mir Gedanken über mein Kind machen muss, weil ich es sicher versorgt weiß. An dem ich abends nach Hause komme und sich um alles schon gekümmert wurde. Auch wenn uns beide, meinen Partner und mich, die Care-Arbeit sehr erfüllt, müssen wir regelmäßig gemeinsam über unsere Bedürfnisse und Wünsche, was die Aufteilung zwischen uns angeht, sprechen. Ich könnte nämlich nie nicht arbeiten. Die acht Wochen, die ich komplett in Elternzeit zuhause war, waren teilweise echt schwierig für mich. Ich war richtig neidisch auf meinen Partner, dass er weiter arbeiten gegangen ist. Auch wenn er abends mal mit Freund*innen ausgegangen ist, habe ich ihm das nicht gegönnt, sondern war sehr missgünstig. Im Endeffekt haben meine Gefühle mir aber gezeigt, dass wir als Eltern noch nicht die richtige Balance gefunden haben und wir das permanent neu miteinander aushandeln müssen.“

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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