Foto: Pako Quijada

Warum ich mir mehr Zeit nehmen möchte, um Entscheidungen zu treffen

Unsere Kolumnistin schreibt für EDITION F PLUS jeden Monat einen Brief – dieses Mal an ihre Freundin Tina, die kein Problem damit hat, sich Zeit und Raum für ihre Entscheidungen zu nehmen.

Liebe Tina,

ich konnte mich diesmal nicht entscheiden, an wen ich diesen Brief adressieren soll. Was natürlich sehr passend ist, denn heute geht‘s um Entscheidungen. Erste Frage vorweg: Kannst du dich noch an diese StudiVZ-Gruppe erinnern: „Die wichtigsten Entscheidungen treffe ich mit Schere Stein Papier” (oder so ähnlich)?

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Ich war natürlich in dieser Gruppe, aber ich war ja auch in der Gruppe „Wie war dein Wochenende? – Hell, dunkel, hell, dunkel, Montag” oder in „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg.”  Es ging also weniger darum, supertolle Gruppen für die eigene Nischenidentität zu finden, sondern eher darum, in „coolen“ Gruppen zu sein.

Ach so, für diejenigen, denen StudiVZ nichts sagt: Das war eine rot-weiße „gut und günstig“-Version von Facebook, die mit Miss-Sixty-Hosen und String-Tangas unseren Alltag in den Nullerjahren geprägt hat. Das muss ich dir ja nicht erzählen: Wir lernten uns 2008 in der Uni kennen, als StudiVZ cool war und sind seitdem die nervigsten BFFs aller Zeiten.

Entscheidungen trafen andere für mich

Damals habe ich die meisten Entscheidungen wirklich mit Schnick, Schnack, Schnuck getroffen. Ich gebe zu, dass es auch Entscheidungen waren, die vielleicht nicht so intensiv abgewogen werden mussten. Meine früheste Erinnerung an Entscheidungen ist, dass wichtige Entscheidungen immer für mich getroffen wurden. Zumindest solange ich nicht volljährig war. Soweit so normal. Ich muss aber an dieser Stelle fragen: Ab wann lernen Menschen – entwicklungspsychologisch betrachtet – denn, wirklich eigene Entscheidungen zu treffen? Wenn ich meine eigene Biografie anschaue, war mein Leben davon geprägt, dass Entscheidungen für uns getroffen wurden, an denen wir keinen wirklichen Anteil hatten, aber mit denen wir dann leben mussten.

„Wenn man Diskriminierung gewohnt ist, muss man in gewisser Weise seine Autonomie abgeben, weil man so dermaßen von anderen, ihrem Blick auf dich und ihrem Wohlwollen abhängig ist.“

Klingt abstrakt? Hier ein Beispiel: Ich bin 1988 in Kigali geboren, meine Eltern – beide Tutsis – sind Diskriminierung gewohnt. Ihnen wurden lange Bildung und Teilhabe verwehrt, sie mussten damit leben und das Beste daraus machen. Also mit einer Entscheidung leben, die andere für sie getroffen haben. Wenn man Diskriminierung gewohnt ist, muss man in gewisser Weise seine Autonomie abgeben, weil man so dermaßen von anderen, ihrem Blick auf dich und ihrem Wohlwollen abhängig ist. Das ist zumindest meine Theorie.

Mein gut trainierter Entscheidungsmuskel

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich bewusst für meine Freund*innen entschieden hätte. Meine Freund*innen waren die Nachbarskinder oder meine Cousinen. Ich will mich überhaupt nicht beschweren, das waren und sind zum Teil noch immer tolle Freund*innenschaften. Aber eben keine bewusste Entscheidung. In meiner Grundschule in Ruanda durfte ich keine langen Haare haben und wir trugen Schuluniform. Frisur und Kleidung – diese Entscheidungen wurden mir also auch abgenommen.

Die wenigen Entscheidungen, die ich also damals treffen durfte, fielen mir leicht. Weil es um relativ wenig ging, vermute ich mal. Aber ich glaube, dass es meinen Entscheidungsmuskel trainiert hat. Bis heute treffe ich Entscheidungen schnell und leicht. Beispiel gefällig? Ich hab mich bisher fast immer relativ spontan tätowieren lassen. Hater*innen würden sagen, dass man es den Tattoos auch ansieht, aber ich lebe sehr gut mit meiner Entscheidung und bereue sie auch nicht. Als wir gemeinsam Brillen kaufen waren, habe ich meine Brille in fünf Minuten ausgesucht und Kleidung kaufe ich leidenschaftlich gerne alleine, weil ich am besten weiß, was mir steht. Im Restaurant nehme ich immer das, was mich zuerst anlacht. Ich habe kein Verlangen danach, das Menü durchzugehen, um zu schauen, ob es nicht vielleicht doch etwas gibt, das besser sein könnte. Warum auch? Ich hab doch was Gutes gefunden.

Was soll schon schiefgehen?

Ich empfinde auch selten F.O.M.O (Fear of missing out), weil ich mich immer freue, dort zu sein, wo ich in dem Moment bin. Meist handelt es sich dabei eh um mein Bett und es gibt sowieso keinen besseren Ort auf dieser Welt. Ich verliebe mich schnell, gehe Freund*innenschaften meist ohne zu zögern an und habe es bisher kein einziges Mal bereut, mein Herz geöffnet zu haben. Dieses Vertrauen in Menschen hat natürlich auch damit zu tun, dass meine frühkindliche Prägung nicht von Misstrauen geprägt war. Gepaart mit meinem Optimismus, dass es irgendwie schon klappen wird, hilft es mir, die Dramatik aus allen Entscheidungen rauszunehmen. Was soll schon schiefgehen? Das ist dabei immer mein Mantra. Natürlich gehen Dinge schief, aber der Gewinn ist meist trotzdem größer, zumindest bei mir. Vielleicht rede ich es mir schön, vielleicht habe ich auch alle meine schlechten Entscheidungen verdrängt, um sie nicht bereuen zu müssen.

„Meine Entscheidungsfreude hat auch manchmal damit zu tun, dass ich mich nicht traue, Raum einzunehmen. Wer sich rasch entscheidet, ist schnell fertig und macht Platz für andere. Aber auch ich darf mir Zeit nehmen, zweifeln und abwägen.

Tina, du bist da anders als ich. Als wir zusammen unsere Brillen ausgesucht haben, hast du dir deutlich mehr Zeit gelassen. Das meine ich – auch wenn es sich vielleicht so anhört – überhaupt nicht passiv-aggressiv. Du hast dir verschiedene Modelle angeschaut, dich beraten lassen, verglichen und dich am Ende dann für eines entschieden. Für Möbel und größere Anschaffungen nimmst du dir noch mehr Zeit.

Mein aktuelles Sofa habe ich bestellt, ohne irgendwas abzumessen. Früher habe ich nicht verstanden, warum du länger brauchst, um Entscheidungen zu treffen, aber inzwischen habe ich in dieser Hinsicht (und bei tausend anderen Sachen) extrem viel von dir gelernt. Meine Entscheidungsfreude hat auch manchmal damit zu tun, dass ich mich nicht traue, Raum einzunehmen. Wer sich rasch entscheidet, ist schnell fertig und macht Platz für andere. Aber auch ich darf mir Zeit nehmen, zweifeln und abwägen. Und das gilt für alle Entscheidungen. Nicht nur fürs nächste Sofa. Ich gebe zu, dass es mir wirklich schwerfällt, mir viel Zeit (und Raum) zu nehmen. Aber: Ich freue mich, das bald auszuprobieren. Und auch wenn es kitschig klingt: Danke, dass ich das von dir lernen durfte.

Deine Anna

Jein! Wie treffen wir die richtigen Entscheidungen und lernen aus den falschen?

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