Foto: Adi Bulboacă

Lavinia Braniste: „Ich glaube nicht an das Glück, das vom Himmel fällt“

Diese Woche beginnt die Buchmesse in Leipzig. In diesem Jahr ist Rumänien Gastland. Frauen dort setzen sich genauso mit Gleichberechtigung und Vereinbarkeit auseinander wie bei uns. Allerdings sind sie mit noch anderen Schwierigkeiten konfrontiert. Davon erzählt überzeugend die Autorin Lavinia Braniste. Ich habe sie zum Interview getroffen.

 

Lavinia Braniste ist erfolgreiche rumänische Schriftstellerin und beschäftigt sich in ihrem Schreiben mit der Rigidität gesellschaftlicher Strukturen. Im März 2018
wurde ihr in Rumänien ausgezeichneter Roman, „Null Komma Irgendwas“ in
Deutschland veröffentlicht.

Die Frau als Kämpferin

Der Roman nimmt einen ab der ersten Zeile in seinen Bann. Lavinia Braniste erzählt von einer jungen Frau in Osteuropa, die ihren Weg und ihre Unabhängigkeit sucht. Ihre Heldin, Assistentin in der Baubranche, ist es gewöhnt an Grenzen zu stoßen und sich durchsetzen zu müssen. In einem Land wie Rumänien sind Frauen zumindest im Bereich des Gender Pay Gap gleichberechtigter. Und doch gibt es Momente im Leben, in denen die Heldin des Romans an ihre und auch gesellschaftliche Grenzen stößt. In einer Welt voll ökonomischer Unsicherheit und menschlicher Kälte ist die Definition eigener Weiblichkeit, das Erleben von Körperlichkeit und die Sehnsucht nach Mutterschaft nicht leicht.

Wie lebt eine Frau Anfang Dreißig die eigene
Körperlichkeit und ihren Wunsch nach Unabhängigkeit im heutigen Osteuropa?

„Unabhängigkeit ist immer schwer. Unabhängigkeit braucht für mich vor allem wirtschaftliche Sicherheit. Dies ist nicht nur für Frauen, sondern überhaupt für junge Leute in Rumänien ein Problem. Die Gehälter sind so gering, dass jeder um sein Überleben kämpft. Man muss den ganzen Tag arbeiten gehen, um genug zum Leben verdienen zu können.“

Du erzählst von einer jungen Frau, die in einer sehr
männlichen Domäne, der Baubranche ihren Platz sucht und dort ihren Kollegen auch mit sehr viel Wärme begegnet, obwohl es ein kaltes Milieu ist. Was bedeutet Arbeit für dich?

„Ich möchte die Frage erst für meine Heldin beantworten: Für Cristina im Roman ist Arbeit Teil des Systems, von dem sie akzeptiert werden will. Sie will die Ansprüche dieses Systems erfüllen. Die Frage des Buches ist: Wann geht es einem gut? Wie wird man als Frau geliebt? Cristina hat einen Job. Sie hat eine Beziehung. Sie kann theoretisch anfangen, eine Familie zu gründen, trotzdem stellt sie sich Fragen: Will ich dieses Leben? Will ich diesen Job? Für sie bedeutet Arbeit eine Art, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Für mich selbst ist es anders. Als Autorin bin ich dabei, Arbeit anders zu definieren. Ich arbeite jetzt frei. Ich übersetze Literatur und schreibe. Diese Arbeit ist für mich genau das, was ich gut kann und nicht das, was ich tun muss, um bestimmte Rollenmuster zu bedienen.

Frauen sind in jeglicher Domäne, sei es der wirtschaftlichen oder der intellektuellen Produktion unterpräsentiert. Ich denke, als Frau musst du mehr arbeiten, um dich bemerkbar zu machen, als ein Mann. Du musst mehr leisten, um Erfolg zu haben wie ein Mann.“

Die Figuren in deinem Roman agieren fast wie Automaten.
Liebe und Sex werden nicht aktiv beschworen, sondern tauchen auf, wenn es
sozusagen an der Zeit ist. Wieso fällt es den Menschen so schwer, außerhalb
gesetzter Rahmen aufeinander zuzugehen?

„Es gibt eben dieses Muster, von dem was wir in unserem Leben erfüllen müssen. Die Gesellschaft erwartet, dass auch ein Liebesbeziehung oder eine sexuelle Beziehung ein Muster passt, und die Akteure im Roman sind bemüht, genau dahinein zu passen.

Um dem zu entkommen, braucht es eine Sicherheit, Hilfe, jemanden der bei dir steht, sonst musst du sehr stark sein. Cristina versucht im Roman die ganze Zeit, diesen Strukturen zu entkommen. Aber ihr fehlen die Ressourcen. Am Ende lösen sich die Probleme für sie selbst, die Beziehung löst sich auf, die Firma macht Bankrott. Letztlich kann sich Christina nicht selbst befreien, sie wird befreit. Man braucht viel Mut, um aus der gesellschaftlichen Box zu kommen und einen neuen, weitere Horizont zu sehen. Die Unsicherheit ist groß und kann sehr erdrückend sein. Außerhalb des Systems zu leben ist nicht leicht.“

Das Verhältnis zum Körper und Gefühlen ist in deinem
Schreiben sehr distanziert. Als Cristina einen Schwangerschaftstest macht,
spricht sie von dem Embryo als „Ding“. Glaubst du, wir können heute keine
wirkliche Nähe mehr leben?

„Schwangerschaft macht neben unglaublicher Freude auch Angst. Da ist ein
fremdes, unbekanntes Leben in dir. Fast schon wie ein Alien. Was passiert da?
Es ist so überraschend. Schwangerschaft bedeutet für eine Frau nicht nur eine
körperliche Veränderung. Sondern sie wird auch mit viel Bürokratie
konfrontiert. Im Bereich der Arbeit zum Beispiel. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist eine Frau verpflichtet, ihren Arbeitgeber zu informieren. Das hat nichts mehr mit Intimität, Körper oder Freude zu tun. Cristina im Roman fragt sich, was nun aus ihrer Arbeit wird. Einmal schwanger, musst du dir praktisch die Erlaubnis des Staates für deine Mutterschaft holen. Um Mutterschutz zu
bekommen, musst du angestellt sein. Diese ganze formelle und bürokratische
Seite können oft den zärtlichen und liebevollen Aspekt einer Schwangerschaft in
den Hintergrund drücken. Sobald du merkst, du bist schwanger, bist du auch
nicht mehr allein auf der Welt.“

Räumliche Distanz im Sinne von Migration spielt eine
wichtige Rolle in deinem Roman. Die Mutter ist in Spanien, die beste Freundin
in Budapest, die Heldin führt eine Fernbeziehung. Ist es überhaupt möglich
diese neuen, örtlichen Distanzen zu überwinden, oder zerreißen sie immer mehr
unsere menschlichen Beziehungen?

„Es ist traurig, dass wir in Rumänien sehen müssen, wie viele Menschen zum Arbeiten ins Ausland migrieren müssen. Für meine Familie und mich war es schwer, meine Mutter gehen zu sehen. Viele Freunde von mir gehen zum Arbeiten ins Ausland. Du siehst einen Menschen nach dem anderen weggehen. Ein Stück Heimat geht verloren mit jedem Menschen, der geht. Das ist unser Leben in Rumänien, jeder hat Freunde und Familie, die in der Fremde arbeiten.“

In deinem Roman geht es auch um örtliche Verbundenheit,
der Freund, der lieber bei seinem Arbeitgeber bleiben will, obwohl er in
Bukarest mehr verdienen würde. Wie siehst du den Nationalismus?

„Cristina, die Romanheldin, fühlt sich emotional mit ihrer Heimat verbunden. Aber was für sie Heimat ist, ist für ihren Freund ein gewisser Nationalismus. Erst versucht Cristina sich damit zu arrangieren, bis sie sich eingestehen muss, dass der Unterschied so groß ist, dass sie ihn nicht überwinden kann. Beim Nationalismus geht es
viel um Grenzen. Viele sozialistische und demokratische Parteien überschreiten
Grenzen. Ein Beispiel ist die homosexuelle Ehe. Sie soll in der Verfassung
verboten werden.


Nationalismus ist aber in Rumänien nicht so eine große Sache wie in Ungarn oder Polen. Bei uns geht es sehr ums Überleben. Wir müssen sehr um unsere wirtschaftliche Existenz kämpfen. Finanzielle Sicherheit ist sehr schwer zu erlangen. Das bestimmt unseren Alltag.“

Siehst du Unterschiede zwischen rumänischen und deutschen
Frauen?

„In Deutschland gibt es mehr Gesetze. Das bedeutet Sicherheit. In Rumänien wird anders mit Gesetz umgegangen. Frauen sind von daher weniger geschützt.“

Du schreibst in deinem Buch sehr offen über zwischenmenschliche
Beziehungen. Was ist für dein Schreiben besonders wichtig?

„Aufgrund der hohen Auswanderung wird unsere Gesellschaft immer älter. Rumänien ist das Land in Europa mit der höchsten Migrationsrate. Das ist für mich in meinem Schreiben sehr präsent. Auch wenn ich für Kinder schreibe. Viele Kinder müssen bei ihren Großeltern aufwachsen, weil ihre Eltern im Ausland arbeiten. Das mache ich in meiner Arbeit zum Thema. Nicht nur in meinem Roman, wenn es um die abwesende Mutter, die fehlende Freundin geht. Sondern allgemein in meiner Arbeit. Ein Beispiel ist das Kinderbuch „Rostogol geht nach Hause“. Hier geht es um ein Schwein, das seine Familie sucht.

Ein wichtiger Aspekt in meinem Schreiben ist die Geographie und soziale Wirklichkeit. Hierverankere ich mich. Da gibt es im Roman die Reise von Cristina und ihrem Freund, oder die Vulkangegend, den Karpaten, in der Nähe von Bukarest, zu der das kleine Schwein Rostogol reist. Diese Mischung aus Suche nach Heimat, weggehen und ankommen interessiert mich sehr.“

Der Roman von Lavinia Braniste ist absolut empfehlungswert. Ich habe ihn atemlos in wenigen Stunden durchgelesen. Die Autorin kommt zur Buchmesse nach Deutschland. Auf ihrer Lesetour könnt Ihr sie kennen lernen.

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