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Mädchen haben Null Bock auf IT

Mädchen haben so gut wie kein Interesse an Berufen in der IT-Branche. Wie lässt sich das ändern?

 

Das Image entscheidet über die Berufswahl

Das Interesse von jungen Frauen an einer Ausbildung in der IT-Branche geht in Richtung Null, zeigt eine neue Studie. Woran liegt das, und was muss sich ändern? „Schule, und dann? Herausforderungen bei der Berufsorientierung von Schülern in Deutschland“ heißt die Studie, die das Institut für Demoskopie Allensbach für die Vodafone Stiftung Deutschland durchgeführt hat. Dafür fragte das Institut bei Schülern der letzten drei Klassen an allgemeinbildenden weiterführenden Schulen nach, welche Ideen sie für ihre Berufswahl haben.

Die Ergebnisse ganz knapp: Nur etwas mehr als die Hälfte der befragten Schüler fühlt sich ausreichend über ihre Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten informiert. Fast jeder zweite Schüler gab an, sich mit der Entscheidung über die eigene berufliche Zukunft schwerzutun. Die berufliche Orientierungslosigkeit unter Jugendlichen hat sehr oft mit einem Mangel an Informationen zu grundlegenden Ausbildungs- und Berufsfragen zu tun.
Ein deprimierendes Ergebnis: Das Interesse von Mädchen an Jobs in der Computer- und IT-Branche tendiert gegen Null. Von den befragten Jungen, die zumindest eine vage berufliche Vorstellung hatten,zeigten knapp sechs Prozent Interesse an einer Ausbildung im IT-Bereich, bei den Mädchen waren es weniger als ein halbes Prozent.

Macht von Geschlechterstereotypen

Bei den jungen Frauen stehen medizinische und soziale Berufe hoch im Kurs (sie wurden jeweils von 20 Prozent der Befragten genannt.) Tierärztin oder Tierpflegerin nannten sieben Prozent der befragten Mädchen als Wunschausbildung. Das Fazit der Stiftung: „Die beruflichen Pläne von Jungen und Mädchen unterscheiden sich erheblich und entsprechen weitgehend tradierten Rollenmustern.“

In Deutschland gibt es schon seit Jahren jede Menge Projekte, die Mädchen ermutigen sollen, einen Beruf in den so genannten „MINT“-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu ergreifen. Umgekehrt soll der Anteil von Männern in von Frauen dominierten Berufen erhöht werden. Wie also kann man die Macht von Geschlechterstereotypen bei der Berufswahl durchbrechen – in beide Richtungen?

Dr. Waltraud Cornelißen vom Deutschen Jugendinstitut hat zu geschlechterspezifischen Berufswahlmustern geforscht und erklärt im Interview mit EDITION F, wie sehr Geschlechterstereotype schon bei Kindern verankert sind und wo Politik, Gesellschaft und Bildungsvertreter ansetzen müssen, um junge Frauen für angeblich typische Männerberufe zu interessieren.

Viele junge Männer und Frauen entscheiden sich auch heute noch für einen typischen „Männer- bzw. Frauenberuf“. Wie kann man sie dazu bewegen, etwas anderes in Erwägung zu ziehen?

„Wenn ein junger Mensch sich für einen bestimmten Beruf entscheidet, spielen Berufsimages eine entscheidende Rolle. Es gibt eine ganze Reihe typisch männlich oder weiblich konnotierter Berufe. Diese Images müssten durchbrochen werden. Den jungen Frauen und Männern muss klar gemacht werden, dass jeweils auch andere Kompetenzen für einen typisch weiblich oder männlich konnotierten Beruf wichtig sind, als die, die man dort traditionell erwartet. Gesundheitsberufe, außer dem des Arztes, werden vor allem von Frauen angesteuert, da wird immer der pflegende, sorgende Aspekt hervorgehoben. Dabei hat etwa der Beruf des Krankenpflegers heute sehr viel mit Technik zu tun, die medizinischen Geräte müssen bedient werden. Dieser technische Aspekt findet aber in den Bildern, die von diesem Berufszweig gezeichnet werden, etwa in den Berufsberatungsinstitutionen, zu wenig statt. Umgekehrt wird zu wenig darauf hingewiesen, dass auch in den technischen Berufen soziale Kompetenzen eine wichtige Rolle spielen. Die vielen Komponenten der Berufsbilder müssten realistischer und aktueller dargestellt werden.“

Das klingt so, als würden Sie von „typisch weiblichen“ und „typisch männlichen“ Kompetenzen und Interessen ausgehen?

„Eine ganz entscheidende Rolle bei der Berufswahl spielt für junge Menschen die Frage, ob sie das Gefühl haben, dass der Beruf zu ihnen passt. In weiblich konnotierten Berufen haben viele Männer das Gefühl, sich nicht als Mann profilieren zu können; viele Frauen wiederum fühlen sich in Berufen, in denen sie ganz klar eine Minderheit stellen, deplatziert – in einer Phase der Verunsicherung, die die Phase des Schulabschlusses und der Weichenstellung für die berufliche Zukunft nun mal ist, wollen viele junge Menschen eine gewisse Sicherheit, trauen sich die Rolle des Exoten nicht zu, und halten an Stereotypen fest.“ 

Wenn man sich die Fakten vor Augen führt, hat die Wahl eines klassischen „Frauenberufs“ für die Frauen nur Nachteile: schlechtere Bezahlung, schlechtere Aufstiegschancen, geringeres Ansehen. Warum dringt das nicht stärker durch? 

„Ich glaube, dass da immer noch ein großes Informationsdefizit herrscht. Informationen über Aufstiegsmöglichkeiten und Gehaltsaussichten müssten viel breiter gestreut werden. In Befragungen kommt aber auch immer wieder heraus, dass junge Männer bei der Wahl ihres Berufes stärker auf das Einkommen achten als Frauen, für die der Spaß an ihrer Tätigkeit stärker im Vordergrund steht als das Geld. Ihnen ist es wichtiger, dass sie sich wohlfühlen, deshalb akzeptieren sie die schlechteren Bedingungen der „Frauenberufe“. Um kurz über die jungen Männer zu sprechen: Die könnte man schlichtweg durch bessere Bezahlung in die typischen Frauenberufe locken. Wobei es widersprüchliche Botschaften gibt. Zum Beispiel heißt es ja ganz eindeutig: Wir brauchen mehr Männer in den Kitas. Andererseits haben Männer, die mit kleinen Kindern arbeiten, oft mit Vorurteilen und Unterstellungen zu kämpfen.“ 

Und was ist mit den jungen Frauen – wie kriegt man sie raus aus der beruflichen „Frauenecke“?

„Untersuchungen zeigen, dass selbst Mädchen mit Leistungskurs Physik seltener Physik studieren als ihre männlichen Kurskollegen, obwohl sie Spaß an dem Fach hatten und schon in der Schulzeit viele Kompetenzen erworben haben – weil sie womöglich antizipieren, dass sie sich im Studium und später im Beruf als Minderheit nicht wohl fühlen werden beziehungsweise davor Angst haben. Die technischen Branchen werden auch oft als nicht familienfreundlich angesehen, die jungen Frauen fürchten, dass es ihnen später schwer gemacht wird, wenn sie Kinder und Job unter einen Hut bringen wollen, und gehen auf Nummer sicher – indem sie einen Job wählen, in dem die Vorgesetzten traditionell Erfahrung haben mit Familienvereinbarkeit und Lösungen anbieten. Bei der Berufswahl spielen also auch viele wilde Spekulationen eine Rolle, viele Entscheidungen fallen aufgrund vager Vermutungen – die sich erst viel später bestätigen oder in Luft auflösen könnten.“ 

Wie kann man diese Entscheidungen beeinflussen?

„Noch heute sehe ich in der Werbung für bestimmte Berufsbilder die klassischen Rollenverteilungen abgebildet – der Handwerker ist da klassischerweise ein Mann. In Broschüren wird die Minderheitensituation also vorweggenommen. Ich kann nachvollziehen, dass junge Frauen sich Sorgen machen angesichts des Exotenstatus´, den sie heute in vielen Unternehmen aus dem Technik-Bereich nach wie vor innehätten. Wir brauchen junge Frauen mit Pioniergeist, die sich davon nicht abschrecken lassen, die positive Erfahrungen machen und das an eine neue Frauengeneration weitergeben können, sie ermutigen können.“

Wie kann man diesen Pioniergeist wecken?

 „Wir haben auf jeden Fall ein Informationsdefizit. Die technischen Branchen müssen an ihrem Image arbeiten, alle Facetten ausleuchten, die ein Job in diesen Bereichen mit sich bringt. In der Praxis geht auch etwas voran, viele IT-Unternehmen präsentieren sich weiblichen Interessenten als familienfreundliche Firmen, sie wissen, dass sie Frauen etwas bieten müssen, um als Arbeitgeber interessant zu werden, eine familienfreundliche Unternehmenskultur nämlich, zum Beispiel mit der Möglichkeit der Führungsverantwortung in Teilzeit.“

 Welche Rolle spielen frühere Prägungen im Kindesalter bei der Berufswahl?

„Kinder wachsen mit Geschlechterstereotypen auf, diese sind tief in unserer Gesellschaft verankert. Lukas der Lokomotivführer ist nun mal ein Mann, in vielen Kinder- und Jugendmedien werden ganz klar Stereotype vermittelt, da gibt es eindeutige Untersuchungen. Schon Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter meinen ganz genau zu wissen, welche Berufe für Männer und Frauen jeweils geeignet sind.“ 

Welche Möglichkeiten gibt es, gegenzusteuern?

„Zum einen kann man schon früh, etwa in der Grundschule, ansetzen und diese Stereotype thematisieren, man kann die Kinder offen halten für ein breites Spektrum an Interessen. Kinder sind dafür durchaus zugänglich, so kann eine höhere Sensibilität geschaffen werden. Klar ist: Ein Girls´ Day pro Jahr ist schön und gut, aber ein Tag im Jahr kann allein nichts bewegen. Wir brauchen größere Unterrichtseinheiten rund um das Thema Berufsorientierung, in denen ein realistisches Bild der verschiedenen Branchen vermittelt wird, Vor- und Nachbereitung von Praktika wären wichtig, damit die Schüler sich in neuen Bereichen ausprobieren und die Erfahrungen reflektieren können.“

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