Foto: melight.de

Hat Marcella Hansch die Lösung dafür, wie wir unsere Meere vom Plastik befreien?

Marcella Hansch ist eine unserer „25 Frauen, deren Erfindungen die Welt verändern“. Und das aus gutem Grund, denn sie hat eine Technologie entwickelt, die unsere Meere vom Plastik befreien soll. Wie kann das funktionieren?

 

„Wir wollen das Plastik abschöpfen, bevor es in die Meere gelangt“

Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Und das zeigt sich nicht nur in verdreckten Städten, sondern zieht sich auch als dicker Müllteppich aus 13 Millionen Tonnen Plastik durch die Meere. Jeden Tag gehen Bilder von verschmutzten Stränden und verendeten Tieren um die Welt, die einen Aufschrei verursachen – aber eine Lösung? Scheint es angesichts unseres Konsumverhaltens nicht so schnell zu geben, wie wir eine Lösung bräuchten. Oder?

Möglicherweise gibt es sie doch – konzipiert von der Aachener Architektin Marcella Hansch. Sie hat das Modell für eine schwimmende Plattform entwickelt, welche das Plastik ohne Strom und ohne Netze einfach aus dem Meer filtern kann und für die Meeresbewohner ungefährlich ist. Wie das genau funktioniert, wer zu dem Team von Pacific Garbace Screening gehört, das mittlerweile gemeinsam mit ihr an dem Projekt arbeitet und warum bislang noch kein Prototyp hergestellt werden konnte, das hat sie uns im Interview erzählt.

Im Juni läuft auch eine Crowdfunding-Kampagne, um das Projekt, für welches das Team derzeit ehrenamtlich arbeiten, mit noch mehr Kraft nach vorne treiben zu können. Wer das unterstützen möchte, kann das hier tun.

Marcella, du hast ein Konzept für eine Plattform entwickelt, die das Meer vom Plastik befreien soll. Wie genau funktioniert das? Kannst du etwas mehr darüber erzählen?

„Das Prinzip ist eigentlich sehr simpel. Die Plattform beruhigt durch ihre Bauweise die Strömungen der Meere bis zu etwa 50 Metern Tiefe – Plastikpartikel sind leichter als Wasser und können so innerhalb der Plattform aufsteigen bis an die Oberfläche und dort abgeschöpft werden.“

Könnte die Plattform auch Fischen und anderen Meerestieren gefährlich werden?

„Nein, unser Ziel ist eben genau das zu vermeiden. Das Prinzip der Plattform ist passiv. Es gibt keine Netze. Fische und Meerestiere können durch die Plattform hindurch schwimmen. Um das auch so umsetzen zu können, haben wir Biolog*innen mit im Team und wollen bei der Entwicklung insbesondere auf die Umweltverträglichkeit achten.“

„Wir Verbraucher*innen haben eine enorme Macht.“

Was passiert mit dem Plastik, nachdem es abgeschöpft wurde?

„Das Plastik ist kein Müll, sondern eine wertvolle Ressource, da das Material auf Erdöl basiert. Daher wollen wir es nicht verbrennen, was leider so oft passiert, sondern es nachhaltig nutzen- zu sauberer Energie umwandeln und neue biologisch abbaubare Kunststoffprodukte auf Algenbasis herstellen.“


Ein Computer-Modell der Plattform. Quelle: Pacific Garbage Screening

Wie viele dieser Plattformen bräuchte es, um die Tonnen an Plastik aus dem Meer zu fischen, die sich derzeit darin befinden? Oder auch, um dem nur einigermaßen beizukommen?

„Um so etwas einzuschätzen, ist es noch viel zu früh. Aktuell arbeiten wir alle ehrenamtlich an dem Projekt und suchen dringend Partner*innen und Geldgeber*innen. Aktuell gibt es noch zu wenige belastbare Daten, die wir als Grundlage nehmen können. Unser erstes Ziel sind Modellversuche und eine Standortanalyse, wo solche Plattformen am effektivsten einzusetzen sind. Beginnen wollen wir dann mit einem realisierbaren Prototypen, den man in Flüssen und Flussmündungen einsetzen kann, um das Plastik schon einzusammeln, bevor es überhaupt in die Meere gelangt. Der Haupteintrag gelangt nämlich über die Flüsse ins Meer.“

Du bist Architektin. Wie kam es dazu, dass du dich mit diesem Thema beschäftigt hast?

„Ich habe mich schon immer sehr verbunden mit der Natur gefühlt und konnte noch nie verstehen, warum wir Menschen die Natur so mit Füßen treten. Der Auslöser für das Thema war ein Tauchurlaub, bei dem ich mehr Plastik als Fische gesehen habe. Das hat mich einfach schockiert und meinen Ehrgeiz geweckt, etwas dagegen zu tun!“

„Wir haben einen sehr konkreten Plan, aber um den umzusetzen, brauchen wir dringend Geldgeber*innen.“

Die Konzipierung dieser Konstruktion geht ja über diesen Fachbereich hinaus – in welche Bereiche musstest du dich einarbeiten, um für dein Projekt weiterzukommen?

„Das waren einige. (lacht) Ich habe mich mit vielen Fachleuten unterhalten, mich in Vorlesungen über Kunststofftechnik gesetzt, Skripte über Maschinenbau gelesen, Recycling-Anlagen besichtigt, Dokumentationen über die Entstehung der Ozeane angeschaut, aber auch Bücher von Visionären wie Jules Verne gelesen. Da kamen viele Ideen und Anstöße zusammen und haben das Feuer in mir noch mehr entfacht.“

Hast du eigentlich gleich an deine Idee geglaubt? Und wenn nicht, wann hat sich das verändert und wer hat dich zu Beginn unterstützt, dir zugeredet?

„Das Konzept an sich war ja erstmal ‚nur’ meine Abschlussarbeit in Architektur und gar nicht dafür gedacht realisiert zu werden. Aber dann wurde das Thema in den Medien immer größer, Familie, Freund*innen und Kolleg*innen haben mich animiert das weiter zu verfolgen und als dann auch Fachleute die Idee als umsetzbar eingeschätzt haben – da war klar, dass ich alles tun werde, um das Projekt umzusetzen.“

Was war die größte Hürde für die Entwicklung bzw. welche ist es noch?

„Das größte Problem ist die Finanzierung. Wir haben ein super engagiertes Team, in dem alle ehrenamtlich arbeiten – aber natürlich fehlen uns enorme Kapazitäten. Aktuell finanzieren wir uns über kleine private Spenden, davon können wir aber keine Vollzeitstellen generieren oder gar einen Prototypen bauen. Wir haben einen sehr konkreten Plan, aber um den umzusetzen, brauchen wir dringend Geldgeber*innen.“

Hast du dich mit dem Interesse an den neuen Themen manchmal auch selbst überrascht bzw. neue Seiten oder Talente an dir entdeckt?

„Ständig! (lacht) Ich leite gerade in meiner Freizeit ein Team von fast 40 Leuten, das Projekt hat unglaubliche Aufmerksamkeit erregt, wir bekommen tolle Anfragen, das Team wächst ständig und jeden Tag beschäftige ich mit neuen Themen. Da ist eigentlich jeder Tag eine Überraschung.“

„Jeder einzelne Mensch kann etwas tun!“

Hattest du schon immer eine Art Erfinderinnen-Geist in dir?

„Ich würde es eher kreativ bezeichnen – und ja, das war ich schon immer.“

Es arbeitet mittlerweile ein Team aus rund 35 Menschen daran, dass aus der Idee Wirklichkeit wird. Wie wichtig ist der Austausch mit anderen, und wie haben die gemeinsamen Ideen vielleicht auch das Projekt verändert oder aber konkretisiert?

„Super wichtig! Wenn einer alleine in seinem Kämmerchen arbeiten würde, ohne mit anderen zu kommunizieren, kämen wir nicht weiter. Der Austausch im Team ist immer wieder anregend und bringt neue Ideen, Ansätze und Richtungen hervor. Das ist total inspirierend und unglaublich wichtig, um das Projekt auch konstruktiv voran zu bringen.“

Wie finanziert ihr eure Arbeit bei „Pacific Garbage Screening“?

„Bisher finanzieren wir uns aus kleineren privaten Spenden und arbeiten komplett ehrenamtlich. Anfang Juni startet unsere Crowdfunding-Kampagne, mit der wir hoffentlich erste größere Finanzmittel bekommen um endlich richtig durchstarten zu können! Außerdem suchen wir Sponsor*innen, die uns gerade in den ersten Jahren finanziell unterstützen können.“

Was hast du aus der Entwicklung dieser Idee mitgenommen — persönlich, aber auch für beruflich? Vielleicht, dass man mehr wagen sollte, weil jede und jeder von uns wichtige, gute Ideen hat? Oder vielleicht auch, da ihr euch selbst finanziert, dass gute Ideen in Deutschland zu wenig Unterstützung erfahren?

„Für mich persönlich – beruflich und auch privat – konnte ich bisher unglaublich viel aus dem Projekt ziehen. Motivation vor allem! Ich bin mutiger geworden, denn auch wenn was etwas nicht klappen sollte – man kann ja nur weiter lernen. Außerdem wachsen Ideen mit einem Team – gute Leute um sich zu haben, die an die gleiche Idee glauben, das ist super wichtig! Die Finanzierung ist aber tatsächlich ein Problem, vor allem wenn nicht direkt ein Renditemodell vorgelegt werden kann. Wir wollen ja ‚nur die Meere retten’. Damit kann man erstmal nicht die dicke Kohle scheffeln. Und darum geht es leider den meisten. Echt traurig … Ich musste schon oft hören: ‚Kommt wieder, wenn ihr belastbare Zahlen habt.’ Schön und gut – aber um die zu bekommen, brauchen wir finanzielle Unterstützung. Ein Teufelskreis. Aber auch das macht einen stärker – wir schaffen das!“

Was denkst du, wann ein Prototyp der Plattform fertig sein könnte?

„Das ist davon abhängig, wann wir ‚richtig’ starten können, denn aktuell haben wir nicht die finanziellen Möglichkeiten einen Prototypen zu entwickeln. Unser erster Plan ist eine Machbarkeitsstudie und Modellversuche. Die sollen in den nächsten drei Jahren stehen, ein erstes Modell für Flüsse in fünf Jahren.“

Was rätst du jemandem, der eine Idee hat, aber erstmal nicht weiß, wie man sie umsetzen soll? Wo fängt man an, wo findet man Hilfe?

„Das kommt natürlich total auf die Idee an. Aber ich habe die Erfahrung gemacht: vor allem drüber reden! Sich nicht verstecken. Nicht im kleinen Kämmerlein nach einer Lösung suchen. Menschliche Kontakte sind da einfach das A und O. In vielen Städten gibt es Netzwerke, Veranstaltungen und Menschen, die genauso ticken wie man selber. Einfach ins kalte Wasser springen und machen!“

Wie hältst du es mit Plastikmüll eigentlich privat?

„Ich achte sehr darauf, Plastik zu vermeiden. Wir Verbraucher*innen haben eine enorme Macht – und jede Entscheidung im Supermarkt keine Produkte zu kaufen, die sinnlos in Plastik verpackt sind, ist ein Schritt nach vorne. Denn wenn jeder so handelt, die Nachfrage sinkt – dann wird sich auch das Angebot ändern. Das lebe ich so und es macht Spaß immer neue Alternativen zu finden und zu merken, dass auch die Menschen in meinem Umfeld mehr und mehr so denken und handeln. Denn jeder einzelne kann etwas tun!“


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