Foto: Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Jouanna Hassoun: „Ob wir Integration schaffen, kommt darauf an, wie stark sich Europa auf rechte Parolen einlässt“

Jouanna Hassoun hat am Lageso in Berlin die gesundheitliche Erstversorgung aufgebaut, bei Miles vermittelt sie queere Flüchtlinge in sichere Unterkünfte. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was bei der Aufnahme von Geflüchteten schief läuft, wie Integration gelingen kann und wie man am besten hilft.

 

09/12/2015

Die Situation am Lageso ist weiterhin schlecht

In Berlin herrscht bei der Aufnahme und Registrierung von geflüchteten Menschen Chaos. Stundenlang warten sie in der Kälte, im Sommer übernahmen zunächst Initiativen aus der Nachbarschaft wie Moabit hilft die Versorgung vor Ort. Der RBB hat gestern anonyme Statements von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) veröffentlicht, die die Überforderung der Behörden bestätigen. Gestern haben außerdem mehr als 40 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte bei der Berliner Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige gegen Sozialsenator Mario Czaja (CDU), gegen den Präsidenten des Landesamtes für Gesundheit und Soziales des Landes Berlin, Franz Allert, sowie weitere Verantwortliche gestellt. Der Vorwurf: Körperverletzung und Nötigung im Amt

Jouanna Hassoun hat im Sommer ehrenamtlich die medizinische Versorgung am Lageso aufgebaut. Sie ist Mitarbeiter von Miles, dem Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule, beim Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. Aktuell vermittelt sie vor allem queere Flüchtlinge in Privatunterkünfte, da es für Schwule, Lesben oder Trans-Personen oft gefährlich ist oder sie diskriminiert werden, wenn sie in großen Unterkünften leben. 

Wir haben mit Jouanna darüber gesprochen, was in Berlin gerade schief läuft und wo die Politik versagt, was das ehrenamtliche Engagement bedeutet, wie die Situation insbesondere für queere Geflüchtete ist und was wichtig ist, damit die ankommenden Menschen in Deutschland ein Zuhause finden können.

Du warst ehrenamtliche Koordinatorin für die Gesundheitsversorgung am Lageso, nun macht es jemand von der Caritas hauptamtlich. Bist du noch vor Ort?

„Etwa Mitte September habe ich die Aufgabe an eine Hauptamtliche  abgegeben,  ich habe aber trotzdem immer wieder ausgeholfen und auch in Notunterkünften Tipps gegeben, wie man die Gesundheitsversorgung am besten aufbaut. Jetzt bin ich ein bis zwei Mal im Monat  vor Ort, je nach dem, wie ich es schaffe. Ich mache nun hauptsächlich Koordination via Mail und Telefon und kümmere mich darum, dass Leute privat untergebracht werden.“

Kannst du die Situation gerade beurteilen? Hat sich etwas verbessert seit dem Sommer?

„Was sich verbessert hat, ist, dass es mittlerweile zwei hauptamtlich bezahlte Ärzte gibt, die im Schichtdienst arbeiten und die medizinische Versorgung übernehmen. Aber viel läuft noch ehrenamtlich. Die Charité und die Caritas teilen sich das gerade. Es gibt jetzt auch einen Wartebereich, der größer ist und vor der Kälte schützt … es kommt natürlich darauf an, was man als verbessert betrachtet. Für deutsche Verhältnisse ist es immer noch sehr schlecht.“

„Es müssen schneller Menschen eingearbeitet werden und Quereinstiege ermöglicht werden, damit Anträge auch bewilligt werden, denn es geht einfach nicht, dass Menschen auf der Straße teilweise 14 Stunden warten.“

Woran liegt das aus deiner Sicht, dass eine Stadt wie Berlin so langsam reagiert?

„Ich weiß nicht, ob das aus Kalkül oder Ignoranz geschehen ist, denn dass Flüchtlinge gekommen sind, kam ja nicht aus heiterem Himmel. Es wurde ignoriert. Jahrelang oder monatelang war das Lageso vom Senat komplett allein gelassen und es wurde nur sehr langsam darauf reagiert, dass zum Beispiel mehr Personal gebraucht wurde. Derzeit sind etwa noch 15.000 Flüchtlinge in Berlin nicht registriert, insgesamt leben etwa 30.000 aktuell in der Stadt. Bis Ende des Jahres will bzw. soll die Stadt 70-80.000 Flüchtlinge beherbergen. Eine konstruktive Lösung gibt es dafür bislang nicht, und das ist fatal. Und niemand kann wirklich sagen, was schief läuft. Klar ist: Es muss viel Geld in die Hand genommen werden, um darauf zu reagieren. Es müssen schneller Menschen eingearbeitet werden und Quereinstiege ermöglicht werden, damit Anträge auch bewilligt werden, denn es geht einfach nicht, dass Menschen auf der Straße teilweise 14 Stunden warten. Es ist total kalt, ich schaffe es nicht einmal eine Stunde draußen zu sein, ohne dass ich friere, und es geht nicht, dass Menschen stundenlang auf einen Termin warten, der eigentlich schon vor zwei Wochen sein sollte. Sie stellen sich jeden Tag neu wieder an und versuchen reinzukommen.“

Die Caritas hat eine Warnung herausgegeben, dass die Situation für die Wartenden lebensgefährlich sein könnte.

„Ja, ist es auch. Gerade für Babys und Kinder, für Frauen. Für die Menschen, die schon länger unterwegs sind und in Wäldern geschlafen haben. Auch für die, die eine dringende medizinische Versorgung brauchen und nicht nur eine Erstversorgung. Sie wissen ja nicht, welche gesundheitlichen Schäden sie haben und wie die Kälte sich auswirkt. Einige sind untergewichtig und kippen dann um, oder haben Schwierigkeiten das überhaupt auszuhalten, vor allem, wenn man aus Breitengraden kommt, wo es nie so kalt wird.“

Könnt ihr Menschen weitervermitteln, wenn sie noch eine andere Behandlung brauchen?

„Grundsätzlich nein. Wenn es ein Notfall oder ein Härtefall ist, muss die Caritas daran arbeiten, dass sie schneller registriert werden, wenn sie dann als Härtefall anerkannt werden, bekommen sie einen grünen Schein, mit dem Überweisungsschein können sie dann zum Arzt. Wenn es ein Notfall ist, der sofort versorgt werden muss – aber das ist oft schwierig zu beurteilen – dann können sie auch ins Krankenhaus. Das ist gesetzlich festgelegt. Die Härtefallanträge sind aber auch reduziert worden und es ist schwierig, sie durchzubekommen. Und auf der anderen Seite gibt es frustrierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den Ämtern und dann bleiben Härtefallanträge auch mal zwei oder drei Tage liegen.“

Wie hast du das empfunden, von der Stadt Berlin für deine Arbeit mit dem Verdienstorden ausgezeichnet zu werden, wo doch die Stadt auf der anderen Seite  deine Arbeit ja erschwert.

„Es war für mich ziemlich schwer damit umzugehen, manche haben sich sehr für mich gefreut, andere haben mir suggeriert, ich müsste das ablehnen. Ich war sehr zwiegespalten, ich habe aber nie mit dem Gedanken gespielt, die Auszeichnung abzulehnen, da das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Denn außerhalb von der Flüchtlingskrise, in der wir gerade sind, bin ich ja schon seit meinem 15. Lebensjahr in dem Bereich engagiert. Und der Orden, den ich erhalten habe, ist nicht nur für die Flüchtlingsarbeit. Ich sag mal so: Ich hab schon meine Meinung gesagt, auch als ich mit dem Regierenden Bürgermeister gesprochen habe, und bei dem Empfang, hab ich auch meine Kritik geäußert und gesagt, ich bin dankbar für die Anerkennung und Zeichen der Würdigung, weil ich auch selber Flüchtling war. Auf der anderen Seite kann ich mit meinem einfachen, logischen Menschenverstand nicht verstehen, wie wir es nicht schaffen, die Krise, die wir jetzt haben, zu überwinden, weil wir genug leerstehende Gebäude haben, wir haben genug Geld, wir können es finanzieren. Aber es ist nicht durchsichtig, wo es hakt.“

Wie sieht deine Arbeit gerade aus?

„Ich muss jeden Tag damit kämpfen, Menschen in sichere Unterkünfte zu bringen, sehen, dass sie Geld haben um zu überleben, weil wenn sie nicht registriert sind, haben sie kein Geld – und wovon sollen sie dann leben? Dann muss man kreativ werden und bürgerschaftlich eine Lösung finden.“

Für deine Arbeit steht auch nicht genug Geld zur Verfügung. Du hast eine halbe Stelle.

„Wir haben schon mehrmals gefordert, dass wir Unterstützung brauchen. Es geht gar nicht darum, dass meine Stelle aufgestockt wird, sondern dass mich jemand unterstützt und ich jemanden habe, auf den ich mich verlassen kann. Der auch diese Arbeit leistet, weil es oft sehr kräftezehrend ist. Jetzt geht es gerade, weil ich noch einen Ehrenamtler und eine Praktikantin habe, die mich unterstützen. Aber als ich komplett alleine damit war, konnte ich nicht einmal mein Handy ausschalten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Die einzige Zeit, zu der ich nicht erreichbar war, war die, in der ich geschlafen habe. Ansonsten war ich von dem Moment an, zu dem ich meine Augen aufgemacht habe bis ich sie wieder geschlossen habe am Handy, oder dabei, E-Mails zu beantworten, und habe Krisenmanagement gemacht. Da wundert mich auch, dass es heißt, die Flüchtlingsarbeit wird unterstützt, Bisher konnten wir darüber nicht finanziert werden.“

Seid ihr auf Spendengelder angewiesen?

„Ja. Seit dem Sommer haben wir vieles durch Spenden finanzieren können, dafür bin ich auch sehr dankbar an alle, die unsere  Arbeit unterstützen, aber die Spendenbereitschaft hat abgenommen und wird weiter abnehmen. Und was machen wir dann? Wenn wir die Sprach- und Integrationsakademie, die wir hier anbieten, nicht mehr finanzieren können? Bislang lief das über Spenden. Und unsere Klienten profitieren vom Sprachkurs und kommen regelmäßig und sind in einem geschützten Raum. Das ist einzigartig in Berlin, dass wir für LGBTIQ-Menschen einen Sprachkurs haben. Bisher haben wir noch keine Aussicht darauf, dass das vom Senat oder einer staatlichen Organisation auch kontinuierlich finanziert wird. Ich würde mal sagen, dass ist keine Sache, die in einem halben Jahr wieder weggeht, denn was wichtig ist, ist dass die Menschen erfolgreich integriert werden – unabhängig davon, ob es LGBTIQ-Menschen sind oder nicht. Mir geht es darum: Wir dürfen nicht die gleichen Fehler machen wie damals. Menschen kommen hierher, sind auf sich allein gestellt, sie wissen nicht, wie das System funktioniert und sprechen die Sprache nicht – und dann wundern wir uns, warum die Integration nicht gelingt.“

„Wenn die Flüchtlinge kommen und nur unter sich sind, aber keine Begegnung stattfindet, wie kann man da von Integration sprechen?“

Wie wäre denn ein kluger Umgang mit den Menschen, die nach Europa kommen?

„Wir müssen das an den skandinavischen Ländern anlehnen: Neueingewanderte  kommen hierher, sie erlernen die Sprache, bekommen einen Praktikumsplatz vermittelt und die Möglichkeit zu arbeiten – nur so kann Integration gelingen, wo das Zusammenleben von der Mehrheitsgesellschaft und auch den Neuankömmlingen nicht parallel, sondern zusammen stattfindet. Wenn die Flüchtlinge kommen und nur unter sich sind, aber keine Begegnung stattfindet, wie kann man da von Integration sprechen? Da müssen wir ganz dringend aufpassen, keine Fehler zu machen. Also langfristig.“

Welche Dinge müssen schnell umgesetzt werden?

„Es ist natürlich akut, dass die Menschen etwas zu essen und zu trinken bekommen, dass sie versorgt sind und diese Wartesituation sich verändert. Zum Beispiel, in dem wir ein Gebäude in Berlin finden, wo die Menschen drinnen warten können und sitzen. Wir haben immer noch ein Problem mit der Security, dass sich einige davon bestechen lassen, und nicht nur die netten und hilfsbereiten. Es gibt immer Menschen, die aus dem Elend Geld verdienen. Aus diesem Grund mussten auch die Hostel-Gutscheine verboten werden. Das löst aber nicht das Problem. In Karlshorst sind es menschenrechtswidrige Bedingungen. Wenn es dort zu Konflikten kommt, soll mir niemand sagen, dass es an den Flüchtlingen allein  liegt, sich zivilisiert zu benehmen. Wir könnten ein Experiment starten mit Menschen die hier in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und wir stecken sie für fünf Tage in eine solche Situation und schauen, wie sie sich benehmen. Die Gesamtsituation macht das, besonders mit der Anspannung nach der Flucht, den Traumata, nicht zu wissen, wie es weitergeht, unterschiedliche Situationen, die Angst machen. Jeder kämpft hier ums Überleben und dann kommt es zu Konflikten.“

„Was wird aus den Ehrenamtlern ist ein großes Thema – denn sie werden mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert.“

Was glaubst du, was passiert wenn das ehrenamtliche Engagement jetzt nachlässt?

„Ich will gar nicht drüber nachdenken. Es gibt natürlich Menschen, die sind seit Jahren schon aktiv – seit 5, 10 und 20 Jahren und die werden auch jetzt nicht aufgeben und sagen, ich hab keine Lust mehr. Die, die aufgeben werden, sind die, die neu eingestiegen sind. Nicht alle natürlich. Doch sie sind dann auch frustriert, für viele ist die Luft raus. Selbst für mich, ich ertrage das Bild am Lageso oft nicht mehr, wie die Menschen dort behandelt werden und unter welchen Bedingungen sie dort warten. Es ist für mich emotional nicht mehr zu ertragen – obwohl ich psychologisch geschult bin und eine Ausbildung im sozialen Bereich habe. Es geht mir sehr nahe. Wie geht es dann den Menschen, die nicht aus der Thematik kommen? Die brauchen auch Unterstützung. Was wird aus den Ehrenamtlern ist ein großes Thema – denn sie werden mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert. Auch ehrenamtlich Engagierte müssen gepflegt werden. Sie bräuchten eine Supervision oder auch ein Coaching, damit sie damit fertig werden. Denn einige Geschichten gehen an die Grenzen der Hilfsbereitschaft – wenn zum Beispiel eine geflüchtete Person damit droht sich das Leben zu nehmen, es sogar versucht oder tut.  Dass muss man erst einmal auffangen können. Die Ehrenamtlichen werden damit oft alleingelassen.

„Es ist für mich emotional nicht mehr zu ertragen – obwohl ich psychologisch geschult bin und eine Ausbildung im sozialen Bereich habe.“

Wenn die Hilfe nun weniger wird, geht es den Flüchtlingen vielleicht geht es den Menschen schlechter, vielleicht kommen endlich die Verantwortlichen ihrer Pflicht nach. Ich kann nur sagen: Es wird immer kälter. Und auch die Helferinnen und Helfer können nicht mehr 14 oder 16 Stunden draußen stehen. Außerdem sind viele berufstätig und können sich nicht permanent freinehmen. Jeder tut was er oder sie  kann. Ich hoffe da drauf, dass die Hartgesottenen dranbleiben. Und worauf wir am meisten angewiesen sind, sind nach wie vor die privaten Unterkünfte. So dass wir Menschen aus der Obdachlosigkeit oder Gewaltsituationen herausholen können. Alleinstehende junge Frauen,  Transgender-Personen, lesbische Frauen, schwule Männer sind in den Massenunterkünften davon oft betroffen und wir versuchen dann, sie dort herauszuholen.“

Wie kommen die Leute zu dir in die Beratung?

„Mund-zu-Mund-Propaganda. Unsere Beratungsstelle ist leicht zugänglich. Man findet sie gut im Netz. Wir erstellen gerade Flyer auf Englisch und Arabisch, die hatten wir bislang nicht, weil uns die finanziellen Mittel dafür gefehlt haben.“

Wer unterstützt dich?

„Ich bin sehr sehr gut vernetzt und das ist sehr hilfreich. Vor allem für die Leute, die mich brauchen – die finden mich sehr leicht und können mich kontaktieren. Bisher hab ich immer eine Lösung gefunden. Ich lasse da meiner Kreativität freien Lauf. Ich habe aber auch viele tolle Leute um mich herum, die mich unterstützen, zum Beispiel Dirk Voltz, der sehr viele Menschen bei sich aufgenommen hat, die Initiative „Flüchtlinge Willkommen“, wo Zimmer vermittelt werden, mit denen kooperiere ich eng, und als Miles und als Jouanna bin ich einfach auf Spenden angewiesen um die einfachsten Sachen anzuschaffen. Einer unserer Ehrenamtler hat zum Beispiel ein schwules Pärchen aufgenommen und sie sollten eigentlich nur drei Tage bleiben, sind nun aber seit zwei Monaten bei ihm, weil es nicht anders geht. Ich finde keine WG für sie und auch lange keine Wohnung – jetzt haben wir eine. Und dann brauche ich Spendengelder, so dass sie so etwas wie einen Bettbezug kaufen können. Es gibt Flüchtlinge, die haben noch etwas Geld, andere haben gar nichts. Für diejenigen, die gar nichts haben – woher sollen sie Geld nehmen, wenn das Geld vom Amt noch nicht da ist? In meinem Ehrenamt „mieten“ ich mit Spendengeldern Wohnungen an, bis dann die Kostenübernahme kommt.“

Vermittelst du alle LGBTIQ-Personen in private Unterkünfte?

„Ich versuche das, denn in den großen Unterkünften ist es einfach für sie sehr schwierig. Selbst in den Unterkünften, die für besonders schutzbedürftige Menschen sind, haben Klienten von mir Diskriminierung erfahren und es kam zu Gewaltvorfällen. Es gibt Klienten und Klientinnen, die es schaffen, sich unsichtbar zu machen – aber wollen wir das von Menschen verlangen, die aufgrund von Kriegserfahrungen oder weil sie aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt sind? Dass sie sich weiterhin verstecken?“

Fliehen deine Klienten vorrangig, weil sie aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt werden?

„Menschen aus Syrien fliehen aufgrund des Krieges und geben das in der Regel als Fluchtgrund an. Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern, aus dem Iran, Irak, Libanon, Ägypten, Algerien kommen oft, weil sie aufgrund ihrer Homosexualität oder Transidentität verfolgt werden. Ich hab einige Klienten, die dort im Gefängnis waren und misshandelt wurden.“

Könnt ihr hier Traumaberatung anbieten oder psychotherapeutische Behandlung vermitteln?

„Nein, das können wir nicht. Wir machen eine psychosoziale Erstberatung. Das sind fünf Termine. Für Traumatherapie bin ich nicht ausgebildet – klar wäre es schön, wenn wir das anbieten könnten. Wir fokussieren uns aber erst einmal auf Krisenmanagement.“

Wäre psychologische Begleitung für die Integration wichtig?

„Definitiv. Viele kommen mit schweren Traumata. Einige von meinen Klientinnen und Klienten bräuchten auch psychologische Unterstützung – aber es ist sehr schwierig einen Platz zu bekommen, die Sprache kommt als zusätzliche Barriere hinzu, denn wenn man über schwierige Erfahrungen nicht in der Muttersprache reden kann, kann man sich auch nicht vollständig ausdrücken. “

Ist Traumabewältigung noch wichtiger, als Arbeit zu finden?

„Die meisten Flüchtlinge, die ich kennengelernt habe, haben zu allererst gefragt: „Wo kann ich Deutsch lernen? Wo kann ich arbeiten?“ Ich rate ihnen immer dazu, vernünftig Deutsch zu lernen, hier anzukommen und sich sicher zu fühlen, und sich dann zu orientieren, wo sie arbeiten können und welche Möglichkeiten es gibt – und nicht irgendeinen Job, sondern auch nachhaltig ins Berufsleben einzusteigen.“

Glaubst du, dass Europa eine gute Einwanderungs- und Asylpolitik hinzubekommen?

„Wenn die Politik ihre Verantwortung ernst nimmt, können wir es schaffen. Und es kommt darauf an, wie stark sich Europa auf rechte Parolen einlässt und Deutschland und Europa sagen, es ist schon einmal ziemlich schief gelaufen, wir gehen jetzt anders vor. Die Politik muss sich in der Verantwortung sehen, rechte Hetze zu stoppen und massiv dagegen vorgehen und Volksverhetzern keine Plattform zu bieten – das ist ja ein Problem in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Dänemark – die rechte Bewegungen werden stärker, auch in der Politik. Und das wirkt sich negativ auf die Integration aus. Die Äußerungen von Thomas de Maizière und Horst Seehofer spielen der rechten Szene in die Hände. Wir brauchen aber Politiker, die sagen, dass es nicht sein kann, dass jeden Tag mehrere Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübt werden. Der Kurs unserer Bundeskanzlerin verdient für mich gerade sehr viel Respekt und ich hoffe, dass sie auch dem Druck standhält.Da versagen gerade Justiz und Staat. Wie können wir nach den NSU-Morden weggucken? Wir haben ein Rassismusproblem – das können wir nicht von der Hand weisen. Natürlich haben wir auch ein Problem mit Islamisten – aber ich habe mehr Angst vor den Rassisten. Und es ist auch egal, ob mich jemand schlägt oder mir sagt, ich solle vergast werden – beides tut weh.“

Wird die „Flüchtlingskrise“ an den Finanzen scheitern?

„Ich bin mir sicher, dass es uns nicht an finanziellen Ressourcen mangelt. Ich bin mir sicher, dass wir nicht daran verhungern werden, wenn wir hier in Deutschland viele Flüchtlinge aufnehmen. Uns geht es gut, dass muss man ja einfach mal sagen. Wenn man Banken retten kann, dann kann man auch Gelder freisetzen um Menschenleben zu retten. Beides hat seine Berechtigung, Menschenleben gehen für mich immer vor. Das Geld ist da. Und die Politik muss klar sagen, ob ihnen alle Leben gleich viel wert sind. Denn ist jemand mehr wert, nur weil er das Glück hatte, zufällig in Deutschland geboren worden zu sein? Ist es sein Leben mehr wert, als von jemandem aus einem afrikanischen Land? Auch wenn es erst einmal Geld kostet, wir profitieren doch auf lange Sicht davon.“

„Das Geld ist da. Und die Politik muss klar sagen, ob ihnen alle Leben gleich viel wert sind.“

Was kann man denn im privaten Rahmen tun, damit Flüchtlinge akzeptiert werden?

„Immer wieder sagen: Ihr werdet nicht verhungern. Ihr müsst euren Lohn nicht mit Flüchtlingen teilen. Es muss eine Debatte stattfinden, und zwar so, dass man den „besorgten Bürgern“ erklärt: ,So, das und das und das ist Fakt.‘ Wenn sie nicht von alleine nachdenken wollen, können wir sie zum nachdenken anregen. Ich kriege übrigens zunehmend Post von christlichen Fanatikern, die mir wünschen, dass ich nicht in die Hölle komme und die mich von den bösen Muslimen warnen wollen.“

Können Menschen aus Berlin bei Miles konkret mithelfen?

„Wir starten im Januar ein Mentorenprojekt für queere Flüchtlinge. Da kann man unterstützen. Dann kann man uns immer wieder durch Spenden unterstützen. Und aufklären, aufklären, aufklären. Wenn ihr besorgte Bürgerinnen und Bürger in eurem Freundeskreis habt, nehmt ihnen die Angst. Es sind ja nicht die ersten, die hierher kommen. Die, die zum Beispiel in den 90er-Jahren gekommen sind, sind schon lange Teil der Gesellschaft.“

Mehr über Miles und auch die Möglichkeit zu spenden und Jouannas Arbeit zu unterstützen, findet ihr auf der Website.

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