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Eine „Männergruppe“ in der FDP möchte gegen ihre Benachteiligung kämpfen

Eine Gruppe von Männern will sich in der FDP als „Männergruppe“ organisieren, um gegen die Diskriminierung ihres Geschlechts zu kämpfen. Ist das notwendig?

 

Männer, Frauen, FDP

Wem eine fortschrittliche und differenzierte Geschlechterpolitik wichtig ist, der denkt im Hinblick auf die Bundestagswahl vermutlich nicht zuerst an die FDP. Diese Themen finden im Wahlprogramm der Liberalen so gut wie nicht statt. Sucht man beispielsweise dort nach dem Begriff „Alleinerziehende“, findet man dort zwei Treffer: einen schwammigen Punkt zu „verlässlicheren“ Kitas und einen zur Anhebung von Kinderfreibeträgen. Das einzige konkrete Vorhaben der FDP für getrennte Eltern ist, das Wechselmodell zu Regel zu machen, was im starken Kontrast zur aktuellen gesellschaftlichen Realität steht, in der Eltern nach der Trennung überwiegend nicht schaffen, die Kindern abwechselnd zu betreuen und die Kinder mehrheitlich bei den Müttern leben.

Wie Heide Oestreich in der Taz berichtet, planen nun einige Männer in der FDP, Geschlechterpolitik stärker in der Partei zu verankern. Sie wollen die Gruppe „Liberale Männer in der FDP“ gründen, deren Zielsetzung ist, die Benachteiligung von Jungen und Männern zu beseitigen – und das klingt hochtrabend: „Die kompromisslose Umsetzung des Artikels 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.“ 

Ein Blick in das Kurzprogramm, das auf dem antifeministischen Blog „Genderama“ veröffentlicht wurde, enthält jedoch statt moderner Geschlechterpolitik, die sich, wenn es tatsächlich um Artikel 3 des Grundgesetztes ginge, schließlich mit Männern UND Frauen beschäftigen müsste, vor allem haarsträubende Ansätze, die mehr nach Verschwörungstheorie als politischen Ideen klingen, wie zum Beispiel der Teil zum Strafrecht „Es kann nicht angehen, dass von Frauen verübte Straftaten seltener verfolgt und deutlich milder bestraft werden als von Männern verübte“ oder zu Trennungen „Männer werden bis heute von den Gerichten häufig so behandelt, als trügen sie die Schuld am Scheitern der Ehe“. Da überrascht es kaum, dass die Partei von offizieller Stelle das Vorhaben der „Männergruppe“ nicht kommentieren wollte.

Bitte keine Frauenquote!

Zudem widerspricht sich das Programm zum Beispiel beim Thema Quote. Während die „liberalen Männer“ feststellen, dass Frauenquoten den Gleichbehandlungsgrundsatz verletzten, fordern sie eine 30-Prozent-Quote für Erzieher und Lehrer, um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in Bildungseinrichtungen zu ermöglichen und dort auch männliche Vorbilder zu haben. Weibliche Vorbilder in der Berufswelt scheinen folglich verzichtbar.

Dass die Anmeldung für Gründungsveranstaltung der „liberalen Männer“ ausgerechnet über die Veranstalter des „Genderkongresses“ stattfinden soll, rückt die Ideengeber ebenfalls in kein gutes Licht. Die teilnehmenden Organisationen des Kongresses stammen zu großen Teilen aus dem maskulistischen Umfeld, also Gruppen, die an die Bevorzugung von Frauen in der Gesellschaft glauben, frauenfeindliche Ideologien und Hass gegen feministisch Engagierte verbreiten. Wirklich progressive Männer- und Jungenpolitik findet man bei maskulistischen Gruppen nicht, denn anders als feministische Gruppen sehen sie Gleichberechtigung nicht als komplexes System, in das alle einbezogen werden müssen, sondern als Gegeneinander von Männern und Frauen. Moderne Geschlechterpolitik ist ist von der FDP ebenfalls kaum zu erwarten, denn, so kommentiert Heide Oestreich treffend, werde die FDP kaum „den ,Leistungsträger‘, der keine Zeit für seine Familie hat“, in Frage stellen. 

Zeit für einen „liberalen Feminismus?“

Liberale Politik und Feminismus müssen sich jedoch nicht ausschließen. Beret Roots, FDP-Mitglied und Diplom-Psychologin, schrieb in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel über die Notwendigkeit, Feminismus auch in der FDP zu verankern: 

„Wenn die FDP allein auf den Markt setzt, kann es noch 100 Jahre bis zur Chancengleichheit dauern. (…) Eine freie Gesellschaft, die Frauen und Männer auf festgelegte Bahnen lenkt, ist unvereinbar mit dem liberalen Anspruch auf Selbstverwirklichung aller Individuen.“

Diesen Anspruch erheben ebenso die Frauen, die auf der Plattform „Liberaler Feminismus“ Menschen aus dem Umfeld der FDP zusammenbringen möchten, die feministische Ideen in die Partei tragen wollen. 

Aktuell ist nur etwa jedes vierte Parteimitglied der FDP weiblich. Dem 13-köpfigen Präsidium gehören drei Frauen an (23 Prozent), beim Bundesvorstand sind von 43 Mitgliedern nur 9 weiblich (21 Prozent). Dass die Liberalen beginnen sich damit zu beschäftigen, welche Antworten ihr Programm auf ungleiche Chancen geben könnte, würde womöglich das Interesse von Frauen an einer Mitgliedschaft steigern. Dass eine Männergruppe, die vor allem sich selbst als benachteiligt betrachtet, das schaffen könnte, ist wenig wahrscheinlich.


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