Foto: Lisa C. Waldherr

Ist Heimat tatsächlich dort, wo dein Herz ist?

Heimat ist immer in uns selbst

 

Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch: „Home is where your heart is“ –
Heimat ist dort, wo dein Herz ist.

Ob als hübscher Druck auf der Fußmatte, unser Lieblingskaffeetasse, in jedem Souvenirladen aufzutreibender Postkarte oder diversen Bildern zum Einrahmen – die Auswahl ist groß.

Bevor wir jedoch wie die Lemminge unsere zumindest lokale Heimat, nämlich
unsere Schlaf- und Wohnzimmer mit diesem schlauen Spruch tapezieren,
sollten wir ihn doch eigentlich erst einmal richtig verstanden haben,
oder nicht?

Ist Heimat ein Ort?

Beim Lesen dieses Spruchs drängt sich mir zu aller erst die Frage auf, wo
denn eigentlich überhaupt unser Herz sein soll, damit dieser Ort
sich „Heimat“ schimpfen darf. Was uns wiederum zur nächsten
Frage führt: Muss es zwangsläufig ein Ort sein, an den unser
Heimatgefühl gebunden ist? Dieser so leicht daher gesagte und direkt
für bare Münze genommene Spruch lässt mehr Raum für
Interpretationen, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Nehmen wir uns also des ersten Szenarios an, Heimat sei verbunden mit einem
Ort. Einer bestimmten Stadt vielleicht. Einem Land. Oder einem
Kontinent.

Wir wollten schon unser Leben lang an diesem bestimmten Ort wohnen und
dürfen ihn nun unsere Wahlheimat nennen. Es fühlt sich richtig an,
dort zu sein. Wir fühlen uns heimisch. Verbunden. Unser Herz hängt
an diesem Ort.

Erstmal schön und gut.

Was würde allerdings passieren, wenn es diesen Ort, unsere Heimat,
plötzlich nicht mehr gäbe? Gründe, warum es dazu kommen könnte,
findet man genug, wenn man sich in unserer Welt einmal umschaut. Auch
wenn wir uns größtenteils noch in der Illusion von Sicherheit
wiegen, all das wäre weit weg und passiere nur anderswo.

Das jedoch steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Würde aber genau dieser Fall eintreten und der Ort, den wir Heimat nennen,
wäre von einem auf den anderen Tag verschwunden – wären wir dann
zu lebenslanger Heimatlosigkeit verdammt? Dürften oder könnten wir
uns einfach, so mir nichts, dir nichts, eine neue Heimat zulegen? So
wie sich Hundeliebhaber einen neuen Welpen holen, um über den
Verlust ihres verstorbenen Haustiers hinwegzukommen? So wie wir uns
den nächsten Partner suchen, weil es mit dem letzten dann irgendwie
doch nicht so gut gepasst hat, wie wir eigentlich dachten, er oder
sie nicht so funktioniert hat, wie wir ihn oder sie, unfähig, unser
Ego zu überwinden, lieber gehabt hätten? Mitarbeiter, die gekündigt
werden, frei nach dem Motto, jeder sei ersetzbar? Gehört auch Heimat
zu einem der jederzeit beliebig austauschbaren Güter unserer
Gesellschaft?

„Meine Heimat ist bei dir, Liebling.“

Nicht selten jedoch machen wir die Erfahrung, dass der noch so langweilige
und weder architektonisch noch landschaftlich reich beschenkte Ort
einem perfekt erscheinen mag. Was in den meisten Fällen keineswegs
dem eigenen mangelnden Sinn für Ästhetik, sondern vielmehr den
Menschen, die einen an eben jenem Ort umgeben, zuzuschreiben ist.
Denn genau die machen diesen Ort zu etwas Besonderem, setzten uns wie
frisch Verliebten eine rosarote Brille auf, durch die die Welt
einfach schöner wird, ganz egal, wo wir uns gerade befinden. Vieles
steht und fällt mit den Menschen, die uns am nächsten sind und
damit auch, wie wohl wir uns fühlen, wie wir angenommen, akzeptiert
und wertgeschätzt werden.

Spinnen wir unseren unheimlichen Worst-Case-Faden weiter, stoßen wir auch
hier relativ bald auf die Vergänglichkeit zwischenmenschlicher
Beziehungen, seien sie freundschaftlicher, intimer oder familiärer
Natur. Freund- oder Partnerschaften können in die Brüche gehen,
Familien sich auf immer und ewig zerrütten. Menschen ziehen um,
können krank werden oder sterben. Sollten wir einmal an einen Punkt
in unserem Leben gelangen, an dem wir wirklich alleine sind, nur auf
uns gestellt, einsam – verlieren wir dann jeglichen Halt, weil unser
Gefühl von Heimat einzig und allein an die Menschen um uns gebunden
war?

Auch das ist alles andere als eine beruhigende Vorstellung.

Ein unabhängiges Heimatgefühl – ist das überhaupt möglich?

Wie können wir uns selbst ein verlässliches und konstantes Heimatgefühl
erschaffen, ohne von äußeren Umständen oder Instanzen abhängig zu
sein? Ist das überhaupt möglich?

Stellen wir uns einmal vor, unser Leben gleiche einer Reise mit einem Schiff
auf offener See.

Wir steuern verschiedene Häfen an, es verlassen Menschen das Schiff,
während andere, neue Menschen an Board kommen. An manchen Häfen
gehen wir an Land, verbringen eine gewisse Zeit dort, manchmal
kürzer, manchmal länger, bevor wir wieder in See stechen.

Manche Umstände oder Komponenten können wir frei wählen und selbst
beeinflussen, wie beispielsweise die Ausrüstung, die wir im Gepäck
haben.

Welche Menschen wir an Board lassen – blinde Passagiere, die wir zwar nicht
willkommen heißen wollen, mit denen wir aber trotzdem umgehen
müssen, ausgenommen.

Welche Häfen wir gerne ansteuern wollen.

Wieder anderes liegt außerhalb unserer Macht. Wir können nicht immer
verhindern, dass Menschen, die wir lieben, das Schiff verlassen oder
wir aus unterschiedlichen Gründen nicht so lange an einem Ort
bleiben können, wir wir es uns vorgestellt haben, ihn vielleicht
auch gar nicht erst erreichen können.

Auch Wind und Wetter obliegen nicht unserer Kontrolle. Die See kann rau
und stürmisch sein und unser Schiff ordentlich zum Wackeln, im
schlimmsten Fall gar zum Kentern bringen. Oder uns aber ruhige und
sichere Fahrt gewähren, einen klaren Blick bis zum Horizont und die
schönsten Sonnenauf- wie Untergänge bescheren.

Es gibt verschiedene Dinge, die uns auf unserer Reise begleiten und
unterstützen können.

Unser ganz persönliches Logbuch etwa. Die Fülle aller Erfahrungen und
Erlebnisse, die wir im Laufe unserer Reise machen.

Ein gemäß unseres individuellen Wertesystems geeichter Kompass, der uns
die Richtung weisen kann. Sind wir uns im Klaren darüber, wie wir
die verschiedenen Himmelsrichtungen für uns definieren, so zeigt uns
die Kompassnadel, wie wir leben wollen. Wo die Reise hingehen soll.

Immer wieder vernehmen wir außerdem Lichtsignale entlang der Küste, die
uns Orientierung geben. Selbst bei größtem Sturm und Unwetter.
Menschen, die in unser Leben treten und uns ein Stück des Weges
begleiten. Uns Halt und Hoffnung geben können, wenn wir sie selbst
verloren haben.

Der Anker in uns

Letzten Endes können wir uns jedoch der Wahrheit nicht verschließen und
sollten der Tatsache ins Auge blicken: Als Kapitän unseres Schiffes
auf der Reise, die wir Leben nennen, besitzen allein wir selbst die
Freiheit, die Macht und auch die Pflicht, zu entscheiden, wo, wie und
wann wir vor Anker gehen.

Selbst im größten Sturm und auf offener See, ohne jeglichen Leuchtturm in
Sicht, weder Kompass noch Logbuch zur Hand, haben wir doch immer die
Möglichkeit, den Anker zu werfen, der im Bauch unseres Schiffes
versteckt ist.

Und diesen Anker tragen wir immer in uns selbst. Selbst wenn wir meinen,
ihn verloren zu haben. Er ist immer da. Ganz egal, wo und mit wem wir
uns gerade befinden.

Wo oder mit wem auch immer…

Sollte unser hübscher Allerweltsspruch dann nicht eigentlich lauten:

Heimat ist immer in dir selbst. Ganz egal, mit wem oder wo du gerade bist.“

Oder, um unserer anglisierten Welt und eventuellen Werbezwecken gerecht zu
werden:

„Home is always where you are. No matter with whom or where you are.“

Tragen wir das Gefühl von Heimat in uns selbst, so widrig die äußeren
Umstände auch sein mögen, sind wir mit uns im Reinen, fühlen uns
wohl in unserem Körper und Geist, irgendwie zugehörig und gewollt
von, verbunden mit der Welt, in der wir leben, haben wir ein
Urvertrauen, dass alles gut werden wird, jederzeit und überall –
dann kann uns das niemand nehmen.

Ob uns eine solche Neudefinition dieses altbekannten Credos nun
ängstigen oder beruhigen mag, uns zum Umdenken anregt oder uns die
Augen vor dem Unangenehmen verschließen lässt – das bleibt jedem
selbst überlassen.

Wie viele oder wenige Wohnzimmerwände dieser transformierte Satz wohl
noch schmücken dürfte, führt er uns letzten Endes doch so
erbarmungslos vor Augen, dass, was auch immer passieren mag, zum
Schluss einzig und allein immer nur wir selbst die Verantwortung für
unser Heimatempfinden tragen.

Ganz gleich, wo und mit wem auch immer. 

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