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Lieber Personaler, erinnerst du dich noch an die junge Mutter?

Anne-Luise hat einen Job nicht bekommen, weil sie Mutter ist. Nun hat sie einen Brief an den Personalverantwortlichen verfasst.

 

Hallo lieber Personaler,

erinnerst du dich noch an mich? Ich bin es, die junge Frau, die sich bei dir auf einen guten Job beworben hat. Meine Unterlagen müssen dir gefallen haben, denn ich wurde zu einem ersten Assessment Center eingeladen und konnte mich an diesem Tag beweisen. Zwischen sieben weiteren Kandidaten saß ich und erzählte nicht nur meinen Lebenslauf, sondern zeichnete, fragte und bewertete auch die anderen Bewerber und Bewerberinnen. Unter den Bewerbern gab es nur zwei Frauen. Und unter uns war der Konkurrenzkampf dementsprechend hoch.

Am Ende des Tages riefst du mich in dein Büro und gabst mir einen Umschlag mit dem neuen Termin für ein Einzelgespräch mit der Geschäftsführung. Weißt du das noch? Ich war so froh und glücklich, ich strahlte und schüttelte dir die Hand. Am Abend erzählte ich meinen beiden Kindern davon. Sie waren stolz auf mich und lernten mit mir gemeinsam für das anstehende Gespräch. 

Die Tage vergingen und der nächste Gesprächstermin stand an. Wir trafen uns dieses Mal im Headquarter der Firma. Ich war am Abend vorher angereist und hatte meinen Kindern durch das Telefon einen Gute-Nacht-Kuss gegeben. Sie drückten mir die Daumen und hatten mir Playmobilfiguren in die Tasche gepackt. Deine Assistentin wies mich am nächsten Morgen ein und gab mir die neuen Präsentationsaufgaben. 

Sie sagte mir, dass noch ein anderer Kandidat aus einer anderen Bewerbungsrunde mit im Haus sei, gesehen habe ich ihn nicht.  Ich strengte mich an und wir trafen uns in einem Raum mit einer langen Tischreihe wieder. Weißt du das noch? An dem Tisch saßen vier Männer und eine Frau. Sie war die Gleichstellungsbeauftragte und schaute mich lächelnd an. Ich gab dir die Hand und stellte mich vor.

Die Präsentation lief gut. Schließlich fragte man mich, wie viele Kinder ich hätte und ich antwortete, es seien zwei, die rundum in der Kita und von meinem Mann betreut würden. 

Alle machten sich Notizen. Niemand fragte weiteres zu meiner Familie, oder zu unserem Lebensmodell. Es interessierte nicht, dass mein Mann nicht nur zehn Monate Elternzeit genommen hatte, um mich zu unterstützen, sondern auch Student ist. 

Ich hatte das Gefühl, diesen neuen Job schon in der Tasche zu haben. Ich bin gut ausgebildet,war sehr gut vorbereitet und professionell aufgetreten. 

Bereits einen Tag später kam ein Anruf von dir. Du wolltest mir vorab mitteilen, dass der andere Kandidat die Stelle bekommen habe. Ich fragte nach Gründen. Du sagtest mir unter vorgehaltener Hand, dass der Mann zeitlich flexibler sei als ich. Ich als Mutter könne das doch gar nicht leisten, diesen 40-Stunden-Job, sagtest du mir. Und das obwohl du wusstest, dass ich mich aus einer anderen Vollzeitstelle heraus beworben hatte. Ich wollte dich in diesem Moment durch das Telefon ziehen und dir mein Leben zeigen, weißt du das eigentlich?

Du sagtest mir, dass wir beide gleich gut qualifiziert und gleich gut aufgetreten wären. Der Haken seien meine Kinder. Der Mann hätte auch eines, aber da sei die Frau zu Hause. Ich sagte nichts mehr am Telefon, aber innen drin, ganz tief innen drin, da war ich so wütend. Ich weiß, dass du es mir so nicht schreiben konntest, ich hätte mich einklagen können. Der Brief einige Tage später war eine Standardabsage. 

Wie vielen Frauen geht es wohl wie mir jeden verdammten Tag in dieser Arbeitswelt? Bleibt denn die Möglichkeit, Kinder zu gebären, immer ein Makel? 

Erinnerst du dich noch an mich, lieber Personaler, und erinnerst du dich an all die anderen gut ausgebildeten Frauen, die Kinder haben und die auf dem Arbeitsmarkt genau an solchen Männerrunden wie deinen immer wieder scheitern, lieber Personaler? Weißt du eigentlich, dass sie jeden Tag aufs Neue scheitern?

Deine Alu

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