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Jede vierte Frau in Deutschland wird Opfer häuslicher Gewalt – wir dürfen nicht mehr wegschauen

Häusliche Gewalt ist in Deutschland kein Einzelfall. Was geht in den Frauen wohl vor und was leisten die Frauenhäuser für Hilfe?

 

Ein ganz normales Leben?

Kommt, wir gehen in den Supermarkt. Mit dem Wagen eilen wir geschäftig durch die Gänge. Im Laden ist die Hölle los. Kurz nach Feierabend ist jede Kasse besetzt. An einer bleiben wir stehen und reihen uns in die Schlange ein. Jetzt heißt es warten. Genug Zeit, um unsere Aufmerksamkeit vom Einkaufszettel auf unser Umfeld zu richten. Wir sehen Menschen: Familien, Jugendliche, Männer und Frauen. Wir haben es auf die Frauen abgesehen und zählen gemeinsam durch: Eins, zwei, drei, vier. Nochmal: eins, zwei, drei, vier. Ganz schön viele Frauen sind das um uns herum und alle machen das Gleiche wie wir: einkaufen. Die alltäglichste Sache der Welt. Ob das Leben der anderen außerhalb des Supermarkts genauso unspektakulär abläuft wie unseres, wissen wir nicht. Rein statistisch ist es bei einer von vier Frauen in diesem Supermarkt nicht so, denn mindestens jede vierte Frau in Deutschland wird Opfer häuslicher Gewalt.

Ich für meinen Teil bin schockiert, als mir Tamara Fausel vom Frauenhaus Zollernalbkreis diese traurige Zahl nennt. Vor wenigen Wochen habe ich sie getroffen. Bereits beim ersten Gespräch wurde mir klar: Darüber muss ich berichten. Ein paar Fakten, um ein Gefühl für die Thematik zu bekommen.

Traurige Zahlen 

Jedes Jahr fliehen mehr als 17.000 Frauen mit fast genauso vielen Kindern aus ihrem Zuhause und suchen Schutz in einem Frauenhaus. 50 Prozent der Frauen sind deutscher Herkunft, 50 Prozent haben einen Migrationshintergrund. In Deutschland gibt es 400 Frauenhäuser, in Baden-Württemberg sind es 40. Frauen aus allen sozialen Schichten sind betroffen, unabhängig von Bildung oder Einkommen.

Hinter jeder einzelnen Frau steckt ein Schicksal. Wenn man bedenkt, welche Folgen häusliche Gewalt direkt und indirekt für Kinder haben können, erscheint das Leid noch gewaltiger. Das Frauenhaus Zollernalb zum Beispiel hilft betroffenen Frauen seit über dreißig Jahren. Viele wissen zwar von seiner Existenz. Auch ich, trotzdem hatte ich bis dato keine Ahnung, was genau dahintersteckt. Die Fakten aus dem letzten Jahresbericht vermitteln mir einen ersten Eindruck:

2016 fanden mehr als 57 Frauen und 64 Kinder Schutz und Unterkunft im besagten Frauenhaus. Es wurden 177 Beratungsgespräche mit Frauen durchgeführt, die nicht im Frauenhaus lebten. 104 Frauen mussten wegen Vollbelegung abgewiesen werden. Als ich den Bericht noch einmal lese, überlege ich mir, wie es sich anfühlt, wenn man täglich mit Gewalt und Angst leben muss, und das vielleicht über Jahre hinweg.

Was geht in den Frauen vor?

Ich frage mich, haben die Frauen Gedanken wie diese:

„Wie ist er drauf, wenn ich vom Einkaufen heimkomme?

„Er hat sich doch entschuldigt und geschworen, dass er mir nie wieder wehtun wird.”

„Scheiße, wie bekomme ich dieses verdammte blaue Auge weggeschminkt?”

„Es tut weh, hör bitte auf damit, du liebst mich doch! Ich kann meinen Arm nicht mehr bewegen – was soll ich diesmal dem Arzt sagen? Der hat letztes Mal schon blöd nachgefragt. Ich gehe zu einem anderen.”

„Ab jetzt mache ich einfach alles richtig, dann hört er auf, mich zu kontrollieren, und ich darf zu meiner Freundin zum Kaffee.”

„Diagnose Kieferbruch. Ich hasse dich! 

„Er hat sich wieder entschuldigt. Er entschuldigt sich immer. Er liebt mich.”

„Nicht so laut, Kinder, Papa geht es heute nicht gut, geht schnell auf euer Zimmer.”

„Ich kann nicht mehr. Ich muss hier raus.”

„Bitte schrei mich nicht an. Die Kinder hören das. Tu mir nicht weh. Nicht ins Gesicht, bitte nicht wieder ins Gesicht! Bleib im Wohnzimmer. Nicht das Kinderzimmer. Lass die Finger von ihnen. Tu ihnen nicht weh. Hör auf damit. Ich hasse dich, hör auf damit! Ich kann nicht mehr. Wir müssen raus hier.”

Das Frauenhaus als Hoffnungsschimmer 

Ob so ähnlich oder ganz anders, es muss ein qualvoller Teufelskreis sein. Während ich schreibe, läuft mir ein Schaudern über den Rücken. In unserem Gespräch erklärt mir Tamara Fausel, wie das Frauenhaus hilft, wenn sich eine Frau mit letzter Kraft für „Endlich raus!“ entscheidet. Sie berichtet: „Mitunter ist es die Polizei, die den ersten Kontakt zu unserem Haus aufnimmt. Wenn die Situation in den eigenen vier Wänden eskaliert, sind es die Beamten, die die Frauen und Kinder rausholen und gemeinsam mit uns nach einer sicheren und freien Unterkunft suchen. Bei uns rufen aber auch andere Frauenhäuser, Freunde, Verwandte und die Frauen selbst an. Sind wir voll belegt, helfen wir bei der Suche nach einer Alternative. Fast nie wird ein Frauenhaus in der Region gewählt. Immer heißt es Koffer packen und zur eigenen Sicherheit wegreisen von der Heimat, dem Geburtsort, den Freunden, der Familie und dem alten Leben. Ist eines der acht Zimmer – fünf davon sind Familienzimmer – frei, vereinbaren wir einen anonymen Treffpunkt.

Aus Sicherheitsgründen geben wir niemals die Adresse des Frauenhauses bekannt. Sollte beim Treffen jemand aus dem Freundeskreis oder der Familie dabei sein, muss sich diese Person jetzt verabschieden. Sie darf nicht erfahren, wohin die Reise geht. Unser oberstes Gebot ist es, den Schutz der Bewohnerinnen aufrechtzuerhalten. Das GPS des Smartphones wird ausgeschaltet. Wir hören den Frauen erst mal zu, trösten, beruhigen und besprechen bei ihrer Ankunft die Vorgehensweise und die Hausordnung.“

Der Versuch sich in die Frauen hereinzuversetzen 

Was mir Tamara Fausel erzählt hat, regt mich erneut zum Nachdenken an: Wie fühlt es sich an, wenn man seinem vertrauten Begleiter Lebewohl sagt und ein Wiedersehen ungewiss ist? Mit Kindern, die wissen wollen, wann sie ihre Freunde in der Schule wiedersehen dürfen und wo Papa ist. Wenn man sich überlegt, was er wohl gerade macht? Was für Gedanken treiben einen um? „Sucht er mich? Dreht er komplett durch? Wird er mich finden? Ist es richtig, was ich tue?”

Wie fühlt es sich an, wenn man in schweren Koffern einen Bruchteil seiner Vergangenheit in ein ungewisses Leben trägt? Welche Gefühle begleiten einen an solch einem Tag, in solch einer Nacht, wenn man im Frauenhaus ankommt, ein Zimmer bezieht und von fremden Frauen und Kindern begrüßt wird? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich wäre müde. Sehr müde.

Endlich ein wenig Sicherheit 

Das sind viele von den Frauen. Darum dürfen sie erst mal ankommen. Sich ausruhen, ausschlafen, das Leben im Haus und ihre neuen Mitbewohnerinnen kennenlernen. Danach geht es los mit den unvermeidlichen Behördengängen. Die Kinder werden bei der Schule oder im Kindergarten angemeldet, es wird ein Arbeitslosenantrag gestellt, das Jobcenter besucht und alles Wichtige gemeinsam geregelt. Neben den bürokratischen Dingen bleibt viel Zeit für wichtige Gespräche und um zur Ruhe zu kommen.

Die Frage, die für die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus im Mittelpunkt steht: Was braucht die Frau und was brauchen ihre Kinder, um sich wohlzufühlen und wie kann es weitergehen? Genau darüber und über viele andere Aspekte aus dem Frauenhaus will ich zukünftig berichten. Lasst uns diesen Weg des Hinschauens gemeinsam gehen. Es ist so wichtig zu erkennen, dass häusliche Gewalt an Frauen und Kindern keine Seltenheit ist. Unsere gemeinsame Aufmerksamkeit und Wahrnehmung ist ein wichtiger erster Schritt: Eins. Zwei. Drei. Vier.

Dieser Beitrag ist bereits auf Petra Nanns Blog erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht.

Anmerkung der Redaktion

Wenn ihr von Häuslicher Gewalt betroffen seid oder jemanden kennt, gibt es viele Möglichkeiten euch Hilfe zu holen. Seit 2013 gibt es zum Beispiel das gesetzliche Hilfetelefon. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen” ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung unterstützen sie Betroffene aller Nationalitäten, mit und ohne Behinderung – 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte beraten sie anonym und kostenfrei.

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