Foto: A.Bekassine

Lustige Junggesellin

Lustige Junggesellinnen gibt es hier nicht.

 

Ich bin fett und hässlich. Oder: ich b i n vielleicht nicht unattraktiv und übergewichtig, aber ich habe ein Problem mit meinem Aussehen, insgeheim neige ich zu ausgeprägtem Selbsthass. Ich bin introvertiert und depressiv. Ich sollte öfter feiern gehen, also : ich sollte mich betrinken und abschleppen l a s s e n. Ich bin passiv und warte noch auf meinen Traumprinzen. Ja, ich bin z u wählerisch. Ich bilde mir ein, in einer höheren Liga zu spielen und diese tollen Typen ignorieren mich. Also eigentlich bin ich einfach arrogant und d a m i t bekommt man schon mal gar keinen ab. 
‚Ein eingefleischter alter Junggeselle‘ wird Professor Higgins von seinem Freund Oberst Pickering in dem Film ‚My Fair Lady‘ genannt. Professor Higgins ist ein Gelehrter, der allein – samt seinen Bediensteten natürlich – in einem großen Haus in London lebt und sein Leben der Phonetik-Forschung gewidmet hat. Er ist nicht homosexuell, nein, er möchte nicht eigentlich lieber mit dem Oberst zusammenleben und das puritanische England verwehrt ihm dieses Lebensmodell. Und er hat auch keine Angst vor oder eine Abscheu gegen Frauen, wobei man einräumen muss, dass er nicht gerade als Feminist daherkommt. Professor Higgins ist exzentrisch und frech und freut sich seines Lebens, ohne einen festen Partner. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Aber genauso wie die Kosmetik-Werbung mir permanent mitteilt, mein Körper sei mangelhaft und ich müsse mittels Konsum Abhilfe schaffen, fühle ich mich medial und gesellschaftlich von der Pflicht verfolgt, einen Partner zu suchen und zu finden. Lustige Junggesellinnen gibt es hier nicht. In Film und Fernsehen wird mir die Partnersuche näher gebracht, im Internet soll ich mit meinem ‚Traumpartner‘ ‚flirten‘ und ihn ‚daten‘, ich soll auf Single-Partys und zum Speed-Dating, durch Schmusesitze im Kino und Valentinstage werde ich darauf aufmerksam gemacht, in Zeitschriften wird mir mitgeteilt, wo ich am besten Männer anmachen kann und wie ich mich dafür am besten kleide. Freunde haben Mitleid und starten entweder Verkupplungsaktionen oder schweigen sich über das Thema aus als sei es eine schlimme Krankheit. Wenn zwischenzeitlich mal der Junggesellinnen-Status unterbrochen wird, sind die Reaktion feuchte Augen und erleichtertes Lachen („Puh, zum Glück, du bist doch keine neurotische männerhassende Kampf-Emanze!“) Keinen Mann an seiner Seite zu haben, kann und darf nicht gewollt sein. Es bedeutet einsam, frustriert und bekloppt sein. Meine Mission im Leben ist die Partnerfindung, wie bei Jane Austen. Vielleicht sind Feminismus und eine kapitalistische Gesellschaft einfach nicht miteinander vereinbar, sage ich zu Tante Gisela „…Hömma, Kindschn, isch habbe jehört, du hast endlisch en neuen Freund? Erzähl‘ doch ma!“ 

neon.de/community

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