Foto: Shai Levy

Wie überwindet man sich, wenn man Selbstorganisation hasst?

Unsere Kolumnistin Mirna Funk würde am liebsten den ganzen Tag im Bett liegen. Wie schafft sie es unter dieser Voraussetzung trotzdem, wegzuarbeiten, was zu erledigen ist?

Viele Leute haben diesmal gezielt nach meinen Strukturen gefragt: Wie ich mich organisiere, wie ich mich strukturiere, wie mein Schreiballtag aussieht und so weiter. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass die meisten, die mir folgen, wissen, dass ich extrem selbstorganisiert bin. Die wenigsten wissen aber, dass ich, könnte ich es mir aussuchen, am liebsten den ganzen Tag im Bett liegen und tagträumen würde. Ja, genau. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Ohne Ausnahme. Für immer. Bis ich sterbe.

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Ich würde maximal noch drei Mahlzeiten und Flüssigkeit zu mir nehmen, die Vorhänge nicht öffnen und lediglich zwischen Tagtraum und Masturbation hin- und herwechseln. Oder beides miteinander verbinden. Sowas wie Realität interessiert mich wirklich Null. Und wenn ich an ihr teilnehme, dann immer mit einem Ohr, einem Auge und einer Gehirnhälfte im fucking „No (Wom)Man’s Land“ meiner eigenen Fantasie.

Gefühlsmäßig mit dem Universum verschmolzen

Ich höre ununterbrochen Musik, weil sie mir dabei hilft, von dieser fliegenden Murmel zu verschwinden. Eine Murmel, auf der ich höchstens körperlich anwesend bin. Geistig und gefühlsmäßig bin ich mit dem Universum verschmolzen. So jedenfalls erklärte ich es vor wenigen Tagen einem guten Freund, der mich daraufhin mit einer Mischung aus Verzückung und Beunruhigung ansah.

Wegen dieser sehr verwirrenden Beziehung zur Welt lautet mein Lebensmotto auch: „Fuck work, discipline is key!“ Dieses Lebensmotto ist widersprüchlich. Es ergibt keinen Sinn. Überhaupt keinen. Aber das muss es auch nicht. Die meisten Dinge im Leben ergeben keinen Sinn und sind gleichsam zutiefst widersprüchlich.

Überlebensstrategien finden

Selbstverständlich hängt meine Tagtraum-Obsession direkt mit meinem Schriftstellerinnen-Dasein zusammen. Denn während des Schreibens, das ich abgrundtief hasse, kann ich zumindest in Traumwelten entfliehen. Es ist quasi aktives Tagträumen. Wenn ich schon arbeiten muss und mein gesamtes Leben nicht in einem opiumartigen Dämmerzustand verbringen darf, dann halt Romane schreiben und mich so wegballern, dass es sich FAST wie ein Tagtraum anfühlt.

Das war meine Überlebensstrategie. Also etwas gefunden zu haben, das sich irgendwie so anfühlt wie das, was ich am Allerliebsten tue. Diese Möglichkeit haben natürlich nicht alle. Klar! Aber mir geht es hier auch um etwas anderes. Nämlich, dass Menschen Selbstorganisation leben können, auch wenn sie sie hassen. Dass es nicht so etwas gibt wie eine Strategie, einen Trick oder ein System. Deswegen heißt es auch „Fuck work, discipline is key“.

„Menschen können Selbstorganisation leben, auch wenn sie sie hassen. So etwas wie die eine Strategie, einen Trick oder ein System gibt es nicht. Deswegen heißt es bei mir auch ,Fuck work, discipline is key‘.“

Denn die Arbeit endet erst, wenn wir sie beendet haben. Danach ist dann After-Work-Fun angesagt. Wie auch immer der für jede*n Einzelne*n aussieht. Und damit man nicht den ganzen Tag mit Vermeidungsstrategien verbringt und so nie etwas schafft und deswegen auch keinen After-Work-Fun hat, muss man begreifen, dass es nur eine Möglichkeit gibt: Durchziehen!

Selbstverständlich habt ihr keinen Bock!

Es gibt kein Geheimnis hinter der Selbstorganisation außer der Tatsache, dass man tut, was man sich vorgenommen hat. Das heißt, wenn im eigenen Zeitplan (den muss man sich natürlich einrichten) steht: „9 Uhr Artikel für EDITION F schreiben“, dann sitzt ihr um Punkt 9 Uhr am Rechner und schreibt solange an dem Text, bis er fertig ist. Punkt! Ihr denkt nicht nach, dass ihr lieber Opium nehmen oder masturbieren würdet.

„Ich bin Schriftstellerin und will keine einzige Zeile schreiben. Keine*r auf diesem Planeten will arbeiten.“

Ihr macht auch nicht nochmal Instagram auf. Ihr öffnet Word und schreibt den Scheißtext. Oder ihr macht die Excel-Tabelle fertig oder die Präse oder was auch immer bei euch Arbeit ist. Wichtig ist, sich eben nicht damit auseinanderzusetzen, dass ihr gerade keinen Bock auf whatever habt. Selbstverständlich habt ihr das nicht. Ich bin Schriftstellerin und will keine einzige Zeile schreiben. Keine*r auf diesem Planeten will arbeiten. Aber es ist verdammt gesund, es zu tun.

Faulenzen macht gaga

Es ist total gesund, eben nicht die ganze Zeit im Tagtraum-Rausch zu verbringen, sondern ernsthaft etwas zu schaffen. Deswegen nervt mich auch dieses Sinnieren über ein arbeitsfreies Leben. Nein, Leute. Der Mensch ist nicht zum Faulenzen gemacht. Davon kriegt er Depressionen und wird komplett gaga. Der Mensch ist ein Mangelwesen, das tüchtig werden muss, um geistig auf der Höhe zu bleiben.

Und wenn ich dann alle mir selbstauferlegten Aufgaben erledigt habe, dann bleibt noch genug Zeit, mich zwei Stunden, bevor ich meine Tochter von der Kita abholen muss, ins Bett zu legen oder ins Auto zu setzen oder auf meiner Terrasse abzuhängen, um mich dem Roadmovie, der in meinem Kopf stattfindet, in Ruhe hinzugeben. Aber das geht eben nur, wenn alles erledigt ist.

Also, in diesem Sinne: Fuck work. Discipline is key.

Welcher Tag ist heute? Und die Antwort auf alle anderen Fragen.

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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