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Suizidgedanken bei jungen Menschen: Welche Rolle spielen neue Medien?

„Psyche hat jeder, auch wenn man sie nicht sehen kann“, findet die Bloggerin und Psychotherapeutin Lena Kuhlmann. In ihrem neuen Buch schreibt sie über psychische Erkrankungen und begibt sich auf eine spannende Suche nach den Ursachen.

 

Ein Buch über die Psyche

„Psyche hat jeder, auch wenn man sie nicht sehen kann“, findet die Bloggerin und Psychotherapeutin Lena Kuhlmann. In ihrem neuen Buch schreibt sie über psychische Erkrankungen und begibt sich auf eine spannende Suche nach den Ursachen.

Hast du dich schon einmal gefragt, wie der Alltag einer Psychotherapeutin aussieht? Die Autorin Lena Kuhlmann geht in ihrem Buch „Psyche? Hat doch jeder!“ ganz offen damit um. Durch ihre langjährige Erfahrung als Psychotherapeutin für Kinder- und Jugendliche versucht sie aufzuklären: Über psychische Erkrankungen, Psychotherapie und Psychopharmaka. Neben wichtigen Grundbegriffen, psychischen Auffälligkeiten und diversen Krankheitsbildern geht sie auch auf Therapie-Modelle ein und nimmt diese kritisch unter die Lupe. 

Gleichzeitig versucht Lena Kuhlmann praktische Tipps an die Hand zu geben: Wie Angehörige helfen können und warum eine Ich-Therapie sehr nützlich sein kann, erklärt sie auf anschauliche und unterhaltsame Art und Weise. Mit ihrem Buch will die Autorin vor allem die Menschen erreichen, die wissen wollen, wie die Psyche funktioniert, warum manche Menschen erkranken und was dann zu tun ist. Damit möchte sie den Vorurteilen, Ängsten und falsche Annahmen in unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen. Wir stellen euch einen Auszug daraus vor:

Suizid in den (neuen) Medien

Als bloggende Psychotherapeutin will ich es mir natür­lich nicht nehmen lassen und etwas zur Suizidalität in den Medien sagen. Die Diskussion um die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ habe ich selbstverständlich mitverfolgt und wir haben in den Fachkreisen einige Stunden darüber diskutiert. Viele meiner Kollegen befürchten, durch das Anschauen der Netflixserie komme es zu Nachahmungsta­ten. Einige wollen das Format aus diesem Grund sogar ganz verbieten und auch die Bundespsychotherapeutenkam­mer hat öffentlich kritisch Stellung bezogen. Das kommt nicht von ungefähr, denn schon nach dem Erscheinen von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ (1774) wurden mehrere Imitationssuizide nachgewiesen (die Hauptfigur des Stückes nahm sich aus Liebeskummer das Leben). Daher spricht man in diesem Zusammenhang vom sogenannten Werther­-Effekt.

Jugendliche in der heutigen Zeit werden nicht erst durch solche Sendungen mit eigenen oder fremden Suizid­gedanken konfrontiert. Es kommt in nahezu allen Schulen vor, dass Mitschüler aufgrund suizidaler Handlungen plötz­lich im Unterricht fehlen. Wenn wir uns in den Social-Me­dia­-Kanälen umschauen, bemerken wir, dass das Thema auch dort sehr präsent ist. Auf Instagram zum Beispiel fanden sich bei meiner Recherche Anfang 2018 über 200.000 Einträge unter dem Hashtag #Suizid. Von depressiven Sprüchen, Suizidankündigungen, Abschieds­briefen, Fotos von offenen und blutenden Ritzwunden bis hin zu einer Ansammlung von Aspirin neben einer Rasier­klinge (gefällt 262 Mal) war so ziemlich alles dabei. Darun­ter aber auch viele hilfreiche Beiträge, in denen Betroffene von positiven Veränderungen und Hilfsmaßnahmen berich­teten, in denen sie einander Mut zusprachen und durch den offenen Umgang mit ihrer eigenen Geschichte zur Ent­mystifizierung der Psychiatrie und der Psyche beitragen konnten. 

Ein Spiel auf Leben und Tod

Besonders bewegt hat mich die Geschichte einer Jugendlichen, die an einer Essstörung erkrankte. Sie doku­mentierte den Verlauf ihrer Krankheit in vielen Bildern, bis sie schlussendlich, total abgemagert, an den Folgen ihrer Anorexie verstarb. Ihr Nachruf erschien als letztes Bild ihres Instagramkanals und wurde hundertfach kommentiert. Noch heute stimmt es mich traurig, wenn ich mich daran erinnere. Meist werden düstere Beiträge von den Urhebern mit einer sogenannten Triggerwarnung gekennzeichnet, um andere vor dem Lesen darauf hinzuweisen, dass das nun folgende dest­ruktive Gedanken auslösen könnte. Eine Art Ehrenkodex, der, da bin ich immer wieder erstaunt, fast ausnahmslos im Sinne eines respektvollen Miteinanders angewendet wird.

Mit einer mir völlig neuen Internetbewegung wurde ich im Sommer 2017 konfrontiert, als mir ein Patient von der sogenannten „Blue Whale“-Challenge berichtete. Er hatte für eine kurze Zeit daran teilgenommen und wollte seine Gedanken dazu mit mir teilen. Völlig ahnungslos musste ich mir das schauerliche „Spiel“ erst einmal erklären las­sen: Täglich werden den Teilnehmern über Facebook und WhatsApp Aufgaben für das reale Leben aufgetragen. Der Beginn ist zunächst niedrigschwellig, die Aufträge werden im Verlauf aber immer makaberer. An einem Tag soll man mit niemandem sprechen, an einem anderen durchgehend traurige Musik hören oder sich selbst verletzen. Die Mit­spieler, meist sowieso schon instabil, werden auf diese Weise manipuliert und destabilisiert, um sich am fünfzigsten Tag, quasi als Finale der Challenge, das Leben zu nehmen. Der Name „Blue Whale“-Challenge spielt auf die Annahme an, Blauwale würden sich, in einer Art selbst gewähltem Frei­tod, an den Strand spülen lassen. Der Initiator des Ganzen wurde mittlerweile festgenommen und auf die Gefahren der Internetbewegung in den Medien hingewiesen.

Warum gibt es keinen Erste­-Hilfe­-Kurs für psychische Notfälle?

Die mit diesen Bewegungen verbundenen Diskussionen über Suizid in den (neuen) Medien kann man aus meiner Sicht sinnvoll nutzen. Wie sieht es zum Beispiel mit den Suizidpräventionsprogrammen in unseren Schulen und auf unserer Arbeit aus? Oder mit Schulungsprogrammen zum Umgang mit seelischen Krisen? Wir werden im Erste­-Hilfe­-Kurs für viele körperliche Notfälle geschult – warum eigentlich nicht für die psychischen? Suizid begegnet uns in der Literatur, im  Kino und in der Kunst. Selbst im beliebten Tatort ist er ein häufig ver­wendetes Motiv. Erfolgreiche und geschätzte Künstler und Prominente haben ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Wolfgang Herrndorf, Virginia Woolf, Stefan Zweig, Alexan­der McQueen, Robert Enke, Robin Williams – ich könnte diese Aufzählung ewig weiterführen. Im Alltag allerdings wird Selbstmord weiter als Tabuthema behandelt, wie auch der Tod und die eigene Endlichkeit gern verdrängt werden. Sobald suizidale Gedanken bekannt werden, ist das Umfeld nicht selten in allerhöchster Alarmbereitschaft. Aber darf man darüber sprechen, dass das Leben manchmal in einem bestimmten Moment nicht mehr lebenswert erscheint? Kann das Gegenüber das aushalten?

Der Papageno­-Effekt (als Gegenteil des Werther­-Effekts) beweist, dass darüber reden helfen kann, suizidale Gedanken zu überwinden. Ganz so wie bei Mozarts Figur in der Zauberflöte (1791): Papageno. Dieser ließ sich von drei Kameraden dazu überreden, am Leben zu bleiben, obwohl er zuvor beschlossen hatte, sich aus Liebeskummer umzu­bringen. Ein Glück, dass er seine Gedanken offenbarte. Wenn auch wir mehr über das Thema Suizid reden, werden die vielen Hilfsangebote transparenter. Ehrlich gesagt gibt es mittlerweile so viele Möglichkeiten und Projekte, dass selbst ich als Fachfrau nicht immer auf dem aktuellsten Stand bin. Eine bessere Vernetzung, zentrale Anlaufstellen und mehr Präsenz in den Medien würden da schon sehr weiterhelfen.

Adressen und Ansprechpartner im Notfall

Hilfe in psychiatrischen Krisenfällen kann man in allen genannten Fällen (und darüber hinaus) als Betroffener, Angehöriger oder anderweitig Ratsuchender in der psychia­trischen Ambulanz oder in einer Klinik (mit psychiatrischer Abteilung) finden. Auch der Hausarzt, der niedergelassene Psychiater oder Psychotherapeut, der ärztliche Bereitschafts­dienst (116 117), die Polizei (110) und der Rettungsdienst (112) können helfen. Bei Unsicherheiten ist es immer besser, einmal mehr anzurufen oder direkt vorbeizukommen.

In kleineren Krisen, ohne akute Suizidalität und ohne Halluzinationen, kann man auch bei der Telefonseelsorge (0800 1110111) anonym, kostenlos und rund um die Uhr Unterstützung erhalten. Leider sind die Leitungen oft voll­ kommen ausgelastet, was einmal mehr beweist, wie  hoch der Bedarf zu sein scheint. Einen guten Überblick über die verschiedensten Hilfsangebote (von den Anonymen Alkoho­likern über den Frauennotruf bis hin zum Patientenschutz) gibt es auf der Internetseite: www.internet­notruf.de.

Kinder und Jugendliche erreichen bei der Nummer gegen Kummer (116 111, auch aus dem Handynetz erreich­ bar) von Montag bis Samstag in der Zeit von 14 bis 20 Uhr ein offenes Ohr und können sich, wenn das Sprechen schwer­ fällt, auch per E-­Mail melden (weitere Informationen unter www.nummergegenkummer.de). Außerdem gibt es für Kin­der und Jugendliche mit Suizidgedanken die Möglichkeit, sich bei der Onlineberatung der Caritas von Gleichaltrigen (die von Experten angeleitet werden) Beratung einzuho­len (www.u25­berlin.de #dubistmirwichtig). Viele Schulen haben übrigens auch einen Schulpsychologen, Schulsozial­arbeiter oder Vertrauenslehrer, an den man sich als erste Anlaufstelle wenden kann. Eltern, die Unterstützung und Beratung im Umgang mit ihrem Kind suchen, können sich kostenfrei an eine Erziehungsberatungsstelle oder an das Jugendamt wenden.

aus: „Psyche? Hat doch jeder!: Vom Hin und Her zwischen Herz und Hirn“, Eden Books, 3. August 2018, 250 Seiten, 16,95 Euro

Das Buch ist natürlich auch bei lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer!

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