Foto: A. Heeger

Martin Wehrle: „Nur wer die Spielregeln durchschaut, kann erfolgreich sein“

Nicht nur dank seines humorvollen Schreibstils in Sachbüchern wie „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ und „Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?“ ist Martin Wehrle hierzulande eine bekannte Größe. Der Autor, Coach und Karriereberater hat im Laufe seiner eigenen Karriere auch schon eine Menge miterlebt – Erfahrungen, die er mit
einer breiten Leserschaft teilt. Community-Autorin Anna Katherina Ibeling sprach für „Edition F“ mit dem vielseitigen Hamburger über seinen Berufsalltag, Todsünden in deutschen Führungsetagen und seine neuesten Buchprojekte. Natürlich hat der Beratungsprofi auch für Frauen einige Asse im Ärmel.

 

A.K. Ibeling: Buchautor, Coach und Berater im Unternehmen – beschreiben Sie doch kurz Ihre berufliche Laufbahn!

M. Wehrle: Ich bin von Haus aus Journalist, war Mitglied in Chefredaktionen und habe dann zwei Abteilungen für einen Lifestyle-Konzern aufgebaut und geleitet. Danach habe ich mich selbständig gemacht als Karriere- und Gehaltscoach und damit begonnen, Bücher zu schreiben. Einige davon sind große Erfolg geworden, vor allem „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ – es stand über 150 Wochen lang in der Spiegel-Bestseller-Liste.

A.K. Ibeling: Wie sieht Ihr Berufsalltag konkret aus?

M. Wehrle: Ich berate Menschen in Karrierefragen, schreibe und recherchiere, halte Vorträge (zum Beispiel über Führungskultur) und bilde andere Karriereberater aus. Menschen lassen sich u.a. von mir unterstützen, wenn sie im Beruf vor einer schwierigen Entscheidung stehen: „Soll ich Führungsverantwortung übernehmen – oder besser auf der Fachebene Karriere machen?“. Ähnlicher Bedarf entsteht, wenn jemand eine schwierige Verhandlung vor sich hat oder einen neuen Arbeitsplatz sucht.

A.K. Ibeling: Wann und wie kamen Sie auf die Idee, Ihr erstes Sachbuch zu schreiben?

M.Wehrle: Als Vorgesetzter habe ich selbst Gehälter verhandelt und erlebt, wie schlecht sich einige Mitarbeiter dabei verkaufen – oft die besten und fleißigsten. Deshalb wollte ich mein Chefwissen zu Gehaltsverhandlungen an Mitarbeiter weitergeben, sozusagen der Bericht eines Spions von der Verhandlungsfront. Auf dieser Idee basierte mein erstes Buch „Geheime Tricks für mehr Gehalt – Ein Chef verrät, wie Sie Ihren Chef überzeugen“.

A.K. Ibeling: Wie viele Bücher haben Sie bereits herausgebracht – und haben Sie ein aktuelles Buchprojekt am Laufen?

M. Wehrle: Ich habe über 30 Bücher geschrieben: populäre Sachbücher, Fachbücher über Coaching und Bücher über mein liebstes Hobby, das Angeln. Im Moment arbeite ich gerade an einem Buch darüber, wie Menschen, die vor dem Sprechen denken, unter anderen Menschen bestehen können, die es umgekehrt halten – also vor dem Denken sprechen.

A.K. Ibeling: Als Coach und Unternehmensberater haben Sie schon eine Menge gesehen und erlebt. Können Sie sich an ein oder zwei wirklich absurde Erlebnisse erinnern?

M. Wehrle: Genau solche Erlebnisse habe ich in meinem Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ festgehalten. Zwei Beispiele: Der Niederlassung eines Konzerns geht im November das Papier aus, aber der Etat dafür ist auch schon verbraucht. Man fordert aus der Zentrale einen Zusatzetat an. Doch der wird nicht bewilligt. Also verwenden die Mitarbeiter für ihre normalen Ausdrucke das Briefpapier, denn davon ist noch genug da. Die Folge: Bald geht auch das Briefpapier aus. Also steht ein angesehenes Unternehmen Anfang Dezember da und kann keine Rechnungen mehr stellen und keine Briefe mehr schreiben – es fehlt ja das Papier. Schließlich kaufen leitende Angestellte auf eigene Rechnung nach.

Oder: Die Mitarbeiterin eines Telekommunikationskonzerns liest morgens in der Zeitung, dass ihr Konzern am Vortrag eine Bombendrohung hatte. Um 12.30 Uhr hätte ein Sprengsatz in der Zentrale explodieren sollen. Zum Glück habe sich die Drohung als Scherz herausgestellt. Das Problem: Niemand war auf die Idee gekommen, das Gebäude zu räumen. Lieber hätte man die Mitarbeiter in Rauch aufgehen lassen als ein paar Minuten Arbeitszeit.

A.K. Ibeling: Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler und Irrtümer aus den Führungs- und Manageretagen?

M. Wehrle: Die Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass sie das wahre Kapital des Unternehmens sind. Ihr Wissen macht eine Firma aus. Sie haben jeden Tag mit den Kunden zu tun, bieten Produkte und Dienstleistungen an, erhalten zuerst die Rückmeldungen des Marktes. Genau dieses Wissen fehlt oft, wenn Manager am grünen Tisch entscheiden. Mitarbeiter werden noch viel zu wenig einbezogen.

A.K. Ibeling: In welchen Bereichen ist die deutsche Wirtschaft der Wirtschaft anderer Länder voraus und wo können wir noch von anderen lernen?

M. Wehrle: Die deutsche Wirtschaft profitiert von ihrem weltweiten Ruf: Sie gilt als zuverlässig und solide. Nur ist dieser Stern am Sinken, da in Deutschland viel zu wenig Unternehmen gegründet und an den Weltmarkt geführt werden. Schauen Sie einmal die DAX-Liste an: Dort stehen kaum Unternehmen, die es nicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hätte. Ein Grund für diese Innovationshemmung ist ein übertriebenes Fehlervermeidungsdenken. Mitarbeiter fürchten Fehler so sehr, dass sie oft nichts wagen, gute Ideen für sich behalten. Ebenso geht es mit Gründungsideen.

A.K. Ibeling: Stichwort Familienfreundlichkeit – wie schätzen Sie da den Unternehmensgeist in Deutschland ein?

M. Wehrle: Völlig überholt. Wenn ein Mann Vater wird, stört sich zwar keiner daran, im Gegenteil: Er gilt dann als sichere Bank für die Firma, schließlich muss er das Geld für die Familie verdienen. Aber eine Frau in derselben Situation wird noch immer wie ein Atomreaktor mit Restlaufzeit behandelt: Man hängt sie langsam ab vom Karrierenetz. Man tut so, als wäre eine Entscheidung für ein Kind zugleich eine Entscheidung gegen die Karriere. Dabei lässt sich beides wunderbar kombinieren.

A.K. Ibeling: Warum haben Frauen denn immer noch größere Hürden vor sich und wie kann man diesem Problem begegnen?

M. Wehrle:
Viele Frauen müssen eine große Doppelbelastung schultern: Der Haushalt und die Versorgung der Kinder bleiben fast ausschließlich an ihnen hängen. Pro Woche summiert sich das auf rund 20 Stunden. Hier gibt es ein einfaches Gegenrezept: Die Väter müssen sich zu Hause mehr engagieren. Wenn die Haushaltsarbeit geteilt wird, haben beide gleiche Karrierechancen. Außerdem sollten sich gutverdienende Frauen auch öfter mal einen Rück geben und eine Haushaltshilfe einstellen. Denn auf beiden Feldern top zu sein, im Beruf und im Haushalt, ist für eine einzelne Frau nicht zu schaffen.

A.K. Ibeling: Inwiefern lassen sich da noch Prozesse verbessern?

M. Wehrle: Zum Beispiel müssen die Firmen erkennen, dass es nicht auf Anwesenheit ankommt, sondern auf Leistung. Warum gibt es immer noch kaum Führungskräfte, die nur zwei oder drei Tage die Woche arbeiten? Halten wie Chefs und Chefinnen immer noch für Aufseher, die ihren Mitarbeitern auf die Finger schauen müssen? Oder erkennt man eine funktionierende Abteilung nicht gerade daran, dass sie auch ohne die Führungskraft funktioniert? Ich kenne Frauen auch außerhalb der Führungsebene, die in vier Stunden pro Tag mehr leisten als manche Vollzeitkraft. Warum bekommen sie nur ein halbes Gehalt?

A.K. Ibeling: Was machen Frauen auf ihrem Karriereweg anders als Männer und kann man heute noch von „typisch weiblichen“ Strategien reden?

M. Wehrle: Zum einen wählen Frauen ihre Berufe eher mit dem Herzen als mit dem Blick auf die Gehaltsstatistik. Frauen kümmern sich lieber um Menschen als um Maschinen, daher streben sie seltener in technische Berufe. Und nicht alle Frauen wollen um jeden Preis aufsteigen, es geht eher um Inhalte als um Macht. Das ist der Grund, warum Frauen sehr erfolgreiche Manager sein können: Sie verstricken sich seltener in Machtspielchen und entscheiden auf der Inhaltsebene.

A.K. Ibeling: Gibt es aus Ihrer Sicht einen „Old Boys Club“ oder die sogenannte „gläserne Decke“ – oder ist dies eine Erfindung?

M. Wehrle: Natürlich gibt es diese gläserne Decke. Und natürlich neigen Top-Manager dazu, die Jobs an ihre Vertrauen, fast nur andere mächtige Männer, zu verschieben. Frauen gelten in der allerobersten Etage immer noch als Exoten oder als Zierpflanzen, die man rein für die Außenwirkung dort platziert. Kaum ein männlicher Manager nimmt Rücksicht auf Studien wie die von Mc. Kinsey, nach der Unternehmen mit überdurchschnittlich vielen Frauen im Management eine um 50 Prozent höhere Eigenkapitalrendite erwirtschaften.

A.K. Ibeling: Welchen Hürden müssen sich Frauen stellen, die männliche Mitarbeiter und Bewerber nicht überspringen müssen?

M Wehrle: Bei Frauen steht immer der Generalverdacht im Raum: Entweder entscheidet sie sich für den Beruf – oder für die Familie. Wenn ein Mann ein Kind bekommt, denken alle: Jetzt ist er Versorger, jetzt hängt er sich noch mehr rein. Bei der Frau wird aber oft angenommen: Jetzt hat sie sich gegen den Beruf entschieden. Schwangere Frauen fühlen sich am Arbeitsplatz oft wie Atomreaktoren mit Restlaufzeit: Sie werden vom Karrierenetz abgehängt. Das ist sehr dumm, denn so gehen ihre Potenziale verloren.

A.K. Ibeling: Wo liegen häufige eigene Schwächen, die manche Frau daran hindern, in einem Vorstellungsgespräch zu punkten oder beruflich weiterzukommen?

M. Wehrle: Eine Studie der FU Berlin fand heraus: Männer reden im Vorstellungsgespräch eine Minute länger als Frauen, wenn sie nach ihren Stärken gefragt werden. Und die Kompetenz wurde an der Redezeit festgemacht. Frauen tun sich schwer damit, ihre Stärken ins Schaufenster zu stellen und beherzt nach Führungspositionen zu greifen. Viele betrachten „Macht“ immer noch als ein Risiko, statt zu erkennen, welche gestalterischen Chancen mit einer Führungsposition verbunden sind.

A.K. Ibeling: Welche Tipps und Ratschläge würden Sie jungen Menschen für ihren Berufseinstieg auf den Weg geben?

M. Wehrle: Denkt nicht an euren Lebenslauf und an die Erwartungen der anderen, denn ihr habt nur dieses eine Leben: Hört auf euer Herz! Fragt euch, welcher Beruf euch glücklich machen kann, wo ihr euch entwickeln könnt, wie ihr vielleicht sogar ein Hobby oder einen Teil davon zum Beruf machen könnt. Wer zum Beispiel fürs Leben gerne liest, kann in der Verlagsbranche Erfolg haben. Wer gerne Homepages programmiert, sollte sich fragen, ob die Informatik interessante Chancen bietet. Also nicht nach dem Arbeitsmarkt gehen – sondern nach den eigenen Bedürfnissen. Und: Gestattet euch Fehler und Fehlentscheidungen – oft lernt man bei Umwegen am meisten nicht nur über die Landschaft, sondern auch über sich selbst.

A.K. Ibeling: Was würden Sie speziell karrierewilligen Frauen für Ihren Berufsweg raten?

M. Wehrle: Schauen Sie, welche Spielregeln in Ihrer Firma gelten. Wer kommt weiter? Auf welche Weise? Und was davon können Sie auf sich übertragen? Nur wer die Spielregeln durchschaut, kann erfolgreich sein. Ganz wichtig: Es kommt nicht nur auf Leistung an, sondern darauf, die Leistung sichtbar zu machen. Reden Sie über Ihre Erfolg, knüpfen Sie Kontakte, suchen Sie nach neuen Stellen auch abseits des Dienstweges. Im Vorteil sind Frauen, die schon ein Stück weit Karriere gemacht haben, wenn ein erstes Kind kommt – sie können sich Kinderbetreuung leisten und an ihre Führungslaufbahn anknüpfen.

A.K. Ibeling: Martin Wehrle privat – wie würden Freunde und Familie Sie charakterisieren?

M. Wehrle: Als einen Menschen, der alles, was er anpackt, mit großer Hingabe tut; als einen, der es liebt, andere beim persönlichen Wachstum zu begleiten; als einen, der mindestens zehn Bücher auf seinem Nachttisch liegen hat (und an dreien gleichzeitig liest); und auch als einen, der die Natur liebt, sich im Stillen freuen kann und nicht zwangsläufig Lärm, Rummel oder Ruhm bräuchte.

A.K. Ibeling: Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben, arbeiten oder Vorträge halten?

M. Wehrle: Ich fahre gerne zum Angeln. Ich liebe es, an einem stillen See zu sitzen, wenn der Morgennebel dampft und die Sonne ihn ganz allmählich mit ihren zarten Strahlenfingern zerstreut. In der Ferne rufen ein paar Kraniche, ein blauer Eisvogel blitzt über dem Wasser auf, und ein paar Ringe an der Wasseroberfläche verraten, dass es hier tatsächlich Fische gibt. Solche Momente machen mich glücklich.

A.K. Ibeling: Wenn Sie die Welt verändern könnten – was würden Sie zuerst tun?

M. Wehrle: Ich würde eine Hass-Entsorgungs-Anlage errichten, durch die alle Menschen geschleust würden. Immer wieder bin ich entsetzt, was Menschen anderen Menschen antun – ich denke dabei vor allem an die Terroristen des Alltags: die Mobber, die sadistischen Vorgesetzten, die Stalker, die Lästerer, die Hass-Poster im Internet. Letztlich müssen Menschen lernen, sich selber zu lieben. Nur wer sich selbst akzeptiert und liebt, kann auch andere akzeptieren und lieben. Davon handelt mein aktuelles Buch „Sei einzig, nicht artig – So sagen Sie nie mehr Ja, wenn Sie Nein sagen wollen“.

A.K. Ibeling: Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch mitteilen?

M. Wehrle: Das Motto, das ich meinem Buch „Sei einzig, nicht artig!“ vorangestellt habe: „Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden.“ Ein Zitat von George Bernard Shaw.

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