Foto: Bernhard Musil

Marina Hoermanseder: „Ich kämpfe für meinen Traum“

Sie gilt als Modehoffnung, dabei hat Marina Hoermanseder im Januar erst auf der Fashion Week debütiert. Ein Gespräch über Erwartungsdruck und Fetisch.

 

Normalerweise fangen Fashion-Week-Neulinge erst klein an, in einem Showroom, einer Off-Location oder wenn sie sich ein wenig mehr trauen, auf der kleineren Bühne im Zelt, der Stage. Nicht so Marina Hoermanseder. Im Juli präsentierte sie wenige Monate nach ihrem Abschluss an der Esmod erstmals eine eigene Kollektion und wählte dafür gleich den großen Runway aus. Mit Erfolg: Ihre Designs, die auf sehr eigene Weise Orthopädie, Fetisch, Handwerkskunst und französische Eleganz verknüpfen, wurden vom Publikum bejubelt und von der Kritik hochgelobt. Schon jetzt kann sie so hochkarätige Kundinnen wie Lady Gaga vorweisen. Auch in dieser Saison startete die Modewoche bereits vielversprechend für sie: Am Montag bekam sie den Premium Young Fashion Award verliehen, am Dienstag stand sie beim Start your Fashion Business Preis der Berliner Senatsverwaltung im Finale. Mit EDITION F sprach die Jungdesigerin über ihre neue Kollektion und die Ziele ihres jungen Labels.

Am Freitag präsentierst du zum zweiten Mal eine Kollektion auf dem Runway bei der Berliner Fashion Week. Bist du aufgeregt?

„Absolut. Allerdings ist noch so einiges zu tun. So bleibt für große Aufregung wenig Zeit. Vielmehr freue ich mich auf diese ganz besondere Fashion Week, mit Preisverleihungen und meiner Show.“

Wie sieht die neue Kollektion aus?

„Ich bin meinem Stil treu geblieben. Es ist allerdings eine echte Frühjahr-Sommer-Kollektion mit bunten Farben, weiblichen Silhouetten und sommerlich-frischen Elementen. Die Kollektion macht Spaß, finde ich.“

In deiner Abschlusskollektion an der Esmod hattest du dich mit orthopädischen Apparaturen auseinandergesetzt, für die Herbst-Winter-Kollektion hattest du dich von Gehirnen und Nacktkatzen inspirieren lassen. Woher kommen deine Inspirationen dieses Mal?

„Die Orthopädie ist immer noch eine große Inspiration für mich. Dennoch habe ich diese nun um ein wenig verspieltere Elemente ergänzt. Die 50er Jahre haben eine große Rolle in meiner Inspiration gespielt, genauso wie Austern und Steinbrüche. Ich habe Stein zu Kleidung verarbeitet – eine große Herausforderung, die sich lohnt.“

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

„Es ist eine Gratwanderung zwischen Haute Couture, Fetisch und Pret-à-Porter. Ich möchte mich nicht auf einen Stil beschränken und schon gar nicht auf eine Zielgruppe. Es ist die Vielfältigkeit des Marktes und der Interpretationen, die spannend ist.“

Du giltst als Durchstarterin. Die Erwartungen sind nach deiner hochgelobten Abschlusskollektion und deinem viel beachteten Debüt auf der Fashion Week im Januar hoch. Wie gehst du damit um?

„Natürlich ist die Messlatte sehr hoch. Meine Erwartungshaltung mir gegenüber ist ebenfalls gestiegen. Meine Familie und viele Freunde kommen zu meiner Show, das ist immer ein guter Rückhalt, der Kraft gibt – da kann nicht mehr so viel schiefgehen. Viele kommen ja schon zum zweiten Mal – das gibt Selbstvertrauen.“

Wie war die Resonanz der Einkäufer auf deine erste Kollektion?

„Ich habe für die Herbst-Winterkollektion 2014 noch keinen Einzelhandelsvertrieb begonnen. Ich konnte mich aber über private Bestellungen freuen. Vor allem Accessoires gehen gut.“

Was ist seit Januar bei dir passiert?

„Ich habe ein kleines Team aufgebaut und bin in mein erstes Atelier gezogen. Es ist vor allem für die Seele gut, wenn man abends auch mal die Türen schließen kann und nach Hause in seinen Privatbereich gehen kann. Sehr erfreulich sind auch tolle Anfragen, meine Kollektion fliegt seit Januar in der Weltgeschichte umher. Das freut mich sehr. Mit dem Verkauf habe ich ebenfalls begonnen – einige private Bestellungen gibt es schon. Und ich bin nun im Juli zum ersten Mal auf der Verkaufsmesse Premium in Berlin vertreten. Ich bin sehr gespannt, wie das wird!“

Besonders viel Aufsehen hast du mit deinen an orthopädische Apparaturen erinnernden Lederkleidern, -röcken und -beinkleidern erregt. Kommen diese Stücke auch in die Geschäfte?

„Einige davon ja. Natürlich muss ich, was den Einkauf angeht, mit dem Markt gehen und mich vorsichtig vortasten. Einige Stücke sind so speziell, dass man sie eher Einzelstücke wie eine Skulptur im Kleiderschrank bewahrt.“

Deine Stücke sind sehr aufwändig und hochwertig verarbeitet. Welche Zielgruppe hast du dabei im Sinn?

„Ich habe mich nicht auf eine Zielgruppe beschränkt. Es sind Looks dabei für die Businessfrau, Accessoires für das hippe Fashion-Victim und speziellere Teile für Fetisch-Liebhaber. Qualität und perfekte Verarbeitung sind mir besonders wichtig – ich versuche dennoch ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis zu schaffen.“

Man kann deine Sachen also auch im Business-Alltag tragen?

„Ich lege auch bei dieser Kollektion wieder großen Wert darauf, kommerzielle Teile dabei zu haben – um meine Kreationen auch auf der Straße wiederzusehen.“

Wie produzierst du deine Kollektionen?

„Die Prototypen für den Laufsteg werden alle in meinem Atelier in Berlin gefertigt. Ich habe eine Produktionsstätte in Berlin und für die Ledersachen war ich nun erstmals in einer Produktionsstätte in Spanien – meine Teile sorgen auch dort für Aufsehen und sind eine Herausforderung im Betrieb.“

Was sind deiner Ansicht nach die wichtigsten Eigenschaften, die man braucht, um sich als junge Designerin zu behaupten?

„Ich glaube, man muss sich vor allem selbst treu bleiben. Ich ziehe meine Vision durch. Es kommt unglaublich viel Input von allen Seiten, aber ich höre schlussendlich immer nur auf mein Bauchgefühl. Im ganzen Modetrubel besinne ich mich stets auf meine Werte. Mit Höflichkeit und Freundlichkeit kommt man auch in der kreativen Branche um einiges weiter als mit gestresstem Fordern. Beim Designaspekt geht es meiner Meinung darum, innovativ zu sein, dem Publikum etwas zu zeigen, das es so noch nicht gesehen hat. Ich will den Leuten vor allem Freude bereiten mit dem, was ich mache.“

Wie schaffst du es, aus der Masse an Jungdesignern herauszustechen?

„Offenbar durch ein Zusammenspiel von Materialien und Elementen und einer guten Kommunikationsstrategie.“

Vor deinem Modestudium hast du Wirtschaft studiert. Damit hast du vielen anderen Jungdesignern einiges an Wissen voraus. Was glaubst du, wie wichtig ist unternehmerisches Denken und Know-how in der Mode?

„Auch wenn ich mich selbst im Wirtschaftsstudium manchmal ein wenig gequält habe und viel lieber zeichnen wollte als Buchhaltung zu lernen, ist es heute ein großer Vorteil. Es geht nicht nur darum Kollektionen zu entwerfen und zu schneidern. Hinter den Kulissen passiert ebenfalls unglaublich viel. Die Organisation, Administration und Führung eines Unternehmens ist neben meinem kreativen Ausleben eine unglaubliche Herausforderung für mich. Es macht aber großen Spaß. Natürlich werden mir dank Wirtschaftsstudium in machen Situationen auch schon im Vorhinein gewisse Kompetenzen zugeschrieben. Das hilft.“

Wie ist Berlin als Standort?

„Großartig. Ich liebe diese Stadt – sie ist inspirierend und entspannend zugleich. Ich habe meinen Wiener Akzent in den letzen Jahren trotzdem nicht verloren.“

Gleich nach dem Studium ein eigenes Label zu gründen, ist ein Risiko. Warum hast du dich dennoch dafür entschieden?

„Ich wollte auf der Welle weitersurfen, die ich durch meine Diplomkollektion aufgebaut habe. Die Entscheidung wurde sehr schnell getroffen, weil ich gar nicht so lange Zeit hatte, eine ganze Kollektion auf die Beine zu stellen, um sie im Jänner auf der Mercedes Benz Fashion Week Berlin zu zeigen. Mit dem Rückhalt meiner Familie und unglaublich vielen Menschen, die zu mir stehen und mich überall tatkräftig unterstützen, ist dieses Vorhaben auf einem guten Weg.“

Kannst du momentan von deiner Mode leben?

„Ich arbeite nach einem durchgearbeiteten Businessplan. Wir sind gespannt auf die Verkaufmesse, dann kann ich mehr dazu sagen, ob dieser aufgeht. Aber ich bin guter Dinge – ich kämpfe für den Traum, bin mir aber bewusst, dass man dafür einen langen Atem braucht.“

Wie finanzierst du dich und die Investitionen, die für die neue Kollektion und die Runway-Show zu leisten sind, bis dahin?

„Ich habe durch Wettbewerbe finanzielle und materielle Unterstützung und kooperiere mit vielen Unternehmen. Diese unterstütze mich auch diese Saison mit Goodies für die Goodiebags – meine Lieblingssüßigkeit, die Mannerschnitten, sind auch wieder an Board.“

Der Glamour, den die Mode nach außen hin ausstrahlt, steht oft im Widerspruch zur prekären Realität. Viele Designer sind trotz eines gewissen Erfolgs auf Nebenjobs angewiesen. Wie schätzt du die Situation ein?

„Ich wüsste nicht, wann genau ich einen Nebenjob machen könnte. Ich könnte höchstens noch weitere Hunde mitnehmen, wenn ich mit meiner kleinen „Peanut“ rausgehe, aber sonst bleibt für anderes nicht viel Zeit. Der Fokus liegt momentan nur auf meinem Label. Glücklicherweise.“

Was ist deine Strategie, mit deinem Label wirtschaftlich erfolgreich zu werden?

„Aufsehenerregende Kollektionen am Laufsteg und reduziertere Teile und Accessoires für den Verkauf. Nicht jeder will oder kann einen Lederbody anziehen – aber eine Haarspange, Kappe oder Tasche nimmt jeder gerne mit.“

Was willst du mit deinem Label erreichen? Wo siehst du dich in ein paar Jahren?

„Ich würde mir wünschen, dass alles so weitergeht wie jetzt. Ich möchte noch mehr Menschen in den Bann ziehen und davon überzeugen, dass dieses Projekt ein gutes ist. Berlin will ich vorerst keinesfalls verlassen – hier habe ich meinen modischen Rückhalt durch mein Team, meine Agentur und meine Freunde. Ich bin stolz, ein fixer Teil der Mercedes Benz Fashion Week Berlin zu sein. Nicht zuletzt, weil ich jetzt das tolle Team dahinter kennen und lieben gelernt habe.“

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