Foto: Pawel Maryanov

„Klassik gilt nicht unbedingt als sexy“

Der klassischen Musik gehen die Talente jenseits der Bühne aus – Kathleen Alder will etwas dagegen tun.

 

Klassik verliert das Publikum

Eine jüngere Zielgruppe für klassische Musik begeistern. Genau das, will Kathleen Alder erreichen. Und dafür sorgen, dass der Branche die Talente jenseits der Bühne nicht ausgehen. Noch bis heute kann man sich für das von ihrer Agentur „WildKat PR“ ausgeschriebene „Noted Innovation Fellowship“-Stipendium bewerben. Gefördert werden außergewöhnliche Ideen, Konzepte und Projekte im Bereich der klassischen Musik jenseits der Bühne – also, wer gute Ideen hat: Beeilung.

Wir haben mit Kathleen darüber gesprochen, warum es sich auch für bisher Unerfahrene lohnt, sich an klassische Musik heranzutasten.

Woran liegt es deiner Meinung, dass in der klassischen Musikszene kein Mangel an frischen Gesichtern auf der Bühne besteht, es da ja sogar einen Hype gibt, es aber hinter der Bühne zu wenig Nachwuchs gibt?

„Ich glaube, der Mangel an jungen Talenten hinter den Kulissen der klassischen Musik hat verschiedene Gründe. Die Branche gilt nicht unbedingt als sexy und Hierarchien spielen immer noch eine große Rolle. Es gibt wenige junge Kulturmanager in unserem Bereich und damit wenige Vorbilder und niemanden, zu dem man aufschauen kann. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die verschiedenen Arbeitsbereiche und Berufsfelder im Bereich der Klassik vielen Berufsanfängern unklar sind. Als ich in der Klassik anfing, wusste ich überhaupt nicht, was es für Jobs gibt und ich hatte immer den Eindruck, gegen die ´gläserne Decke´ zu stoßen, diese unsichtbare Barriere, die Frauen und junge Leute trotz guter Qualifikationen auf der Karriereleiter zurückhält. Innerhalb der großen Firmen gibt es ein klares Modell: Man arbeitet sich über 30 bis 40 Jahre langsam hoch. Es gibt relativ wenige Startups – heute mehr als noch vor ein paar Jahren – und als ich mit 22 Jahren WildKat gründete, war ich ein Exot und wurde von vielen lange nicht ernst genommen. Diese Gesamtsituation schreckt natürlich viele ab. Dazu kommt, dass die Darstellungen von Klassik in den Medien oder in der Öffentlichkeit meistens nur die Künstler porträtieren. Ich lese öfter einen spannenden Bericht über Menschen, die im Film- oder Theaterbereich tolle Initiativen gründen oder interessante Jobs haben als in der Klassikbranche.“

Vielleicht haben viele Leute gar nicht auf dem Schirm, was man im Bereich klassische Musik alles machen könnte beruflich – kannst du ein paar spannende Bereiche aufzählen?

„Die meisten, die in der Klassikbranche anfangen, sind überfragt, wenn es darum geht, was für Arbeitsfelder es gibt. Aber auch hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Konzerthallen, Plattenlabels, Orchester und Opern haben große Teams, die Konzerte oder Veröffentlichungen programmatisch organisieren und dafür Marketing machen, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Videoproduktionen, Fotos, Social Media, Bildungsarbeit, Finanzen, Logistik… die Liste ist endlos. Dann gibt es kleinere Firmen wie meine, die querbeet mit Künstlern zusammenarbeitet – sei es im Bereich Künstlermanagement oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – oder Firmen, die sich speziell auf Online Streaming und Film konzentrieren. Vor allem im Onlinebereich gibt es neue Berufsfelder, zum Beispiel im Webdesign und Marketing und es werden immer neue Arbeitsbereiche hinzukommen.“

Welche Wege, neben eurem Stipendium, führen zu einer Karriere in der klassischen Musik abseits der Bühne?

„Viele Berufsanfänger in der Klassikbranche haben Musik oder Kulturmanagement studiert, andere kommen aus dem Journalismus in die Branche. Ich habe gar nicht studiert, sondern über meine Berufserfahrung den Einstieg gefunden. Generell tut sich so einiges über Praktika oder Volontariate – sie bieten eine gute Möglichkeit, um in verschiedene Arbeitsbereiche reinzuschnuppern. Wir haben in der Klassikbranche auch viele Quereinsteiger, die auf obskuren Wegen in diesen Bereich stolpern und dabei vielleicht etwas ganz anderes studiert haben oder Berufserfahrungen aus branchenfremden Bereichen mitbringen. Es ist schön, wenn bei diesen Menschen das Interesse für Klassik geweckt wird, sie bereichern die Branche enorm.“

Was muss passieren, dass klassische Musik für ein junges Publikum stärker interessant wird? Muss sich die klassische Musik irgendwie an Prinzipien der U-Musik annähern oder sich gerade nicht „anbiedern“? Oder wird es in Zukunft eine stärkere Annäherung zwischen Pop und Klassik geben?

„Eigentlich gibt es schon wahnsinnig viele Initiativen, aber oft sind diese nicht bekannt genug. Zum Beispiel gibt es weltweit die Yellow Lounge, die klassische Musik in Clubs bringt und bei denen das Publikum die Künstler hautnah erleben kann. Oder auch das Podium Festival in Esslingen, das ganz multidisziplinär aktiv ist. Ich glaube, dass sich eher die Branche ändern muss als die Kunstform: Wie überbrücke ich die Anfangsscheu, etwas in der Klassik auszuprobieren oder gebe neuen Initiativen und Ideen eine Plattform? Ich bin der festen Überzeugung, dass die eigentliche Musik und Darstellungsformen immer noch sehr relevant sind. Im Bereich Popmusik mag man ja auch nicht alles, was man im Radio hört, aber man findet so seine Künstler und Projekte, die man gut findet. Genauso ist es auch in der Klassik. Ich mag zum Beispiel eher Kammermusik und in andere Sparten wie Barock, Oper oder Gesang musste ich mich erst einmal einhören. Es muss einfach mehr getan werden, um einem neuen Publikum die unterschiedlichen Variationen und Darbietungsformen näher zu bringen. Heutzutage kann man Klassik im Grünen, im Liegen auf dem Boden, in der Sporthalle, im Dunkeln, in der Kirche oder im großen Konzertsaal hören, aber viele wissen davon nichts und denken, es kostet immer wahnsinnig viel Geld, Konzertkarten zu kaufen. Der Mythos, dass Klassikonzerte wahnsinnig teuer sind, hindert auch ein neues Publikum daran, in den Konzertsaal zu kommen. Denn wieso sollte ich Geld für etwas ausgeben, von dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es mag? Dabei gibt es für jedes Konzert auch günstige Karten oder Ermäßigungen für die glücklichen Studenten. Es gibt auch schon viele ‚Klassik meets Pop’-Kollaborationen. Der Komponist Max Richter mit seinem Projekt ‚Vivaldi Recomposed’ ist ein sehr gutes Beispiel dafür und ich kann es sehr empfehlen als Einstieg in die Klassik. Ein weiteres Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten Moritz Eggert und 2RaumWohnung, das ich super finde. Und es kommt gerade ein neues Album des isländischen Musikers Ólafur Arnalds und der Pianistin Alice Sara Ott heraus, das wird auch weniger geübten Klassikhörern gefallen. Oft gehen diese Crossover-Projekte aber auch schief – sie passen einfach nicht immer zueinander und es ist schwierig, die Klassik auf Teufel komm’ raus ansprechender machen zu wollen, wenn man sie dabei verbiegt oder abstumpft. Das Konzertritual früher war ganz anders als jetzt: es durfte während des Konzerts geredet werden, es wurde geschrien, gebuht, getanzt, wild diskutiert und dieses ganze Stillsitzen und höflich klatschen kam erst später. Initiativen wie das Haydn2032 Projekt, das im Mai im Radialsystem beginnt, versuchen der Klassik den urtümlicheren Sinn als Kultursprache wieder zu geben und bringen die Musik in Zusammenhang mit Literatur, Diskussionsrunden und Fotografie. Lange Rede kurzer Sinn: Wir brauchen Leute in den Verwaltungen der Klassikbranche, die genau solche Projekte umsetzen, verbreiten, neue Modelle erschließen, interessante Konzepte für Konzerte erarbeiten, die Klassik visuell neu interpretieren und moderner machen.“

Was sind Events im Bereich klassischer Musik, die junge Menschen am ehesten interessieren? Sind das Veranstaltungen wie „Last Night of the Proms“ in England, oder beispielsweise in Berlin die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne, also mit einem gewissen Eventcharakter?

„Klar, die ‚Last Night of the Proms’ oder auch die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne sind etwas Tolles, aber das sind zwei ganz bestimmte Events. Die ‚Last Night’ sollte eigentlich gar nicht als Klassikevent betitelt werden, sondern als Feier und Abschluss der Proms, bei denen man für 7,50 Euro fast drei Monate lang jeden Tag in der Royal Albert Hall wahnsinnig tolle Solo-Künstler und Orchester auf Weltklasse-Niveau hören kann. Das wird dann am letzten Abend international gefeiert. Es ist ein Spektakel und es macht Spaß es mitzuerleben, aber es entwirft kein neues, frisches Bild der Klassik. Da werden Fahnen geschwenkt und ein paar Klassiker gespielt, aber es zeigt bei Weitem nicht die volle Bandbreite an dem, was sich in der Klassik abspielt. Als Klassik-Neuling würde ich bewusst mehrere Schauplätze besuchen. Ein jüngeres Konzert wie die Yellow Lounge, bei der man der Musik im Stehen zuhört, Bier trinken kann und die Stimmung sehr entspannt ist. Dann vielleicht eine Oper, vielleicht Mozart oder Donizetti, um das Eis zu brechen. Es gibt für jedes Opernhaus auch günstigere Karten, die gerade für Neueinsteiger attraktiv sind, die nicht unbedingt in der ersten Reihe sitzen wollen. Open-Air-Konzerte sind immer toll und die Waldbühne hat natürlich etwas, aber es gibt eigentlich überall kleinere Varianten dieses großen Konzerts. Vielleicht sollte ein Klassik-Anfänger auch Barock und Kammermusik wie Bachs Cello-Suiten oder Mozarts Klavier-Sonaten einmal ausprobieren! In einschlägigen Blogs und Tageszeitungen findet man einfach alle Konzertankündigungen. Manchmal muss man erst einmal sein Lieblingsinstrument finden und damit kann man sich dann an das jeweilige Repertoire herantasten.“

Spielt der Bereich neue Medien für die Entwicklung der Klassik-Szene eine Rolle? Gibt es da spannende Entwicklungen?

„Klassik hinkt immer ein bisschen hinterher, gerade in Deutschland. Streaming wird immer diskutiert und auch umgesetzt. Live Streaming von Opernaufführungen und Konzerten sind spannend, für mich persönlich aber nicht interessant, weil das Medium nicht dasselbe Gefühl transportieren kann. Das ist aber meine persönliche Meinung, denn das Publikum scheint sicher immer mehr dafür zu interessieren. Gerade, wenn es internationale Aufführungen wie aus der MET Opera in New York sind. Sonst tut sich einiges im Bereich Video- und Live-Projektionen, wobei dieser Bereich noch experimenteller sein könnten. Social Media ist langsam auch bei der Klassik angekommen. Facebook ist durchaus relevant für das Publikum, Twitter als Konversationsplattform, aber man sieht hier noch keine Steigerung in Verkaufszahlen. Das zahlende Publikum sind eindeutig weiterhin die Zeitungsleser, nicht die Social Media-Nutzer. Es gibt also noch viel zu tun und aufzuholen, zum Beispiel im Bereich neue Apps für die Klassik!“

Ihr schreibt zum ersten Mal euer Stipendium aus – was könnten denn zum Beispiel Ideen sein, mit denen man sich bewerben könnte – vielleicht ein paar grobe Beispiele, um was es geht?

„Wie eben erwähnt, wäre eine neue App eine super Idee oder eine Website für den Klassikbereich oder eine junge Agentur für Video und Film oder neue Modelle im Managementbereich und im Marketing – es gibt endlose Möglichkeiten, vor allem, wenn man die Klassik mit anderen Märkten vergleicht, wie die Medienbranche oder die Welt der Popmusik. Da gibt es ständig neue Veranstalter, Festivals und Agenturen.“

Hast du einen oder ein paar Tipps, welche Veranstaltungen im Bereich Klassik du Leuten empfehlen würdest, die sich erstmal rantasten wollen an den Bereich Klassik?

„Das Radialsystem in Berlin macht tolle Konzerte – es ist eine super Location und bringt Künstlern mit neuen Ideen auf die Bühne, wie zum Beispiel das Haydn2032-Projekt. Dann hatte ich ja auch schon die Yellow Lounge erwähnt. In Berlin gibt es vom rbb kulturradio noch eine weitere ähnliche Veranstaltungsreihe: die Klassik-Lounge im Watergate Club und es gibt Klassikkonzerte im Stadtbad in Wedding, wo sonst auch eher Raves statt finden. Open Air ist immer eine super Idee, vor allem, wenn man sich ein Picknick mitbringt und mit Freunden einen schönen Sommerabend im Freien mit guter Musik erlebt. In Berlin läuft gerade ´Die Zauberflöte´ in der Komischen Oper in einer Inszenierung, die viel mit Videoinstallationen arbeitet – das ist wie im Kino sitzen und Ddie Zauberflöte´ ist ja relativ leicht verdauliche Musik. Andere möchten sich an die Klassik vielleicht über andere Kulturformen herantasten, beispielsweise über Brunch-Konzerte in Museen oder Ballett. Und Kinderkonzerte bringen der ganzen Familie klassische Musik spielerisch näher – und sie dauern häufig nicht so lang, wie ein Konzert am Abend.“

Wie würdest du den Reiz, den Zauber klassischer Musik beschreiben, warum sollte man sich die Erfahrung klassischer Musik nicht entgehen lassen?

„Ich glaube, dass es in der Klassik wirklich für jeden etwas gibt und man es nur finden muss. Ich höre auch gern andere Musik, gehe mal auf ein Jason Mraz-Konzert, besuche Festivals wie Glastonbury oder schaue mir Kunst und Theater an – es muss nicht immer Klassik sein. Irgendwie falle ich dann aber doch immer wieder darauf zurück, denn die Musik kann so beruhigend sein. Bei so viel Lärm im Leben in einer Großstadt ist Klassik mein Stressventil.“

Dein Lieblingskomponist und dein Lieblingswerk klassischer Musik und warum?

„Das ist eine schwierige Frage. Momentan macht ‘Silent Opera’, einer unserer Kunden, ein neues Konzept um Don Giovanni in einem Tunnel in London und da bin ich sehr gespannt auf die Umsetzung und visuelle Gestaltung. Sonst gefällt mir gerade der Mandolinenspieler Avi Avital besonders gut. Er hat gerade sein neues Album ‘Between Worlds’ herausgebracht, welches Klassik und andere Musik super verbindet – es macht wahnsinnig Spaß zu hören und ist sehr empfehlenswert.“

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  1. Ich finde es einen sehr guten Ansatz, auch eine jüngere Zielgruppe wieder für klassische Konzerte und die Arbeit in diesem zu begeistern. Meine Cousine hört gerne klassische Musik und studiert aktuell Öffentlichkeitsarbeit. Ich werde mal mit ihr sprechen, ob sie sich nicht vorstellen könnte, für eine Oper die PR-Arbeit zu machen.

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